Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 714 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 40 gemeinde des Landes, Obmann der ständigen Commission des israelitischen Gemeindetages und Präsident-Stellvertreter des „Mgemeinen Israelitischen Bundes" ist. Mit keiner Silbe hat Dr. Byk vor dem Antlitze des Monarchen des himmelschreienden Elends seiner Glaubensgenossen, der Entwürdigung, Entrechtung und grausamen Aushungerung von 700.000 galizischen Juden gedacht. Die jüdische Wählerschaft Galiziens hat demnach bei den bevorstehenden Reichsrathswahlen mit zwei unumstößlichen Thatsachen zu rechnen: Mit dem mörderischen Hasse jener Schlachta, für die sie bisher wie eine Schafherde zur Urne getrieben worden ist und die ihren Dank für diese blinde Gefolgschaft, durch schmähliche Denunciationen an höchster Stelle abstattet, und mit der feigen Schleppträgerei Derer, die sich die Führung der galizischen Judenschaft arrogiren, um nach wie vor als Einpeitscher des Polenclubs bei den Wahlen zu fungiren und ihre Glaubensgenossen widerstandslos der grausamen Erwürgungspolitik der Machthaber preiszugeben. Angesichts dieser entsetzlichen Lage unserer galizischen Glaubensbrüder erhebt sich in und außerhalb Galiziens der bange Ruf aus tausend und abertausend Kehlen: „Wann wird der Retter kommen diesem Volke?" Soll sich das grauenvolle Schauspiel wiederholen, das wir nach den Reichsrathswahlen im Jahre 1897 erlebt haben, wo die feudal-clericale Clique entmenschte Bauernhorden auf die Juden losgelaffen hat und die jüdischen Führer sich so tief erniedrigten, daß sie zu milden Gaben für die Familien der — Plünderer aufforderten? Soll auch weiterhin der galizische Jude gezwungen werden, selbst das Meffer zu schärfen, mit dem ihm der verlotterte Edelmann den Hals abschneidet? Mächtig regen sich im Lande die volksfreundlichen Parteien und die Schlachta zittert für den Bestand ihrer Herrschaft. Neben den Socialdemokraten haben auch die bürgerlichen Demokraten endlich den Muth gefunden, ihr den Krieg zu erklären. Und ach — welch ein Schauspiel! Dieselben jüdischen Abgeordneten, die sich bisher das billige Vergnügen gönnten, innerhalb des Polenclubs mit demokrattschen Grundsätzen zu kokettiren, waren die ersten, die ihren Abfall von der demokratischen Partei vollzogen, aus Angst, daß die Machthaber ihre Fleischtöpfe nicht mehr mit einigen abgenagteu Knochen füllen werden. Ein ehrlicher, kühner Entschluß — die offene Parteinahme für jene muthigen Männer, welche die Schamröthe über die schmachvolle Herrschaft der Schlachta zu selbstständiger Organisatian trieb, und der Polenclub wäre zertrümmert, die Bedränger unserer galizischen Glaubensgenossen wären auseinandergefegt worden. Die Herren Byk und Consorten haben das Gegentheil gethan, sie haben demüthig die Hand geküßt, welche die Peitsche über der galizischen Judenschaft schwingt! Wir hoffen zum allbarmherzigen Gott, daß der Frevel dieser Männer nicht ungesühnt bleiben, daß der Zorn unserer galizischen Glaubensbrüder sich wie eine Windsbraut erheben und sie Hinwegblasen wird! Wir brauchen ehrliche Volksvertreter, vor Allem ehrliche Juden, denen die Noth ihres Volkes ans Herz greift und die nicht zu fremden Göttern beten! Nicht länger dürfen die Protectoren jener Leute, die den Kinderraub beschönigen und über jede freche Willkür den Mantel der christlichen Liebe breiten, unsere Vertreter im Parlamente sein. Der galizische Jude hat nichts mehr zu verlieren, denn selbst sein Leben ist kein Leben mehr! Es gibt nur noch Eine Hilfe: Die Wahl solcher Abgeordneter, die überall und vor Jedermann, wenn es sein muß auch im Angesichte der Krone, rücksichtslos die Wahrheit bekennen und nicht länger den verschämten und unverschämten Antisemiten des Polenclubs feile Handlangerdienste leisten. In Krakau, in Neu-Sandec, in Drohobycz, in Stanislau, in Brody, in Kolomea sind unsere Glaubensgenossen Herren ihres Geschickes! Nur ein wenig Muth, ein wenig Entschlossenheit, und es wird gelingen, die Macht unserer Bedränger zu brechen! Die Lehre des Trautenauer Parkeitages. Es kann der Judenschaft. Oesterreichs der Vorwurf nicht erspart werden, daß sie gewiffen Vorgängen und Erscheinungen gegenüber, die seit Jahren in unserem Baterlande in mannigfachster Richtung sich bemerkbar machten, es an der nöthigen Aufmerksamkeit fehlen ließ und nicht vollends für sich jene Lehre zog, welche in ihrem eigensten Interesse geboten war. Und doch ist nicht zu verkennen, daß eine aufmerksame Beobachtung des Verhaltens der politischen Parteien, ihrer Führer und Vertreter, der Vorgänge, Kundmachungen und Versammlungen die wesentliche Grundlage für das Verhalten der Juden in Oesterreich sein muß. Wenn anschließend daran der unerläßliche Vergleich gezogen wird, zwischen den rhetorischen Aeußerungen und den tatsächlichen Handlungen, wenn in leidenschaftsloser, aber streng kritischer Form untersucht wird, in welcher Weise theoretische Versicherungen in praktische Thätigkeit umgesetzt werden, und wenn, wie dies leider nur häufig genug der Fall ist, es sich zeigt, daß ein crasser Widerspruch zwischen Wort und That besteht, dann kann es ein Bedenken über die Art und Weise des Vorgehens auch für die Juden in Oesterreich nicht mehr geben. Ein solch wichtiges Ereigniß und einen markanten Prüfstein für die Gesinnungen und Anschauungen hervorragender politischer Führer erblicken wir in dem am letzten Sonntag abgehaltenen Trautenauer Parteitage. So groß auch die Zahl der Juden sein mag, welche vielleicht mehr aus althergebrachter Gewohnheit, denn aus innerer Ueberzeugung im Lager der Deutschen stehen und ihre hingebungsvollste Unterstützung ihnen verleihen zu müssen glauben, an dieser Stelle gehen uns wohl die dort geltend gemachten Bestrebungen nur insofern an, als, wie nicht anders zu erwarten stand, auch die Frage des Antisemitismus berührt wurde; war ja diese Frage gewiß auch die wichtigste Ursache für die Fehde mit den Deutsch-Radicalen und hat Dr. F o u r n i e r in seiner Rede hervorgehoben, wie es seiner Partei die schwersten Vorwürfe eingebracht habe, daß sie sich nicht als Antisemiten bekenne; daß diese Borwürfe unberechtigt seien, muß selbst die Judenschaft Oesterreichs zu ihrem Leidwesen versichern; denn mehr als das bloße Bekenntniß ist in dieser Frage die praktische Bethätigung und die vornehme Gleichgiltigkeit von Bedeutung, und nach dieser Richtung hin fehlt es gewiß nicht an Antisemiten auch nichtradicaler Couleur. Wenn sich ein Führer der Deutschen beim Trautenauer Parteitage veranlaßt sieht, urbi et orbi die oft gehörte, aber selten empfundene Versicherung abzugeben: „Unsere politischen Grundsätze halten an den freiheitlichen Erungenschaften fest, die der deutsche Fortschritt in Oesterreich erkämpfte, insbesondere an der Gleichheit der Staatsbürger vor dem Gesetze ohne Unterschied der Confeffion und Nationalität", dann können wir uns der Empfindung nicht verschließen, daß für diese übrigens jetzt in der Wahleampagne abgegebene Erklärung ein doppelter Grund — ein ausgesprochener und ein nicht ausgesprochener — maßgebend gewesen sein dürfte. Nicht ausgesprochen wurde es, daß gewisse Mandate der Deutschen nur bei werkthätiger Unterstützung der Juden erhalten werden können, und da, wie gleichfalls Dr. Fournier mittheilte, von dieser Seite der Vorwurf erhoben wurde, daß die Deutsch-Fortschrittlichen sich ihrer nicht genug annehmen, erschien es nöthig, auch nach dieser Richtung besänftigend zu wirken; um aber nicht wieder bei radicaler Seite anzustoßen, erklärte er: „Wir thun nicht mehr und nicht weniger, als daß wir das Staatsgrundgesetz achten". Ja, fürwahr, mehr thut die Partei nicht, und es ist charakteristisch, daß es Leute gibt, denen auch das zu viel ist weniger als das Staatsgrundgesetz achten, sich aber sonst um seine Durchführung und Beachtung gar nicht zu kümmern, ist wohl auch schwer möglich. Der zweite ausgesprochene Grund, sich gegen den Antisemitismus, nicht im Jntereffe der Juden, sondern im Interesse des Staates, auszusprechen, lag in den wirthschaftlichen Berhältniffen, und um vielleicht auch damit nicht Anstoß zu erregen, wurden diese Ausführungen mit einem Ausspruche Bismarck's eingeleitet, dessen Autorität die Deutschradiealen sonst über Alles stellen, in diesem Falle aber nicht gelten laffen wollen. Es. wird sich verlohnen, diese Aeußerungen stets im Auge zu behalten, sowohl, wenn Bismarck als der Schöpfer und Förderer des Antisemitismus bezeichnet wird, wie auch, wenn seine Anbeter mit seinen bei anderer Gelegenheit allerdings wieder entgegengesetzten Gründen die Juden bekämpfen. Den Deutsch-Fortschrittlichen und ihren Führern sollten immer die Worte entgegengehalten werden, welche am Trautenauer Parteitage ihr Führer sprach. Bismarck hat gesagt: „Ich mißbillige ganz entschieden den Kamps gegen die'Juden, sei ks, daß er sich auf confeffioneller oder gar auf der Grundlage der Abstammung bewege". Bismarck erkannte, daß der Antisemitismus, sobald er ein politisches Princip wird, nur zersetzend und zerfasernd im eigenen Lager wirkt. Deshalb legt es uns in unseren schwierigen Ver-