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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-28 · 39 (28.9.1900) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 710 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 39 was aber vollkommen unglaublich erscheint), seine Forderungen namentlich in Bezug auf die ursprünglich geforderte Kriegscontribution wesentlich zu ermäßigen, und am 26. December 1805 wurde in Preßburg der Fciedensvertrag unterzeichnet. Man war übereingekommen, daß die französischen Truppen binnen fünf Tagen die Residenz verlassen, binnen zwanzig den Inn überschritten haben sollten. Mit der Nachricht des Friedensschlusses langte in Brünn auch Napoleon's Befehl an, die Truppen sollten in kleinen Tagesmärschen die österreichischen Staaten verlassen. Nun erbat sich Michael Klein den so sehnlich erwünschten mehrtägigen Urlaub und fuhr, von Herrn und Madame Goudchoud begleitet, nach Boskowitz, wo der dortige Rabbiner, Rabbi Mofcheh Ungar, die Trauung in der größten SLllle vornahm. Bevor das Neuvermählte Paar Mähren verließ, kehrten sie nochmals nach W. zurück, um vor ihrem Scheiden noch die Gräber ihrer Lieben zu besuchen. Napoleon hatte von der von Oesterreich erhobenen Kriegscontribution von 40 Millionen, zwei, unter den Officieren jedes Grades von dem Marschall bis zum Lieutenant herunter, vertheilen lassen, und war auch auf den General Klein eine namhafte Summe entfallen. Dieser hatte beschlossen, das Ehrengeschenk wohlthätigen Zwecken zu widmen. Er ließ den Vorsteher der Judengemeinde und den neuen Bürgermeister, den ehemaligen Rath Weckelsbach, rufen und übergab ihnen einen großen Betrag zur sofortigen Vertheilung an die Armen ihrer durch die schweren Kciegszeiten hartbedrängten Gemeinden. Ueberdies überreichte er dem jüdischen Gemeindevorsteher eine von der Generalin, Sara Klein, geborene Brack, gefertigte Schenkungsurkunde über das ihr eigentümlich gehörende, von ihren Eltern ererbte Häuschen in der dortigen Judenstadt an die Judengemeinde mit der Bestimmung, daß dieses einem würdigen und dürftigen Talmudgelehrten als Wohnung angewiesen werde. Der General fügte dieser Schenkung ein Capital von zwölfhundert Gulden hinzu, dessen Interessen, insoferne sie nicht etwa für nothwendige Reparaturen des Häuschens verwendet werden mußten, dem Stiftsrabbiner an dem Todesjahrestage seiner Mutter ausbezahlt werden sollten. Dem Bürgermeister übergab er eine Summe von dreihundert Gulden, als Capital einer Stiftung zur ewigen Erinnerung an seinen unvergeßlichen Lehrer und Gönner, Pfacrer Wlllrbald, mit der Verfügung, daß die Interessen desselben einem armen, in W. geborenen Knaben, ohne Unterschied der Confession, der mit Erfolg das Gymnasium besuche, am Todesjahrestage des Pfarrers, als eine Aufmunterung ausbezahlt werden sollten. Michael hätte gerne auch das Grab seines Vaters in Ungarn besucht; aber die kleine Gemeinde an der türkischen Grenze, auf deren Friedhof die irdischen Reste seines Vaters ruhten, lag zu weit entfernt, und da er mit der französischen Armee die österreichische Monarchie verlassen mußte, war er zu seinem tiefen Bedauern gezwungen, seiner Absicht zu entsagen. Als der General und die Generalin W. verließen, hatte sich die ganze Einwohnerschaft des Städtchens, der Bürgermeister und der Judenvorsteher an der Spitze, versammelt. Jedermann, namentlich jene, welche Michael Klein als Kind oder Knabe, als Aron Brack's Pflegesohn gekannt hatten, wollten den Mann, welcher eine so wundersame Lebensbahn durchlaufen, sehen, und eine große Menschenmenge folgte dem eleganten Reisewagen bis weit vor die Stadt hinaus. Es waren völlig unschilderbare Gefühle, welche die jungen Ehegatten erfaßten, als sie die Stadt verließen, in welcher Michael seine Knaben- und Jünglingszeit verlebt hatte. Jedes Haus, jeder Hügel, jeder Baum, jeder Strauch rief die intensivsten und erschütterndsten Erinnerungen in ihnen hervor, und ihr verflossenes Leben zog, einem Wandelpanorama gleich, an ihrem geistigen Auge vorüber. Diesen Weg war Michael das erstemal mit seinem todtkranken Mütterlein gezogen, und noch jetzt nach einem vollen Bierteljahrhundert glaubte er all das Entsetzen, die Todesangst, die Hoffnungslosigkeit zu fühlen, die damals sein armes Kinderherz mit endloser Wucht bedrückte.Aus diesem Weg war er kurz darauf hinter der Bahre seiner vielgeliebten, unvergeßlichen Mutter geschritten; — — — auf diesem Wege war er mit Sara, seiner Verlobten, geschritten und sie waren Lorenz Horneck-Golzinger begegnet — auf diesem Wege war er kurz darauf, ein verfehmter, vogelfreier, verzweifelnder Mann, aus dem Kerker entflohen; und vor etwa einem Monate hatte er auf diesem Wege das verloren geglaubte Glück seines Lebens, seine todtgeglaubte Verlobte wiedergefunden, auf diesem Wege war — welch Gegensatz gegen sein erstes Anlangen und seine Flucht! — als sieghafter General eingezogen, und nun fuhr er, sein treues, edles, geliebtes Weib an der Seite, ein glücklicher zufriedener Mann, seiner Heimat, seinem Vaterlande zu. Unwillkürlich hatte Michael — als fürchte er einen lebenslangen Traum geträumt zu haben, aus dem er erwachen könnte, als fürchte er sein junges, herrliches Weib könne ihm, wie ein Traumbild verschwinden, wie eine fata morgana in Nichts zerfließen, sie umschlungen und an sich gepreßt und war in tiefes Schweigen versunken. Sara erkannte in ihren eigenen Gefühlen, was in der Brust ihres Gatten vorging. Diese waren eigenthümlich zusammengesetzt. Das Empfinden des höchsten Glücks rang mit der tiefen Wehmuth, für immer von der Stätte ihrer Jugend, ihrem Geburtsorte, wo die irdischen Hüllen ihrer Eltern ruhten, von der Stätte, an die sich die theuersten, die heiligsten Erinnerungen knüpften, zu scheiden. Der Wagen war jetzt an jene Stelle der Straße gelangt, wo sich der Weg zu dem Bes ha chajim abzweigt. Als sich dieses, auf einer Berglehne liegend, ihren Blicken darbot, befahl Michael dem Kutscher zu halten. Die beiden Gatten stiegen aus und schritten wortlos dem Friedhofe zu. Der General hatte dort seine Mutter, die Generalin ihre Eltern, die ja auch Michaels Pflegeeltern und Wohlthäter gewesen, dort ruhen, und Beide beteten mit tiefer Inbrunst an den Gräbern ihrer geliebten Tobten. „Sara, mein süßes theures Herz", sprach endlich der General, „es muß ja doch, wenn es uns auch noch so schwer fällt, von dieser weihevollen Slätte geschieden werden! . . . . Aber es muß ja nicht für immer sein. Frankreich, mein Vaterland, Deine neue Heimath, liegt ja nicht aus der Welt, wenn uns die Sehnsucht wieder hieher zieht, so kehren wir später in ruhigeren Zeiten, die, so's Gott beliebt, doch wieder eintreten werden, zurück, um die Gräber unserer Lieben zu besuchen." „O, mein herrlicher, edler Gatte!* rief Sara mit überströmendem Gefühle, „wie dank' ich dir für dieses schöne Versprechen, das mir Beruhigung in die Seele gießt. Du hast in meinem Herzen gelesen, hast meinen innigsten Wunsch errathen! . . . . Ich bin das glücklichste Weib auf Erden, und daß ich's bin, dank ich dem allmächtigen Gotte, der sich gnadenreich der verlassenen Waise erbarmte; — den letzten Segensworten meiner Eltern . . . , Deiner endlosen Treue, Mann meines Herzens, Mann meiner Seele!" Sie schritten nun, vor Bewegung wieder wortlos, dem Wagen zu, der sie nun rasch nach Brünn führte, von wo sie am nächsten Tage die Reise nach Frankreich antraten. (Schluß folgt.) Iaum-Llppur Von Rabbiner Dr. Jacob Nacht, Jassy. Wenn wir ein Buch, das wir leihweise erhalten, lesen und, wie es zuweilen vorkommt, hie und da unterstrichenen Stellen begegnen, überkommt uns ein eigenthümliches Gefühl. Wir machen unwillkürlich Halt, sehen uns die unterstrichenen Stellen genauer an, prüfen sie auf ihren Inhalt hin und ziehen daraus Schlüsse auf die seelische Verfassung des unbekannten Lesers. Je fetter die unterstrichene Stelle, desto auffordernder, zur Betrachtung anregender wirkt sie auf uns ein. Wie mit der Lectüre des wirklichen Buches, so verhält es sich auch mit der des gewaltigen, Alles umfassenden Buches : Leben. Wollen wir Einsicht gewinnen in das Völkergetriebe, wollen wir ihr psychisches Leben kennen lernen, so müssen wir auf die verschiedenen Sitten und Gebräuche, denen ein jedes Volk huldigt, achten. Je fester das Band, das eine Nation an diesen oder jenen Brauch knüpft, desto berechtigter sind wir, dies als die Grundlage ihrer ethischen Weltanschauung und ihres nationalen Charakters aufzufassen. Unterstrichene Stellen im Buche des jüdischen Lebens sind die Festtage, jene Tage, wo der ganze Zauber jüdischer Familienliebe sich in sei ier majestätischen Pracht und erhabensten Herrlichkeit aller Welt offenbart. Doppelt unterstrichen unter den jüdischen Festen ist der Versöhnungstag. Er führt die Doppelbezeichnung „Sabat Sabaton". Es ist der „ehrfurchtgebietende Tag", das Fest, an dem ganz Israel mit unerschütterlicher Treue festhält. Und was ist diese doppelt unterstrichene Stelle in unserem Buche anders, als

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