Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Date
- 1900-09-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 39 U^r. Hoch's Wochenschrift Seite 711 ein deutlicher und unwiderleglicher Beweis dafür, daß „Versöhnung" eines der wichtigsten jüdisch-nationalen Merkmale bildet? Nichts ist daher dem jüdischen Volkscharakter so zuwider, wie Zwiespalt, nichts seiner ethischen Weltanschauung so entgegengesetzt wie Parteizwist und Kastengeist. Versöhnung ist der Grundpfeiler, von dem die ideale Welt des jüdischen Volkes getragen wird. Gleich nach der Ankündigung des neuen Jahres durch die Schofartöne, das Symbol der jüdischen Freiheit, tritt uns Jaum Kippur mit seinem heiligen Ernste entgegen. Es wird uns gleichsam damit angedeutet, daß in das neue Jahr, wo All-Israel die Freiheits-Klänge vernommen, der Geist der Versöhnung und der Gleichheit einziehen muß. Denn, wo diese fehlt, da kann die Freiheit nicht gedeihen. Diese Versöhnungsstimmung darf aber nicht auf die Synagoge und diesen Tag allein sich beschränken. Die Jaum Kippur-Lehre muß das ganze sociale Leben unseres Volkes beherrschen. Auch außerhalb der Synagoge, in der Familie und im Verkehre mit unseren Mitmenschen soll sich die Gnadenfülle dieses heiligen Tages offenbaren; nicht blos in den Momenten der Noth und des Ernstes, sondern auch in denen der Freude soll der Versöhnungs- und Gleichheitsgeist die Triebfeder unseres Schaffens sein. Und wahrlich, ein Blick in die Geschichte unseres Volkes lehrt uns, daß All-Israel die erhabene Lehre dieses Festes in ihrer vollen Tiefe zu erfassen wußte. „Es gab keinen schöneren Festtag in Israel", erzählt der Talmud, als den 15. Ab und Jaum Kippur". Da pflegten die Töchter Israels hinaus aus Wiese und Flur zu gehen, um sich an der freien Natur zu ergötzen. Arm und Reich genossen, ohne Unterschied des Standes, die Festfreude in gleichem Maße. Liebe und Gleichheit waren die Seele des Festes. Jene Gleichheit. die jene wunderbare Einrichtung geschaffen, daß Arm und Reich in derselben Kleidung auf dem Feste erscheinen sollten. Die Reichen mußten zu Gunsten der Armen verzichten. In schlichter, weißer Gewandung, die sie von Andern geliehen, erschienen die Reichen auf dem Festplatze, damit die ärmere, besitzlose Classe sich nicht zurückgesetzt fühlen sollte. Der irdische Glanz und Prunk mußte abgelegt werden, um dem idealen, geistigen Schmuck Platz zu machen. Gleichheit war der geistige Edelstein, der die Töchter Zions schmückte; Liebe, Einigkeit und Freiheit die Gewandung, in die sie sich gehüllt. Der Versöhnungsgeist, der heilige Hauch des Jaum Kippur wehte durch die geweihten Festräume unserer frounnen Mütter. O möchten wir doch das edle Beispiel unserer großen Vorfahren nachahmen. Legten wir doch endlich einmal ab das falsche Gewand Assimilation, in das uns unsere falschen Freunde und schlechten Berather gesteckt, jene Zwangsjacke, die in Israel Uneinigkeit, Zwietracht und Feindseligkeit hervorgerufen. Möchte doch der Friedenshauch der Versöhnung m unser Gemüth einziehen, auf daß wir wiederum jene jüdisch-nationale Tracht: Gleichheit, anlegen. Der Hohepriester, erzählt der Talmud, mußte an diesem heiligen Tage bei seinem Eintritte in das Allerheiligste, um Versöhnung für Israel zu bewirken, die goldenen Kleider ablegen und weiße Gewandung anziehen. Ja, so wir das Werk der Versöhnung verrichten, so wir diese hohepriesterliche Function ausüben,so wir in das Allerheiligste eintreten wollen, um fürder Menschheit Heil thätig zu sein, so müssen wir die „goldenen Gewänder" ablegen. Wir müssen die Schranken und die Dämme niederreißen, die tiefe gähnende Kluft überbrücken, die Arm und Reich von einander trennen. Liebe und Gleichheit, gleichsam die weiße Gewandung des Hohepriesters, sollen auch unsere Kleidung bilden. Nur in dieser jüdisch-nationalen Uniform können wir, wie einst unsere Ahnen, die Töchter Jerusalems, auf dem Feste der Freiheit erscheinen. Mögen wir diese Jaum Kippur-Lehre beherzigen, auf daß der wahre Versöhnungstag für Israel und die Gesammtmenschheit anbreche, wo in das gewaltige Schofar gestoßen und der Welt die Heilsbotschaft verkündet wird: „Die Sclaven werden in Freiheit gesetzt und die Landbesitzungen kehren an ihre ursprünglichen Herren zurück". Briefkasten. Anonym A. N. Die Verwaltung des Spitales der israelitischen Cultusgemeinde dankt bestens für die gütige Uebersendung von K. L0.— zu Gunsten der armen Reconvalescenten. A. Sie fragen, ob Herr V e r g a n i Aussicht hat, ins Parlament zu kommen? Wer weiß? Vielleicht candidirt er im Wahlbezirk Mittermayer und wird so dessen Nachfolger. Historicus. Die Berufung der Antisemiten im Deutschen Reiche auf Bismarck, der auch einmal der Meinung gewesen sein soll, daß ein Jude nicht Richter sein dürfe, ist ebenso albern als frech. Bismarck hat einen ähnlichen in seiner Jugend gethanen Ausspruch später wiederholt in der schärfsten Weise desavouirt. K. W. Das ist ein Jrrthum. Spinoza lehrt nicht das memento mori. Im Gegentheil, er sagt, daß die, Weisheit des Menschen nicht im Grübeln über den Tod, sondern im Nachdenken über das Leben bestehe. I. B—nn. Die Lehrer, die zum großen Theile mit daran Schuld sind, daß die Christlich-Socialen m Wien zur Herrschaft gelangt sind, erfahren nun auch am eigenen Leibe die Segnungen des bildnngsfeindlichen Systems. Historicus. Daß der geniale Marx — gleich Lassalle — ein Jude war, ist wohl allgemein bekannt. Ob er, Marx, ein Abkömmling der Familie Marx ist, aus der zahlreiche Rabbinen hervorgingen, wissen wir nicht. Nemo. Der arme Mittermayer. der allgemein als ein so würdiger Vertreter der Christlich-Socialen galt, ist für die nächsten fünf Jahre zumindest dem Parlament verloren. M. M. Es ist tausendmal, und darunter auch von christlichen Theologen, nachgewiesen worden, daß ein wahrer Katholik dem Alten Testament nur Gefühle der tiefsten Ehrfurcht entgegenbringen kan». Ein wahrer Antisemit kann daher kein Christ sein. Anton N. Warum sollte Dr. Lueger gerade diese Gelegenheit, Wien zu blamiren, unbenutzt vorübergehen lassen. Uebrigens werden unseren Herrn Bürgermeister die Lectionen, die ihm die französischen Blätter über Anstand und Schicklichkeit geben, schon darum ganz kühl lassen, weil er dieselben wohl nicht versteht. Es wäre denn, daß man sie ihm übersetzt. Rudolf B. Ihre Erinnerung täuscht Sie nicht. Graf A p p onyi ü nrde früher in den Wiener Aerical-antisemitischen Blättern über den grünen Klee gelobt. Da der ungarische Staatsmann in seiner jüngsten Rede aber ganz ungenirt den confessionellen Hetzern einen Fusttritt versetzte, wird er in den erwähnten Blättern jetzt ebenso geschmäht, als er früher gelobt wurde. »Ein Ungläubiger". Das ist kein schlechter Witz. Schönerer hat thatsächlich Herrn Vergani, der ihn einst anpumpen wollte, den Rath gegeben, er möge sich einen Strick kaufen. Dieser Rath kennzeichnet und ehrt beide Herren gleichmäßig. N. G. S l a t i n Pascha ist jüdischer Abstammung. N. I—g. Es ist traurig genug für unsere öffentlichen Verhältnisse, daß in einer Gerichtsverhandlung der Vertheidiger eines Abgeordneten dessen vernachlässigte Erziehung als Milderungsgrund anführen mußte. Allerdings handelte es sich um einen — antisemitischen Volksvertreter. Nemo. Wenn der Monsignore Scheich er versichert, daß „ein besoffener Kirchtag noch eine anständige Versammlung gegenüber dem gewesenen Parlament genannt werden könne", dann haben wir nur Eines hinzuzufügen: Monsignore Scheicher gehört in erster Reihe zu jenen cynischen Schimpfern und Hetzern, die das Parlament auf ein so niedriges Niveau herabdrückten. Wir ersuchen unsere geschätzten <Abonnenten um rechtzeitige Zinsendung der laufenden *4bonnementsgebühr, damit die Zusendung des JSlattes keine Unterbrechung erleide. %ur Cinsendung der Beiträge weite man die beigelegten Post-Checks benützen. T>ie ^Administration der „Oesterr. Wochenschrift