Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Date
- 1900-09-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Ar. 39 Dr. Blocht Wochenschrift. Seite 703 verbreitete sich das Gerücht, daß der Herr Bürgermeister vom Kaiser einen Brief erhalten habe, er möge so und so viel Hundert armer Leute mit Hilfe der Aerzte zu vernichten suchen. Wenn ich nun in irgend eine Gemeinde kam, sei es auch aus einer anderen Ursache, etwa um die gerade im Bezirke herrschende Röthel- Epidetnie zu erheben, so ließ sich der Gemeindevorsteher entweder verleugnen oder er weigerte sich, mit mir durch das Dorf zu gehen, indem er sich vor einen Angriff durch das Volk fürchtete. Niemals werde ich das peinliche Gefühl vergessen, das sich meiner bemächtigte, als ich sah, wie das Volk aus den Chaluppen herauslief, mich musterte, und wie es mich, wenn ich in eine Stube eintrat, um so strenger beobachtete, ob ich daselbst nicht etwa irgend ein Pulver ousstreue; manchmal ließ man mich mit Mühe in die Wohnung, einmal hat mich auch das Weib eines Gemeindevorstehers hinausgestoßen, als ich in der Thüre erschien. Ich pflegte anfangs Dower'sche Pulver für den Fall des eigenen Bedarfes und ein Gramm Sublimat zum Händewaschen bei mir zu tragen. Als ich aber bemerkte, welche Abneigung das Volk gegen jedwedes Pulver hegt, ließ ich die Pulver zu Hause, denn es wäre mir sicherlich schlecht ergangen, wenn man die Pulver vielleicht bei mir gefunden hätte — man hätte auch verlangen können, daß ich das eine Gramm Sublimat verschlucke, damit man sich überzeuge, ob das Pulver abscheulich sei oder nicht. Und daß ein solches Volk auch klug sein will, beweist Folgendes: In einem Dorfe unweit von Pisek brachte der Gemeindevorsteher Carbolsäure als Desinfectionsmittel mit nach Hause, und um sich zu überzeugen, ob das Mittel schädlich sei oder nicht, goß er es in Milch und gab diese der Katze. Die Katze verendete — ein klarer Beweis, daß die „Herren" die Cholera geben. Eines Tages im August ging ich nach längerer Untersuchung eines Falles von eiiolera nostras durch das Dorf. Am nächsten Tage kam ein Gendarm mit der Mittheilung, daß mich die Leute im Orte beobachtet hätten, ob ich etwa um ein Pulver in die Tasche greifen würde, ich hätte es nur wagen sollen, so wäre rc. Unter solchen Verhältnissen war, wie ersichtlich, der Aufenthalt unter solchen Leuten wirklich gefährlich. Als ich bei der Anwesenheit der Sanitäts-Jnspection in Pisek auf diese traurigen Verhältnisse hinwies, sagte man, das könne nicht sein, daß es ein solches Volk im 19. Jahrhundert noch geben könnte! Man schenkte ganz einfach meinen Worten keinen Glauben, im Gegentheil, man hat mir die Schuld zugeschrieben, daß das Volk so ungebildet sei. Wie ich zu dieser Beschuldigung kommen konnte, weiß ich allerdings nicht, denn das kann doch nicht die Aufgabe des Arztes sein, aus einem dummen Volke ein gebildetes zu machen. Und als ich — das hiesige Volk gut kennend — weiter bemerkte, daß im Falle eines Ausbruches der Cholera das Volk keinerlei Heilmittel anwenden werde, in der Meinung, daß man ihm dadurch gerade die Cholera ins Haus bringen wolle — da spottete man meiner Prophezeiung. Was ich gesagt habe, das geschah. Als in Dietrichstein im Piseker Bezirke thatsächlich ein aus Budapest zurückgekehrter Mann an asiatischer Cholera starb und deffen Weib an Durchfall und Magenbeschwerden zu leiden begann, bot ich ihr 10 Tropfen Opiumtinctur, welche ich bei mir hatte, an. Und was that das Weib? Es nahm die Tropfen auch dann nicht, als ich ihr vorschlug, daß ich erst 10 Tropfen zu mir nehmen werde, dann möge sie auch 10 Tropfen nehmen. Als all mein Zureden, die Tropfen zu nehmen, vergeblich war, sagte sie: Die Leute haben mir davon abgerathen, sie würden mir ohnehin von ihr (d. h. von der Cholera) noch ganz gehörig die Wohnung vollstopfen! Was hätte der Arzt dann etwa mit der Enteroklyse, was mit der Hypodermoklyse und der intravenösen Infusion ausgerichtet? Und wie war es mit den Desinfectionsmitteln bestellt? Das Volk wollte sie nicht einmal unentgeltlich nehmen, indem es vorgab, daß sie nicht immer gleich wirken, das heißt, daß sie nicht immer gleich Cholera erzeugen, sondern erst nach einem Jahre, ja selbst nach sieben Jahren. Und als in Dietrichstein die Gendarmen mit den Mitteln herumgingen, verschloß das Volk die Thüren und beschimpfte die Gendarmen. Das Volk ist so mißtrauisch, daß es nicht einmal sich selbst traut; denn es ließ nicht einmal den eigenen Gemeindevorsteher, welcher gemeinsam mit der in den Gemeinden eingesetzten localen Sanitätscommission die Häuser hinsichtlich der sanitären Maßnahmen besichtigen kam, ins Haus, sondern sperrte vor ihm das Thor zu und drohte demselben mit dem Besen, hinzufügend, daß der Herr Vorstand von den „Herren" bestochen sei. Es sind das furchtbare, aber leider wahre Begebenheiten und damit ich den Jammer, mit welchem der Arzt hier kämpfen muß, noch erhöhe, muß ich ansühren, daß das Volk auch ein Mittel gegen die Cholera hat, und was für ein Mittel! — Der Dünger und die Dünger-Jauche find ihm die besten Heilmittel! Im Jahre 1866 hat man nämlich die Kranken in Dünger eingegraben, so daß ihnen nur der Kopf heransragte und dann gab man ihnen Jauche zum Einnehmen! Und dann sollen diese Leute Dünger und Jauche, diese ihre besten Heilmittel, aus den Höfen beseitigen! Daß sich die Cholera heuer nicht verbreitete, das schreibt das Volk dem Umstand zu, daß die „Herren" heuer zu wenig ausgestreut haben! Es wird vielleicht schon genug sein solcher Erfahrungen, — Pardon, nur noch einen kurzen Dialog zur Erheiterung. Zur Zeit, wo bei. uns in Dietrichstein Alles bereits zu Ende war, also auch die Absperrung des Ortes durch die Gendarmerie, kam eine Frau von dort in. die Mühle im benachbarten Cimelitz, wo sie ihr Vater folgendermaßen anredete: „Nun, wie habt Ihr es denn bei Euch dort mit der Cholera?" — Sie antwortete: „Cholera? nichts Cholera; da haben sich die „Herren" wieder einmal ordentlich geirrt; der Mensch, der gestorben ist, hatte sich mit Zivetschkenknödeln, die mit Mohn bestreut waren, angegessen, und da glaubten die Herren in Prag, daß der Mohn die Bacillen feien!" (Das Volk ist hier nämlich der Ansicht, daß es in Dietrichstein nicht die Cholera war, weil nur ein Mensch gestorben ist.) Uebergehen wir nunmehr dazu, was von Seite der k. k. Bezirkshauptmannschaft geschehen ist, damit diese traurigen Berhältniffe verbeffert werden, damit das Volk belehrt werde, und mit welchem Erfolge dies geschehen ist? Jedermann — und es sei vor Allem constatirt, daß es zumeist das weibliche Geschlecht war — der die unsinnigen Gerüchte von Ausstreuen der Cholera verbreitete, wurde dem k. k. Bezirksgerichte zur Bestrafung übergeben. Nun wurde Einer entlassen, ein Anderer wurde unschuldig befunden, und so ging es weiter. Die Sache war schlimmer als besser, denn sie sagten: Sehet, man hat uns nichts gemacht, weil wir die Wahrheit sprechen. Ferner wurden alle Pfarrämter und Schulverwaltungen ersucht, das Volk über die Unsinnigkeit solcher Gerüchte möglichst zu belehren. Sie thaten es, allein fast ohne jeden gewünschten Erfolg, denn das Volk sagte: Selbst den Geistlichen haben sie schon auf ihrer Seite; und als einmal der Geistliche von der Kanzel herab das Volk über die Cholera belehren wollte, was that das Volk? Es verließ die Kirche!" Correspondenzen. Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 19. September 1900 unter dem Borsitze des Präsidenten kaiserl. Rath Klinger. — Beginn der Sitzung 5 Uhr Nachmittags. Die Mitglieder des Vorstandes begrüßen den vom Urlaube zurückgekchrten Präsidenten. Der Präsident dankt und gibt seiner Befriedigung Ausdruck, zu Beginn der neuen Verhandlungsperiode die Herren in zahlreich besuchter Sitzung versammelt zu sehen. An Spenden sind seit der letzten vor den Sommerferien abgehaltenen Plenarsitzung eingelaufen von: Richard K ö n i g s b e r g e r für verschiedene Zwecke L 85.— Katharina Iellinek als Collecte für die rumänischen Juden .. 2.70 H. Zwergbaum für israelitische Wöchnerinnen „ 10.— Bernhard Siebe »schein für den israelitischen Frauen-Wohlthätigkeitsverein.„ 10.— Philipp v. Gomperz für eine Arme .... „ 20.— Anonymus L. A. für eine Arme.„ 2.— Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t für einen Armen..„50.— Sammelbüchse Stadt für die Chewra-Kadischa „ 73.42 „ „ „ „ Armen-Anstalt . „ 77.81 Dr. B. F. für einen Armen .„10.— Berwaltungsbeamten der israel. Cultusgemeinde Wien für die Witwe nach einem Leichenwächter .. 88.75 Dr. Emil Adler als Collecte für die rumänischen Juden.. „40.— Charlotte Baronin v. Königswarter für den Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen. „1000.