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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-28 · 39 (28.9.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
39 (28.9.1900)
Date
1900-09-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39 Dr. Bloth's Wochenschrift Seite 699 versöhnen und ihn um Vergebung flehen. Um Vergebung, wenn^ wir im Kampfe Nachlassen, in der Siebe ermatten. Und um das H Glück und das Leben lass' uns bitten für uns und unser Haus,C" unser Haus und unser Volk, unser Volk und den Fremden, der s andern Stammes ist und andern Glaubens, der uns haßt und £ verfolgt und der uns doch unterliegen muß an jenem großen Tage, an dem die Liebe siegt. Parlamentsrandidaten. Von Dr. A. Wie die Pilze schießen in allen Kronländern um jedes einzelne Reichsrathsmandat Candidaten empor, und während häufig um ein Mandat, das eine Partei mit Müh" und Noch für ihren Anhänger eroberte, fünf, sechs und mehr Parteigenossen sich bewerben, tritt ein oder der andere wohl infolge Aussichtslosigkeit eines Erfolges von der Bewerbung zurück. Daß es just ruhigere und gemäßigtere Elemente sind, welche sich, wohl mehr der Noth gehorchend als dem eigenen Triebe, zurückziehen, ist für uns Juden sicherlich keine erfreuliche Thatsache, es sei denn, daß wir immer wieder mit einiger Genugthuung sehen können, wie Uebelstände und Mißbräuche, auf welche seit Decennien die Judenschaft stets erfolglos und ungehört verwies, sich bitter an jenen rächen, die mit vornehmer Gleichgiltigkeit und schonungsvoller Duldung sie haben entstehen und entfalten lassen. „Ich bin außer Stande", schreibt einer der hervorragendsten deutschen Abgeordneten, Dr. Victor Ruß, welcher seit 2l Jahren den Städte-Wahlbezirk Karlsbad im Abgeordnetenhause vertrat, an den Bürgermeister von Karlsbad, „mich nach dreißigjähriger parlamentarischer Thätigkeit neuerlich Wahlkämpfen zu unterziehen, jedoch lediglich deshalb, weil sie dermalen häufig Formen annehmen, welche ich weder abzuwehren noch anzuwenden gelernt habe, und wie sie eine deutsche Zeitung der Steiermark jüngst als das Häßliche in unseren Wahlkämpfen bezeichnet hat, daß „gewohnheitsmäßig die "Rücksichten außer Acht gelassen werden, die dem gesellschaftlichen Verkehre sonst als Gesetze gelte n". Wie lange ist"s her. daß den Juden gegenüber gewohnheitsmäßig diese Rücksichten außer Acht gelassen wurde, ja noch mehr, jüdische Studenten als nicht satisfactionsfähig, jüdische Aerzte als unmenschliche Verbrecher, jüdische Frauen und Mädchen als Dirnen bezeichnet wurden, ohne daß dies irgend eine energische Abwehr von der Seite erfuhr, die sich heute — und gewiß nur mit Recht — über das „Häßliche" in unseren Wahlkämpfen beklagt. Wenn es aber gerade eine deutsche Zeitung in Steiermark ist, welche diese Klage anstimmt, dann müssen wir unbedingt an die Oiaeelli äs 86<1iti(m6 querentes denken. Die Juden waren es allein, welche stets darauf verwiesen, daß die Art und Weise, wie sie mehr beschimpft als bekämpft wurden, die vergifteten Mittel und Vorschläge, wie sie gerade zu Wahlzeiten von einzelnen Candidaten vorgebracht wurden, nicht allein eine allgemeine Verrohung der Sitten, sondern auch eine Gefahr für das Reich mit sich bringen mußten. Man hat dies stets nur als eine üebertrelbung vezeichnet, welche sie in ihrem Interesse begehen. Heute muß man wohl zugestehen, daß mutatisnuitandis die Rede, welche der englische Colonieuminister Chamberlain letzten Sonntag vor seinen Wählern zu West- Birmingham hielt, auch für Oesterreich gilt. „Die Auflösung des Parlamentes," sagte er, „war nothwendig, da die Regierung in ihren Handlungen gehemmt worden sei von einem kleinen Theile des Volkes, welches der Freund jedes Landes, nur nicht des eigenen sei." Auch unter den Männern, welche sich um Sitz und Stimme in das österreichische Parlament bewerben, sind einige, welchen man nach ihrer Vergangenheit und ihren ausgesprochenen Gesinnungen Neigung zu anderen, als den „im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern" zum Vorwurfe machen kann. Charakteristisch bleibt es aber, daß bei solchen Mandats- Awerbern, welcher Nationalität sie immer angeyören, die Bekämpfung der Juden Hand in Hand geht; denn niemals wird Jemand die Behauptung aufftellen können, daß die Juden, wenn sie auch von dieser Seite mit Unrecht als vaterlandslos bezeichnet werden, je solchen extremen Bestrebungen ihre Unterstützung liehen; man kann wohl die Juden in Oesterreich im deutschen, czechischen, polnischen Lager sehen, wie wir dies mit Bedauern in der vorigen Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" constatirten, man kann sogar, wie dies im 2. Wiener Bezirke unter allseitiger Verwunderung geschah, einen jüdischen Wähler einem Abgeordneten Vorwürfe über den Mangel deutschen Bewußtseins machen hören, weiter geht aber wohl die Betheiligung der Judenschaft nicht, wovei nicht außer Acht gelassen werden darf, daß diese Gefolgschaft nicht immer eine freiwillige ist, vielmehr in zahllosen Füllen erpreßt wird. Gerade in dem bevorstehenden Wahlkampfe wird aber die Judenschaft Oesterreichs, ehe sie von dem ihr zustehenden Wahlrechte Gebrauch machen wird, sich die Männer genau ansehen müssen, denen sie ihre Stimme zuwendet. Es wird nicht angehen, daß Jemand, der sich um den Sitz in der Gesetzgebungsstelle bewirbt, einige Phrasen über die staatsgrundgesetzltch gewährleistete Stellung der Juden ihnen als Brosamen hinwlrft, und es wird nicht angehen, daß ein solcher Candidat die Versicherung abgebe, daß er für seine Person den Antisemitismus perhorrescire, bei dem bestehenden Clubwesen des Parlamentes aber machtlos sei; es wird nicht angehen, Männern unbedingt und rückhaltlos das Vertrauen zu schenken, die bisher stumm und gleichgiltig gegen die in allen Vertretungskörpern gegen Juden vvrgebrachten Beschimpfungen und Verleumdungen, diese Haltung angeblich oder wirklich einnehmen mußten, weil die Partei, welcher der Einzelne angehörte, aus Opportunität, oder weil vielleicht die Majorität selbst judenfeindlich war, nichts zu thuii für gut fand. Der Ernst der Situation ist so groß, daß jeder einzelne Parlamentscandidat sorgfältig geprüft werden muß, und nur derjenige sollte das Mandat erhalten, der auch nach der Wahl an die Ausführung der Zusagen geht, die er vor der Wahl geleistet, wie dies beispielsweise Sonntag Graf Albert A p p o n y i gegenüber seinen Wühlern in Jaszbereny gethan. Es ist sicher, daß Ungarn seinen vor 15—20 Jahren aufgetauchten Antisemitismus zwar rasch, aber gewiß nicht vollends ausgerottet hat, zugeben aber muß man, daß solche Worte, öffentlich gesprochen, einer nachhaltigen Wirkung nicht entbehren werden. Bon diesem Manne kann gewiß nicht gesagt werden, er stehe im Solde der Juden, und Rücksichten auf seine Wähler in Jaszbereny, dem kleinen jazygischen Städtchen, sind es gewiß nicht gewesen, die ihm Die Worte in den Mund legten, wie wir sie noch niemals von einem österreichischen Parlaments candidaten hörten, wie sie aber von ihnen gesprochen und befolgt werden sollten. Mit Recht verweist er darauf, daß Steigerung und Vereinigung der Kraft nothwendigerwerse in Einklang zu bringen sind. Die Erfüllung der ersteren rettet ja vor Verkümmerung, diejenige der letzteren vor dem Auseinanderfallen; aus ihrer Verbindung aber fließt ein ganz concretes, jeden ernsten Geist mit innerem Zwange unterjochendes System, welches vollständige Hingebung erfordert, jede Pflege politischer Privatpassionen ausschließt und eben deshalb es nicht nur möglich und gerechtfertigt, sondern zeitweise sogar nölhig macht, daß zu ihrer Verwirklichung Männer von verschiedener Weltanschauung und von verschiedenen Neigungen mit der Aufopferung ihrer eigenen Neigungen bis zu emem gewissen Grade Mitarbeiten. Von besonderem Interesse waren die Ausführungen des Grafen Apponyi über die confessioneüen Reibungen, und auch diese Anschauungen könnten als Muster für unsere Parlameutscandidaten dienen:

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