Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Date
- 1900-09-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021371--10240-3034711- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 698 Dro BloEs Wortzrnf^M Nr. 39 jüdischen Familien gründlich geholfen werden könnte. Keine Bürgerclaffe gibt soviel für Wohlthätigkeit aus wie die jüdische. Es wäre Zeit, daß wir dafür sorgen, daß dieses Geld Früchte trägt. Es muß endlich mit dem unseligen. Almosensystem gebrochen und an eine gesunde sociale Hilfe gedacht werden. Uebrigens könnten mindestens 2- bis 3000 rumänische Mädchen als Köchinnen und Dienstmädchen in den jüdischen Familien Deutschlands und Oesterreichs eine gute Existenz finden. Die Dienstbotenfrage gestaltet sich, namentlich für die rituell lebenden jüdischen Familien, immer schwieriger, und die jüdischen Frauen würden es daher mit Freuden begrüßen, wenn die fast durchwegs bescheidenen und nicht ungebildeten Mädchen aus Rumänien in ihre Häuser einziehen würden. Daß es für die Mädchen, die schließlich in Amerika Fabrikssclavinnen werden, social und sittlich ein Glück wäre, als Dienstmädchen in guten Familien beschäftigt zu werden, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Es darf nicht vergesien werden, daß die Frauenfrage in erster Reihe eine sociale Frage ist und daß auch hier nur durch eine gesunde Organisation wirklich Hilfe geschaffen werden kann. Mit dem Erwachen des nationalen Gedankens in den Reihen Israels beginnt allmählich auch die Erkenntniß zu dämmern, daß Gegenwart und Zukunft uns auch sociale Pflichten dictiren. Die regelmäßig wiederkehrenden Katastrophen in Rumänien, Rußland und Galizien überraschen uns leider nicht mehr. Sie find Erscheinungen, die kommen müssen, und der reife Politiker kann sie lange vorhersehen, wieder Astronom eine Sonnen¬ oder Mondesfinsterniß. Sie bilden keine zarten Warnungen mehr, sondern herzerschütternde Mahnungen. Wir müssen endlich dafür sorgen, daß wir dieser gewaltigen Tragödie des Ostens gegenüber nicht hilf- und rathlos dastehen. Das sind wir der jüdischen Nation schuldig. Wir Juden gingen einst in allen ethischen und socialen Werken den Völkern voran. Heute wollen wir wenigstens dem socialen Zeitgeist folgen und von den Anderen lernen. Nicht als lästige Bettler, sondern als Brüder müssen wir unsere armen Stammesgenossen aus Rumänien behandeln. Daher soll und muß endlich daran gedacht werden, daß wenigstens einer kleinen Anzahl in würdiger Weise, rationell und dauernd geholfen wird. Unsere Aufgaben der Zukunft liegen nicht auf religiösem, sondern ans socialem Gebiet. Nicht die Synagoge, sondern das Leben bedarf der Reformen. Je schneller dieses von der Judenheit begriffen wird, desto leichter wird der Weg zur Hilfe gefunden werden. Die Lösung der immer brennender werdenden Judenfrage kann nur im Sinne der Geschichte und des Vvlkgeistes geschehen. Denken und nicht träumen, zielbewußt arbeiten und nicht seufzen sollen wir. Karlsruhe, 21. September. F. Z. Zum Kol-Mdre-Nbend Von 8. I. Sieh', mein Bruder, es ist Dämmerstunde, die Stunde, wo Deine Mutter die Märchen erzählte, als Du ein Kind warst mit Lachenden Augen. Ich weiß, das ist lange her, Deine Augen sind still geworden und die alten Märchen hast Du vergessen, aber an Deine Mutter denkst Du wohl noch, wenn das Gewühl des Kampfes ein wenig nachläßt und Du in eine stille Stunde flüchten kannst, wie die, in der ich zu Dir spreche. Um Dein« Mutter willen höre mir zu, denn ich will Dir ein Märchen erzählen, das auch sie angeht und viele, viele Andere, die seit Jahrhunderten im Grabe liegen, und Viele, die neben Düc dahinleben, und das endlich von denen sprechen wird, die erst kommen sollen. Es ist ein Liebesmärchen, wie Du gewiß noch keines vernommen, so gewaltig und rührend, so einfach und erhaben, und zuletzt kommt das Wunderbarste, das Schönste, wie in den Märchen Deiner Mutter. Das Wunderbare aber ist, daß mein Märchen kein Traum ist, sondern wahr und wahrhaftig, und daß ich Dich hinführen kann und Du, zweifelnder Thomas, Deine Finger in eine tiefe, tiefe Wunde legen kannst, aus der die Fülle der Liebe strömt, von der mein Märchen berichtet. Denn mein Märchen spricht, wie alle Liebesmärchen, nicht nur von Liebe, sondern auch von Leid, unendlich wie die Eine ist das Andere, aber darin unterscheidet es sich von Denen, die Du kennst, daß in ihm nicht die Liebe das Äeid erweckt, sondern das Leid die Liebe. In jenen fernen Zeiten, als unser Volk noch durch den glühenden Wüstensand dem Lande der Verheißung entgegenzog, beginnt auch mein Märchen. Damals kam das erstemal Bruder zum Bruder, Weggenosse zum Weggenossen und bat beim Scheine der Abendsonne: »Vergib mir, wenn ich dich gekränkt, versöhne Dich mit mir." Und die Versöhnten traten dann vereint vor ihren Gott und flehten um Vergebung und Versöhnung, um Leben und Glück für sich und ihr Haus, für ihr Haus und chr Volk, für ihr Volk und für den Fremden, der andern Stammes ist und anderen Glaubens und mit dem sie nichts eint, als daß er Mensch wie sie. Und Jahr um Jahr, seit Jahrtausenden nun erhob sich immer von Neuem der Ruf nach Versöhnung, die Bitte um Vergebung. Und Jahr um Jahr flehte das Volk des Rachegottes, das unversöhnliche Volk der Juden, immer von Neuem um Glück und Leben, nicht nur für sich und die Seinen, sondern auch für den Fremden, den Fremden, der inzwischen ein Feind geworden war, ein grimmiger, grausamer, unbesiegbarer Feind, »denn für Alles Volk ist die Sünde ein Jrrthum". Wenn Du da zurückblätterst im Buche der Geschichte, welche Liebe, welches Leid! Wahrlich, kein Volk, auch das heldenhafteste nicht, kann von solchen Siegen berichten, kein Volk, auch das liebevollste nicht, von solcher Güte. Es gab Zeiten, — wie lange ist es, daß sie hinter uns liegen — wo eine wüthende Schaar fanatischen Pöbels am Vorabende des Versöhnungstages den Tempel stürmte und die Juden zu Hunderten und aber Hunderten niedermetzelte. Und während das schreckliche Geschrei der Feinde immer näher und näher durch die finstere Nacht kam, während die verschlossenen Thüren von den Axthieben krachten, stand im Innern des Heiligthums die Gemeinde im Gebete versenkt, ohne Gedanke an Widerstand, und flehte zu ihrem Gotte' für das Heil der Fremden, für das Heil der „verirrten" Mörder. Und wie sie dann fielen, Einer nach dem Andern, stumm, klaglos, einen Segenswunsch auf den Lippen, waren sie da nicht Blutzeugen jener unendlichen Liebe, die Andere wohl anbeten und mit tönenden Worten preisen, die sie aber geübt haben! Sage mir, wo Gleiches zu finden, suche in der Geschichte der Menschheit nach einer ähnlichen Begebenheit! Vergebens wirst Du Dich bemühen. Aber in der Geschichte Israels begibt sich alljährlich wieder dieses märchenhafte Wunder. Und der Haß gegen die Juden verlosch nicht und wurde nicht geringer. Sie werden nun nicht mehr wie Thiere hingeschlachtet, aber ausgestoßen aus der Gesellschaft, verfolgt und verhöhnt, getreten und gedemüthigt, ohne Aussicht auf Erlösung, leben sie in den finstern Winkeln, die einzig der Haß ihnen übrig gelassen. Wie oft mag man der Mutter ihr Kind zerschlagen und gepeinigt nach Hause gebracht haben, weil es sich unter die Spiele der fremden Kinder mischte, wie oft die Heimatlosen aus ihren elenden Häusern vertrieben, wie oft Hunderte in die Kerker geworfen haben. Wie hätte sich dies Volk von Bettlern, dieses geknechtete, gedemüthigte Volk auch wehren sollen, wie Hilfe erlangen, wie Widerstand leisten. Nur einmal, einmal im Jahre erheben sie sich, diese armseligen Juden, einmal sind sie reicher als alle Andern, mächtiger als alle Andern, glücklicher! Einmal erhebt die Liebe in ihnen, die nichts zu tödten vermochte, die Stimme, und versöhnt unter einander, versöhnt mit ihrem Gotte spenden sie von ihrem Ueberflusse lächelnd den Feinden, und an ihrem heiligsten Festtage bitten sie ihren Gott: Segne auch ven Fremden. Und wie sie es immer gebetet haben dieses seltsame, unverständliche, herrliche Gebet, so werden sie es heute beten und Jahrhunderte noch. Wenn auch der Haß immer von Neuem gegen sie aufersteht, ihre Liebe wird nicht ermatten. Und zuletzt wird sie siegen, denn die Liebe siegt immer. Siehst Du, das ist das Schönste an meinem Märchen, daß Du und ich und wir Alle ruhig leiden können und zuletzt, wenn unsere Zeit gekommen, getrost die Waffen niederlegen können und zur Ruhe gehen. Denn nach uns werden immer neue und neue Kämpfer kommen, die endlich den großen Sieg erfechten werden. Und nun weißt Du auch, warum dies Gebet, dieses unglaubliche Gebet, möglich war. Wer weiß, daß er siegen wird, ist minder grausam als der, der sich unterlegen fühlt, und der Mächtigste ist auch der Gütigste, denn wen hätte er zu fürchten. Es ist Nacht geworden und der erste Stern glänzt am Himmel. Komm', lass' uns nun gehen wie unsere Eltern gingen und unsere Söhne gehen werden, und uns mit unserem Gotte