Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Date
- 1900-09-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N-. 39 Dr. BloeBfa Hah«S«ql XVII. Centrslorgsn für dir gefammken Intereffen des Iudenthums. Men» 28. September 1900. Erscheint jeSen Freitag. -«*.- Brief-Adresse: Wien» II.. Untere Augartenstraße iL. Telegramm-Adresse: Vlord's Wochenschrift, Wien. *■ - ---N \l S. k. Postspsrcassrn-Amr "Clearingverkehr ' Ar. 810.976. | DedsrNon und ÄömtniHrattott: I Vien 1 n.t Unirre VunarlrrrTkr. 1a. | Telephon - Nr. 14,847 * .... — —m I Vexagsprei» für Sekten eich: Halbjährig 8 Kronen. I Einzelexemplare 50 Heller. Ilät’g Nnslallb: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 * Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. i-- '~=» Inhalt. Leitartikel: An die Herren Industriellen und Kaufleute jüdischer Confeffion! — Was nun? — Zum Kol-Nidre-Abend. — Parlamentscandidaten. — Vom Jahrmarkt d es Lebens: Zur Naturgeschichte antisemitischer Volksvertreter. Zur Mordlüge in Könitz. Wie Ritualmordmärchen entstehen. — Cultur- und kunstgeschichtliche Entwicklung der Schristzeichen. — Die Leute von Pisek. — Corresvondenzen: Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 19. September 1900. Wien. Friedek, Prag, Olmütz, Meran, Temesvar, Hohenems, Budapest, Pohrlitz, Preßbnrg, Berlin. — Vermischtes: Wien, Eingesendet, Patzau, Essegg-Unterstadt, Budapest, Hamburg. — Feuilleton: Michael. Jaum-Kippur. — Brieflasten. — Inserate. Nu die Herren Industriellen u. Kaufleute jüdischer Confestion in Wien! Angesichts der bevorstehenden Reichsrathswahlen richten wir an die Herren Industriellen und Kaufleute jüdischer Confession die dringende Bitte, rechtzeitig festzustellen, ob alle Herren ihres Personales, die auf das Wahlrecht Anspruch haben, dasselbe auch thatsächlich besitzen.. Unser Rechtsschutzbnreaux IX., Berggasse 20, stellt allen jenen Herren, denen das Wahlrecht zusteht, die erforderlichen amtlichen Schritte zur Erlangung desselben kostenfrei zur Verfügung. Das Bureau ist zu diesem Zwecke an allen Wochentagen zwischen 8 und 7 Uhr Nachmittags geöffnet. Steuerbog en und Heimatsdocument sind mitzubringen, die Dauer des Aufenthaltes in Wien anzugeben. Wien 20. September 1900. Das Präsidium der O esterr.-Jsr. Union. Was nun? Die Auswanderung der Juden aus Rumänien hat vorläufig einen gewaltsamen Abschluß gefunden. Die ungarische Regierung hat ihre Grenzen gesperrt und dadurch den Strom aufgehalten. Daß diese Maßregel vom Standpunkte des Völkerrechts und der Humanität kaum zu rechtfertigen ist, darüber dürfte wohl ein Zweifel nicht herrschen. Wir leben im Zeitalter der Freizügigkeit, und kein Land hat das Recht, friedlichen Bürgern eines fremden Staates den Durchzug zu verweigern. Ob diese Leute Geld haben oder nicht, ob sie per Expreßzug oder zu Fuß reisen, — das geht die ungarische Regierung gar nichts an. Fürchtet sie eine Niederlassung dieser armen Leute in ihrem Lande, so stehen ihr Mittel genug zur Verfügung, um dieses zu verhindern. Aber — ganz von dieser rechtlichen Seite abgesehen — fragen wir: was wird denn dabei erreicht! Hört denn dadurch die Roth auf, daß man die Augen schließt, um sie nicht zu sehen. Wir haben einer plan- und ziellosen Auswanderung niemals das Wort gesprochen. Wir wissen wohl, daß Leute ohne Mittel nirgends leicht eine Existenz finden und daß es kein Fortschritt ist, wenn die Leute auf fremdem Boden verhungern. Aber, daß in Rumänien selbst eine Besserung kaum zu erwarten ist, das weiß Jeder, der in die dortigen Verhältnisse eingeweiht ist. Wirthschaftlich steht Rumänien vor dem Bankerott unv politisch herrschen dort Zustände, die Leben und Eigenthum der Juden bedrohen. Wir trauen Herrn C ar p, dem neuen Ministerpräsidenten, den besten Willen zu, aber die Verhältnisse sind stärker als er, und er wird sich schließlich, wenn er eine reale Politik treiben will, den herrschenden Zuständen beugen und auf seine liberalen Ansichten verzichten müssen. Ein liberaler Minister in einem reactionären Staate ist überhaupt eine Anomalie. Es muß also ernstlich daran gedacht werden, einen großen Theil der rumänischen Judenheit nach solchen Ländern zu verpflanzen, wo die Gründung einer Existenz möglich ist und wo die Landesgesetze gegen eine Verkümmerung der Rechte wenigstens einige Garantie bieten. Wenn jemals die Nothwendigkeit einer organisirten Hilfe vorlag, so ist es heute. Man muß diesen armen Leuten. helfen und nicht suchen, sie loszuwerden. Man muß ihnen die Möglichkeit zur Arbeit geben und sie nicht zu Schnorrern machen. Eine Barmherzigkeit ohne Vernunft mag ethisch eine Tugend sein, social ist sie werthlos. Wenn tausend Familien dauernd geholfen wird, so ist das zweifellos mehr werth, als wenn man zehntausend die bloße Möglichkeit gibt, weiter zu reisen. Es müßte nicht allein — was ja fast überall geschieht — energisch gesammelt, sondern auch dafür gesorgt werden, daß das Geld eine richtige Verwendung findet. Ein Counts, aus sachkundigen und arbeitsfreudigen Männern bestehend, müßte ernannt werden, um die Emigration zu organisiren und zielbewußt zu gestalten. Dieses Comit6 müßte einerseits mit der Centrale in Rumänien in Verbindung stehen, um die richtigen Elemente für die Emigration auszuwählen, andererseits müßte es mit der Regierung in Canada in Fühlung bleiben, um die planmäßige Einwanderung leiten zu können. Ein Minister Canadas äußerte fich unlängst, daß die Einwanderer auf eine dauernde Existenz rechnen können, wenn Jeder 500 Mark mitbringt. Rechnen wir nun, daß die Wohlthätigkeit in Westeuropa und Amerika 3 Mark pro Kops der jüdischen Bevölkerung aufbringt, so würde ungefähr die Summe von 6 Millionen Mark zusammenkommen, womit 12.000 armen