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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 694 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 38 Die Verlobten hatten, um an das Ziel ihrer Fahrt zu gelangen, einen ziemlich weiten Weg zurückzulegen. Goudchaud, bei welchem Sara wohnte, war in der Mitte der Stadt einquartiert, während General Nansouty, mit seinem Stabe in der Vorstadt Krona lag, und nebst den erwähnten frtiwilligen Verzögerungen ümnten sie sich auch nur langsam durch das bunte Gewirr durchwinden, obwohl sich Jedermann, sobald er in dem Insassen des Wagens einen französischen General erkannte, beeilte, so rasch als möglich Raum zu geben. Endlich hatten sie ihr Ziel erreicht. General Nansouty bewohnte ein großes weitläufiges Gebäude, in welchem sich auch die Adjutantur und die Kanzlei befanden und dessen ebenerdige Räume zu Kasern m und Stallungen adaptirt worden waren. Vor dem Thore standen zwei riesige Grenadiere Wache. Das Gebäude besaß auch zwei Höfe. In dem ersten fanden sie Cavalleristen der verschiedensten Regimenter: Carabinier, Cürassiere, Dragoner, Lanciers, Chasseurs, Husaren, damit beschäftigt, ihre Pferde zu striegeln, Waffen und Monturen zu. putzen, oder zu rauchen, zu plaudern, zu singen. Eine Abtheilung saß in Bereitschaft zu Pferde. Als Michael und Sara die breite Treppe emporstiegen, begegneten sie hinauf- und heruntergehenden Osficieren, Ordonnanzen, welche alle dem General salutirten und nicht ohne Verwunderung die Anwesenheit einer Dame, deren ungewöhnliche Schönheit ihre Bewunderung erregte, in diesen Räumen bemerkten. Im ersten Stockwerke vor der Vorzimmerthür standen zwei Cürassiere mit blanker Waffe als Wache. Im Vorzimmer fanden sie Nansouty's Adjutanten, der ihnen eilig entgegenging und sprach: ,Der Herr Divisionsgeneral hat Ihre Zeilen, in welchen Sie ihm anzeigten, Sie würden ihm im Laufe des Vormittags die Ehre erweisen, Ihre Fräulein Braut vorzustellen, erhalten, und läßt Sie freundlichst bitten, nur eine kurze Zeit zu warten. Er hat soeben einen Besuch und eine Besprechung von höchster Wichtigkeit. Fürst Johann von Liechtenstein, eine seines edlen offenen Wesens bei unserem Kaiser hochbeliebte Persönlichkeit,. welcher auch das. volle Zutrauen seines Monarchen, des Kaisers Franz, besitzt, ist auf ausdrücklichen Wunsch unseres Kaisers von seinem Monarchen anstatt des Grafen Stadion, welcher als ehemaliger Gesandter am Petersburger Hofe und deelarirter Freund- 'Rußlands ' ^unserem Kaiser antipathisch ist, hierher gesandt worden, die Friedensunterhandlungen zu Ende zu führen. Bezüglich der Bestimmung der Demarcationslinie zwischen den beiden Armeen hat der Kaiser den Fürste» Liechtenstein an den Grafen Nansouty gewiesen, der ermächtigt ist, die diesbezügliche Vereinbarung zu treffen. Der Herr Graf wird hoffentlich in kurzer Frist die Ehre haben können, Ihre Fräulein Braut und Sie zu empfangen. Die Unterredung muß nun bald zu Ende sein. Sie wäre es schon längst, wenn sie nicht eine peinliche Unterbrechung erfahren hätte. Herr General Nansouty rechnet mit Gewißheit darauf, daß Sie, mein General, die Verhinderung, Sie sofort zu empfangen, mit der Wichtigkeit des zu erfüllenden kaiserlichen Auftrages entschuldigen und gewogenst ein kurzes Weilchen warten werden." So sprechend, hatte der Adjutant zwei Fauteuils näher gerückt, in welchen sich Sara und der General niederließen. ,Sie sprachen, von einer peinlichen Unterbrechung, Capitän," meinte der General, „worin bestand dieselbe?" „Cürafsier-Major Calincourt, welcker die für Uns unglückliche Affaire in W., wo unsere Truppen von einer bedeutenden Uebermacht unter Fürst Dolguruky angegriffen und nach tapferer Gegenwehr mit großem Verluste aus der Stadt gedrängt worden waren, mitgemacht, hatte damals einen österreichischen Officier bei den Russen gesehen, welcher activen Antheil an dem Kampfe nahm, namenllich von einer Mauerecke gedeckt, auf die Uufrigen schoß und mehrere Mann tödtete oder kampfunfähig machte. Der Officier war ihm nicht dem Namen, wohl aber der Person nach bekannt, und er hatte ihn an einer Schmarre, die sich über die Wange hinzieht, wieder erkannt. Major Calincourt hatte ihn bei Ulm unter den mit Mack gefangenen Officieren gesehen, welche gegen ihr Ehrenwort, ein Jahr lang nicht gegen Frankreich zu dienen, entlassen wurden. Dieser Elende ist gewiß der Einzige der kriegsgefangenen österreichischen Officiere, welcher sein Ehrenwort gebrochen. Ein solcher Wortbruch wird bei allen civilisirten Nationen als ein Verbrechen betrachtet. Wohin würde man gelangen, wenn ein Officier ungestraft sein Ehrenwort bräche und sofort seine Waffe gegen jene richten würde, die seiner Ehrenhaftigkeit unbeschränktes Vertrauen geschenkt?.... Unsere braven Soldaten, die von der Hand dieses Schurken gefallen, hat dieser nicht in ehrlichem Kampfe getödtet, er hat sie ermordet! Major Calincourt hatte ihm damals „Schurke" zugedonnert und hätte ihn gerne zum Gefangenen gemacht, aber die Unserigen mußten sich zurückziehen, und Major Calincourt hatte schon die Hoffnung aufgegeben, den Elenden zur Verantwortung zu ziehen, und sich fest vorgenommen, bei darbietender Gelegenheit der österreichischen Heeresleitung die Schandthat eines ihrer Officiere zur Kenntniß zu bringen, überzeugt davon, daß das tapfere und ritterliche Osficier-Corps ein so entartetes Mitglied nicht in seiner Mitte dulden, daß er österreichischerseits der verdienten Strafe nicht entgehen würde. Heute begegnete ihm Calincourt. Der österreichische Oberlieutenant hatte sich dadurch unkennbar zu machen geglaubt, daß er seinen Schnurrbart abrasirte, bürgerliche Kleidung und eine graue Perücke angelegt hatte. Allein Calincourt's scharfer Blick erkannte ihn trotzdem an jener Schmarre, die ihm in seinem Gesichte, sowohl bei der Capitulation von Ulm, als bei dem Ueberfalle von W. ausgefallen war. Der Major ließ ihn von einer Patrouille verhaften und vor den General Nansouty führen. Wir befinden uns vorläufig doch noch immer in Feindesland und dürfen nicht an Unrechter Stelle Milde und Nachsicht üben. Seine Identität und sein Eidbruch wurden rasch durch glaubwürdige Zeugen erwiesen. General Nansouty mußte ihn zum Tode verurtheilen, und das Urtheil wird wohl in wenigen Minuten hier in dem zweiten Hofe, in welchem man durch dieses Fenster hinabsehen kann, vollstreckt werden. „Mademoiselle," wandte sich der Adjutant höflich an Sara, „ich bemerke soeben, daß die Vorbereitungen zu der Execution vorgenommen werden. Der Major, der sie zu leiten hat, betritt, von einem Peloton Chasseurs gefolgt, den Hof. Ohne Zweifel wird auch der Delinquent sofort vorgeführt werden. Wir Soldaten sind an derartige Scenen gewöhnt, das ist der Krieg; aber Ihnen, Mademoiselle, dürfte ein solcher Anblick unangenehm sein, wollen Sie nicht die Gnade haben, einen Schritt zurückzutreten?" (Fortsetzung folgt.) Die Prediger in den Predigten. „Lileraturbrief einer Dame." In diesen unsagbar schönen Herbsttagen -ist es schwer, zu schreiben, schwerer noch zu lesen. Man ist von so viel Glanz und Frische, von so viel Klarheit und Licht umgeben, daß jedes Kunstwerk vor dieser wundervollen Pracht versagt. Im Frühling ist es möglich, sich mit lyrischen Gedichten abzufinden, es ist auch nicht widersinnig, im Juli einen Roman zu lesen. Aber jetzt? In diesem Herbst? Wo die Luft blau und kühl und von Sonnenlicht erfüllt ist und nach reifen Früchten leise duftet! Man verliert das Maß der Dinge dieser unendlichen Schönheit gegenüber. Wie im Traume geht man umher und grüßt die fernen leuchtenden Höhen, die im Frühling der Blüthenschnee und im Sommer der Sonnennebel verhüllte. Wem Lectüre ein Bedürfniß geworden, der greift jetzt zur Bibel. Im scharf duftenden Grase gelagert, liest es sich gut in diesem seltsamen Buche, während die tiefe Stille nur von Zeit zu Zeit durch den dumpfen Ton eines herabfallenden goldgelben Apfels oder einer röthlichen Pflaume unterbrochen wird. Man verliert wirklich allgemach das Maß der Dinge. Auf einmal erscheint es uns, als wäre das Pathos der Bibel die natürliche Redefvrm, als wäre die einzig mögliche Art, zu leben, wie Boas, zwischen den reifenden Aehren ruhig einherschreitend, vor dem lichtgesättigten Auge das wogende Feld und an seinem Rande Ruth, die Moabiterin Am Abend, wenn mit dem Lichte des Tages auch die Begeisterung ein wenig verblaßt ist, wenn man vor dem allzu kühlen Winde die Fenster schließt und beim gelben Lampenlicht nach einem hübschen Buche sucht, das die Zeit vertreiben hilft, da schämt man sich fast, eines der profanen Fabelbücher zu ergreifen, und nimmt Schriften zur Hand, die man sonst vielleicht respectvoll auf ihrem gesicherten Platze im Bücherschränke ließe. So blätterte ich an einem der letzten Abende in einer Schrift „Hamattis", einer Predigtsammlung zeitgenössischer Kanzelredner, die von Dr. Ackermann, Rabbiner in Brandenburg a. H., herausgegeben ist und Vorträge der bekanntesten Rabbinen enthält. (Berlin 1900. Verlag von H. Jtzkowsky.) Selten hat mir ein Buch so viel Vergnügen bereitet, wie diese Predigten. Sie sind zu doppeltem Zwecke herausgegeben worden. Das kann man in der Einleitung lesen; da heißt es:

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