Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 688 Dr§ Bloch's Wockrnp ^ln Nr. 38 erscheinen, schrieb vielmehr an das Gericht, daß er wohl das Jnkriminirte begangen, es aber nicht der Mühe werth wäre, wegen einer solchen Lappalie bei Gericht zu erscheinen; er wolle Frau Rosalie Hofbauer Abbitte leisten, eventuell möge das Gericht die Verhandlung vertagen. Das Bezirksgericht fand genügende Ursache, in eine Vertagung nicht einzugehen. Der C ond u c t e u r und die C a s s i e r i n bestätigten die Anklage vollinhaltlich, worauf Dr. Elbogen in besonders scharfer Weise betonte, daß nicht nur Frau Rosalia H o f b a u e r, sondern durch den Passus: »Seit unser Lueger Bürgermeister ist, seid Ihr Juden der Niemand, nicht einmal so viel als der abgetragene Stiefelfetzen", die ganze jüdische Religionsgenossenschaft beleidigt erscheine, und beantragte daher, nach dem höheren Strafausmaße vorzugehen, umsomehr, da das cynische Schreiben des Mohr ihn selbst charakterisirt. Das Gericht ging auf die Ausführungen des Dr. E l b o gen vollinhaltlich ein und verurtheilte Franz Mohr zu einer Woche Arrest und Tragung aller Kosten. Prag. Die Einweihung der neuerbauten Synagoge in Chlumetz a. d. Cidlina nahm nicht nur durch die Form, sondern auch durch die massenhafte Betheiligung der Ortsbewohner, der Glaubens genoffen aus den nahen und entfernteren Cultusgemeinden und der Beamten der laudesfürstlichen und autonomen Behörden einen würdigen und glänzenden Verlauf und machte der jungen aufstrebenden Cultusgemeinde alle Ehre. Mit der Eröffnung des Gotteshauses durch Bezirkshauptmann Dr. V o l k a r, der in einer kurzen Ansprache hervorhob, daß es ihn freue, diese Function auszuüben, begann die Feier. Choräle und Sologesänge, tadellos ausgeführt von dem Neubidschower Tempelchor unter der trefflichen Leitung des Cantors und Chordirigenten S ch r e ck e r, und die Festrede des Rabbiners Doctor Weiner aus Prag, das Entzünden des ewigen Lichtes, die Verrichtung des Kaisergebetes und die Absingung der Volkshymne waren die wesentlichen Momente der Feier. Ein hierauf stattgefundenes Bankett vereinigte die Honoratioren. Besonders hervorgehoben zu werden verdient nebst dem Toaste auf den Kaiser der Trinkspruch des Bezirkshauptmannes auf die Cultusgemeinde Chlumetz. Er sprach den Wunsch aus. daß das neuerbaute Gotteshaus der Markstein eines einträchtigen Zusammengehens zwisch e n Stadl- und Cultusgemeinde werde, auf daß Friede und Ruhe nicht gestört werden. Cultusvorstehei-Stellvertreter L u r i e aus Neubidschow leerte sein Glas auf das Wohl des Bezirkshauptmannes, der noch lange an der Spitze des politischen Bezirkes stehen möge. Diesem Wunsche schließt sich die gesammte Bevölkerung des Bezirkes an. Odcrberg Bahnhof, am 10. September 1900. In Ergänzung unseres Berichtes in der letzten Nummer über die Einweihungsfeierlichkeit des neuerbauten israelitischen Tempels in Oderberg wird uns von dort geschrieben: »Von der aufrichtigen Antheilnahme unserer christlichen Nachbarn an unserer Freude zeigt schon der Umstand, daß die meisten Häuser derselben schon Tags vorher beflaggt waren. Um einviertel 12 Uhr Vormittags fanden sich einige Herren am Bahnhofe ein, um die angekommenen Gäste zu begrüßen. Als solche waren erschienen: Der löbl. Vorstand der Cultusgemeinde Mährisch-Ostrau mit dem Präses Herrn M. S t r a ß m a n an der Spitze; ferner Se. Ehrwürden Herr Dr. Spira und Herr Obercantor Türk, sowie die anderen Cantore mit dem ganzen Chorpersonale, Se. Ehrwürden Herr Dr. Leimdörfer, Rabbiner aus Teschen, Herr Dr. Blüh, Rabbiner aus Troppau, Herr Dr. Tauber, Rabbiner aus Prerau, Herr Dr. Blumenthal, Rabbiner aus Ratibor, und Herr Dr. Bergmann, Rabbiner aus Friedeck. Um 2 Uhr Nachmittags versammelte sich die illustre Gesellschaft im Saale Safier, welcher bis jetzt als Bethaus benützt wurde. Nachdem das Minchagebet vom Herrn Obercantor Türk vorgetragen wurde, hielt Herr Dr. Tauber aus Prerau die Abschiedsrede, in welcher er, anknüpfend an die Worte des Haftorah, die rasche Entwicklung des Bethausvereines, unterstützt von dem liberalen Sinne der Mitbürger, schilderte und schließlich die Gemeinde ermahnte, auch dieser provisorischen Stätte der Andacht ein frommes Angedenken zu bewahren. Nach der Executirung des Psalmes 116 durch den Chor setzte sich der Zug in Bewegung zum neuen Tempel. Den Zug eröffneten die Militärveteranen, welchen sich die Feuerwehr anschloß, hierauf folgten weißgekleidete Mädchen, dann die Priester und Cantore im Ornate, die Thorarollen unter dem Baldachine tragend, die Cultusvorstände und die nach Tausenden zählenden einheimischen und fremden Festgäste. Beim Tempel angelangt, bildeten die Veteranen und die Feuerwehr Spalier, durch welches sich der Zug bewegte. Es hatten sich hier eingefunden: K. k. Landesregierungsrath Johann Werlik, die Gemeindevertretung von Oderberg Bahnhof und Oderberg Stadt mit den Herren Bürgermeistern, sämmtliche Spitzen der k. k. österreichischen Staatsämter, sowie die Vertreter der Nord-Kaschau-Oderberger österreichischen und preußischen Staatsbahn und noch mehrere. Honoratioren. Herr Leopold Ka ß l e r, Obmann des Bethausvereines überreichte den Schlüssel Herrn Straßman, Präses der Mährisch- Ostrauer Cultusgemeinde, welcher mit einigen Dankesworten die Pforten des Tempels erschloß. Unter Klängen des Harmoniums vollzog sich nun in größter Ordnung der Einzug und Jeder nahm an dem ihm zugewiesenen Sitze seinen Platz. Nachdem die Thorarollen in die Bundeslade gestellt waren, begann die Verlesung der Urkunde hebräisch und deutsch durch die Herren Josef Zänker und Victor Lustig. Herr Dr. Spira hielt eine kleine Einleitungsrede, woraus die Versenkung der Urkunde mit dem üblichen Steinklopfen unter Anwendung hebräischer und deutscher Sprüche geschah. Herr Obercantor Türk intonirte sodann mit gewohnter sonorer Stimmentfaltung den Psalm 21, worauf der Psalm 150 von dem wohlgeschulten Chore wirkungsvoll gesungen wurde. Hierauf betrat abermals Herr Dr. Spira die Kanzel, um vor und nach dem Anzünden des ewigen Lichtes die Bedeutung desselben als Symbol der unsterblichen menschlichen Seele und der Thora in kurzen Worten hervorzuheben. Es wurden nun die Thorarollen ausgehoben und ein Umzug mit denselben gemacht, wobei der neuengagirte und erst kürzlich angelangte Obercantor Herr Jonas G o l d m a n n die üblichen Gesänge und Recitativen mit seiner wohlklingenden Baritonstimme würdevoll ausführte. Nun betrat Herr Dr. Spira zum drittenmale die Kanzel und hielt die Festrede, welche den Glanzpunkt der ganzen Feier bildete. Die Rede machte einen gewaltigen Eindruck auf die Zuhörer aller Confeffionen. Mit Absingung der Volkshymne ward die Einweihung beendet. Um 6 Uhr Abends schloß sich ein rituelles Festdiner der Feier würdig an, wo im Saale Safier bei einem Menu aus vorzüglichen Speisen und Getränken mit prompter, nobler Bedienung die geistvollsten und witzreichsten Toaste ausgebracht wurden. Nach Begrüßung der Gäste durch Herrn Victor L u st i g brachte Herr S t r a ß m a n n den ersten Toast auf Se. Majestät den Kaiser aus, welcher stehend angehört wurde und auf welchem die Hymne folgte. Hierauf toastirte Herr Dr. Beer auf den Landesregierungsrath Werlik, der Herr Landesregierungsrath in liebevollen Worten auf den Bethausverein, Herr Dr. Tauber auf die israelitische Gemeinde Mährisch-Ostrau, Herr Dr. L e i m d ö r f e r auf die Eintracht der Nationalitäten und Confeffionen, der Herr Bürgermeister Josef Edler von Portenschlag-Ledermeier auf den Rabbiner Doctor Spira, Herr Josef Zänker auf den Herrn Bürgermeister und die Gemeindevertretung, später auf den Lehrkörper, Herr Dr. Spira auf die Staatsbeamten, Herr Dr. Blumenthal auf die freundschaftlichen Beziehungen von Oesterreich und Deutschland, Herr Dr. Bergmann auf den Pfarrer I e z i k, Pfarrer Jezik auf die Oderberger Frauen, Herr Lustig auf die Vertreter der Nordbahn, der Vertreter der Nordbahn auf die fremden Frauen, Obercantor Jonas Goldmann auf die Militärveteranen und die Feuerwehr. Entschuldigungs- und Gratulationsschreiben und Depeschen sind eingelangt von Seiner Excellenz Grafen Larisch-Mönni ch, Landeshauptmann von Schlesien, von Herrn Baron Rothschild, von Herrn Ritter von G u t m a n n, von Herrn Superintendenten Dr. Theodor H a a s e, welcher in sehr schönen und segensvollen Worten sein Bedauern über sein Nichterscheinen ausdrückte, von Dr. Steiner, Rabbiner in Bielitz, und noch vielen Anderen. Herr L u st i g las alle diese Briefe und Telegramme vor, worauf die ganze Festversammlung ein donnerndes, langanhaltendes und dreifaches »Hoch" auf die Nichterschienenen und ihr Fernbleiben Entschuldigenden ausbrach: Hervorzuheben ist noch, daß sich nebst der Opferwilligkeit und der Thätigkeit sämmtlicher Ausschuß- und Gemeindemitglieder besondere Verdienste um das Gelingen des Werkes Herr L. Keßler, Herr Victor L u st i g und Herr Josef Zänker erworben haben. Ein Tanzkränzchen beschloß die glänzende Feier, welche noch lange eine wohlthätige und erhebende Erinnerung in dem Gemüthe der Betheiligten zurücklassen wird.