Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 38 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 88 Dk, V'och's Wochrnschrifk. seue 887 Correspondenzen. Wien. (Ein Berliner Bürgermeister.) Die Stadt Berlin hat dieser Tage einen neuen Bürgermeister erhalten in der Person des Herrn B r i n k m a n aus Königsberg, dessen Bestätigung die Regierung soeben vollzogen hat. Wahrlich, wir in Wien dürfen mit Neid auf die Stadt blicken, die einen solchen Mann an der Spitze hat. Bei der Einweihung einer neuen Synagoge in Königsberg am 25. August 1896 hielt B r i n km a n eine Rede, die den Geist dieses Mannes am besten zeichnet, weshalb wir sie an dieser Stelle im Wortlaut bringen: „Wir leben", so begann der Redner, „in einer stürmischen, ich möchte sagen, wilden Zeit, in der längst veraltete Anschauungen sich wieder ans Tageslicht wagen. Falsche Begriffe von Ehre und Ehrgefühl werden wieder wach und trotzen befferen und aufgeklärten Meinungen, ganze Stände und Bevölkerungsclaffen werden aufgerufen zum Kampfe des ein n Standes gegen den anderen, der einen Elaffe gegen die andere Claffe. Vergessen sind die Lehren und Erfahrungen früherer Zeiten, der große König Friedrich II. scheint umsonst gelebt, und Lessing seinen Nathan umsonst geschrieben zu haben. Da will mir der heutige Festtag wie das Aufleuchten einer befferen und schöneren Zeit erscheinen. Wir haben es ja heute gehört, daß die wahre Relogiösität nichts anderes ist als das Streben nach Wahrheit. Auch die hiesige Synagogengemeinde legte einen Beweis dieses Strebens ab, indem sie den Bau eines Tempels in Angriff nahm und vollendete; denn sie hat die Religrösität ihrer Mitglieder fördern wollen und dann ist mit der heutigen Einweihung von ihr ein Sieg errungen, der die Mitglieder der Gemeinde die Unbill der Zeiten und der Menschen wohl vergessen lassen kann. Deshalb gereicht es mir zur ganz besonderen Freude, als Mitvertreter der städtischen Behörden dazu ausersehen zu sein, die Synagogengemeinde zu dem wohlgelungenen Werke von Herzen zu beglückwünschen und ihr den Dank für die Einladung zur Feier auszusprechen. Mit noch mehr Stolz aber möchte ich behaupten, daß an diesem Feste die gesammte Königsberger Bürgerschaft freudigen Antheil nimmt. Denn gehobenen Hauptes und ihrer Zustimmung sicher darf ich es wohl aussprechen: Hier in Königsberg leben die Bekenner aller Confessionen in Frieden und Eintracht neben- und miteinander. Daß dem aber so ist, daran hat auch die hiesige jüdische Bevölkerung selbst kein ganz geringes Verdienst. Darf ich beginnen mit dem, was mir zunächst liegt, so muß ich rühmend und dankend anerkennen die aufopfernde Mitarbeit und Hingabe unserer israelitischen Mitbürger, nicht blos in der städtischen Verwaltung, sondern überhaupt in allen öffentlichen Angelegenheiten. Nur ungern und gewiß zum Schaden der Gesammtheit würden wir missen die Anhänger des mosaischen Glaubens in unserer Stadtverordnetenversammlung, in unserem Magistratscollegium, in den vielerlei Commissionen und Deputationen, in den städtischen und sonstigen Ehrenämtern, und so manches schöne und gute Werk wäre unterblieben, oder doch nur halb geschehen, wenn nicht unsere jüdischen Mitbürger mit Rath und That mitgeholfen hätten und noch mithelfen würden. Und wie wenig beanspruchten sie selbst dagegen unsere Mithilfe, zufrieden allein mit den Privilegien, die ihnen schon lange zustehen. Und wenn man die Listen Derer durchsieht, welche aus städtischen Mitteln Unterstützungen beziehen, so muß ich eingestehen, daß unsere jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen von der Armenpflege nur wenig Nutzen haben. Nicht daß ich meinte, Armuth käme bei ihnen überhaupt nicht vor, aber stärker als anderswo wirken bei ihnen die Bande der Familienzusammengehörigkeit und der Freundschaft; groß und bewundernswerth ist ihre Gatten- und Kindesliebe, und mancher glaubenseifrige Christ könnte sich hierin an ihnen ein Vorbild nehmen. Wer endlich Gelegenheit gehabt hat, zu sehen, wie häufig gerade die Herzen und Hände der Juden sich öffnen, um auch fremde Noth zu lindern oder um segensreiche Einrichtungen für das Gemeinwohl zu fördern, der wird gern das Wort unseres Kaisers unterschreiben, daß chrrstlich-social eigentlich ein Unding ist. Ist doch in der That Wohlthätigkeit wie überhaupt jede edle Gesinnung keiner einzigen Religionsgemeinschaft allein eigenthümlich, und doch ist umgekehrt zu einem gottgefälligen Leben das Festhalten an mehr äußeren Dingen und Gebräuchen nicht absolute Vorbedingung. Auch das hat man, wie mir wohlbekannt ist, in unserer Synagogengemeinde längst eingesehen. Nicht abgeschafft sind die Gebräuche der Voreltern, wohl aber hat jedes Mitglied die Freiheit seines Thuns und Lassens, und dieser Nichtgebundenheit an Formen und Gebräuchen entspringt dann wieder jene freiere Auffaffung von göttlichen und weltlichen Dingen, die schon den weisen Nathan zierte und heute wie früher einen nicht zu unterschätzenden Vorzug insbesondere des gebildeten Juden ausmacht. Empfänglich für jede weitere Entwicklung des Menschengeschlechts, erglüht für Kunst und Wiffenschaft, erfüllt vor wahrer und echter Humanität, dabei folgsam den Staatsgesetzen und treu dem Könige, so sehe ich im Geiste, und nicht ich allein, denselben Juden, den man ehemals verbrannte, und dem heute nur die verblendeten Fanatiker seine Rechte kürzen wollen; so muß er Allen erscheinen, die nur gerecht sein wollen, und wenn dereinst, vielleicht erst nach Jahrhunderten, die Gesetze der Religionen und Confessionen sich derart ausgeglichen haben werden, daß der Mensch nur noch nach seinem inneren Werth geschätzt und beurtheilt wird, alle anderen Unterschiede dagegen bedeutungslos geworden sein werden, wenn einmal das Menschenthum diesen Triumph erleben wird, — dann wird, so hoffe ich, bei der Frier dieses Triumphes die Königsberger Synagogengemeinde nicht unbetheiligt bei Seite stehen." Die mit stürmischem Beifall aufgenommene Rede klang in ein begeistertes Hoch auf die jüdische Gemeinde zu Königsberg aus. Man darf sich freuen, einen Mann von so humaner Weltanschauung mit an der Spitze der deutschen Reichshauptstadt zu sehen. Wien. Frau Rosalie Hofbauer, Gattin des bekannten Modewaarenhändlers Bernherd H o f b a u e r, Tuchlauben, sah sich veranlaßt, durch ihren Rechtsvertreter Dr. E l b o g e n folgende Klage beim Bezirksgericht Währing zu überreichen: „Donnerstag den 16. August, halb 9 Uhr Abends, fuhr ich mit dem vom Peter nach Pötzleinsdorf verkehrenden Stellwagen im rückwärtigen, vier Personen faffenden Coupe. In meiner Begleitung war mein Sohn Max H o f b a u e r und die bei uns bedienstete Cassierin Regine E h r e n f r eu n d. Beim Jubiläumstheater stieg der mir bis dorthin unbekannte Franz Mohr, Währinger - Gürtel 105, derzeit Hameaustraße 46. ins Coupö. Bei Nr. 75, Währingerstraße, ersuchte ich den unseren Wagen begleitenden Conducteur, mich auf einen Augenblick aussteigen zu lassen. (Bemerkt sei, daß so ziemlich bei jeder Tour die Conducteure die Wagen zwei bis drei Mal anhalten, um rasch Commiffionen zu verrichten.) Der Conducteur sagte mir höflich »Bitte", und wollte mich aussteigen lassen. In diesem Momente fing der mir schräg vis-a-vis sitzende Mohr zu schreien an, das gäbe es nicht, ich dürfe nicht aussteigen. Ich unterließ es und bemerkte: „Ich wäre ja nicht ausgestiegen, wenn der Conducteur es nicht erlaubt hätte; Sie sind ja nicht der Conducteur." Darauf meinte Mohr sofort: „Das kann einem nur passiren, wenn man mit so einer gemeinen Person, wie Sie sind, fährt; Sie gemeine Tarnopoler Jüdin. Sie sind eineGänslerin von der Glockengasse." Auf meine Bemerkung, daß ich mir das nicht gefallen laffe, wurde der ganze antisemitische Schimpflexikon schreiend und krächzend hergesagt: „I ch bin grob, ein sehr grober Mensch, aber nur gegen die Juden, seit unser LuegerBürgermeister ist, seid Ihr Juden der Niemand, nicht einmal so viel als der abgetragene Stie felfetz en." — Ich bemerkte zu meiner Cassierin — natürlich zitternd vor Aufregung, wegen der mir widerfahrenen Unbill: „Der Schneider oder Schuster ist gewiß froh, von einer Tarn opo lerin Arbeit zu bekommen," auf das Mohr zu mir wieder sagte: „W a n's net glei' still san, bekommen S'z w a Flaschen!" Bis dahin war das vordere Coupe besetzt; jetzt stiegen einige Passagiere aus. Fürchtend, wirklich thätlich mißhandelt zu werden, setzte ich mich nach vorne. Beim Aussteigen sagte noch Mohr: „Jetzt ruhig benehmen, sonst gibt's jetzrauchnoch was!" Am ganzen Körper zitternd vor Aufregung kam ich nach Hause, wo ich sofort in eine tiefe Ohnmacht verfiel; zwei Tage konnte ich nicht essen und nicht schlafen wegen des mir Widerfahrenen. Ich stelle die Bitte, das löbliche Gericht wolle Franz Mohr wegen des mir angethanen Schimpfes, wegen der Beleidigung und thätlichen Bedrohung nach dem Gesetze bestrafen und als Zeugen den Conducteur Anton S e d l m a i e r, meine Cassierin und meinen Sohn vernehmen." Franz Mohr, der früher bei der „Reichspost" war und jetzt beim „Deutschen Volksblatt" ist und, muthig wie alle seine College» den Gerichtssaal scheut, hatte nicht den Muth, bei der Samstag den 15. September stattgefundenen Verhandlung zu