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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Sllt. 38 Dr. Bloch's Wochenschrift» Seite 685 Vollendung war der Verdienst meist aufgezehrt durch den großen Verbrauch — weniger an Schreibstoff, als an Wein und Bier. Nicht jeder hatte, wie der Mönch, neben dem Scriptorium das Refectorium. So heißt es in einer der mit einem köstlichen Galgenhumor 52) gewürzten Schreiberunterschriften: „Ich habe dyß büchelyn geschribin Das lon ist zu dem byer blebin." 53) Doch artet dieser Humor mitunter in Frivolität aus, wie folgender Vers zeigt: „O got durch dine güte Beschere uns kugeln und hüte, Mänteln und rücke, Geisse und böcke, Schofe und rinder, Vil frowen und wenig kinder." Diese Spottlust rechtfertigt einigermaßen den üblen Ruf, in dem die Schreiber hier und da standen. Ein jüdischer Autor des Mittelalters wendet auf sie witzig ein Schriftwort an.") Der Patriarch Jakob bezeichnet zwei seiner Söhne als k’le charaas „Waffen der Gewalt." Die drei Consonanten des Wortes ebarnas „Gewalt" ed, m und 8 sind die Anfangsbuchstaben der drei Worte Chazanim „Cantoren", Ill’lamra’dim „Schulmeister" und sof’rim „Schreiber". Auf diese drei Stände überträgt also unser Autor den Tadel des Patriarchen. Doch die Schreiber wußten sich für diesen Spott zu rächen. In ihrem Solde stand der Dämon, der später als „Druckfehlerteufel" so gefürchtet werden sollte. Wenn der chinesische Schreiber das Wort „ngo“ schreiben soll, welches „schöne Frau", aber auch „Schmetterling" bedeutet55), so läßt sich leicht „aus Versehen" das eine mit dem anderen Zeichen vertauschen. Henry Etienne erzählt von einem Corrector. der, wenn er im Text ein ihm unbekanntes Fremdwort fand, ein ihm bekanntes, welches ähnlich klang, dafür einsetzte, so einmal statt procos „Liebhaber" porcos „Schweine". Im Jahre 1647 schrieb der Pariser Professor Flavigny in einer Streitschrift: Quid vides festucam in oculo fratris tui et trabem in oculo tuo non vides.“ Statt „oculo“ las man im Texte „e u 1 o“. Der Professor wurde wegen blasphemischer Anwendung heiliger Texte angeklagt. In einer Rede des Abbe Sieyes während der großen Revolution setzte der Drucker statt ,.j’ai adjure“: „j’ai abjure la Republique“. Dieser Druckfehler hätte, wenn nicht rechtzeitig entdeckt und beseitigt, den Abbe den Kopf kosten können. Als Napeleon I. die Allianz mit Rußland erstrebte, sollte der Moniteur die Wendung bringen: ,,Les deux souverains d’ont l’union ne peut qu’etre invincible“. Statt „l’union“ las man aber „I'nn“.5e) Wir sehen hier die Schrift bereits ihres religiösen Charakters entkleidet. Das Streben der orientalischen Despoten, 55) Watt. 515. Das. aus b. I. 1476: Hie hat das Puch ein end. Gott unß sein gnad send, darzu ochsen und rinder und ein schon frawe on kinder. Oder: Explicit hoc totum pro Christo da mihi potum. Zum Reim auf expliciunt kommt man auf den H lt n d, z. B. in: Expli eit expliciunt Sprach die katz zu dem Hund: Bißt du mich, So kratz ich dich. Die jüdischeli Schreiber ziehen den Esel vor in Sprüchen wie: „Meine Kunst mir heut und ewig frommt So lange, bis der Esel auf die Leiter kommt." Vgl. Magazin für die Wissensch. des Judenthums I 96. Dukes, Zur rabbin. Spruchkunde, Wien 1851, Seite 38 u. s. (auch sonst macht man den Esel zum Träger der Literatur, vgl. Watt. 120), Steinschneider, Handschriftenkunde 48 fg. 53) So sagen auch die Buchdrucker (Faulm. B. 332): „Weil man die Schriften und Papier wohl feucht muß haben, So pflegen doch mit Wein und Bier die Gesellen sich zu laben." 54) Zunz, Zur Geschichte 202. ^) W. 391. 56) Faulm. B. 228. 331. 391. 518 die Grenzen der Menschlichkeit zu durchbrechen, hatte sich die Schrift dienstbar gemacht; sie sollte ihnen helfen, Zeit und Raum zu überwinden. Sie, die sich Götter fühlten, nahmen auch für sich das Vorrecht der Götter in Anspruch, das Andenken ihrer Thaten zu verewigen. So finden wir, abgesehen von den durch besondere Vorkehrungen gegen jede zerstörende Einwirkung geschützten Felseninschriften,57) an der Seite des Perserkönigs stets, dem Nebo, dem Schreiber des Himmels, und dem Merkur, dem Schreiber der Sonne, entsprechend, einen Hofhistoriographen,5S) der wie Ezra das Amt des Kanzlers s0) bekleidete. .Lerxes hatte in der Schlacht bei Salamis einen solchen in seinem Gefolge und läßt sich, wie das Buch Ester erzählt, in schlaflosen Nächten aus dessen Aufzeichnungen vorlesen. Alexander der Große ahmt die Sitte nach. Wie so der Zeit, so glaubte man den Schranken des Raumes trotzen zu können durch den Briefs). Durch ihn war der Herrscher allerorten in seinem Reiche gegenwärtig und gefürchtet; daher der vorzüglich geregelte Postendienst im alten PersienGl). Den Eindruck des Briefwesens auf uncultivirte Völker schildert eine spanische Erzählung aus der Zeit der Eroberung Amerikas, welche in den verschiedensten Variationen in den deutschen Märchenschatz übergegangen ist und sich in der Grtmm'schen Sammlung als die Geschichte „vom armen Jungen im Grabe" wiederfindetBi). * (Schluß folgt.) Die Juden in der Buchdruckerkunst. Hofrath Dr. Alfred B ö r k e l, städt. Bibliothekar, Mainz, constatirt in einem Artikel des „Israelit", daß die Juden der Erfindung Gutenberg's sofort das höchste Berständniß entgegengebracht haben. Waren es doch Juden, welche die Buchdruckerkunst in verschiedenen Ländern zuerst eingeführt und verbreitet haben, und zwar häufig mit Gefahr ihrer Freiheit und ihres Lebens. So entstanden in der Türkei durch die rastlose Thätigkeit der Juden bereits im 15. Jahrhundert in geheim gehaltenen Werkstätten gedruckte Bücher, und das strenge Druckverbot Sultan Bajazer's II. vom Jahre 1483, welches fein Sohn Selim I. unter Androhung der Todesstrafe 1515 erneuerte, hatte nicht den beabsichtigten Erfolg. Eine hebräische Geschichte des Josephus Ben Garion trägt als Beweis davon das Datum „Constantinopoli 1490", und eine Reihe anderer Druckwerke ist aus den Jahren 1492, 1500, 1506, 1509, 1515, 1516, 1598 u. s. w. datirt, ja bis 1737 läßt sich die geheime Druckthätigkeit der Juden in der Türkei verfolgen. Der wichtigste hebräische Druck aus jener Zeit ist der Tetraglottenpentateuch aus dem Jahre 1546, von dem die Wiener Hofbibliothek ein Exemplar bewahrt. Auch in Griechenland hatten zuerst und schon im 16. Jahrhundert die Juden Wanderdruckereien, mit denen sie bald hier, bald dort nach Bedürfniß ihre Religionsbücher herstellten. In Smyrna wurde die früheste Presse von Juden errichtet, in Safed (Syrien) erschien 1563 das Buch Daniel und 1578 der Ecclesiastes in hebräischem Druck, und auch in zahlreichen abendländischen Orten lassen sich jüdische Prototypographen Nachweisen, wie namentlich in Italien und Portugal. In Italien entstand schon 1475 zu Pieve di Sano bei Venedig der hebräische Druck „Rabbi Jacob in Asher, Arbah Turim" (in Folio), aus der Presse des gelehrten Rabbi Meshullam, mit dem Zunamen Kofi oder Kotzi, und im selben Jahre zu Reggio (Calabrien) des Rabbi Sal. den Jizchat Commentar zum Pentateuch, gedruckt vom Sohne des Isaak Abraham; und bereits 1476 druckte zu Mantua der Jude Abraham Chacim oder Konath. Berühmt als einer der frühesten hebräischen Druckorte ist Soucino bei Cremona, wo von 1484—1500 manches bedeutende Werk aus jüdischer Presse hervorgegangen ist. Als Drucker werden hier genannt: Josua Salomon, Israel Nathan 57) W. 676. 5S) W. 668. So auch bei den Assyriern (W. 646) und in Israel. Vgl. Gesenius, Hebr. Lex. s. v. zakar. 59) So war auch bei den Griechen grammateus Bezeichnung eines Staatsamtes (Watt. 416). 60) lieber den Brief s. Löw» Graph. Requis. II, 99 und Spitzer. Der Brief bei den Hebräern. °') W. 671. ") W. 466.

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