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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 684 Dr. Bloch's Wochenschrrfl. Nr. 38 Diesen Fortschritt zu einer Schrift, welche mit 25 Zeichen IM Billionen Worte schreiben kann39), verdanken wir dem Volke des Alterthums, welches diese Rücksicht nicht kannte, sondern nur kaufmännische Ziele verfolgte: den Phöniziern. Bon ihnen haben wir auch unser heutiges Alphabet. Denn die Einfachheit und Brauchbarkeit ihrer Schriftzeichen unterdrückte alle Ansätze zu eigener Schriftbildung, so die sogenannte mykenische Schrift und die nordischen SRutteit31). Es ist das Alphabet, mit dem die Bibel, der Koran, mtt dem Homer, Shakespeare und Göthe geschrieben sind. Und wie nach dem Volksglauben, wie wir gesehen haben, die Schrift die Dämonen überwunden hat, so hilft uns die Schrift auch heute im Kampfe gegen die beiden Dämonen, welche immer noch den Werken von Menschenhand Untergang drohen, den Dämon der Zeit und den Dämon der Unbildung, Soviel über Ursprung und Entwicklung der Schriftzeichen — und nun Einiges über ihre Anwendung. Es ist bekannt, wie die Menschheit von jeher ihre Wohlthäter behandelt hat. Jrn Kensington-Museum zu London liest man folgendes Urtheil einer wissenschaftlichen Zeitung aus dem Jahre 1819 über die damals zuerst uuftauchende Idee einer Äcomotiv-Eisenbahn: „Eher ließe sich erwarten, daß man sich im Artillerie-Laboratorium zu Woolwich mittelst einer Congreveschen Rakete befördern läßt, als durch die Gnade einer doppelt so schnell als unsere Postwagen laufenden Locomotivc." Der KönigSberger Schreiblehrer Bürger, der den Gedanken faßte, Schreibfedern32) aus Metall herzustellen, womit übrigens derOrient längst vorausgegangen war, wurde von der Schuljugend auf offener Straße verspottet und ging elend zu Grunde?3) Und was vom 19. Jahrhundert, das gilt in höherem Grade noch von den Zeiten eines Franklin, eines Giordano Bruno, eines Galilei und all' der anderen Märtyrer der Wahrheit. Um so auffallender ist das dankbare Andenken, welches gerade die Erfinder der Schrift, der folgenschwersten und geisterbefreiendsten Errungenschaft, im Gedächtniß der Völker gefunden haben. Der Chinese macht die Erfinder seiner Schrift zu Heiligen, der Armenier sagt in seinem Sprichwort: „Erst wer schreiben kann, ist ein Mensch", und ein alter egyptischer Autor durfte sein Werk mit den Worten schließen: „Trage dieses Buch bei Dir, gleich wie es geschrieben steht. Denn besser ist es, als alles andere, was im Lande ist", eine Wendung, die sich so und so oft fast wörtlich dem Buch der Bücher entnehmen läßt. D i e Bibel zeigt uns am deutlichsten, was einem einzigen Buche ein ganzes Volk zu verdanken haben kann. Nicht umsonst zerstörte der Clerus das Schriftthum der Heiden, verbrannten die Engländer die Archive der Chinesen 34) und die Spanier die Bücherschätze der Mexikaner. Weinend umstanden diese die Scheiterhaufen,33) auf denen ihr Schriftthum zu Grunde ging. Sie wußten, daß sie mit diesem Sckriftthum zugleich ihr Bolksthum einbüßten. Ein Volk ohne Gedächtniß, ohne gemeinsame Erinnerungen, hat aufgehört, ein Volk zu sein. Doch ist die günstige Aufnahme, welche die Erfindung der Schrift gefunden hat, nicht etwa der Dankbarkeit der Völker zuzuschreiben; denn eine solche kann erst rege werden, sobald die Volksseele zum Selbstbewußtsein erwacht ist. Die Schrift wurde vielmehr darum mit Freuden begrüßt, weil sie dem Bedürfniß der herrschenden Gewalten diente: die Priester brauchten sie, um ihre Kaste durch sichere Ueberlieferung zu festigen und sich durch die alleinige Kenntniß der Schrift unentbehrlich zu machen, und die Herrscher bedienten sich ihrer, um ihrem Worte an tausend Orten zugleich tausend Zungen zu geben und um ihre Thaten der Nachwelt zu verkünden. Auf die ursprünglich rein religiöse Bedeutung der Schrift weisen noch heute zahlreiche Spuren zurück. Das Wort „Religion" selbst kommt vom lat. religere „lesen", ja unser „Glauben" bedeutet eigentlich so viel wie „Klauben", „Lesen". Sie weisen da¬ 3°) Schreiber 13. 31) Ueber die Beziehungen der Runen zur semitischen Schrift s. Hirsch, Deutsche Literaturgeschichte I. Daselbst auch die beachtenswerthe Hypothese einer Beeinflussung Ulfilas durch Hieronymus s9 Ueber das Wort „Feder" siehe Geiger 17. S3) Schreiber 3. M) W. 416. 3S) W. 232. rauf hin, daß Religion ursprünglich in nichts Anderem bestand, als im Lesen der heiligen Schriften. Das englische elerk „Schreiber" ist das lateinische elerieus „Geistlicher". Noch heute finden wir in unseren deutschen Büchern 3°) das Wort GOTT oder HERR mit Anfangsbuchstaben geschrieben, nicht etwa weil es, wie Heine spottet,3') ein Kunstausdruck geworden ist, sondern als Ersatz für das Chrismon des Mittelalters. 39) Der Araber beginnt jedes Schriftstück mit einem Bismillah, einer Anrufung Gottes. Eine ähnliche Sitte hat sich bis auf den heutigen Tag in jüdischen Kreisen erhalten. 33a). Ja, nicht nur ihre Werke, auch ihr Werkzeug widmen schon in den ältesten Zeiten die Schreiber den Göttern, wenn sie sich zur Ruhe setzen.33) Wie im Mittelalter die Archive in Klöstern?") so brachte man sie schon im alten Babylon in der Nähe der Tempel unter.") Die ältesten Schriftdenkmäler aller Völker sind Weihe-Inschriften, Worte, an Götter gerichtet, Gebete. In diesen Weihe-Inschriften und Gebeten zeigt sich noch deutlich, wie wir gesehen haben, der ursprünglich magische Charakter der Schrift. Es sind Schriften, bestimmt, nicht sowohl von Menschen gesprochen, als vielmehr von Göttern und Dämonen gelesen zu werden?2) wie jenes Biederweib auf die Frage nach der Bedeutung ihrer Gebete antwortete: „Ob ich's schon nicht verstehe, so versteht's doch Gott." ") In den Palästen Babylons hat man Inschriften gefunden, welche der Innenseite der Mauer oder gar dem Fußboden zugekehrt waren.41) Man trug daselbst auch Thoncylinder mit Gebeten, welche auf eine Achse gesteckt und ähnlich, wie dies heute noch in Centralasien zu beobachten ist, wie eine musikalische Walze lautlos abgeleiert wurden.") Im Mittelalter legte man während der Fürbitte die Diptycha 46) auf den Altar, Bücher, welche die Namen der Bischöfe, Aebte und Wohlthäter der Kirche enthielten. In den Synagogen kannte man dementsprechend die Memorbücher, in welchen die Namen der Märtyrer „in memoriam“ verzeichnet waren. Dem Fellah gibt man noch heute Zettel mit Koransprüchen gegen innere Krankheiten ein, wie überhaupt die Quelle des ganzen Talisman- und Amulettenwesens hier zu suchen ist.47) Wie die persischen Könige um der Unparteilichkeit der Rechtspflege willen mit den Parteien schriftlich verhandelten, so legte man in Dodona48) seine Wünsche auf beschriebenen Bleiplättchen dem Orakelgotte vor, und auf demselben Wege ertheilte Zeus seine Antwort. Hierher gehören auch die Himmelsbriefe43) und himmlischen Alphabete unserer Jahrmärkte, sowie die Schriften der spiritistischen Medien. Schriftproben der Seherin von Prevost sind heute noch käuflich. Was heute die spiritistischen Medien, waren in gewissem Sinne einst die Priester. Die alleinige Kenntniß der Schrift gab ihnen überden Laien die Macht, welcheursprünglich die Dämonen über den Menschen ausgeübt hatten. In ihrer Hand wurde aber diese Macht zu einem Segen für die Menschheit. Wie aus dem Magier der Arzt, aus dem zekuru, dem „Geisterbeschwörer", der Chronist (mazkir), so wurde aus dem elerleus der literatus, aus dem Geistlichen der geistige Führer seines Volkes. Nur der Schreiber, dem seine Kunst eine heilige Sache war, wie z. B. der Mönch, dem die Ordensregel es vorschrieb,50) konnte sich der unsäglichen Mühe unterziehen, die Schätze des Wissens zu vervielfältigen; denn der Schreibersold war sehr karg bemessen.51) Noch vor der 3fi) Vergl. Faulm. B. 373. »9 Werke (Reclam) M, 538. 3S) Leist, Die Urkunde 42. Besondere Zeichen für „Gott" bei Faulm. S. 405. 3ia) Ueber die Heilighaltung der Schriftzeichen bei Juden und Arabern s. A. Epstein, Ueeberabes sur 1s Leker Jezira p. 1 u. 3. 38) Watt. 206. 4") Watt. 638. 41) W. 648. 49 Die „Runen" selbst „raunen". 43) Schudt, Jüdische Merckwürdigkeiten. 44) W. 634. 49 Ueber die Herstellung der oft mikroskopisch kleinen Buchstaben s. W. 653. Ueber Brillen: Watt. 288. 4G) Watt. 59. diptiea, dichtanel (? dichten). 47) Vergl. W. 650. 48) Watt. 47. 49) W. 39. 506. 677. — Die Assyrier nannten die Keilschrift nach Oppert: Llakrniru. Efrem (c. 370): Kumaroto (Priesterschrift), die Araber Hasik oder Schischim, Demokrit: „heilige Schrift" (vgl. W. 652, 673, 676). 60) Vgl. Grenzboten 1861, S. 399 ff. Flk. 10. M) Vgl. Löw, Graph. Requis. 26.

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