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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I Sir. 38 liche, deutschvolkliche, christlich-sociale und deutsch-radicale Candidatengegenübersteheu! Was haben die Juden in solchem Falle zu gewärtigen? Bestenfalls den Sieg des deutsch-fortschrittlichen, von welchen sie wohl gerade in diesem Falle eine schwache Vertheidigung bei den gegen sie geführten Angriffen erwarten können; wahrscheinlicher ist natürlich der Sieg eines der anderen Candidaten, welche, so heftig immer sie sich bekämpfen, einig sind in der Befehdung der Juden und die „Erhaltung verfassungsmäßiger Zustände und die Durchführung wirthschaftlicher-Reformen" mit Ausschluß der Juden anstreben. So sehen wir, daß die Juden wohl gut genug dazu sein sollen, die deutsche Gemeinbürgschaft zu stärken, daß sie aber eine Unterstützung für ihre schwer geschädigten Interessen nicht erwarten können. A. Da« Weib in der Schöpfungsgeschichte. In einer der jüngsten Versammlungen der sogenannten „christlichen Frauenvereine", mit deren Hilfe Wien der antisemitischen Reaction ausgeliesert worden, hat ein Redner seine Gelehrsamkeit glänzen lassen und seinen Zuhörern erzählt, daß die Stellung des Weibes bei den Juden die einer Sclavin war und daß diese Zurücksetzung des Weibes schon in den jüdischen Erzählungen von der Menschenschöpfung zum Ausdruck gelangt. Die antisemitische Auffassung der biblischen Schöpfungsgeschichte ist natürlich für Parteizwecke zugerichtet, und es wäre überflüssig, diesen Expectorationen eine eingehende Widerlegung zu widmen. Wir begnügen uns, aus einem Aufsatz: in den „Preußischen Jahrbüchern" von Dr. Med. Max Dreßler in Karlsruhe — gewiß ein unparteiischer Beurtheiler — nachstehende Stellen zu excerpiren: »Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf auf den Mann fallen, und er schlief ein, und er nahm eine seiner Rippen und schloß es mit Fleisch darunter zu. Und Gott der Herr baute aus der Rippe, welche er von dem Menschen genommen hatte, ein Weib." Wunderbarer Vorgang, meint das Kind und glaubt ihn, — Unsinn, ruft der Student wegwerfend, — wunderbar, denkt auch der Mann wie das Kind. Aber er glaubt nicht, er wirft auch nicht weg; er denkt darüber nach. Wie kommt ein Volk zu dieser seltsamen Anschauung? Warum schafft Gott nicht Mann und Weib gleichzeitig, sondern erst den Mann als einzelnen Menschen und geraume Zeit nachher das Weib zu seiner Gehilfin? Hat er doch vorher die gesammte Thierwelt paarweise entstehen lassen, und nun im letzten Schöpfungsact, beim Menschen, verläßt er das gewohnte Princip, schafft einen einzelnen Menschen, gibt ihm verschiedene Rathschläge, was er zu thun, was zu lassen habe. Dann findet er nicht gut, daß der Mensch allein sei und schafft ihm auf so seltsame Weise ein Weib. — Was bedeutet dies? In den Werken der Urmenschen liegt ein Stück Natur vor uns, sie erzählen uns, wie die Blume, der Wald, die ziehenden Wolken erzählen. Symbole werden uns gegeben; versuchen wir, sie zu deuten. Capitel 2, Vers 7 heißt es: „Und Gott, der Herr, bildete den Menschen aus Staub von der Erde, und er blies Lebensodem in seine Nase, und also ward der Mensch eine lebendige Seele." Der Mensch ist also lebensfähig, und er denkt, und worin äußert stch dieses Denken? „Er brachte die Thiere zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde." Der Mensch theilt mit allen Thieren die irdische Abkunft, aber durch Einblasen des göttlichen Odems wird er eine lebendige Seele. — Was khut diese Seele? Sie schaut die sie umgebende Welt an und gibt ihr Namen. — „Sie staunt nicht über die Fülle der prächtigen Erscheinungen, sie freut sich nicht über die Schönheit des reichbesetzten Gartens, sie fühlt den Gott nicht, dessen Stimme sie hört, Andacht durchschauert sie nicht, Demuth beugt sie nickt nieder, Jubel erfüllt sie nicht, — nein, sie gibt dem Thierreich Namen." Dies ist die Thätigkeit des Verstandes. Der Verstand ordnet und trennt, stellt Gleiches zu Gleichem, er braucht Systeme. Die Thätigkeit der lebendigen Seele ist logisches Denken. Die Sette 679 Logik hat ihr Gebiet in der gegebenen Wirklichkeit, darüber kann sie nicht hinaus. Das Verbot, nach Erkenntniß von Gut und Böse zu streben, berührt sie nicht, — „man könnte ebenso gut einen Blinden verbieten, ins Blaue zu sehen". — „Der Mann hätte von sich aus allein niemals in den verhängnißvollen Apfel gebissen, aber Verdienst war dabei keines, denn was für ein Mann war das auch? Ei» lebensfähiger Organismus und reiner Verstand geben noch keinen Menschen, es muß eine neue Sphäre seinem Wesen gleichsam zur Hilfe hinzugeschaffen werden." Aus der Brust, dem Sitz des Herzens, entsteht das Weib, — der kalte Verstand schläft bei dieser Schöpfung. Als er auswacht, erinnert er sich sogleich seiner Pflicht und benennt sie — „Männin", aber dies ist kein bloßes Nennen mehr, es ist ein Ruf freudiger Ueberraschung. „Das bin doch Ich!" Was unbewußt in seinem Innern schlummerte, ist zur lebendigen Erscheinung geworden. Aber nicht als fremdes Object seines logischen Denkens steht das Weib vor ihm. Er hatte bisher nur das beschränkt egoistische Gefühl gekannt. Sein einziger Zweck war die Srlbsterhaltung, Er fühlte nur sich selbst, er fühlte nicht mit der Welt. Darum war der Mensch allein, und das war nicht gut. Nun hat sich mit einem Schlage Alles geändert. Eine Frau ist entstanden, der er fich liebend anschließt. Das Jch-Gefühl hat sich erweitert, ist auf ein anderes gegenständliches Wesen übergegangen. Mit der Schöpfung des Weibes tritt der logischen Betrachtung die ästhetische Anschauung der Welt zur Seite. Der Egoismus hört auf. die Liebe beginnt. Liebe ist die Fähigkeit, sich im All und das All in sich zu fühlen, nicht im gewöhnlichen Sinn als Affect. der zum sogenannten Sündenfall führt. Adam fällt ja gar nicht, er steigt. Gott sagt von ihm: „Siehe, Adam ist geworden wie unser Einer." Freilich ist er dadurch dem Tode verfallen; dies ist aber nur ein symbolischer Ausdruck für das Ende der paradiesischen Unschuld. Das Weib ist für den Menschen Welt und Ich. Durch ihre geheimnißvolle Doppelnatur stellt fie das fehlende Band zwischen Welt und Mensch her. Zum erstenmal empfindet der Mensch sich selbst im äußeren Gegenstand. Nicht Sinne und Verstand allein haben jetzt ein äußeres Object in der Wirklichkeit, auch das Unbewußte, das Gefühl hat eine Objectivirung erfahren, ist sicht- und greifbar geworden. Der Mensch fühlt anschauend, das ist das Wesen der Weibschöpfung. Das Weib ist für den Mann halb Ich und halb die Welt, und durch sie ergreift er die Welt mit seinem Gefühl. Diese Natur, die vordem nur ein Rechenexempel für den kalten, einsamen Verstand gewesen, rückt nun dem Herzen des Mannes nahe, jetzt ist er nicht mehr allein in der Schöpfung; durch die Bande des Gefühls hineingezogen, wird er zum lebendigen Theil des Alls. Jetzt erkennen wir, was für ein Wesen der erste Mensch war, ehe die Schöpfung des Weiblichen ihn zum ganzen Menschen machte." Reine Mathematik. Was macht der Verstand aus der Welt, und was kann er schließlich aus ihr machen? In seiner Arbeit, die Außenwelt naturwiffenschaftlich zu sichten, kommt er zuletzt bei der Molekularbewegung an. Die Außenwelt löst sich in ein Gewirr von Schwingungen kleinster Theile, verschieden nach Größe und Dauer, und auf die gleiche- Zeiteinheit berechnet, ist es schließlich nur die Schwingungsgröße, die alle Unterschiede in der wahrgenommenen Welt ausmacht. Da den schwingenden kleinsten Theilen auch keine Realität zuertheilt werden kann, so bleibt als letzte Bestimmung der Außenwelt die Schwingungsgröße, und da auch diese keine reale Bedeutung hat» so finden wir als letztes Kennzeichen der Wirklichkeit nur das Verhältniß der einzelnen Schwingungsgrößen zu einander, das heißt einen Bruch. Möglich, daß es Menschen gibt, welche die Auflösung der Welt in ein Zahlenverhältniß befriedigt, für andere geht aber diese Rechnung nicht ohne Rest auf, und dieser Rest heißt „Weib". Wären wir aus dem ersten Zustand der Menschschöpfung stehen geblieben, so könnten wir als fleißige Schüler mit unserem Rechenheft vor Gott treten und sagen: „Hier hast Du die letzten Namen, die der Verstand uns gestattet, den Dingen zu geben, wir sind zu Ende." Aber durch das Weib haben wir die Fähigkeit der ästhetischen Anschauungsweise, die, einmal geboren, ihre Netze um die weite Welt zieht; was früher nur ein Object verständigen Anschauens war, wird nun Gegenstand des allumschlingenden Gefühls. Nein, jetzt ist der Mensch nicht mehr allein, — was er sieht, hört und betastet, in Allem fühlt er sich selber lebendig. Dr. Blocht Wochenschrift.

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