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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 678 Nr 38 Dr. Blvch's Wochrnfchrtfk. Gesandten, die ihre Erlöser mit vorräthigem Champagner bewirtheten. Der einzelne Mörder Ketteler's ist auch schon gefunden, aber die sicheren Berichte, welche auch den allgemeinen Gesandtenmord seinerzeit meldeten, melden uns heute, daß der Mörder vorgibt, im Aufträge der chinesischen Machthaber gemordet zu haben. Dieselben Berichte sagen uns auch, daß die Chinesen fürchterlich lügen, voller Ränke sind, daß man ihnen nichts glauben kann. Man frage tausendmal, was uns Juden, die wir selbst in Noch und Bedrängniß sind, das weite jedenfalls verworfene Volk der Chinesen ang-che; nein, ein altes großes Reich, das von fremden Eroberern so verwüstet, erschreckt und bedroht, noch dazu die freche, uneingeschränkte Lüge über sich ergehen lassen muß, ohne daß nur ein einziger Laut seines Wiverspruches zu uns, den Belogenen, die Gräuel wenigstens mildernd, dringen-kann, erregt uns Juden tief. Wir wollen nicht feige genug sein, unser Mitleid zu verschweigen. Wir haben außer unseren Leiden auch noch Raum für diesen großen Schmerz — denn die Lüge, das ist eben Juda's großer Weltenschmerz, den es durch die Zeiten getragen hat, das ist der Schmerz unserer trübseligen verworrenen Zeit, und ernst angesehen, ist es auch der Schmerz Oesterreichs, wie er zur Zeit der Parlamentswahlen in gewiß nicht erbaulicher Weise zu Tage treten wird. Alle Anzeichen sprechen schon laut dafür, daß kommen werde die Zeit der Lüge zur Bethörung der Völker. Und über die Länder wird gesprochen. Allenthalben wird bereits gerüstet — zur Lüge. Lügen werden die Christlich- Socialen über die Juden, die Czechen über die Deutschen, die Deutschen über die Czechen, lügen werden die Liberalen über den Liberalismus und die Jesuiten-Clericalen über ihr Reich der allgemeinen Liebe. Man kann gut, wie es bereits im Rahmen dieser Blätter geschehen ist, den Juden gute Lehren und Rathschläge für ihre Haltung während der Parlamentswahlen ertheilen; chnen etwas Macht zum Einstehen gegen die Lüge und für die Wahrheit ertheilen, thäte ihnen besser. Das könnte noch am wirksamsten die Regierung besorgen. An diese richten wir lauten Appell. Sie kann.uns fördern und stärken, sie kann uns in unsere wohlverbrieften Rechte wieder einsetzen, sie kann aufhören, uns als rechtlose Nummer im verwegenen politischen Würfelspiele zu benützen und könnte uns im Wahlkampfe als muthige Streiter beiweitem bester wie als eine den Parteien hingeworsene Beute verwerthen. Ein Wink von ihr und wir werden ihn verstehen, uns mit aller unserer Intelligenz, mit unserem ungetrübten Patriotismus gegen Lüge stemmen und für Wahrheit stimmen. Der Parlamentarismus, den zu erwerben die Juden einen werthvollen Beitrag leisteten, die Verfassung, steht in Frage, wohlan, man rufe sie wieder an, für die Erhaltung der großen Errungenschaft Oesterreichs mitzukämpfen. Ein großer entscheidungsvoller Kampf steht bevor, die Juden wollen mitkämpfen, wir rufen nun zunächst um Ausfolgung unserer Waffen, um Einreihung ins- Heer — das ist die Herstellung unserer vollen Gleichberechtigung! Als Bürger zweiter Kategorie im Banne der über uns verbreiteten Lügen werden wir schwerlich etwas vermögen. Die deutsche Gemrindürgschssk. Mit unausgesetzter Aufmerksamkeit verfolgt die Judenschaft Oesterreichs die Vorgänge in den einzelnen Kronländern und die Vorbereitungen zur Reichsrathswahl. Ist sie sich ja dessen bewußt, daß alle Actionen und Ereignisse sie nicht allein in ihrer Eigenschaft als Staatsbürger in politischer und wirthfchaftlicher Richtung treffen, sondern mehr noch, sie als Juden zum Blitzableiter unzufriedener Elemente machen und zum Werkzeuge nicht gerade stets scrupelloser Absichten pressen. In zahlreichen czechischen Gemeinden Mährens und Böhmens befürchten die Juden die Wiederholung jener vor zwei und drei Jahren stattgefuudenen Excesse, bei denen ihnen als „Deutsche" nicht nur die Fenster eingeschlagen wurden, sondern auch mit Gewaltthätigkeiten vorgegangeu wurde, und in mindestens ebensoviel Gemeinden Böhmens wurde gegen sie in gleicher Weise von den Deutsch-Radicalen vorgegangen; nicht anders wird es wohl in Galizien und der Bukowina ihnen ergehen, wenn sie von der einen Partei aufs Heftigste bekämpft werden, weil sie den Regierungscandidaten unterstützen, und von der anderen Partei, weil sie es nicht ausgiebig genug thun. Das bedeutendste Ereigniß der letzten Tage war unstreitig die am 16. d. M. stattgesundene Obmännerconferenz der Linken, und mit ziemlich gemischten Empfindungen sahen wir die Vertreter von Parteien einmüthig berathen, die vor und nach der Konferenz als die erbittertsten Gegner sich repräsentiren. Mußten wir uns doch fragen, warum es nicht möglich sei, die Uebereinstimmung, welche im Kampfe für die Erhaltung der Verfassung Oesterreichs zwischen den verschiedensten deutschen Parteien erzielt wurde, auch auf die Erhaltung der durch die Verfassung staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte der Juden zu übertragen. — In der Resolution, welche das aus den Obmännern Dr. Groß, Dr. Bärnreither, Kaiser und Doctor Lueger bestehende Comitä verfaßte und welche zur einhelligen Annahme gelangte, wurde versichert, daß die Mitglieder der bisherigen Obmanner-Conferenz in ihren Parteien dahin wirken werden, daß solche Männer als Abgeordnete aus den Wahlen hervorgehen, welche für die Erhaltung verfassungsmäßiger Zustände und für die Durchführung wirthfchaftlicher Reformen einzütreten erklären werden. Sind es verfassungsmäßige Zustände, wenn im Reichs- . rathe und Landtage widerspruchslos, ohne daß irgend ein Abgeordneter auch nur den geringsten Protest einbringt oder gar einbringen darf, Anträge auf Entrechtung der Juden, Schußgeld und Aehnliches gestellt werden dürfen, und können als wirthschaftliche Reformen jene Anträge und Berathungen gelten, welche in der letzten Session beinahe angenommen wurden, wie das Hausirgesetz, das Verbot des Detailreisens, die Erweiterung des Befähigungsnachweises, die Verstärkung des Einflusses der antisemitischen Genossenschaften. In der Ueberzeugungvonder unbedingten Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der deutschen Gemeinbürgschaft haben sich Vertreter des verfassungstreuen Großgrundbesitzes, der deutschen Fortschrittspartei, der deutschen Volkspartei, der Freien deutschen Vereinigung und der christlich-socialen Partei zusammengefunden; als Vertreter der Letzteren natürlich Dr. Lueger, nicht mehr als das y22 des Stadtrath es und machtloser Bruchtheil seiner Partei, als welchen er sich bei dem Vorhalte über die willkürliche, ja ungesetzliche Präterirung jüdischer Lehrer und Magistratsbeamten bezeichnet, sondern als ihr ausgesprochener, allmächtiger Führer, als welcher er auch in das viergliedrige Redactionscomita mit dem Abgeordneten Kaiser gewählt wurde. Ob diesen Herren wohl auch in Erinnerung war, daß die Judenschaft Oesterreichs durch Jahrzehnte weit über die Grenzen unseres Reiches sich die größten Verdienste um die Verbreitung der deutschen Vermittlungssprache erwarb, welche das Pfingstprogramm von 1899 und die letzte Kundgebung gesetzlich festgelegt wissen will. Ob sich diese Herren Wohl gegenwärtig gehalten haben, daß in zahlreichen Gemeinden Mährens und Böhmens Juden seitens der Czechen boycottirt wurden, weil sie deutsch sprechen und den Deutschen bei den Wahlen dort Gefolgschaft leisteten, wo ohne sie niemals ein Deutscher hätte gewählt werden können. Ist es nicht charakteristisch, daß dort, wo noch politische Jsraelitengemeinden bestehen, sie als Deutsche im Gegensätze zu der czechischen stehen und deutsche mit jüdischen Schulen identisch sind, die deutsche freiwillige Feuerwehr nur Juden, die czechische nur Christen zu Mitgliedern zählt; und sieht man nicht, wie in Böhmen, Galizien und Ungarn ebenso wie in Rumänien, Türkei, Serbien, Bulgarien, Italien es immer die Juden sind, die wenn auch oft corrumpirt, so doch stets verständlich sich der deutschen Sprache bedienen. Wo gab es einen Factor, der je der deutschen Vermittlungssprache solchen Dienst leistete, und wie haben es die Deutschen, welcher Couleur immer, den Juden gelohnt! Ein Mitglied der deutschen Volkspartei hat die richtige Anschauung ausgesprochen, daß es Wahlbezirke geben werde, wo deutsch-fortschritt-

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