Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 674 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 37 Baterlande dienen und einem vernünftigen, erreichbaren Ziele zustreben, werden Sie wieder von Neuem Lust am Leben gewinnen. Freilich, ich kann Ihnen, zu Ihrer Entschließung, die doch in der That kein langes Bedenken erfordert, nur eine sehr kurze Frist gönnen .... Wollen Sie in mein Regiment eintreten — oder soll ich Sie erschießen lasten? mais, vite, vite, s’il vous plait!“ Ich starrte dem Obristen gedankenlos ins Gesicht. Es war wieder, wie so oft in meinem Leben, das Unerwartetste eingetreten. Ich war wie finnverwirrt, ich vermochte keinen Entschluß zn fasten, nicht zu antworten, da mischte sich ein Dritter, der in meiner Aufregung, von mir unbemerkt ins Zimmer getreten und Zeuge der ganzen Verhandlung gewesen, in diese. Es war Herr Goudchaud," der General deutete unwillkürlich mit der Hand auf jenen, und er sprach zu mir, „Sie scheinen von der großmüthigen Proposition des Herrn Obersten so überrascht, daß Sie sich nicht zu fasten vermögen. Ich als älterer Mann, als Ihr Landsmann und Glaubensgenosse, — mein Vater war Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Metz — sage es Ihnen — und Ihr bester Freund und Ihr eigener Verstand kann Ihnen nicht anders rathen, als den Antrag des Herrn Obersten Nansouiy anzunehmen. Sie erfüllen hierbei nur Ihre Pflichten; — als Mensch jene der Selbsterhaltung; als Franzose, indem Sic Ihrem Baterlande Ihre Kräfte widmen. Ich hatte mich bis vor wenigen Minuten als der Verlaffenste auf Gottes Erdboden gefühlt, und nun trat mir unerwartet ein Landsmann und Glaubensgenosse näher und auch der Oberst zeigte mir wohlwollendes Entgegenkommen. Mir war es, als hätte sich plötzlich Gott meiner erbarmt, die ganze Welt, die mir trostlos und finster erschienen, schien mir plötzlich licht zu werden. Ich war ja doch ein dreiundzwanzigjähriger Mann, die Lebenslust, die ich völlig ertödtet glaubte, begann sich wieder von Neuem zu regen. — Ich fühlte mich wie neubelebt, ich konnte wieder denken, schließen, urtheilen, Entschlüsse fassen. Ein einziger Moment vermag bei einem Menschen eine totale Sinnesänderung zu bewirken, und ich beurtheilte alle Dinge anders als fünf Minuten früher. Ein Zurückweisen des offenbar gutgemeinten und vernünfttgen Vorschlages erschien mir als ein Act brutalen, rechthaberischen Trotzes, nicht nur dem Obersten Nausouty gegenüber, sondern weit mehr als das; als eine Auflehnung gegen den höchsten Herrn, gegen meinen Schöpfer, gegen Gott, der mich so wunderbar aus den Händen meiner Feinde gerettet und vor dem Ertrinkungstode bewahrt hatte. Ungesucht drängte sich mir die Ueberzeugung auf, daß es ein Verbrechen wäre, wenn ich muthwillig, zwecklos mein Leben opfern wollte. Zu alldem ttat noch die plötzlich mtt großer Heftigkeit erwachte Liebe zu meinem wiedergewonnenen Baterlande, das mich gleichberechtigt mit allen andern seiner Staatsbürger anerkennen, mich als Sohn annehmen wollte. — Bei meiner geänderten Gemüthsstimmung konnte ich nicht länger schwanken, und ich erwiderte: „Herr Oberst, ich nehme ihren Vorschlag an, ich trete in die Armee meines Vaterlandes und will ihm dienen mit allen meinen Kräften." Diese Stunde war die entscheidendste in meinem Dasein, ihr danke ich mein Lebensglück. Wäre ich nicht in die Armee meines Vaterlandes ein getreten, ich wäre gewiß nie nach W. zurückgekehrt; ich wäre Dir nie begegnet, und Sara — ohne Dich wäre ich nie auf Erden glücklich geworden!" „Mein theurer, treuer Michael!" ries Sara in überströmender Empfindung an seine Brust stürzend. „Ich habe," fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, „das eigenthümliche Gefühl, als wenn ich wachend bei vollem Bewußtsein einen herrlichen Traum träumte! Noch nie in meinem ganzen Dasein ist mir Gottes Allbarmherzigkeit und seine endlos große Macht so verdeutlicht erschienen als heute, und von Neuem erscheinen mir alle Wunder der Vorzeit, von denen unsere heiligen Schriften berichten, vollkommen glaublich. Bor wenigen Stunden war ich das unglücklichste Geschöpf unter dem weiten Himmelsbogen, mein Herz wollte vor schwerem Leid brechen, jetzt bin ich das glücklichste Mädchen auf der Welt, mein Herz ist übervoll von Seligkeit. .... So hat sich doch der Segensspruch meines sterbenden Vaters, sein letztes Wort bewährt. So hat sich auch der Wunsch meiner verewigten Mutter, den sie sterbend ausgesprochen, erfüllt. O! wenn es meinem Vater vergönnt gewesen wäre, diesen Tag zu erleben, wenn er Dich, den er geliebt, wie sein eigen Kind, als Held in stolzem Kriegerschmuck, und doch so edel, so gottgedenkend, so gottesfürchttg gesehen hätte; — wenn meine Mutter, die ich nie gekannt, den heutigen Tag erlebt hätte .... ah!" Sara konnte nicht weiter sprechen, Thränen erstickten ihre Stimme und erst nach längerer Unterbrechung vermochte sie zu stammeln : „das wäre wohl zu schön für diese Erde gewesen!" Es war eine Pause der tiefsten Rührung eingetreten, der weiche Goudchaud mußte sich die Augen trocknen, seine gutmüthige Frau schluchzte wie ein Kind, der General wandte, sich ab, um die unmännliche Thräne zu verbergen. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Der „Union"- Kalender. Der neunte Jahrgang des „U n i o n"-K a l e n d e r s hat soeben die Presse verlassen und gelangt demnächst zur Versendung. Der kalendarische Theil ist auch diesmal von fachkundigertzand bearbeitet underweist siy als sehr praktisch. Die Fest- und Feiertage sind durch rothen Druck kenntlich gemacht. Der Schematismus der jüdischen Gemeinden in den beiden Reichshälften, insbesondere der Großgemeinden, ist ausführlich und übersichtlich dargestellt, und wir gewinnen ein klares Bild der Gemeindeverhältnisse und Institutionen. In Wien bestehen folgende Vereine: 38 für Cultuszwecke; 16 für Bildungs- und Unterrichtszwecke; 29 für Wohlthätigkeitszwecke; 28 zur Unterstützung; 10 für Armenpflege; 13 Frauen-Vereine; für Ferien-Colonien 1; für Friedhof- Angelegenheiten 6, und für anderweitige Zwecke 24 Vereine. — Wie in den früheren Jahrgängen sind auch in dem vorliegenden alle jüdischen Gemeinden unserer Monarchie und wo möglich ihre Beamten und Funktionäre angegeben. Ueberaus gelungen und recht lesenswerth sind die „literarischen Beiträge". Den Neigen eröffnet eine Studie des eigentlichen Redacteurs des Jahrbuches, der es geschaffen und in's Leben gerufen — Universitätsdocent Dr. Josef G r ü n f e l d, unter dem Titel: „Die Geschichte des jüdischen Spitals in Wien und dessen Wandlungen seit dem Mittelalter". Wenn man diese gehalt- und lichtvolle, gelegentlich mit sehr treffenden Bemerkungen gewürzte Darstellung liest, so glaubt man die Arbeit eines Fachgelehrten, eines Historikers von Beruf und nicht die eines vielbeschäftigten Arztes vor sich zu haben. — Der Verfasser constatirt zunächst, daß seit der Gründung des jüdischen Spitals in Wien zweihundert Jahre verflossen sind. „Die Geschichte des Juden spitals in Wien fällt, streng genommen, mit der .Geschichte der Wiener Juden schüft überhaupt Zusammen. Ist es doch bekannt, daß die Juden zu allen Zeiten für Institutionen Sorge trugen, welche der Pietät und der Krankenpflege gelten." Aus verschiedenen Urkunden geht evident hervor, daß die Juden schon vor mehr als tausend Jahren in Oesterreich ansässig waren. In Wien wurden ihnen, wie in den meisten Städten, eigene Bezirke zum Aufenthalt angewiesen, und in der Synodalversammlung vom Jahre 1237 wurde ihnen strenge verboten, unter Christen zu wohnen. — Der noch bestehende „Judenplatz" stammt aus dem 11. und 12. Jahrhundert; denn damals befand sich dort das Ghetto, und wo heute das Haus Nr. 9 steht, befand sich die große „Iudenschul e", selbstverständlich verbunden mit einem Lehrhause. „Die. geistige Bildung der damaligen Wiener Juden", bemerkt der Verfasser, „stand^ nicht zurück gegen die der spanischen Juden." In der Mitte des Judenplatzes befand sich auch das Wohnhaus des Rabbiners, und die meisten der Wiener Rabbiner sind noch heute wegen ihrer großen Gelehrsamkeit bekannt und haben sich durch ihre hinterlassenen Werke Unsterblichkeit erworben. Auch der Friedhof befand sich in der Nähe, und auf seine Verletzung und Entweihung war die Todesstrafe gesetzt. Grab- und Friedhofschändung scheint somit eine alte arische Untugend zu sein.... Noch im Jahre 1794 trug ein Haus am „Judenplatz" die Aufschrift : „Haus, welches ehemals das Judenspital gewest." Es bestand somit vom 13. bis zum 15. Jahrhundert in Wien ein Judenfpita t; aber „über den Betrieb desselben besitzen wir keinerlei Documente und Daten und wissen auch nicht, ob es eine bloße Krankenanstalt oder ein „H e k d e s ch", eine Art Hospitz war." . . 1421 erfolgte die Vertreibung der Juden aus Oesterreich. Als Vorwand — ein solcher ist leicht gefunden oder erdichtet — diente das Gerücht, der Jude Israel in Ems habe von einer Meßnersftau Hostien gekauft und unter seine Glaubensgenossen vertheilt. Am frühen Morgen des 23. Mai 1420 wurden nun alle 'jüdischen Bewohner Oesterreichs verhaftet und bald darauf theils des Landes verwiesen, und theils des Lebens und des Eigenthums beraubt. Nur Wenige ließen sich herbei, durch Abschwörung ihres Glaubens Besitz und Leben zu retten. — Doch bald fanden die so unschuldig Verfolgten wieder Eingang in Oesterreich, und Ferdinand II. wies ihnen in der Leopoldstadt einen Raum zur Ansiedelung an, wofür sie bestimmte Beträge zu zahlen hatten. In wenigen Jahren stand hier eine ansehnliche Judenstadt mit einem eigenen Grundbuche und mit selbstgewählten Richtern. In der großen Schiff- und Pfarrgasse "würden Synagogen und Lehrhäuser errichtet, und auch eines Judenspitales wird erwähnt, über dessen Betrieb und Organisation jedoch nichts Näheres bekannt ist. — Aber nicht lange ward den Armen Ruhe und