Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 673 Als Student, der Kosttage in Anspruch nehmen mußte, wußte er die Wohlthat des israelitischen Freitisch-Vereines in Brünn zu schätzen und bedachte dieses Institut mit einem Legate von K 400. Der israelitische Freitisch-Verein in Brünn und alle Edelgesinnten, die von diesem hochherzigen Legate Kunde erhielten. werden das Andenken dieses edlen Menschen in Ehren halten. Czernowitz, 6. August. (Die Landtagswahlen in Czernowitz.) Bei der heute stattgefundenen Ergänzungswahl für den Bukowinaer' Landtag wurde Reichsrathsabgeordneter Dr.Benno Straucher mit 954 von 957 abgegebenen Stimmen gewählt. Feuilleton. Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Michael hatte getrachtet, so rasch als möglich nach Baiern zu gelangen. Dort fühlte er sich etwas sicherer; aber in einem kleinen baierischen Städtchen hatten sich die Folgen der entsetzlichen geistigen Aufregung, der übergroßen Körperermüdung, der ausgestandenen Kälte, der ungenügenden Ernährung doch geltend gemacht und er war das erste und einzige Mal in seinem Leben erkrankt. Er fand Pflege bei einer älteren, nicht unbemittelten Witwe, bei der er Wohnung genommen hatte. Als er vollständig genesen und für Pflege, Arzeneien und Doctor bezahlt hatte, war seine Baarschaft so zusammengeschmolzen, daß er gezwungen war, auf seiner weiteren Fahrt das einzige Erbtheil nach seinem verstorbenen Vater, seine schöne Stimme, zu verwerthen und in jüdischen Gemeinden als wandernder Chasan zu fungiren, wofür er eine kleine Entlohnung, wohl auch an dem Sabbathtische eines Roschhakohols die freie Kost erhielt. Er konnte nun nicht mehr die Hauptstraße verfolgen, nicht den nächsten Weg, die gerade Linie einhalten, er war gezwungen, jüdische Gemeinden, wenn diese auch von der Heerstraße abseits lagen, aufzusuchen, und da für solche fromme Gesangsproductionen nur die Sabbathe, an denen die Synagogenbesucher Zeit und Muße hatten, geeignet waren, verlangsamte sich Michaels Fußreise in höchstem Grade und er hatte mehr als vier Monate bedurft, um nach Schwaben zu gelangen. Hier traten seiner Wanderung neue Hindernisse entgegen. Die beiden Armeen, die österreichische und die französische, standen sich in diesem Lande feindlich gegenüber. Erzherzog Carl hatte Jourdan am 20. März 1799 bei Ostrach angegriffen, aufs Haupt geschlagen und bis Stokach zurückgeworfen, ihn am 25. und 26. nochmals angegriffen und neuerdings mit großen Verlusten in die Flucht getrieben. Michael mußte endlich, da ihm Jedermann von der Abreise abrieth, in einem kleinen württembergischen Städtchen verweilen, aber die kriegerischen Ereigniffe in der nächsten Nähe, hatten den Mitgliedern der dortigen Judengemeinde alle Lust benommen, einen reisenden Chasan anzuhören. — Die äußerste Noth zwang ihn endlich, seine Fußwanderung fortzufetzen, mir etwa eine le'nfyt* lebigere Gemeinde aufzufinden, die sich durch die Zeitereignisse nicht die Sabbathfreude eines schönen Gesanges rauben lassen wollte. „Auf meiner letzten Fußwanderung/ erzählte Michael, „war ich von einer französischen Patrouille als der Spionage verdächtig — ich kam aus einer von den Oesterreichern besetzten Gegend — angehalten und dem nächsten Postencommandanten vorgeführt worden. Wäre ich ein lebensfroher, am Dasein hängender Mensch gewesen, hätte ich meine Lage als eine sehr schlimme betrachten müssen. Man konnte mir zwar nicht positiv eine Schuld beweisen; aber ich besaß gar keine Legitimatwnspapiere, und es gab keinen Menschen, der mich kannte, der zu meinen Gunsten aussagen mochte. Im Kriege macht man mit einem Unbekannten, den man für einen Spion hält, nicht viel Umstände, und am wenigsten waren meine Landsleute damals geneigt, sich milderen Anschauungen binzugeben. Sie befanden sich eben in dem Zustande der größten Erbitterung. Sie waren, wie ich schon erwähnte, von den Oesterreichern unter Erherzog Carl an allen j Punkten besiegt worden. Jourdan hatte das Commando abgeben, das geschlagene Heer an den Rhein zurückgeführt werden müssen. — Allein das Leben war mir mehr als gleichgiltig. Mein zerrissenes Herz blutete bei der entsetzlichen Erinnerung an meine unglückliche Vergangenheit. Ich war ohne Freund, ohne jede Lebenshoffnung. Wenn ich auch als gläubiger Jude meinem Leben nicht durch Selbstmord ein Ende machen wollte, erschienen mir doch die fünf Kugeln, die mir voraussichtlich in der nächsten Viertelstunde das Herz durchbohren oder durch das Hirn fliegen sollten, als eine Erlösung aus schwerem, irdischen Elende.... Ich trat gleichmüthig vor den Obersten, dem ich vorgeführt wurde. Derselbe fuhr mich in gebrochenem Deutsch heftig an, erklärte mir: jeder Versuch zu leugnen wäre ein vergeblicher und würde an seiner festen Ueberzeugung meiner Schuld nichts ändern. Ich solle ihn nicht lange aufhalten, die Wahrheit zu Protokoll geben, das ein neben dem Obersten am Tische sitzender Lieutenant niederzuschreiben Miene machte, und alle Fragen richtig beantworten. Ich war überzeugt, daß der Oberst meinen Angaben keinen Glauben schenken würde. Lebensmüde und im hohen Grade abgespannt, dachte ich im ersten Momente daran, mich um die Bertheidigung meines Lebens gar nicht zu bemühen, allen seinen Fragen zugestehendes Schweigen entgegen zu setzen; aber bei näherem Bedenken erschien mir dies meiner unwürdig. Mein Schweigen wäre in seiner Wirkung ein totales Verleugnen der Wahrheit, ein prädestinirter Selbstmord gewesen. Ich hatte jener stets gehuldigt, sie nie verletzt, warum sollte ich gerade in meinen letzten Augenblicken mir selbst und der Wahrheit untreu werden? Ich antwortete zur Verwunderung der beiden Officiere in fließendem Französisch. Ich erzählte, daß meine Eltern, geborene Franzosen, zur Auswanderung gezwungen waren, daß ich frühzeitig meinen Vater, kurz darauf meine Mutter, als sie eben mit mir auf der Rückkehr ins Vaterland begriffen war, verloren, daß ich als verlassenes Kind im Elende hätte verkommen müffen, wenn nicht edle Menschen sich meiner barmherzig angenommen hätten. Ich erzählte, wie ich das Unglück gehabt, Alle, die ich geliebt, durch den Tod zu verlieren, wie ich ohne Grund gehaßt, auf den Tod verfolgt wurde, mich meinen Feinden, fast gegen meinen Willen durch die Flucht entzogen; wie ich ganz allein und verlassen stand, wie kein zweiter Mensch auf dieser weiten Erde, wie mich plötzlich mit unbezwinglicher Macht die Sehnsucht erfaßte, dem Beispiele meiner Mutter folgend in ihr Heimatsland zurückzukehren, von der Patrouille angehalten worden sei. — Gegen meinen Willen hatte mich das kurzgefaßte Bild meines verflossenen Lebens selbst tief erschüttert und den Gedanken noch mehr in mir gefestet, daß: wenn ich zum Tode verurtheilt würde, ich nicht das Geringste verlieren würde, und in überströmender Bitterkeit schloß ich: „Ich erhebe nicht den Anspruch, daß Sie, mein Herr Oberst, meine unglaublich klingende Erzählung glauben, und fast bedaure ich es, so viel Worte nutzlos verschwendet zu haben. Wenn Sie mich erschießen lassen, werden Sie mich, was für Sie allerdings nicht den geringsten Werth hat, zu Dank verpflichten. Ich würde ohnehin nur freud- und zwecklos fortvegetiren. Der französische Oberst hatte mich aufmerksam mit stets steigendem Interesse angehört. Meine Worte hatten gegen mein Erwarten einen tiefen Eindruck auf ihn hervorgerufen; er hatte sich erhoben, schritt einigemal auf und ab und blieb dann plötzlich vor mir stehen, prüfte mich mit durchdringenden Blicken, als wolle er in dem Grunde meiner Seele lesen und sprach: „Das, wa§ Sie ersten, klingt allerdings unglaublich, aber die Art, wie Sie es erzählen, läßt es schon um eine starke Nuance wahrhafter erscheinen, und — Sie gefallen mir; — t aber ich habe strenge Instruction, ich muß jeden der Spionage Verdächtigen, wenn er sich nicht gründlich von dem Verdachte zu reinigen vermag, erschießen lassen. — Ob Sie ein Spion sind, weiß ich eben nicht gewiß; — aber davon bin ich überzeugt, daß Sie ein ungewöhnlich kräftiger, muskulöser Mensch sind, und bewundernswerthen Muth und Todesverachtung beweisen. Sie sind von dem Holze, aus welchem man die tüchtigsten Soldaten schnitzt. Ich will Ihnen einen vortrefflichen Vorschlag machen. Treten Sie in mein Regiment ein. Sie widerlegen in dieser Weise den auf Ihnen ruhenden Verdacht am kräftigsten. . Wenn Sie meine Proposition annehmen, können Sie nichts verlieren, nur gewinnen. Lehnen Sie ab, muß ich Sie erschießen Klaffen, acceptiren Sie, so setzen Sie wohl auch Ihr Leben ein, »aber Sie können es bei uns weit bringen. In der republikanischen! Armee kennt man keine Verdienste der Geburt an und auch das /religiöse Bekenntniß bildet kein Hinderniß zum Fortkommen. Sie sind ja Ihrer Abstammung nach ein Franzose; wenn Sie Ihrem