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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-14 · 37 (14.9.1900) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
37 (14.9.1900)
Date
1900-09-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 668 Dr. Bloch's Wochrnschrrfk. Nr. 37 Gebrauch machte, außer Banffy. Er hat zwei wackere ungarische Rabbiner ernannt: in O-Radna und Magyar-Lapos., Es war allgemein im Comitate bekannt, daß der Obergespan sich such pflichteifrig und wohlwollend mit den Angelegenheiten der Juden befaßte. Er kannte keinen Unterschied zwischen Bürger und Bürger, und er sagte dem gegenwärtigen Alsü-Kubiner Rabbiner Horowicz, als dieser zum ersten Male seine Aufwartung bei ihm machte, unter Anderem Folgendes: „Ich bin Calviner, der Jude bleibe Jude, Beide müssen jedoch wissen, daß sie Ungarn sind/ Er hielt besonders viel auf die warme Anhänglichkeit der Juden an die Sache des Ungarthums und „er empfahl die politische Zuverlässigkeit der Juden seinem Nachfolger sehr warm/ der gewiß diese Ueberzeugung seines hohen Vorgängers für vollkommen berechtigt hält. Bevor Baron Banffy Obergespan wurde, konnten die Juden kaum ihr politisches Stimmrecht zur Geltung bringen, denn die sächsischen Gemeinden legten ihnen diesbezüglich alle erdenklichen Hindernisse in den Weg, die jedoch mit dem Erscheinen des Baron Banffy wie mit einen Zauberschlag verschwunden waren, und seitdem genießen auch die Juden im betreffenden Comitate alle jene politischen Rechte, die einem freien Bürger zukommen. Im Jahre 1886 erließ Baron Banffy im Comitat Bistritz- Naszod eine Verordnung, wonach in amtlichen Documenten die Juden als solche nur in die Rubrik „Religion" einzutragen seien, chre Nationalität aber, wenn sie ungarische Staatsbürger sind, ohne Rücksicht auf ihre Sprache, immer als „ungarisch" zu bezeichnen sei. Das „Siebenbürger deutsche Tagblatt", welches bekanntlich nicht gar sehr zionistisch, respective semitenfreundlich ist, erhob sich damals zum Schutze der jüdischen Nationalität und zog die diesfällige Competenz des Obergespans in Zweifel. Die Folge dieser unberufenen Einmengung war es wahrscheinlich, daß der vorsichtige Obergespan nachträglich den damaligen jüdischen Seelsorger zu Bistritz um seine diesbezügliche Meinung befragte. Rabbiner Horowicz verzichtete damals im „Pest. Lloyd" auf den freundschaftlichen Schutz der genannten Zeitung und hob hervor, daß die Juden seit der zweiten Zerstörung Jerusalems aufgehört haben, „im politischen Sinne" eine Nation zu sein und auch heute nur als eine religiöse Körperschaft existiren. In diesem Sinne schrieb damals der erwähnte gelehrte Rabbiner mehrere Artikel, die auch in Separatabdruck unter dem Titel: „Die jüdische Nationalität" erschienen sind. Die jüdischen Wohlthätigkeitsvereine hatten schwerlich einen eifrigeren Förderer als Baron Banffy. So figuruirt er als größter Spender des Bekleidungsvereines für jüdische Schüler in Bistritz, und besonders viel hat ihm auch der dortige israelitische Frauenverein zu verdanken. Seine Wohlthätigkeit, seine Freigiebigkeit im Allgemeinen, und die Unparteilichkeit, mit welcher er seine Spenden vertheilte, verschafften ihm einen weiten Ruhm. Als der genannte Rabbiner seine „Licht und Liebe" betitelte Predigt herausgab und sie seinem edelherzigen und wohlwollenden Obergespan widmete, schrieb ihm der damalige Ministerpräsident einen warm gehaltenen Brief, in welchem unter Anderen! Folgendes zu lesen ist: „Da ich in Folge Ihrer freundlichen Einladung schon mehrmals persönlicher Zeuge der Wohlthätigkeit des Bekleidungsvereines für arme Schüler war, sah ich mit Freude, daß die jüdische Bürgerschaft von Bistritz, den Erforderniffen der wahren Liebe entsprechend, den Segen der Gutherzigkeit auch auf andersgläubige Arme ausdehnt. Das ist sicherlich der edelste und richtigste Weg zur Eintracht zwischen verschiedenen Confessionen. Und ich glaube, daß der Löwenantheil an dem Verdienste um die Erwählung dieses Weges der eifrigen Initiative Euer Ehrwürden zu verdanken ist, der Sie auch sonst Ihren schönen Beruf mit Begeisterung und Patriotismus erfüllen." Baron Banffy stand im Rufe eines Muster-Obergespans. Diesen Titel verdiente er nicht nur wegen seiner vortrefflichen Geschäftsleitung, sondern auch wegen seines bewunderungswürdigen Gefühls für Recht und Gerechtigkeit und wegen seiner Hochherzigkeit, die zu den hervorragendsten Zügen seines Charakters gehören. Es gab keine so geringe, unwesentliche Sache, von der er es nicht der Mühe werth gehalten hätte, sich mit ihr eingehend zu befassen. Er hörte Jeden fteundlich an und hatte für Jeden ein ermunterndes Wort, einen guten Rath. Bezeichnend ist der vom Herzen kommende Wunsch mancher Dorfjuden: „Wenn nur unser Notär so gut und freundlich zu uns wäre, wie unser geliebter Obergespau", Ebenso lezeichnend ist die Erzählung eines Juden aus Borgo, dessen Gesuch der Stuhlrichter in Begleitung einer barschen, mündlichen Rüge zurückgewiesen hat. Tief betrübt ging der arme Mensch zum Obergespan, den die Juden des Comitats wie einen Vater verehrten, und schüttete vor ihm sein Herz aus. Erleichtert kehrte er in sein Dorf zurück. Bald darauf erhielt er eine neue Vorladung zum Stuhlrichter. Zagend trat der arme Jude vor den gestrengen Herrn hin; doch welche Ueberraschung! Der Stuhlrichter drückte ihm warm die Hand und fragte ihn fteundlich: „Wie geht's, mein lieber Freund?!" Vieles könnten wir noch von den unbefangenen, selbstständigen Anschauungen des Ministerpräsidenten erzählen. Ein ganzer Sagenkreis umgibt in Bistritz-Naszod und Szolnok-Doboka den Namen des edlen Barons. Es gibt in diesen Comitaten kaum einen Menschen, der nicht eine specielle Geschichte erzählen könnte, wie ihn der Obergespan gegen eine Rechtsverletzung geschützt, in diesem oder jenem Unternehmen unterstützt hat. Und jede einzelne Episode ist ein glänzender Beweis dafür, daß der Liberalismus, zu dem sich Se. Excellenz bekennt, keine Phrase, sondern „die auf Eckenntniß der Gerechtigkeit basirte Ueberzeugung einer edlen, klugen Seele ist." Anderthalb Jahre ist Baron Banffy nicht mehr Ministerpräsident. In den politischen, gesellschaftlichen und wirthschastlichen Verhältnissen in Ungarn hat auch seitdem gar Vieles eine ganz andere Gestalt angenommen. Selbst in den höchsten Regierungskreisen werden unter dem Titel „Agrarismus" die ökonomischen Interessen der Juden systematisch untergraben. Der kleine Mann im Dorfe, der auch bisher nur ein kümmerliches Leben fristete, ist gezwungen, seinen Heimatsort zu verlassen. Der Pfarrer verkauft dem fanatisirten Volke sämmtliche Lebensbedürfnisse. Der Jude wird schön langsam aus allen Gebieten verdrängt. Und dieser unausgesprochene Antisemitismus vollzieht sich ganz unauffällig unter dem Schutze einer „liberalen" Regierung. Kein Staatsmann von Bedeutung stellt die Frage auf, ob denn dieses passive Verhalten der Regierung auch noch „liberal" sei. Die segensreiche politische Wirksamkeit des hochsinnigen Baron Banffy gehört einer entschwundenen Vergangenheit an. Er selbst ist aber das geblieben, was er stets gewesen ist: „ein edler Mensch," ein wahrer unermüdlicher Kämpfer für Recht, Gesetz und Wahrheit. Das war er als Obergespan. das war.er, afs Ministerpräsident, da er an der Spitze der Macht gestanden, und das ist er auch heute noch." Die göttliche Vorsehung und unser Zeitalter braucht aber solche Männer, und deswegen hat auch der derzeitige königl. ungarische Oersthofmeister Baron Desider Banffy seine Mission noch nicht beendet. Correspondenzen. Der Mord in Könitz. Aus Könitz wird uns gemeldet: Die Verhandlung gegen Wolf I s r a e l s k i, welcher unter der Anklage stand, dem bis zur Stunde noch unbekannten Mörder des Gymnasiasten Ernst Winter Vorschub geleistet zu haben, wurde zu Ende geführt. Das Beweisverfahren ergab kein Moment für die Schuld des Angeklagten. Wichtig war folgende Aussage, welche der Vater des Ermordeten, Bauunternehmer Winter (Prechlau), 64 Jahre alt, vor Gericht deponirte: Er habe ein anonymes Schreiben erhalten, der Brief war in Hammerstein (Westpreußen) aufgegeben worden, und es hieß darin im Anschluß an die Meldung, daß das Verfahren gegen den Schlächtermeister Hoffmann eingestellt sei: „Wir haben nun schon 200.000 Mark weggeworfen und bieten Ihnen jetzt 50.000 Mark, wenn Sie in den „Graudenzer Geselligen" ein Inserat folgenden Inhalts einrücken: „Winter schweigt!" Wir Juden haben es gethan, wir haben nicht anders gekonnt, das ist unser Trost." — Justizrath Dr. v. G o r d o n: Wo ist der Brief hingekommen? — Zeuge Winter: Ich habe ihn dem Herrn Schräder gegeben, der ihn dem antisemitischen Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg übermitteln wollte. Ich sollte den Brief heute zurückbekommen, um ihn hier vorlegen zu können. Leider ist er mir bisher^ nicht zurückgegeben worden. — Dieses Schreiben hätte möglicherweise zur Aufhellung . des mysteriösen Falles beitragen können. Die dürftigen Berdachtsgründe, welche die Anklageschrift gegen den Beschuldigten auführte, wurden durch das Beweisverfahren zunichte gemacht; die wilde, in

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