Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Kr. 37 Dr. Bloch's Wochenschrift» Seite 663 mehr als 80 Percent betragende Städtebevölkernng aus Bulgaren, transilvanischen und macedonischen Rumänen, A l b anesen und Serben. Diese sind im Besitze des activen und passiven Wahlrechtes in den zwei bevorrechteten Wahlcurien und haben alle immobilen Besitzthümer an sich gerissen. Aus diesen Elementen gingen alle Parlamentsmajoritäten hervor, aus ihrer Mitte mußte die Krone ihre Räthe wählen und ihren Clienten im Lande alle Aemter und die Schulkatheder anvertrauen und ihren Interessen wurden die Bauern und die Juden ausgeliefert. Der Bauer, im Besitze der Rechte, würde nicht mehr Sclave seines Ausbeuters sein wollen, und der Jude würde ihnen vielleicht ein wirthschaftlicher Concnrrent sein. Aus diesen Erwägungen, ging der Staatsantisemitismus hervor, dessen Hauptpostulat ist: Verdrängung der Juden aus allen politischen und civilrechtlichen Beschäftigungen. Von den inländischen 200.000 Juden gibt es nur drei Apotbeker und fünf A d v ocate n, welche, vermöge ihrer mit schweren Geldopfern erlangten Naturalisation ihre professionellen Rechte ausüben dürfen. Seit der im Jahre 1880 stattgefundenen Revision des Artikel VII der Verfassung bis auf den heutigen Tag haben kaum 2OO Juden die Naturalisation erlangt. David E Manuel ist der einzige naturalisirte Jude, welcher an der Bukarester Universität zum Professor der höheren Mathematik ernannt wurde. - Der gelehrte Philologe T i k t i n und Marius Scheinea n u mußten sich taufen, um als Lycealprofefforen ernannt zu werden. Dr. V i a n u und noch andere drei oder vier Mediciner mußten sich ebenfalls der Taufe unterziehen, um öffentliche Anstellungen als Aerzte zu erlangen. Alle übrigen in Staatsdiensten befindlichen jüdischen Aerzte, insofern sie die Verleugnung ihres väterlichen Glaubens verweigern, sind nur zeitweilig und contractlich ausgenommen und werden ihres Postens enthoben, so ein christlicher wenn auch nicht naturalisirter Arzt seine Dienste anbietet. Unter dem Drucke Europas wurden zwar im Jahre 1880 838 jüdische Soldaten, welche in Bulgarien den Krieg mitmachten, naturalisirt, nach einer vom Kriegsministerium dem Parlamente vorgelegten Liste, aber von diesen waren 250 im Kriege gefallen, mehr als 200 jüdische Combattanten hatte man vergessen in die Liste einzutragen und von den naturalisirten Soldaten wurden vom Ministerconsilium zufolge eines Referates des Kriegsministers unter Nummer 11917 vom 2. October 1893 und des Ministerialbeschlusses unter Nummer 19, vom 3. December 1893*) 460 Naturalisations-Dipl ome annullirt. Am schmerzlichsten empfanden die Juden die Verfügung des Gesetzes, welche ihren Kindern den öffentlichen und unentgeltlichen Schulunterricht versagt. Nicht einmal die Hälfte der in der öffentlichen Statistik angegebenen Zahl jüdischer Kinder besucht die Schulen, aber nurgegen Entrichtung einer Schultaxe von 30 Francs in den Elementarschulen, von 60 Francs für Unter g y m n a sien, von 90 Francs für Ober- Gymnasien und von 300 Francs für den Besuch der medic i nischen Facultät. In den Handelsschulen bezahlt der jüdische Student 150 Francs und die Gewerbe- und Forstschulen sind für Juden hermetisch verschlossen. Hingegen aber werden Bulgaren, Griechen, Albanesen und Transilvanier in allen Schulen taxfrei ausgenommen. Produkten- und Börsenmakler darf kein Jude sein und selbst als Bevollmächtigter eines christlichen Maklers darf er nicht fungiren. : Im Laufe der letzten zehn Jahre mag es wohl wahr sein, daß jüdische Bauunternehmer mit Arbeiten im Werthe von 23,000.000 Francs betheiligt waren, aber in dieser Periode wurden alle übrigen Arbeiten im Werthe von nahezu einer Milliarde vollzogen. Nach Abzug dieser 23 Millionen wurden alle übrigen Arbeiten an Christen, größt entheils *) Dieser- Ministerialbeschluß ist unterschrieben von den gegenwärtigen Ministern Peter Carp, Constantin Olonescu und Jacob Lachovari, welche im Jahre 1893 Mitglieder im Cabinete Laskar Catargiu waren. fremde Unternehmer, vergeben. Die Juden hatte man verdrängt, obwohl ihre Offerte viel günstiger für den Staat waren. Am 17. und 29. Juli l. I. erging wohl seitens des Ministers des Innern ein Rundschreiben, welches jenen Juden, welche Militärdienste geleistet haben und ein bestimmtes Baarcapital Nachweisen, den Aufenthalt in jenen Dorfgemeinden gestattet, aus welchen sie reerut irt w ar en. Bis zur Stunde aber wurde keinem einzigen Juden dieser Kategorie die Erlaubniß zur Niederlassung, in einem Dorfe ertheilt, und wenn einer es wagte um eine Erlaubniß anzusuchen, so wurde er unter körperlicher Mißhandlung davon gejagt. Aber wozu noch von Menschen- und Bürgerrecht der Juden sprechen, in einem Lande, in welchem im Laufe der letzten drei Jahre Juden gemordet und ge plündert wurden, ohne daß die Verbrecher und ihre Anstifter bestraft wurden! Unbegreiflich ist es mir, wozu die rumänische Regierung es noch als nothwendig erachtete, neuerdings die öffentliche Meinung der gesitteten Welt irrezuführen? Welche Roth zwingt sie zu dieser frechen Lüge? Etwa das Bedürfniß einer neuen Geldanleihe? Die Regierung weiß ja in Berlin den seit dem Rückkaufder Eisenbahnen geebneten Weg zu finden. Ein und einhalb Percent mehr, einige Privatvortheile an ein flußceiche Mitglieder des Berliner Syndikates, und kein Hahn kräht mehr für das zu Tode gehetzte Judenvolk in Rumänien! Schon hat der „Berliner B ö r s e n c o u r i e i" begonnen, Wunder vom rumänischen Culturstaat zu verkünden, schon sind die Schleußen des Berliner Goldstromes der rumänischen Regierung eröffnet! Ja, nichts geht über die Macht der jüdischen Solidarität im Reiche der Gottesfurcht und der guten Sitte! Spartacus. Die Nothlagr in Jaffy. Jassy, August 1900. Schwere und langanhaltende Noth herrscht unter den Juden Rumäniens. Am meisten betroffen find jedoch die Städte der oberen Moldau und von diesen hauptsächlich Jaffy, wo das Elend unter den dort lebenden 40.000 jüdischen Einwohnern ungeheure Dimensionen angenommen hat. Es haben die Excefse vom 16. Mai 1899 dem modernen Jaffyer Tischu B'ow genügt, um den jahrelang angehäuften Zündstoff zur Explosion zu bringen und zahlreiche jüdische kümmerliche Existenzen zu vernichten. Das Elend begann daher sofort im vergangenen Herbste seine ersten Schatten zu werfen, welche rasch Zunahmen, da Jaffy auf dem Gebiete der öffentlichen Wohlthätigkeit sehr zurück ist. Die engherzigen Gefühle der hiesigen winzigen Plutokratie (meist Emporkömmlinge) sind zur Genüge bekannt. Sie wähnen rhr Gewiffen durch verhältnißmäßig kleine Beiträge für Spital und Schule erleichtert. Manche scheuen sogar die Betheiligung an jedweder jüdischen Institution und Wohlthätigkeitsanstalt, um nicht in ihren patriotischen Gefühlen verdächtigt zu werden. Die einzige Institution, der die Sorge um das Wohlergehen der Jaffyer Juden zur Last fällt, ist die Bnei Brith Loge „Samoil". Diese hat bereits im September 1899, als ein Erlaß des Unterrichts- und Cultusministers Jstrati die Taxen für die jüdischen Handelsschüler erhöhte und deren Zahl einschränkte, eine Handelsschule ins Leben gerufen, welche bereits im ersten Jahre ihres Bestandes erfreuliche Resultate geliefert hat. Ihren Satzungen treu, hat diese Loge auch die Hilfsaction zur Milderung des Elends energisch in die Hand genommen. Es war während einer Logenfitzung zu Beginn des vergangenen Winters, als das ehrenwerthe Mitglied, der um die Judenheit hochverdiente Dr. Lippe, welcher in den jüdischen Volkskreisen sehr beliebt ist, in der Loge mit den charakteristischen Rufen erschien: „Meine Herren! Ein Säugling ist in den Armen der Mutter erfroren, ein einst angesehener Familienvater hat Brot gestohlen, um den Hunger seiner Kinder zu stillen!" Da erhoben sich sämmtliche Anwesende wie ein Mann mit dem Rufe: „Wir wollen helfen"! und die Hilfsaction begann. Noch in derselben Woche begann man mit Brotvertheilungen und Dank der am Ort und durch Beiträge der Glaubensgenoffen des Auslandes gesammetten Mittel konnten durch den ganzen