Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Settt 662 Vr. Bloch's Woche tischrlf'r. Nr. 37 ausschlaggebend sind, muthige, energische Männer zu wählen, die nicht die Drahtpupen dieser oder jener Partei sind, die nicht wie ein Federmeffer zusammenschnoppen, wenn die Gewaltigen des Poleuclubs die Stirne runzeln oder die Dreimal - Weisen der Fortschrittspartei den „Judenpunkt"' ausgeschaltet wissen wollen, sondern unabhängig von jedem Clubzwange mit rücksichtslosem Freimuth Und zäher Entschlossenheit die staatsbürgerlichen Rechte, die Ehre und i^istenz unserer Glaubensgenossen gegen jeden Angriff, gegen jede Verleumdung vertheidigen. Das österreichische Judenthum mag sich in dieser kritischen Zeit daran erinnern, daß es der Prinz Liechtenstein war, der es seines tüchtigsten, seines schlagfertigsten und unerschrockensten Anwaltes im Parlamente beraubt. Seither durfte ungerochen und unwidersprochen Schmach auf Schmach, Schimpf auf Schimpf auf unsere Häupter geladen werden. So darf, so kann es nicht bleiben. Besinnen wir uns auf uns selbst, seien wir nicht länger die feigen Knechte Derer, die uns das Messer an die Kehle setzen, sondern wehren wir uns gegen alle Niedertracht der Gegenwart und Zukunft mit dem Stimmzettel in der Hand! Welch ein schandvoller Zustand ist es doch, daß die Frage, ob ein Angriff auf das Judenthum zurückgewiesen, eine Verleumdung als solche gebrandmarkt werden darf, der Beschlußfassung des Polenclubs unterliegt, daß Männer unseres Stammes sich zum Saale hinausdrücken, wenn unter dem johlenden Beifalle des Hauses eine antisemitische Brandrede gehalten wird! Wenn die jüdischen Wähler diese Erniedrigung noch länger geduldig ertragen, dann verdienen sie fürwahr ihr Schicksal! Nicht durch die Hinterthüren der Ministerpalais mag künftighin unser Recht erbettelt, sondern von der parlamentarischen Tribüne herab mit männlicher Entschiedenheit gefordert werden. Das soll das Wahlprogramm der österreichischen Judenschaft bei den bevorstehenden Neuwahlen sein! komsoiese kies. Unter obigem Titel veröffentlichte ich eine Flugschrift, in welcher das Elend der Juden in Rumänien als Folge des dortigen Staatsantisemitismus nachgewiesen wird. Die Regierung wagte nicht im I n l a n d e meine Ausführungen zu widerlegen, obwohl, die „Vointza National a“, Organ der nationalliberalen Opposition, und der „T i m p u 1“, das Regierungsorgan, die Broschüre summarisch reproducirten. Doch entschloß sich die Regierung, im Auslände eine Erwiderung zu veröffentlichen, und vor einigen Tagen brachte die „Politische Correspondenz"', dieser internationale Officiosus, eine Zuschrift aus rumänischen Regierungskreisen, in welcher ganz dreist abgeleugnet wird, daß die Masftnauswanderungey der rumänischen Juden ihre Ursachen in den Verfolgungen haben, denen sie in ihrem Heimatslande ausgesetzt sind. Man scheint eben in Bukarest stark mit der Vergeßlichkeit der. Menschen zu rechnen und glaubt, daß der Kanonendonner in China werde das Jammergeschrei der 200.000 jüdischen Märtyrer in Rumänien bald übertönt und in Vergessenheit gebracht haben. Vorläufig arbeitet man also in Rumänien blos mit Dementis, und die obige Meldung der „Politischen Correspondenz" ist nichts weiter als eine „Gefälligkeit"' für die rumänische Regierung, die bereits am 28. und 31. Juli in der officiösen „La Roumanie“ dieselben Behauptungen an Mann bringen wollte. Darnach soll die Haltung der Behörden, der Presse und der Bevölkerung Rumäniens den auswandernden Juden gegenüber jederzett eine correcte gewesen sein, und eine zuverlässige öfficielle Staüstik habe ergeben, daß all die von den Juden vorgebrachten Beschwerden, wie Ausschließung der Juden von den öffentlichen Aemtern, den freien Berufen und den Schulen, gänzlich erfunden seien. So befänden sich unter den Landärzten 24 Percrnt Juden, an Volksschulen sollen 5, an Mittelschulen 7 und an der Universität 9 Percent Juden sein. In einigen Theilen des Landes sollen die Juden das Maklergeschäft vollständig in Händen haben. In den Jahren 1890 bis 1899 sollen 395 Juden gegen 540 Rumänen an den öffentlichen Arbeiten betheiligt gewesen sein. Und schließlich sollen in den Dorfgemeinden diejenigen Juden, welche Militärdienste geleistet haben und ein bestimmtes Bermögensminimum Nachweisen, die Erlaubniß zur Niederlassung erhallen haben. Bei solchen idealen Zuständen könnte man einen Anlaß zur Judenauswanderung nur in der Mißernte des Vorahres finden. Außerdem habe der Staat, der in ftüheren Jahren ungefähr 100 Millionen Francs jährlich für öffentliche Arbeiten ausgegeben hatte, in den Jahren 1899 und 1900 gar keine öffentlichen Arbeiten ausgeführt, worunter natürlich Handel und Gewerbe stark leiden, was in weiterer Folge die Auswanderungslust gesteigert habe. So weit die Auslassungen der „gefälligen"' „Politischen Correspondenz". Leider ist an allen diesen Daten kein einziges Wortwahr. Die judengünstige Presse! Welche Unverschämtheit! Die politische Tagespresse des Landes besteht aus folgenden Organen: Die national-liberalen Blätter, „V o i n t z a Na t i on ala“ „Seculul XX“, „Drapelul“, „L i b e r a 1 u 1“, „L’iri* dependence Roumaine“, sind sämmtlich antisemitisch und vertheidigen das Princip der A u f r e ch t e r h a l t u n g aller seit 1866 gegen Juden geschaffenen Ausnah m s g e s e tze. Die conservativen Blätter „Epoca“, „Timpul“ uub „LaRomani e“ unterlassen keine Gelegenheit, Judenverfolgu g zu predigen, das Elend der Juden zu verspotten und in jüngster Zeit durch Drohungen von den I u d e n Z e u g n i j j e zu erpressen, daß in R u m ä n i e n k e i n e I u d e >. - Verfolgung bestehe und daß die ausländische Presse, welche von Judenvexationen spricht, das Land verleumdet. Die junimistischen Organe „0 o n s 111 u t i o n al u 1“ und „EraNoa“, der slewistische „Eweniraentul" sind aus verschiedenen Gründen neutral, wagen aber nie auch nur mit einer Zeile gegen den osficiellen Staatsantisemitismus Stellung zu nehmen. ' Die specifisch antisemitischen Blätter „Echoul Moldowe i“, „A n t i s e m i t u 1“, „L i g a-C u 11 u r a 1 a“, „A p ar a r e a“, „N a t i o n a 1 a“ und „Romania Juna“ waren gegründet von politischen Persönlichkeiten aller Parteien, unterhalten von ministeriellen Ressourcen, bei welchen gewesene und gegenwärtige Minister, Universitäts- und Lycealprofessoren, Cassationshofräthe und Generäle aller politischen Schattirungen Mitarbeiten, in welchen Blättern offen die I u d e n v e r t r e i bu n g und, wenn n ö t h i g, Ihr e Vertilgung propagirt wird. Im Chore dieses wilden Bestiengeheuls lassen sich nur zwei diffonanteSttmmen hören: der socialistische „Aä^voärul“ und der radical-junimistische „P a t r i o t u 1“. Ihnen gehört das Verdienst, die antisemitischen Umtriebe vor der O ffentlichkeit an den Pranger zu stellen, und die Regierungspresse im In lande hatte nie den Muth, die in obigen Blättern gemeldeten Schandthaten zu dementiren. Aber diese zwei demokratischen Blätter gelten für die politischen Parteien in Rumänien als antinationale und kosmopolitische Organe, und am wenigsten konnte die „Correspo ndenz" auf diese Presse angespielt haben. Vom judengünstigen Verhalten der Behörden genügt' wenn wir die längst urbi et orbi bekannte Thatsache erwähnen, daß alle Verwaltungsbehörden des Landes aus Mitgliedern der A n t i s e m i t e n-L i g a bestehen, und vermöge Artikel 11 der Statuten der Liga sind sie verpflichtet, die Juden zur Auswanderung zu drängen, selbst für den Fall, als die Regierung aus fiscalen und externen politischen Motiven die Auswanderungen zu verhindern versuchte. Das correcte Verhalten d er Bevölkerung Rumäniens gegenüber der Ä u s Wanderungsbewegung ist wohl eine Wahrheit, insofern. die Rede ist vom eigentlichen, 79 P e r c e n t der Gesammtbevölkerungausmachendenautochthonen Bauernv o l k. Dieses Volk trägt, dem Judenvolke gleich, alle Lasten und gleich ihm ist es aller Rechte entkleidet und von ihren Ausbeutern mit Füßen getreten. Die Gemeinschaft ihrer Leiden Hai 'ie verbrüdert und hie und da schlossen sich ch r i st l i ch e B a u e r n jüdischest Auswanderergruppen an, um mit ihnen die Verbesserung ihres Loses in den überseeischen Ländern zu suchen. ' Nicht so verhalten sich die Dinge bezüglich der Städ tebevölkerung. Mit Ausnahme der 5 Percent der GesamMtbevölkerung zählenden deutschen C ö l o n i e und eines Theiles der Armenier und der in den Donauhäfen Handel treibenden Griechen, und mit Ausnahme der 4 Percent der Gesammtbevölkerung zählenden inländischen Juden besteht die