Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V 37 Dp. Bloeftfe §«fc0«StK XV11. Centralorgan für die gefammkrn Interessen des Iudenthums. Wien, 14. September 1900. Erscheint jeven Freitag. - ——"Jf**—«K1—- Brief-Adresse: Wien, II.« Untere Augartenstraße la* Telegramm-AdresseBlnch'S Wochenschrift, Wien. Nr-m ■ ,-ji \ L. K. Poflsxsrrsgen-Amr ’ Elraringverkrhr Nr. 810.976. Ledarlion mtb Administration: Wien XX., Nntrrr Aunarirnstr Ta. Telephon - Nr. 14,847 « ■— a * -= - t ■ :=■ -=»! VrMASprsi» fltr Srstrrreich: Halbjährig S Kronen. Einzelexemplare SV Heller lüt’g Xbtvlatib: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzelle 24 Heller. * ~ ■ ~ - — Inhalt. Leitartikel: Zur Auflösung des österreichischen Parlaments. — Romanicae Res. — Die Nothlage in Jassy. — Die Betheiligung der deutschen Juden am Kriege in China. — Cultur- und kunstgeschichtliche Entwicklung der Schriftzeichen. — Baron Banffy und die Juden. — Korrespondenzen: Der Mord in Könitz, Wien, Mädchenraub in Galizien, Wien, Europäische Cultur in China, Prag, Oderberg, Jassy, München, Berlin, Paris, Witebsk. — Vermischtes: Wien, Budweis Bisenz, Brünn, Czernowitz. — Feuilleton: Michael. — Literatur. — Brieflasten. — Notiz. — Inserate. Zur Auflösung des österreichischen Parlamentes. Die österreichische Sphinx hat ein neues Räthsel aufgegeben. Ms ein solches muß wohl der Versuch, die Staatskrise durch die Auflösung des Abgeordnetenhauses und Ausschreibung von Neuwahlen zu beseitigen, bezeichnet werden. Da die Ursache des Stillstandes der parlamentarischen Maschine nicht in dem Gegensätze zwischen einer geschlossenen Majorität und einer geschlossenen Minorität, sondern in der gewaltthätigen Obstruction einer verhältnißmäßig kleinen nationalen Gruppe zu suchen ist, der Besitzstand der nationalen Parteien aber durch die Neuwahlen kaum alterirt werden dürfte, so läßt sich schwer absehen, wie dem Nebel durch die Erneuerung der Mandate abgeholfen werden soll. Nur nach einer Richtung kann man heute schon mit voller Bestimmtheit das Horoskop stellen: Die radikalen Elemente von rechts und links werden wesentlich verstärkt werden. Der Radikalismus hat aber bei Deutschen, Czechen und Polen ein für uns Juden wichtiges Moment gemein: er ist überall antisemitisch. In dem nationalen Kampfe der letzten Jahrzehnte hat die Staatsidee, hat das geistige und sittliche Niveau der Bevölkerung, hat der Nationalwohlstand und selbst die Machtstellung der Monarchie nach Außen schwere Einbußen erlitten. Gewachsen ist nur Eines, und zwar zu furchtbarer Höhe: Das ist der Judenhaß. Und mit Sicherheit kann man darauf rechnen, daß auch aus den bevorstehenden Neuwahlen der Judenhaß mit verstärkter Gewalt hervorgehen wird. W Die Absichten der Regierung sind in Dunkel gehüllt. Allein es fehlt nicht an Wegweisern, an denen man nicht achtlos vorübergehen darf. Bon zwei Parteien ist das Auflösungspatent mit Befriedigung begrüßt worden. Bon den Wiener Christlich-Socialen. die bei dem Wahlkampfe zu profitiren hoffen, und von den Clericalen gleicher Observanz, die in der Auflösung des Abgeordnetenhauses nur eine vorbereitende Maßregel für eine Verfassungsänderung erblicken. Bisher haben die Christlich- Socialen trotz ihrer innigen Wahlverwandtschaft mit den Clericalen aus taktischen Gründen an der sogenannten deutschen Gemeinbürgschaft feftgehalten, obwohl sie innerhalb derselben mehr die Rolle von lauernden Kundschaftern als jene von verläßlichen Bundesgenossen spielten. In dem Augenblicke aber, wo nicht nur ihr bisheriger Besitzstand neuerdings auf sechs Jahre gesichert, sondern auch durch einen erheblicken Zuwachs von Mandaten vermehrt sein wird, werden sie die lästige Maske abwerfen und mit fliegenden Fahnen ihre Bereinigung mit den Deutsch-Conservativen vollziehen. Und damit treten auch die Umrisse einer neuen, polnisch-clerical-antisemitischen Majorität und die Wahrscheinlichkeit eines Ministeriums Liechtenstein ziemlich deutlich hervor. Was diese Conjectur für die österreichische Judenschast zu bedeuten hätte, bedarf kaum noch einer näheren Auseinandersetzung. Der Antisemitismus hat eine ungeheuer werbende Kraft. Seine Attraktion selbst auf solche Parteien, die das Wort „liberal" in ihrem Schilde führten, war schon eine gewaltige, solanger nicht officiell anerkannt war; man erinnere sich nur, wie rapid der Abfall der Wählermassen in Wien vom Liberalismus zum Antisemitismus vor sich ging und wie die Deutsch-Fortschrittlichen in Böhmen vor dem Ansturm der Deutschvolklichen zusammenschmolzen. Was haben wir erst zu erwarten, wenn ein offener Antisemit an die Spitze der österreichischen Regierung treten wird? Bon keiner einzigen der heute bestehenden Parteien haben wir Schutz und Hilfe zu erhoffen. Es hat den Juden nichts genützt, daß sie mehr als ein Menschenalter hindurch die treuesten Anhänger der Deutsch-Liberalen waren, es nützt ihnen nichts, daß sie in Galizien heute noch alle Sünden der polnischen Schlacht» auf ihre wundgedrückten Schultern nehmen und daß sie in Böhmen und Mähren den demokratischen Phrasen der Jungczechen vertrauten. Trotz alledem ist über die Wiener Juden Herr Lueger, über die deutschböhmischen Herr Wolf, über die polnischen der Graf Pininski und über die czechischen der Dr. Baxa gekommen. Und in potenzirtem Maße wird die allgemeine Judenhetze nach den Neuwahlen unter einem Ministerum losgehen, dessen Spiritus reetvr der „schwarze Prinz" sein wird. Ob der Sprachenkrieg fortdauern oder ob Friede geschloffen werden wird, unter allen Umständen werden die Juden die Kosten bezahlen. Welche Haltung haben nun angesichts dieser traurigen Sachlage unsere Glaubensgenossen bei den Neuwahlen einzunehmen? So schmerzlich es auch ist, so muß es doch nackt und klar ausgesprochen werden: Sie haben keinen Freund, als sich selber. BÜt akademischen Sympathieversicherungen, die im Augenblicke der That verleugnet werden, ist uns nicht gedient. So erwächst uns denn die Pflicht, nach Maßgabe unserer Kräfte für die Bertheidigung vorzusorgen und überall dort, wo unsere Stimmen