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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-07 · 36 (7.9.1900) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
36 (7.9.1900)
Date
1900-09-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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*;t. 36 Dr. Luntz's Wochenschrift? Seite 653 des Stadthauptmanncs Niedermann aussührte. Damit haben wir dem uns ertheilten Aufträge vollkommen entsprochen, und wir halten es nach dem Geschehenen mit unseren Anschauungen für unvereinbar, uns mit dem Stadthauptmanne Josef Niedermann in neuere ritterliche Unterhandlungen einzulassen. Hochachtungsvoll Eduard Cserm ak na.p., k.u. k. Oberlieutenant, Carl Kulcsar m. p., k. u. k. Lieutenant/ Die Affaire hat in Gran das peinlichste Aufsehen erregt und soll bei den Vorgesetzten Behörden des Stadthauptmannes eine Fortsetzung finden. Berlin. Samstag den 8. September wird die Ermordung des Gymnasiasten Ernst Winter in Könitz die dortige Strafkammer des königlichen Landgerichtes in Form einer Anklage gegen einen früheren Abdecker Jsraelski wegen Begünstigung des Mordes beschäftigen, ohne daß das Gericht in der Lage wäre, einen Mörder und das Motiv des Verbrechens namhaft zu machen. Der Angeklagte heißt mit Vornamen Wolff, ist am 8. März 1848 zu Lichnau bei Könitz geboren, jüdischer Religion und bereits wegen Diebstahls, Unterschlagung und Bedrohung bestraft. Er ist verheiratet und Vater von sechs, zum Theil schon erwachsenen Kindern. Er soll früher auf einem Dorfe bei Könitz eine Schankwirthschaft betrieben haben. In dieser soll Botenmeister Fiedler, als derselbe noch Exccutor war, viel.verkehrt haben, so daß ihm, wie er behauptet, die Person Jsraelskc's genau bekannt sei. Jsraelski ist ein durch den Trunk vollständig heruntergekommener Mann. Er mußte deshalb seine Gastwirthschaft aufgeben. Später wurde er Abdecker. Allein der Schnapsgenuß zwang ihn schließlich, auch diese Thätigkeit einzustellen, so daß er von öffentlicher Unterstützung und von dem geringen Verdienst lebte, den seine sehr fleißige und ordentliche Frau und seine sich ebenfalls des besten Rufes erfreuenden Kinder erwarben. Jsraelski stand, ehe er verhaftet wurde, in Könitz auf der öffentlichen Säuferliste. Er behauptet, er habe niemals Stiefel, sondern nur immer aus Bändern hergestellte Schuhe getragen. Da er sehr schlecht zu Fuße sei, könne er gar nicht den weiten Weg binnen einer Stunde zurückgelegt haben. Es sind bisher von der Staatsanwaltschaft 19, von der Vertheidigung 10 Zeugen geladen. Den Vorsitz des Gerichtshofes wird Landgerichtsdirector B ö h n k e führeir. Die Anklage wird der erste Staatsauwalt Dr. S e t t e g a st vertreten. Die Vertheidigung haben Justizrath Dr. v. G 0 r d 0 n (Berlin) und Rechtsanwalt Masch ke (Könitz) übernommen. Die Verhandlungen werden im Schwurgerichtssaale stattfinden. Kiew. Vor drei Jahren wurde in Kiew ein Polytechnikum gegründet, in welches 15 Percent jüdischer Hörer Aufnahme finden, während in die sonstigen Lehranstalten bekanntlich nur gegen 5 Percent ausgenommen werden. Es ist demzufolge begreiflich, daß die Gründung dieses Institutes von der jüdischen Bevölkerung Süd-Westrußlands seinerzeit mit Freude und Jubel begrüßt* wurde. Dies Jahr erfuhr diese Anstalt eine bedeutende Erweiterung. Hochherzige Spenden reicher Kaufleute einerseits und die hohe Protection des Finanzministers v. Witte andererseits ermöglichten es, daß sich gegenwärtig in Kiew ein Prachtbau von colossaleu Dimensionen und großart ger Architektur erhebt, der unter ähnlichen Anstalten in Rußland den ersten Platz einnimmt. Natürlich strömen jahraus jahrein Hunderte jüdischer Schüler nach Kiew, um an diesem frischen Quell ihren Wissensdurst zu stillen, allein ein verschwindend geringer Theil kann, den bestehenden Gesetzen zufolge, Ausnahme finden. Bor Beginn dieses Schuljahres wurden 875 Aufnahmsgesuche eingereicht, während in der Anstalt nur noch 308 Vacanzen vorhanden sind. Unter den 875 Petenten sind 240 Juden, von denen nur 46 ausgenommen werden können. Immerhin ist dies eine große Erleichterung für die hiesigen jüdischen Candidaten, die sonst in den Universitäten um Aufnahme ansuchen müffen. wo sie meist zurückgewiesen werden. Ueberdies bietet das Polytechnikum den jüdischen Absolventen manche Vortheile, da sie von dieser Anstalt als Techniker, Maschinenbauer, Mechaniker in Privatunternehmungen Anstellung finden -können, während die Universität den jüdischen Juristen und Ingenieuren keine Rechte gewährt. (Bekanntlich werden den jüdischen Juristen keine Befähigungscertificate zur selbstständigen Etablirung ausgefolgt; Ingenieure werden nur mit Taufscheinen zu Regierungsstellen zugelassen.) Gegenwärtig wird auch in Petersburg eine ähnliche Anstalt gegründet. Mit banger Erwartung sieht die jüdische studirende Jugend dem Erscheinen der Statuten entgegen. Bei der freiheitlichen und humanen Gesinnung des gegenwärtigen Finanzministers, dem all' diese Anstalten ihr Entstehen verdanken, ist zu erhoffen, daß auch dieses Institut den Juden mehr oder minder freien Einlaß gewähren wird. Kiew. Ein wahrer Wohlthätigkeitsregen ergoß sich neulich über die in Noth und Elend lebenden jüdischen Einwohner des Städtchens „Malin" bei Kiew. Die 300 jüdischen Familien dieses Ortes, die einen äußerst harten Kampf ums Dasein zu führen haben, waren natürlich nicht in der Lage, die jeder jüdischen Gemeinde unentbehrlichen öffentlichen Anstalten, wie das Krankenhaus, den Friedhof, die Talmud-Thora u. dgl., zu erhalten, und so gerieth Alles in Verfall und die arme Bevölkerung litt furchtbar darunter. Da erschien ihnen unerwartet ein Rettungsengel in der Person des bekannten Philanthropen Herrn Ingenieur I. B. Back (Bruder des gottseligen, als eminenter jüdischer Palriot (nicht Zionist) und Hebräer berühmten Jesaias Back), der dre dieses Städtchen durchziehende Eisenbahn „Kiew-Kowel" baut. .Abgesehen von der bedeutenden Unterstützung, die er einzelnen Personen durch Zuweisung verschiedener Geschäfte gewährt, spendete er für öffentliche Wohlthätigkeitszwecke 500 Rubel für die jüdische und 300 Rubel für die christliche Bevölkerung und versprach, für dieselben Zwecke binnen Kurzem weitere Beträge anzuweisen. Dieser hochherzige Mann unterläßt keine Gelegenheit, Dürftige und Leidende, ohne Unterschied der Confeffion, zu unterstützen. Synagogen und Kirchen verdanken ihm ihr Entstehen. Kein Schwärmer von Natur, ruhig und überlegend, nimmt er Antheil an jeder Bewegung, von der für das Judenthum ein Heil zu erhoffen ist. Da er mit der modernen Richtung der Volksretter nicht sympathisirt, ist sein ganzer Einfluß — und dieser ist in maßgebenden Kreiserl nicht gering — dahin gerichtet, das Elend der Juden innerhalb der Länder ihrer Zerstreuung zu lindern. So nahm er lebhaften Antheil an der Gründung der Gesellschaft zur Unterstützung und Förderung jüdischer Arbeiter in Rußland. Ueber die Ziele und die Thätigkeit dieser Gesellschaft werde ich demnächst ausführlich berichten. A. M. Moskau. (W. S. S 0 l 0 w j e w.) Am 13. August starb in einem Dorfe nahe von Moskau der Philosoph Prof. Wladimir Sergejewitsch S 0 l 0 w j e w. Obgleich der große russische Denker kaum 37 Jahre alt geworden ist. nahm er dennoch in der russischen wissenschaftlichen Welt einen hervorragenden Platz ein. Ein tiefer origineller Denker, war er von einem glühenden Eifer für Wahrheit und Recht durchdrungen, der ihn antrieb, sich auch in die jüdische Literatur zu vertiefen. Unterstützt von großer Begabung war S 0 l 0 w j e w bald der hebräischen Sprache vollständig mächtig, so daß er den Talmud im Urtext studiren konnte und auch fleißig zu studiren pflegte. Seine tiefen Kenntnlffe des Judenthums veranlaßten ihu, im Vereine mit seiner Liebe für Wahrheit und Recht für die in Rußland verfolgten und von einer schlechten Presse arg verleumdeten Juden bei jeder sich darbietenden Gelegenheit eiuzutreten. Berühmt sind seine Schriften „Das Judenthum und die christliche Frage", „Der Talmud und die jüngste polemische Literatur über denselben in Orsterreich- Ungarn", sowie seine Streitschrift gegen Diminsky, den Rohling Rußlands. Endlich schrieb Solowjew „Ueber den Nationalismus in Rußland", wo er das Verhältnis der russischen Chauvinisten zu den russischen Juden ins Helle Licht setzte. In Solowjew verliert das russische Judenthum einen seiner edelsten und mächtigsten Bertheidiger, dessen Stimme noch bei allen Männern Gehör fand, welche Eigennutz und Menfchenhaß für die Stimme der Wahrheit noch nicht ganz taub gemacht haben. Teheran. Der Schah befindet sich in Europa, und diese Gelegenheit sollten die europäischen Juden, insbesondere die Alliance Israelite universelle benützen, um den Herrscher von Persien das elende Los der persischen Juden zu schildern und sein Eingreifen zu erbitten. Hierzulande herrscht gegenwärtig Hungersnoth und es sind wieder die Juden, die am meisten zu leiden haben. Die aufgeregte Bevölkerung von Teheran hat einen Aufstand gegen den Gouverneur wegen der Brodtheuerung inscenirt, hat den Divan erstürmt und zerstört und sogar der bewaffneten Macht einige Zeit Widerstand geleistet. Schließlich ist der Aufstand unterdrückt worden, aber gegen die Juden dauert die Gährung fort. Seit 60 Tagen müffen unsere Kaufleute ihre Läden geschloffen haben, und die Regierung, obwohl sie nicht böswillig ist, ist zu schwach, um diesen traurigen Zustand zu ändern. Man kann sich nicht wundern, daß abermals die Auswanderung bei uns beginnt. Dieselbe richtet sich nach Palästina

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