Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 660 Dr» Bloch's Wvchrnf^M, Nr. 36 Breestraat im Osten der holländischen Hauptstadt machen. Aber hier ist Mes ausgedehnter, größer vielfältiger, als es einst in Frankfurt war. Auch hier findet man Buchhandlungen, in denen das Alte Testament und der Talmud verkauft werden; Mch hier sind die Magazine mit Trödelwaaren und alten Kleidem, Antiquitäten und Gerümpel, wie sie einst in Frankfurt gewesen und wie ich sie so charakteristisch nur noch in der Nähe des Ponte vecchio in Florenz am gelben Arno gesehen habe. Auch hier sind die Fleischerladen mit den bekannten drei hebräischen Buchstaben, Mch hier die Gestügelhandlnngen mit abgehäuteten Hähnen und Gänsen, deren hochrothes Fleisch so wenig einladend aussieht, so viel weniger als die fette, blanke, Weiße Haut, die MM ihm dem Ritus (?) zu Liebe genommen hat. Auch hier hängen die Kleider an den Fenstern, Hosen zu Dutzenden, Röcke, die schon Jahre getragen wurden und immer wieder getragen werden sollen. Aber ausgedehnter, größer, vielgestaltiger und vielfältiger ist das hier Mes, als Wohl in irgend einer anderen europäischen Stadt. Es ist eine Stadt für sich, ein ganzes Viertel, eine orientalische Colonie mitten im Heiden des germMischen Stammes. Die blonde Holländerin mit den meist gMz fiachsgelben Haaren, der vierschrötige Seemann mit dem rothen Gesicht, Mynheer mit dem charakteristisch geschnittenen Backenbart und die Frauen, die von draußen in die Stadt kommen, die weiße Häubchen und Kappen aus Goldblech tragen, wie die ritterlichen Herren des Mittelalters, wenn sie zu Pferde stiegen, sie Me sind verschwunden. Pechschwarzes Haar bedeckt hier die Köpfe, dunkle buschige Brauen wölben sich über den schwarzen, von langen Wimpern beschatteten, klugen Augen, blaß ist die Gesichtsfarbe und scharf charakteristisch tritt die Nase hervor. Reiche Leute sieht man hier nicht. Sogar der MittelstMd ist selten. Die Meisten machen einen armen Eindruck. Leben doch Tausende in diesen Gaffen von der berühmten Amsterdamer Diamantenschleiferei, und haben doch diese fast Me ihren kargen Verdienst im Laufe des Winters in Folge des südafrikanischen Kneges eingebüßt! Blickt man in eine Seitengasse, dann wird MM sich bald wegwenden. Hier häuft sich der Schmutz, hier nistet das Elend. In dem Hafenviertel Genua's ging ich einst durch eine solche Gaffe, wie es deren viele im Ghetto von Amsterdam gibt. Hier wird Alles auf der Straße erledigt. Der gesammte Wäschebestand der Familie flattert, soweit er nicht gerade auf dem Leibe getragen wird, in den Lüften, man hängt Mes vor die Fenster, denn man hat eben keinen Platz. Me der Italiener in den Straßen und Gassen von Rom und Pisa in solchen Vierteln draußen lebend sein karges Mahl für zwei oder drei erbettelte Kupferstücke von einem vorbeifahrenden Karren nimmt, so thut es heute Mch der arme Jude in dem Ghetto von Amsterdam, in das die Reichen die Füße nicht setzen, in den Seitengassen der Joden Breestraat, in denen der Schmutz sich häuft. Ist es dort eine Hand voll Kastanien» eine Orange und ein Löffel Polenta, so thuen es hier eine Effiggurke ein Stück hartes, geräuchertes Fleisch, ein Fisch, eine Zwiebel. Aber ein Unterschied scheint mir zu bestehen zwischen dem Ghetto Md jenen Gaffen Mittelitaliens, und der scheint mir sehr wesentlich zu sein. Die italienischen Kupferstücke sind meist erbettelt, die Eente im Amsterdamer Ghetto sind verdient. Denn zäh und Mermüdlich, erfüllt von Handelsgeist und Erwerbssinn sind hier diese Leute; sie geben sich gMz ihrer Arbeit hin; vom frühen Morgen bis zum späten Abend laufen sie von einem Ende der Stadt zum anderen, den Karren vor sich herschiebend, und rufen und schreien, um aus dem VerkMfe ihrer Maaren das erbärmliche Leben des Ghettos gewinnen zu können. Mr verlaffen die Seitengaffen Md biegen wieder in die «Joden Breestraat, da stehen wir vor einem Hause, das eine einfache Gedenktafel schmückt. Voll Andacht lesen wir, daß hier der größte holländische Maler, daß Rembrandt hier in dem alten Ghetto in den Jahren 1640—1656 gewohnt hat. Vielleicht brauchte er das Ghetto, er, dem das bunte, vielgestaltige Leben zu einer künstlerischen Offenbarung wurde, dem dieses Anschauen des Lebens so nöthig war." Die Juden in Bochara. In dem soeben erschienenen Buche „Reisebilder aus Persien, Türke st an und der Türkei" von E. K a u d e r findet sich folgender Paffus über die Juden in Bochara: Zu den Bewohnern Bocharas gehört, außer Muselmanen, eine ziemlich starke Judengemeinde, deren Heimstätten einen besonderen Stadttheil ausmachen. Herr R. hatte mir viel Eigenartiges von dieser Colonie erzählt, und so ging ich mit Freuden auf seinen Vorschlag ein, dem Aeltesten der Gemeinde einen Besuch abzustatten. Wie all die Stammesgenossen, so befassen auch die bocharischen Juden sich hauptsächlich mit Handel und haben es verstanden, große Vermögen zu erwerben Namentlich nach dem benachbarten, völkerreichen Turkestan werden große Geschäfte gemacht. Daraus ergab sich folgende seltsame Lage: Als die russische Regierung seinerzeit mit Judenausweisungen vorging, wurde beschlossen, aus TurkestM alle Israeliten bis Mf den letzten Mann auszuweisen. Darob entstMd jedoch unter der einflußreichen Moskauer Kaufmannschaft große Aufregung; MM wurde mit Recht vorstellig, daß, wenn die RegierMg die bocharischen Juden vertriebe, der ganze blühende Export Rußlands rach Turkestan, Afghanistan u. s. w. lahmgelegt würde. Und so geschah das Merkwürdige, daß diejenigen Juden, welche russische Unterthanen waren, Turkestan verlaffen mußten, die ausländischen, bocharischen Glaubensgenossen dagegen unbehelligt in ihrer Sphäre verbleiben dursten. Die bocharischen Juden besitzen zumeist ein stattliches, imponirendes Aeußere. Wer sich eine Vorstellung von den Erzvätern machen will, der statte, wie ich, dem Vorstand der Gemeinde, dem Patriarchen Aron Penhassoff, einen Besuch ab. Ein schönes, stattliches Haus, das sich durch große Sauberkeit auszeichnet, wird von demselben bewohnt. In dem großen, hohen Saal, in welchem der Hausherr uns empfing, hatte vor Jat.ren der Pariser Rothschild einige Tage gewohnt, als er nach Eröffnung der transkaspischen Bahn bis Samarkand reiste. Bald nachdem wir uns niedergelassen hatten, brachten die Diener getrocknete Früchte und selbstgemachten Wein herbei; ich fand alles Dargebotene recht gut. Von Berlin wußte Penhassoff nicht allzuviel, dagegen war ihm Frankfurt gut bekannt; mit einem dortigen Banquier steht er in Geschäftsverbindung. Das Vermögen dieses Mannes wird auf Millionen von Rubeln geschätzt. Er sowohl wie sein Bruder, den wir nachher aufsuchten, empfingen uns mit großer Zuvorkommenheit. Während des Essens und nach dem Trinken wurde von Beiden kräftig gerülpst, eine Unsitte, die jedoch als landläufige Höflichkeit und Anerkennung der Güte des Vorgesetzten aufzufassen ist. Das Haus Sion Penhassoff's, des Bruder Aron's, ist noch luxuriöser eingerichtet. Mit Stolz zeigte uns der Besitzer einen großen Saal, dessen difficile Stuccaturarbeit über sechs Monate erfordert hatte. Ein riesiger, kostbarer persischer Teppich bedeckte den ganzen Boden, Möbel waren nach orientalischer Sitte nicht vorhanden. Dagegen wurden wir nachher in eine Art Studirstube geführt, welche durch Tische, bequeme Stühle, Schreibsecretär u f w. ganz europäisch ausgestattet erschien. In einem weiten Gemach jenseits des Hofraumes fand die Vorstellung der weiblichen Familienangehörigen statt. In Gesellschaft einiger Dienerinnen hockten dieselben auf dem Fußboden und waren offenbar damit beschäftigt, die Zeit durch Geschichten-Erzählen und süßes Nichtsthun todtzuschlagen. Die Tochter des Hauses, ein bildhübsches Mädchen von sechzehn Jahren, welche mir mit schmachtendem Augenaufschlag die Weiße Hand reichte, entzückte mich durch wundervollen Gesichtsschnitt, das schlanke Ebenmaaß der Glieder und die edle Regung der Formen. Außerhalb des Hauses gehen israelitische Frauen und Mädchen, der Sitte des Landes folgend, verschleiert. Auf dem Rückwege zur Stadt versäumten wir nicht, den katakombenartigen jüdischen Friedhof zu besichtigen." Die Katze und die Mäuse. Zwei zeitgemäße Anecdoten lesen wir in einem französischen Journal: Ein Beamter der Stadtverwaltung hat die Bemerkung gemacht, daß, wenn eine einzige Maus einen Sack mit Mehl angenagt, und halb verzehrt hat, von Beobachtern des Schadens gesagt wird: „Das waren M ä u s e". Aber wenn ein Dutzend Katzen über einen Napf Milch hergefallen sind und denselben geleert haben, so wird auf die Frage, wer die Milch getrunken habe, geantwortet:' „Das war die K a tz e" Im ersteren Falle beschuldigt man eine ganze Gattung wegen des Fehlers der Einzelnen; im zweiten einen Einzigen wegen der That Mehrerer. Dasselbe ist bei der Geschichte mit den Juden heute der Fall. Für einen Juden, der die Hand an den Sack gelegt, würde man gerne alle Juden steinigen. Und wenn irgend ein schlechter Streich von mehreren Schluckern einer anderen Gattung gemacht wird, beschuldigt rqan nur einen. Ich könnte Züge wahrer Wohlthätigkeit, Großmuth, selbst Verschwendung von gewissen Juden meiner Bekanntschaft erzählen, und Züge von Geiz, Gier?' Raubsucht von gewissen Christen, die ich gleichfalls kenne. Es ist l 1 Uhr Abends. Eine Frau, die in ihren Armen ein zweijähriges Kind hält, ist auf eine Bank der Avenue Lamothe-Piquet niedergesunken. Ein junger Mann, geht vorüber, ein Angestellter einer Buchhandlung. Er steht still. „Was macht Ihr da?" — „Mein Herr, ich will mein Kind in die rue de Sevres tragen und will darnach ein Nachtasyl für mich suchen. Ich habe seit diesem Morgen noch nichts gegessen und habe mich gesetzt, um ein wenig Kraft zn sammeln!" — „Hier sind 50 Sous, es ist Alles, was ich bei mir habe! Gebt mir Euer Kind, ich will es tragen." Er begleitet die Frau und trug das Kind, das für ihre Schwäche zu schwer war. Dieser junge Mann war ein I u d e. — Wenige Tage darauf will ein reicher Mann, der vom Theater zurückkehrt, nachdem er seinen Fiaker bezahlt, in sein Haus eintreten. Es ist .12 Uhr Nachts. Er stößt mit seinem Fuße einen auf dem Trottoir ausgestreckten Greis. „Was macht Ihr hier?" — „Mein Herr, ich bin vor Müdigkeit und Hunger hingefallen." — „Hier sind 2 Sous". — „Mit 50 Centimes würde ich essen, mit 50 mehr würde ich schlafen—." — „Um dann wieder aufs Neue zu beginnen." Er trat in sein Haus. Das war ein Christ. Kaiser Otto II. Wenig bekannt dürfte es sein, daß Thietmar, der Ende des zehnten Jahrhunderts als Probst des Klosters Walbeck und später als Bischof von Merseburg lebte, in seiner Chronik, die hauptsächlich die Geschichte der späten sächsischen Kaiser behandelt, rühmlich der Treue eines. Juden gegen seinen Kaiser gedenkt. Chronik III, 12, wo die für Kaiser Otto II. unglückliche Schlacht in Süd-Italien geschildert wird, heißt es folgendermaßen: „Der Kaiser aber entkam mit seinem Neffen Otto und den Uebrigen fliehend ans Meer, und wie er in der Ferne ein Schiff, eine sogenannte Salandria, erblickte, eilte er auf dem Rosse des Jude» Calonimus darauf zu; das Schiff aber fuhr vorüber Md weigerte sich, ihn aufzunehmen. Als jener nach den Schutzwerken