Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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srr. 36 Dr. Blocht wvckrenschrM. Sette 649 schieht und die Blößen nicht wahrnehmen wollte, die der Feind sich gibt, seine Schwäcben nicht ausnützen, seine verwundbaren Stellen nicht angreifen wollte. Die schlechteste aller Politiken ist die Vogel-Strauß-Politik, und wir wollen uns nicht den Vorwurf machen lassen, daß wir sie betreiben. Wir haben nicht ohne Interesse die journalistischen Fehden im gegnerischen Lager verfolgt, und wenn wir auch nicht glauben, daß sie momentan und selbst auch nur in naher Zeit zu einem positiven Resultate führen werden, so sehen wir in ihnen doch die Keime einer Zersetzung, die „unaufhaltsam und früher oder später zu der unvermeidlichen Niederlage aller derjenigen Parteien führen muß, die sich von den ethischen Grundlagen entfernen, auf denen die Zukunft des Menschengeschlechtes beruhen muß. Das „Vaterland" wittert -mit richtigem Jnstincte die Gefahr, die dem Katholicismus droht, wenn der Racenstandpunkt noch weiter aufrecht erhalten wird. Es wehrt sich auch von seinem Standpunkte aus mit Recht gegen die Lehre, daß man „unbequeme Racen" ausrotten dürfe, und bricht in die Klage aus: „Soweit kommt man mit der modernen Nationalitäten- und Racentheorie". Der Katholicismus — der nicht das Christenthum ist, weil er die anderen christlichen Lehren ausschließt, abstößt, verfolgt — der muß, wenn er nicht seine Geschichte und was er seine Mission nennt, verleugnen will — Alle aufnehmen und mit gleicher christlicher Liebe umfassen, die sich seinem Schoße anvertrauen, er kann durchaus keine Race gelten lassen, ihm müssen Sem und Cham ebensoviel gelten wie Japhet. In dem Momente, wo er dieses Princip verläßt, entsagt er vollständig seiner Existenzbasis und dann löst sich die katholische Kirche in so viele Nationalkircheu auf, als sich Volksstämme zu ihr bekennen, und es ist nicht nur um ihre Allgemeinheit, sondern auch um ihre Einheit der Lehre und Leitung, um ihre ganze Zukunft geschehen. Consequenterweise hätten also die maßgebenden Persönlichkeiten von vorneherein der Nationalitäten- und Racentheorie den allerheftigsten Widerstand entgegensetzen müssen. Wenn wir sie trotzdem selbst als Führer, Leuker und Inspiratoren wahrnehmen, so hat dies darin seinen Grund, daß sie in dieser Theorie eine Macht erkannten, deren Gewalt über die Gemüther sie zu schätzen und zu gebrauchen wußten. Sie mußte den Keil abgeben, durch welchen die alten Parteien auseinander getrieben und eine Zersetzung eingeleitet werden sollte, welche die disjecta membra in den Schooß der katholischen Partei zurückbringen mußte. Die Zersetzung ist gelungen, insbesondere hat man es zu Stande gebracht, die liberalen Parteien zu vernichten oder wenigstens ohnmächtig zu macheid — aber der Erfolg ist nicht eingetreten, die zerstreuten Glieder zu sammeln. Ja, aus der Polemik der einzelnen Blätter entnehmen wir, daß die centrifugalen Kräfte immer mehr zunehmen, und daß sich nicht blos die nationalen, sondern auch die christlich-socialen Elemente gegen das Aufgehen in die katholische Partei immer energischer wehren, ja selbst im katholischen Lager werden Stimmen laut, die auf einen politischen Protestantismus, eine Verleugnung der Autorität und eine Ersetzung durch das individuelle Recht der freien Forschung schließen lassen. Man braucht nur die Auslassungen des Wiener Chinesenblattes über die Antisemitenbewegung in Ungarn zu lesen, um sofort den Gegensatz in der Auffassung der beiden Parteien zu erkennen. Da heißt es klar und deutlich: „Fort mit dem „k a t h ol i s ch e n" Antisemitismus, heraus mit dem allgemeinen „ch r i stl i ch e n" arischen Racenantisemitismus, fort mit der Furcht vor jedem ungulkdigen Blick von Oben" Noch deutlicher wird der Unterschied von Monsignore Sch eich er einbekannt. Er gesteht offen, daß sich Christlich-Sociale und Conservative (Clericale traut er sich natürlich ebensowenig zu sagen, wie Katholischpolitische) in „politischer Beziehung fundamental" von einander unterscheiden, weil erstere auf demokratischer, letztere auf autoritativer Grundlage stehen. Damit ist klar ausgedrückt, was die Caplanokratie anstrebt. Daß daraus die dumme — „Deutsche" - Zeitung die Folgerung zieht, es sei dadurch erwiesen, die Christlich-Socialen hätten keine Clericalisirungstendenzen, ist natürlich nur der Verständnißlosigkeit dieses Blattes zuzuschreiben. Die Scheicher, Deckert, Schnabel rc. und die Anderen dieser Couleur haben natürlich nicht die Absicht, die Kastanien für W ä h n e r und V e r g a n i oder Wolf und I r o aus dem Feuer zu holen, aber sie benützen deren agitatorische Kräfte für ihre Zwecke. Auf die Dauer werden sie ja ihre demokratischen Gelüste nicht festhalten, es kommt die Zeit, in der sie wieder der Autorität sich unterwerfen, ob aber die demokratische Bewegung, die sie in die Bevölkerung hineintragen, um sie für ihre Zwecke auszubeuten, sich dann, wenn sie in den Schooß der Autorität zurückgekehrt sein werden, auch dieses 8aerLLeio delP intelleeto bringen wird, ist eine Frage, die sich die „Autorität" selber vorlegen und beantworten muß, damit sie nicht von den Ereignissen überrascht werde. Uns genügt es für den Augenblick, auf diese Divergenzen im gegnerischen Lager aufmerksam gemacht zu haben. Daß das Resultat derselben nie ein zerstörendes sein kann, liegt klar zu Tage. Wo ethische Grundlagen fehlen, gibt es keinen dauerhaften Aufbau. Aus der Zersetzung resultirt keine Einigung. Erst wenn wieder Einsicht kommt, die zur Umkehr drängt, wird es eine Renaissance geben. Die Entwicklung des Menschengeschlechtes geht ihren Weg. Die einzelnen Phasen sind bald mehr, bald weniger befriedigend. Der Schluß wird aber dennoch der Sieg des Humanismus über jede Form von Exclusivität sein. A. W i e n e r. Das Ghetto in A msterdam schildert Dr. Stilge. b a u e r in der „N orddeutschen Allgemeinen Zeitung": „Auf allen Hausschildern portugiesische Namen, über vielen Thüren Inschriften in hebräischen Lettern, alle ohne Punctation, lauter Consonanten» so daß sie nur der Eingeweihte zu entziffern im Stande rst- Noch vor zehn Jahren bildeten die Juden ein Zehntel der ganzen Bevölkerung von Amsterdam; wie der Procentsatz sich heute gestaltet, weiß ich nicht genau, indessen will es fast scheinen, wenn man alle die die Straßen durcheilenden Händler betrachtet, als ob er sich eher erhöht als vermindert hätte. In einer finsteren Zeit ... fanden die aus ihrem Vaterlande vertriebenen portugiesischen Juden eine Freistatt in den Niederlanden, die auch um ihre Unabhängigkeit und freie Religionsübung zu kämpfen hatten; auch aus dem düsteren Deutschland jener Tage flüchteten Viele nach Amsterdam, dem sie den Namen eines zweiten Jerusalem gegeben hatten. In neun Synagogen halten sie jetzt ihre Gottesdienste, die größte ist die der portugiesischen Juden, die, in der Lluiderstrnrtt gelegen, von Dorsman im Jahre 1670 erbaut wurde. Man betritt sie durch einen Vorhof, in dem zwei einsame Bäume stehen; ihr Inneres ist ohne Prunk, einfach und schlicht, fast nüchtern. . . . Am Abend, in der Stunde, da der Tag zur Rüste geht, da die Sonne sinkt, wenn die Thüren der Synagogen sich öffnen, vielleicht am besten, wenn Freitags sich die Sabbathruhe auf die fast so ruhelosen Gassen und Straßen des Amsterdamer Judenvirtels herniedersenkt» mag man den Gang durch das Ghetto antreten, dann, wenn das uralte Gesetz von der Heilighaltung des Feiertags in seine Rechte tritt, wenn die Stunde kommt, für die geschrieben steht, daß Keiner arbeiten soll, „weder Du, noch Dein Weib, noch Dein Sohn, noch Deine Tochter, noch Dein Ochse, noch Dein Esel, noch der Fremdling, der in Deinen Thoren ist." Ein Hauch des alten strengen und patriarchalischen Mosaismus weht an einem solchen Abend auch heute noch über das Ghetto von Amsterdam. Wenn in den Zimmern der alten Häuser und in den Synagogen die Lichter zu funkeln beginnen, wenn die Rufe auf den sonst nimmer müden Lippen der karrenschiebenden Händler verstummen, wenn die Läden sich schließen und der Besitzer mit seiner Familie sich vor die Thür seines Hauses setzt, wie einst Abraham saß vor seiner Hütte des Abends, als die Männer aus Sodom zum Besuche kamen, und als er bat: „Sind nur sieben Gerechte in Sodom, dann wirst Du sie nicht verderben " Wem die alte Judengasse in Frankfurt a. M, in der Heinrich Heine das schönste Capitel seines Rabbi Bacharach spielen läßt, der der Frankfurter Maler Oppenhe'imer die Motive zu seinen schönen Bildern: „Aus dem jüdischen Familienleben" entnahm, die heute nach dem größten Juden, den Frankfurt hervorgebr cht, Börne-Straße heißt, und in der als letzter Rest nur noch das alte Stammhaus des reichsten Juden, das „Rothschildsche Haus", stehen geblieben ist, noch im Gedächtniß weilt, der kann sich auch ein Bild von der Joden