Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 648 Dr. Bloch's Wochrnschrifk. Nr. 36 daß er im Laufe der letzten etwa 17 Jahre nach und nach eine Summe von zwischen 35—45 Millionen Franken für dieses Werk flüssig gemacht hat. Aber trotz der Aufwendung dieser großen Summen kann noch heute nicht gesagt werden, daß die unterstützten jüdischen Colonien auf eigenen Füßen stehen, vielmehr ist die Mehrzahl von ihnen noch heute in hohem Grade zujchußbedürstig. Die beste Colonie ist wohl dir 1882 gegründete R i s ch o n l e Zion, die sich durch einen guten Weinbau hervorthut. Die Colonie. welche etwa 520 Seelen zählt, verfügt über sehr schöne Bauten (Verwaltungsgebäude, Schule, Synagoge) und ausgedehnte Kellereien; die dort gekelterten Weine genießen unter den strenggläubigen Juden und den Zionisten besonder« Zuspruch. Ein großer Theil der Weine geht von R i s ch o n l e Z i o n zunächst nach einem in Hamburg errichteten Transit-Keller, in dessen kühlerer Temperatur sich die Qualität des Weines wesentlich verbessern soll. Im vorigen Jahre sollen aus der Colonie 22.000 Hektoliter Wein ausgeführt worden sein. Für den Verkauf des Weines haben sich besondere Gesellschaften gebildet. Andere jüdische Colonien in der Nähe von Jaffa sind Petach Tikwoh Mulebbes) mit 776 Seelen, und M a skeret Batja mit 150 Seelen, das alte Ekron der Philister. In der letzteren Colonie mußte der anfänglich befriedigende Ackerbau eingeschränkt werden, als die Colonisten sich mit Rücksicht auf das siebente Ruhejahr weigerten, die Felder zu bestellen, obwohl hervorragende Rabbiner ihnen die Erlaubnrß gewährten. Dafür wurden umsomehr Baumpflanzuugen und Orange - Gärten so wie in Mulebbes, zur Verbesserung der Grsundheitsverhältniffe weitläufige Eukalyptus - Anlagen gemacht. Die Colonie Sichron Jakob bei Tantura mit 1080 Seelen hatte zunächst guten Erfolg mit Weinbau, verfügte auch über große Kellereien: aber neuerdings hat die Reblaus die französischen Reben zerstört und jetzt müffen amerikanische Reben neu angepflanzt werden. Die Colonie R o s ch P i n a h bei Safed in Galiläa mit 315 Seelen hat sich vorzugsweise auf Maulbeerpflanzungen mit Seidenzüchterei und auf Rosinenbereitung (aus Malagatrauben) geworfen, während die benachbarte Colonie Jessood H am a a l a h mit 128 Einwohnern vorwiegend Blumen-Culturen (besonders Geranium) und eine Fabrik von Parfumerie-Effenzen betreibt. Schließlich sei noch die an der Nordgrenze Palästinas, eine Stunde von Jedeida, 1896 errichtete Colonie M e t u l l a h mit 302 Seelen erwähnt, in der es bisher gelungen ist, guten Tabak zu ziehen. Bei andern ungefähr gleichzeitig von Baron v. Rothschild erworbenen Dörfern (Djolan und Betima) hat die türkische Regierung die Ansiedelung jüdischer Colonisten noch nicht gestattet. Die erworbenen Besitzungen sind daher einstweilen an einheimische Bauern verpachtet. Unabhängig von diesen Colonien, die vornehmlich den weitgehenden Opfern des Baron Edmund v. Rothschild ihre bisherige Lebenskraft verdanken, haben sich andere Colonien entwickelt, welche von der Gesellschaft der Freunde Zions (Choveve Zion) gegründet sind. Sie ist vor noch nicht ganz 20 Jahren im Anschlüsse an die ruffischen Judenvertreibungen errichtet worden, um jüdischen Ackerbau und jüdischen Gewerbefleiß in Palästina zu fördern. Ihr Haupisitz ist Odessa, und im Jahre 1890 ist es ihr gelungen, die Genehmigung der russischen Behörden für ihre Thätigkeit zu erlangen. Inzwischen haben sich zu demselben Zwecke ähnliche Vereinigungen in Deutschland, Oesterreich, England und Nordamerika gebildet, die jetzt eine gemeinsame Spitze in einem von Herrn Narciffe Leven geleiteten Centralcomitö in Paris haben. Diese „praktischen Zionisten" haben aber nichts mit den politischen Zionisten (den Anhängern des Dr. Herz!) zu thun. Zu den von dieser Gesellschaft gegründeten jüdischen Colonien zählen C h a d r a, unweit Ekron, mit 130 Seelen und starkem Weinbau, und K a st i n j e h bei Askalon mit 118 Seelen und trefflich entwickeltem Feldbau (Getreide uud Sesam), sowie kleinere Colonien zu E s r a, Machnaim Bneh Jehuda und Mozah, welch letztere Colome von dem Verein zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer in Palästina und Syrien zu Köln einen Jahreszuschuß erhält. Schließlich seien noch diejenigen Colonien erwähnt, die von besonderen Genossenschaften in Bulgarien und Warschau gegründet siud, oder von der Jewish Colonisation Association in London erheblich: Zuschüsse erhalten. Dazu gehören Artus in Judäa (58 Seelen), Rechoboth bei Ekron (283 Seelen), Wadi Hanin (117 Seelen), Mi sch mar Hajarden am Jordan (72 Seelen), S e d j a r a, erst 1899 gegründet, um tüchtige jüdische Taglöhner der anderen Colonien und Zöglinge der jüdischen Ackerbauschule in Jaffa dort anzusiedeln, endlich Ch ed eira bei Cäsarea (300 Seelen) eine Colonie, die über ausgezeichneten Boden verfügt, da sie aber an ausgedehnte Sümpfe anstößt, ein sehr schlechtes Klima aufweist, so daß zahlreiche Todesfälle an perniciösem und Schwarzwaffer-Fieber eingetreten sind. Einer dieser Sümpfe ist inzwischen mit 250.000 Eukalyptus- Bäumen bepflanzt, ein anderer auf Kosten des Baron von Rothschild entwässert worden. Seit 1898 sind für die überlebenden Colonisten in gesunder Gegend am Meeresstrande neue Häuser errichtet worden; doch ist nicht anzunehmen, daß der an sich so fruchtbare Boden auf die Dauer ohne Lebensgefahr der Ackerbauer wird bestellt werden können. Die genannte Jewish Colonisation Association ist im Jahre 1891 mit einem Actiencapital von 2 Millionen Pfund Sterling vom Baron Hirsch errichtet worden. Nur die Hälfte des Capitals darf in Land festgelegt werden. Baron Hirsch hat bis zu seinem Tode (20. April 1896) der Entwicklung dieser Gesellschaft ganz besondere Sorgfalt zugewendet; aber er hat jüdische Colonien nur in Argentinien, in den Vereinigten Staaten und in Canäda errichtet, während er jede Gründung und Unterstützung jüdischer Colonien in der Türkei und in Cypern entschieden ablehnte. Jetzt sind die Actien zu einem Drittel Eigenthum der jüdischen Gemeinde und der Anglo Jewish Association in London, zu einem Drittel der jüdischen Gemeinde und der Alliance Jsraelite Universelle in Paris und zu einem Drittel der jüdischen Fortschritts-Gemeinden in Berlin, Frankfurt am Main und Brüssel. Der Vorstand hat seinen Sitz in Paris und besteht zur Zeit aus den Herren Narciffe Leven, dem Groß-Rabbiner Zadoc Kahn, G. K o h n und S. R e i n a ch in Paris, Claude Montefiore, Alfred L. Cohn und H. G. L o n s a d a in London, Generalconsul P h i l i p p s o h n in Brüssel, Dr. Edmund L a ch m a n n in Berlin und Julius P l e t k e in Frankfurt a. M. Das Gesammtcapital soll inzwischen durch weitere Zuwendungen auf 270 Millionen Franken gestiegen sein, und nunmehr ist die Thätigkeit der Gesellschaft, wie schon oben ausgeführt, auch auf Palästina ausgedehnt worden. Auch die R o t h s ch i l d'schen Colonien sind inzwischen in eine Actiengesellschaft mit einem Capital von 30 Millionen Franken umgewandelt worden, deren Hälfte im Besitze des Baron Edm. v. Rothschild verblieben ist, der auch die Verpflichtung übernommen hat, die Kosten zur Unterhaltung der Colonien für die Dauer von zehn Jahren weiterzutragen. Der Zuschuß für diese Colonien soll augenblicklich sich noch auf 3 Millionen Franken belaufen, doch wird gehofft, daß er sich auf mindestens 1,800.000 Franken ermäßigen lassen wird. Das Ziel soll darauf gerichtet werden, daß in etwa zehn Jahren die Colonien sich selbstständig erhalten sollen, ein Ziel, dessen schließliche Erreichung immerhin recht ungewiß ist. Vom Jahrmarkt des Lebens Aus dem gegnerischen Lager. Zwischen den Organen der uns -feindseligen Parteien ist ein Kampf entbrannt, der die vollste Aufmerksamkeit eines jeden Politikers verdient. Das Verganiblatt und die „Reichswehr" liegen einander in den Haaren, das „Vaterland" niarkirt seine, dem Wiener und dem Grazer Chinesenblatte entgegengesetzte Anschauung und die Dumme — genannt „Deutsche" Zeitung — tappt wie gewöhnlich mit ihrem Unverstand hinein. Es handelt sich nicht um übliche journalistische Katzbalgereien, sondern um die ernste, tiefgreifende prinzipielle Frage der Vereinbarlichkeit zwischen Katholicismus und Nationalismus, respective des Antisemitismus, und wir wollen von vornherein constatiren, daß von katholischer Seite natürlich das Princip der Herrschaft über alle Gläubigen, von christlich-socialer, nationaler und antisemitischer Seite dagegen das Princip der Gleichheit christlicher Lehren und daneben das der Racentheorie festgehalten wird. Der wäre ein schlechter Soldat, der, im Kampfe stehend, unbeachtet ließe, was im gegnerischen Lager ge--