Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021368--10186-3034654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 36 Dr. BIvch's Wochenschrift» Seit, 947 verletzen, als solche Maßregeln. Dennoch hatte die jüdische Bevölkerung, deren Hauptmasse sich aus Handwerkern, Kleinkaufleuten und Arbeitern zusammensetzt, wohl noch weiterhin in Rumänien als in ihrem Vaterlande ausgehalten, wenn nicht die Mißernte und Theuerung des Jahres 1899 eine schwere Krisis über das Land gebracht und völlige Stockung in Handel und Gewerbe hervorgerufen hätte. Nun wurde unter den Juden die Parole ausgegeben: „Fort von Rumänien, fort aus dem Lande unserer Geburt, wo es für uns nichts mehr zu erwarten gibt, als Tyrannei und Hunger!", und seit dem Herbst hat so eine große, allgemeine Auswanderungs-Bewegung die jüdische Bevölkerung ergriffen, die vielfach einer wilden Flucht gleicht. Auf allen nur möglichen Wegen: zur See, die Donau aufwärts, mit der Eisenbahn oder zu Fuß setze» sich große Massen von jüdischen Auswanderern in Bewegung nach dem Westen, besonders nach England, den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika und Canada. Viele Familien ließen sich durch das Versprechen des Sultans, ihnen Land zur Kolonisation in den verödeten Gegenden Kleinasiens zu überlassen, verlocken, dem Hunger und Elend sich vollends preiszugeben. Ein Theil auch suchte sein Glück auf der Insel Cypern, ohne es zu finden Warnungen halfen nichts mehr; der Strom der Auswanderung wälzte sich unaufhaltsam fort und hat nach den letzten Berichten noch immer nicht nachgelassen. Es ist auch kaum anzunehmen, daß die zu erwartende gute Ernte dieses Jahres einen Stillstand in die Bewegung bringen wird, es sei denn, daß die Regierung — was jedoch nicht zu erwarten ist — den Juden gegenüber andere Saiten anschlägt. Denn die Noth des Landes ist gegenwärtig wohl die Veranlassung der jüdischen Auswanderung gewesen, ist aber nicht der eigentliche Grund. Das unter der großen Masse der Auswanderer herrschende Elend ist herzerschütternd; die in großartiger Weise zu ihren Gunsten rege Wohlthätigkeit namentlich der Juden Deutschlands und Oesterreichs wirkt kaum mehr, als ein Tropfen auf den glühenden Stein. Viele Politiker mögen es als ein Glück für das Land ansehen, wenn es des jüdischen Proletariats entledigt wird, obwohl es in Wirklichkeit gerade das arbeitskräftige und erwerbsfähige jüdische Element ist, das dem Lande den Rücken kehrt; sie mögen es im Interesse der Selbsterhaltung für eine Nothwendigkeit ansehen, daß das Land von einem in vieler Beziehung überlegeneli*„fremden Element" befreit wird. Ein Christ jedoch kann nur mit tiefer Betrübniß sehen, wie der langen traurigen Geschichte von Unterdrückung und Vergewaltigung der Juden seitens christlicher Völker ein neues häßliches Blatt hinzugefügt wird. Rumänien aber wird es erfahren müssen, daß Ungerechtigkeit ein Volk nicht erhöhen kann und daß eine so schnöde Verleugnung des christlichen Humanitätsprincips. wie sie in Rumänien den Juden gegenüber nicht etwa vorübergehend und von einzelnen Kreisen und Parteien, sondern allgemein und von Staatswegen geübt wird, nicht ungestraft bleibt, weil es eine Auflehnung Wider das Königreich Christi ist, weil sein hoher, heiliger Name dadurch bei den Juden lästerlich gemacht wird. Es wäre zu wünschen und zu erwarten gewesen, daß die rumänischen Juden Theilnahme und moralische Unterstützung wenigstens bei den übrigen Fremden des Landes gefunden hätten, vor Allem Bet den zahlreich im Lande lebenden Fremden evangelischen Glaubens. Leider ist davon bisher wenig zu spüren gewesen, oft genug das Gegentheil. Es wäre vor Allem die Aufgabe der deutschen evangelischen Geistlichen, mit Wort und That gegen die Verfolgung der Juden zu zeugen und sich der Verfolgten in Liebe anzunehmen. Hätte das auch vielleicht bei den einheimischen Judenfeinden in Volk und Regierung wenig Eindruck gemacht, so würden doch die evangelischen Gemeinden, die sich gewöhnt haben, in den Juden ihre Feinde zu sehen, und die Juden, die sich gewöhnt haben, in den Christen ihre Feinde zu sehen, eines Besseren belehrt worden sein. Es sollte kein Geistlicher zu den Gemeinden im Osten abgeordnet werden, ohne zuvor darauf hingewiesen zu sein, daß er auch den Juden gegenüber einen Beruf und eine Aufgabe zu erfüllen hat. Es ist ein ergreifendes Bild von der Heimatslosigkeit des jüdischen Volkes, das sein Ausziehen aus Rumänien von Neuem vor unfern Augen entrollt. Möchte Israel endlich verstehen, was zu seinem Frieden dient! Möchte aber auch die Christenheit endlich begreifen, daß die Judenfrage und die Judennoth nicht durch Gesetze und Verordnungen, sondern durch das Zeugniß des Glaubens, nicht durch Verachtung und Unterdrückung, sondern durch die Beweisung der Liebe Christi aus der Welt zu schaffen ist!" Herr Prof. Strack knüpft an diesen warmherzigen Appell nachstehende Bemerkungen: „Für den europäischen Westen, den sie zur Bewilligung von Anleihen geneigt machen, bezw. erhalten muß, läßt die rumänische Regierung in französischer Sprache die „Rtmmani6“ erscheinen. Die auf die jetzige Auswanderung der Juden bezüglichen Artikel dieses Blattes bieten ein anderes als das hier vorgelegte Bild; sie werden aber z. B. von der „Jüdischen Presse" wiederholt und unter Angabe der Beweise für „faustdicke Lügen" erklärt (siehe Nr. 39, 30). Wenigstens ein Beispiel. Die „Roumanie“ bezeichnet es als „absolut unwahr", daß Juden in die Hospitäler nicht ausgenommen werden. Das Sanitätsgesetz vom 18. Juni 1893 sagt aber: „Arme rumänische Bürger haben das Recht auf unentgeltliche Behandlung in den Hospitälern ... Die Fremden (d. h. eben die Juden) können gegen einen von jedem Hospital festzusetzenden Tarif ausgenommen werden.... In Fallen von gefährlichen und schnell wirkenden Krankheiten können auch zahlungsunfähige Fremde Aufnahme finden. Die Zahl der von Fremden gleichzeitig belegten Betten darf nie 10 Percent der Gesammtzahl der Betten des betreffenden Hospitals übersteigen. Auch in Fällen gefährlicher Erkrankung werden Juden nur dann ausgenommen, wenn der Oberarzt bescheinigt, daß die Krankheit eine seltene und wiffenschaftlich interessante ist. Pfui!" Das Sündenregister des rumänischen Volkes hat sich in den letzten Tagen um einige weitere Gräuelthaten gegen die Juden vermehrt. Man berichtet darüber aus authentischer Quelle folgende haarsträubende Einzelheiten: „In Lusa, Kreis Kaslan, hat die Gemeinde beschlossen, die Juden aus der Stadt zu vertreiben. Der Beschluß wurde vom Kreisvorsteher bestätigt, und am 13. Juli konnten die Bürger zur Ausführung ihres Beschlusses schreiten. Sie thaten es aber in einer so bestialischen Weise, daß man Zweifel hegen muß, ob die Rumänen in Lusa noch überhaupt zum menschlichen Geschlecht zu zählen find. Sie schlossen nämlich die Juden in ihren Wohnungen ein, quäkten und marterten sie die ganze Nacht hindurch und banden sie schließlich gegen Morgen an herbeigebrachte Wagen, die vorher mit ihren Habseligkeiten bepackt wurden, uni sie in Gemeinschaft mit einigen Strolchen so nach Waslau zu transportiren. Eines anderen, nicht minder scheußlichen Verbrechens hat sich die Polizei in Verlad schuldig gemacht. Dort prügelte ein Schutzmann ein sechsjähriges jüdisches Kind, weil es — eben ein jüdisches Kind war. Von dessen Mutter deshalb zur Rede gestellt, erklärte sie der Mann in einer Schutzmannsuniform für verhaftet und schleppte sie unter Püffen und Stößen zur Wache. Hier wurde die Unglückliche von dem Wütherich und seinen Amtscollegen zunächst geschändet und dann furchtbar verhauen. Auch die auf den Hilferuf der mißhandelten Frau herbeigeeilten Juden aus der Nachbarschaft wurden schwer geprügelt. Dann aber wurde ihnen Bart- und Haupthaar der einen Kopfhälfte abrasirt. Die Frau ist ihren Schmerzen erlegen und die geprügelten Männer liegen jetzt, 20 an der Zahl, iw Krankenhause. So steht zu lesen in der „Hazefira", der wir für diesen Bericht die Verantwortlichkeit überlassen, obgleich wir selbst den edlen Rumänen schon viel zutrauen." Solche Scheußlichkeiten, die sich gewiß nicht vereinzelt auf Lusa und Verlad beschränken, weisen auf die Motive hin, welche unsere unglücklichen Glaubensgenossen mit aller Macht aus Rumänien treiben. Die Schmach, sich von den Rumänen so etwas bieten lassen zu müssen, veranlaßte sie mehr als die bitterste materielle Roth, diesem verkommenen Volke den Rücken zu kehren. Dementsprechend find in den ersten zehn Tagen dieses Monats trotz allen Hindernissen nicht weniger als 6012 Personen aus Rumänien ausgewandert. Ferner haben sich bis zum 1. August 31 Auswanderungsvereine mit je 50 bis 700 Personen gebildet. Alle diese Vereine haben Mittel genug, um auch ohne Hilfe ihrer weisen Beschützer in Wien, Paris und London bis Canada zu gelangen. Unsere Colomen in Palästina. lieber den Stand der jüdischen Colonien in Palästina wird der „Kölnischen Zeitung" Folgendes berichtet : . „Ms Ende der Siebziger-Jahre die Verfolgung der Juden in Rußland einen immer größeren Umfang annahm, wurden zahllose Israeliten zur Auswanderung aus Rußland getrieben. Die Mehrzahl wandte sich nach Amerika, nur ein kleinerer Theil siedelte sich in Palästina an, und ihnen schloß sich eine Anzahl Juden, di: aus gleichen Gründen aus Rumänien auswanderten, an. Die ersten Jahre ihren Aufenthaltes in Palästina waren keine glücklichen. Sie wehrten sich zwar tapfer aus ihren von den einheimischen Bauern verlassenen und von ihnen käuflich erworbenen Besitzungen zu Mulebbes und Aehudieh bei Jaffa und zu Samarin und Zaune in Galiläa gegen die Angriffe der einheimischen Bauern und Beduinen; aber sie verstanden nichts vom Ackerbau; ihr Betriebskapital reichte nicht aus und die russisch - jüdischen Studenten, die sie anfänglich aus Begeisterung für die Sache begleiteten und bei ihnen Taglöhnerdienste verrichteten, erkalteten bald in ihrem Eifer und wurden schließlich 1894 selbstständig in Chadra in der Schfela zur Gründung einer Weinbau-Colonie angefiedelt. Angesichts der wachsenden Nothlage brachten zunächst einige reiche Glaubensgenossen ihnen beträchtliche Geldopfer, bis dann schließlich Baron Edmund v. Rothschild in Paris Interesse an dem Colonisationswerke gewann und dafür recht große Geldbeträge zur Verfügung stellte. Man spricht davon.