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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-09-07 · 36 (7.9.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
36 (7.9.1900)
Date
1900-09-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 646 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 86 versetzend. Der gewissenlose Strolch fängt beim Juden an und avancirt zum Königsmörder. Die Straflosigkeit kleiner Verbrechen züchtet große Verbrecher, die durch ihre Unthaten die ganze menschliche Gesellschaft erschüttern. Wie der Taschendieb zum Einbrecherrang emporsteigt, so steigen die antisemitischen Schurken aus den Niederungen der Judengasse bis zur Höhe des Thrones, den Revolver und den Dolch in der Hand, und vom Thron zur Kirche ist nicht mehr weit, wie uns die erste französische Revolution gelehrt, wo der entfesselte Mob Thron und Altar zertrümmerte, die Religion abschaffte, den Besitz aufhob und den maschinellen Massenmord als Volksbelustigung einführte. Zehn Mal lieber Reaction und Absolutismus als Pöbelherrschaft, Militärjustiz als Rechtlosigkeit! Die Katastrophe von Monza ist der ganz directe Erfolg der Volksaufwiegelungen, der Sitten- und Rechtlosigkeit, der straflos gebliebenen Plünderungen, des Verfalls der Moral, der Humanität, des frommen gläubigen Sinnes, der Gottesfurcht und der Nächstenliebe in den untern Schichten des Volkes. Bevor diese Erkenntniß in den conservativen Kreisen sich Bahn bricht, wird wohl noch manches Verbrechen die Gesellschaft in Schrecken versetzen. Es wird noch eine Weile dauern, bis man inne wird, daß keine Ungerechtigkeit, keine Vergewaltigung, auch nicht der kleinste Act pöblischer Ausschreitung geduldet werden dürfe — mögen sie sich auch nur gegen arme Juden kehren — wenn die Wälle gesetzlicher Ordnung nicht gewaltsam niedergerissen und anarchische Zustände verhütet werden sollen. Bis dahin aber find wir auf unsere eigene Nothwehr, auf ein Zusammengehen in geschloffenen Reihen, auf die weitgehendste Solidarität angewiesen. Wir können uns doch nicht bald dort, bald hier massacriren lassen, ohne uns zu vertheidigen. Aus unserer Passivität schöpft der feige Gegner seinen Muth. Selbstverständlich müssen zuerst die höchsten Autoritäten des Staates laut genug angerufen und ein Knebel für die hetzerische Schandprasse verlangt werden. Bei der Blutgeschichte von Damaskus gingen die zwei hervorragendsten Juden von England und Frankreich mit Empfehlungen der Königin Victoria und des Czars Nikolaus nach dem fernen Orient und hatten Erfolg; die Schuldigen wurden bestraft, die Juden befreit und ihre Stellung im Staate wesentlich verbessert. Rumänien steht nicht höher, liegt aber näher als Damascus, und sein Herrscher ist ein Deutscher, der in der Hauptstadt des Deutschen Reiches in die Hände des großen deutschen Kanzlers die gesetzliche Gleichstellung der rumänischen Juden gelobte. Eine Deputation, aus je einem Delegirten der Cultusgemeinden London, Paris, Berlin, Wien, Brüssel, Rom und Amsterdam bestehend, könnte unter Hinweis auf die grausamen Vorgänge im Bojarenlande, wo die Juden jetzt viel schlimmer daran sind, als ehemals unter den weniger hvchgesürsteten Hospodaren, die mächtige Fürsprache des deutschen Kaisers bei seinen Verwandten gewinnen, und so das Los der armen Juden erträglich machen. Einem solchen collectiven Schritte, der da zeigen würde, wie hoch die Noth gestiegen und daß die Juden aller Länder solidarisch feien, würde ganz Europa mit Aufmerksamkeit folgen; es würde mit Spannung auf die Antwort Carol's horchen, und da dürste fie doch nicht so schroff werden, wenn Rumänien überhaupt noch die Prätention hat, unter den europäischen Culturstuüten zu rangiren — was allerdings beim Verhalten der Regierung und ihrer Präfecten fraglich geworden. Teplitz, 30. August. Leo Herzberg-Fränkel. Zur Lage in Rumänien. Ein hochofficiöser Bukarester Artikel in der „Politischen Correspondenz",welcherdieNothlageder rumänischen Juden auf die vorjährige Mißernte und sonstige zufällige Ursachen zurückführen und die legislatorischen Verfolgungen und Persecutionen vergessen machen will, zeigt neuerdings das Bestreben der rumänischen Regierung, den üblen Eindruck abzuschwächen, den die MaffeuauSwanderung unserer unglücklichen Glaubensgenossen in der ganzen gesitteten Welt hervorgerufen hat. Nachdem bereits vor einigen Wochen die Münchener „Allgemeine Zeitung", welche seit dem Redactions Wechsel immer offenkundiger in das antisemitische Fahrwasser hinabgleitet, den Ton angegeben, begegnete man Verdächtigungen der rumänischen Juden und vor Allem der zu ihren Gunsten unternommenen Hilfsaction im „Hamburger Correspondent", dessen Auslassungen dann durch zahlreiche andere Blätter, die Runde gemacht haben. Nun gesellt sich dazu die „Politische Correspondenz". Die handgreiflichen Unwahrheiten dieses Gesalbaders kennzeichnen sich für jeden halbwegs Vollsinnigen schon durch die Unterstellung von selbst, daß die Auswanderung „auf die Agitation der Alliance israelite zurückgeführt werden muß, die zunächst für Palästina und dann für Amerika warb." Daß das gerade Gegentheil der Fall war, daß die Alliance israelite nicht, wie jene Blätter behaupten, „durch zahlreiche Emissäre, die im Lande umherzogen, zur Auswanderung ermunterte", sondern dieselbe nach Möglichkeit einzudämmeu suchte, ist jedem halbwegs Unterrichteten bekannt; aber wie wenige deutsche Leser sind unterrichtet und vermögen den lügnerischen Entstellungen die thatsächliche Wahrheit entgegenzustellen! Erfreulicherweise liegt nunmehr eine Kundgebung vor, dessen Urheber auch in den Augen der befangensten Beurtheiler gegen den Verdacht der Voreingenommenheit geschützt ist und dessen Ausführungen um so wohlthuender berühren, da sie in anerkennenswerthem Gegensatz zu jenen Preß-Elucubrationen von warmem Mitgefühl für die rumänischen Juden erfüllt sind. Wir danken diese Kundgebung dem wackeren Herrn Prof. Dr. Hermann L. Strack, welcher, durch die Ereignisse der letzten Monate veranlaßt, „einen evangelischen Geistlichen, der die Verhältnisse an Ort und Stelle genau kennen gelernt hat", um Auskunft über die Lage unserer Glaubensgenossen in Rumänien gebeten hat und dessen Auskunft in dem letzten Hefte des „N a t h a n a e l" mittheilt. Sie lautet: „Rumänien hat in der That den traurigen Ruhm, das Musterland des Antisemitismus geworden zu sein. Wo es gilt, neue „Fremdengesetze," d. h. Gesetze zur Unterdrückung der Juden, der „Fremden" schlechthin, zu geben, da arbeiten die Parteien des Parlaments in schönster Harmonie zusammen; wo es gilt, die Juden zu beschimpfen, da wetteifern Gebildete und Ungebildete an Rohheit. Kein Wunder, daß einer der Führer der Wiener Antisemiten das Land aufsnchte, unl die musterhafte Behandlung der Juden zu studieren. Kein Wunder aber auch, daß diese Zustände endlich die Aufmerksamkeit der Presse des Auslandes auf sich gezogen und die Hoffnungen aller derer gründlich enttäuscht haben, die in den Rumänen die Culturträger Osteuropas sahen. Seit dem Jahre 1898 ist die Lage der Juden in Rumänien immer un e r t r ä gl i ch e r geworden. Sie bekamen es bei jeder Gelegenheit auf's Empfindlichste zu fühlen, daß sie recht- und schutzlose Fremde im Laude seien; ohne das rumänische Bürgerrecht erlangen zu könne» oder fremdländischen Consulatsschutz zu besitzen, waren sie der Willkür einer nur zu gewissenlosen Beamtenschaft preisgegeben. Die fortwährende schamlose Hetzerei von seiten der Volksvertreter, die immer rücksichtsloseren Maßregeln der Regierung mußten ja zuletzt zur Folge haben, daß man dem Juden gegenüber Alles für erlaubt ansah. Die Presse des Landes — mit wenigen Ausnahmen — führte die heftigste Sprache gegen die Juden, und die Studenten der beiden Universitäten Bukarest und Jaffy wurden nicht müde, hin und her im Lande Versammlungen zn veranstalten, in denen jeder gute Rumäne zum Kampfe gegen die Juden aufgefordert wurde und die oft genug zu Gewaltthaten und Pöbelauftritten führten. Empfindlicher noch als alle anderen Ausschließungsgesetze, wodurch die Juden unter Anderem von der Advocatur, dem Monopol- Trafik, der Pharmacie ausgeschlossen wurden; empfindlicher als die Entlassungen von Juden aus dem Eisenbahndicnst, die Ausschließung von allen öffentlichen Arbeiten sowie von der Beförderung in der Armee waren die Bestimmungen des Cultusminjsteriums, die auf Herabdrückung des Bildungsgrades der Juden abzielten. Nicht zufrieden damit, die Aufnahme jüdischer Kinder in den Staatsschulen gesetzlich von der Willkür der.Direction abhängig zu machen, wodurch in der That die Schulen den jüdischen Kindern fast ganz unzugänglich wurden, führte man den jüdischen Privatschulen gegenüber die Bestimmungen der Schulgesetze mit möglichster Rücksichtslosigkeit durch. Es ist ja nicht zu erwarten, daß der Zustand dieser Schulen, die nur durch die äußersten Anstrengungen seitens der jüdischen Gemeinden unterhalten werden können, allen Anforderungen des Gesetzes entspricht. Das bietet dann willkommenen Anlaß zu Maßregelungen verschiedener Art. Würde nur den jüdischen Winkelschulen, die von armen, unzulänglich gebildeten „Melamdim" (Lehrer) ins Leben gerufen, mit dem Gesetze zu Leibe gegangen, so würde kein verständiger Mensch im Interesse der Schüler dagegen etwas einzuwenden haben. Dagegen ist es eine unnöthige Härte, daß auch den bestehenden jüdischen Gemeindeschulen, die nach Kräften das Staatsprogramm innebalten, auf alle Weise das Leben sauer gemacht wird. Es liegt das offenbare Bestreben vor, die Juden soviel wie möglich von der allgemeinen Bildung auszuschließen und ihnen auch auf diese Weise die Widerstandskraft im Kampfe ums Dasein zu nehmen. Nichts aber kann ein so bildungsfähiges und nach Bildung strebendes Volk wie die Juden bitterer

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