Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Centralorgan für die gefammken Interessen des Iudenthmns. K. k. Pvstfparcafl'en-Drttr Clearingverkehr'- Nr. 810.976. Kedsrtion mrd JlbrnfitiffraUnn Wien II., Knfrrr Buttarfenifr. Ja, Telop on-^r. 14 #47 Wien, 7. September 1900. n - ——-—- Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien. II.. Untere Augartenstraße la« Telegramm-Adresse Bloch's Wochenschrift» Wien. Bejufl»prEt* für SrUrrrrtch - Halbjährig 3 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller Mr's Jlwoland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespallei^ j| jj Petitzeile 24 Heller. j‘ m~ ==:— Inhalt. Leitartikel: Antisemitismus und Anarchismus. — Zur Lage in Rumänien. — Unsere Colonien in Palästina. -VomJahrmarkt des Lebens: Aus dem gegnerischen Lager. Ueber das Ghetto in Amsterdam. Die Katze und die Mäuse. Kaiser Otto II- Die Glocken von Buchau. Judengeld für antisemitische Propaganda. Die „Los von Rom-Bewegung". Mädcheuraub in Galizien. - Correivondenzen: Sultan Abdul Hamid II und die Juden, Bielitz, Budapest, Berlin, Kiew, Teheran, New-Aork. — Vermischtes: Wien» Prag, Turnau, Troppau, Schaffa, Nikolsburg, Patzau, Oderberg, Prerau, Prziwos, Prag, Brody. — Feuilleton: Michael. Dr. Max Grunwald's „Mittheilungen" zur „Jüdischen Volkskunde". — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Antisemitismus und Anarchismus. Immer trüber wird es, immer düsterer wird der Horizont und immer lauter schreien unsere Verhältnisse nach kräftiger Abwehr. Die Schurkerei schießt überall in die Halme; sogar in der großen, internationalen, von Engländern, Franzosen. Deutschen, Italienern und Griechen bewohnten Stadt, in der fast nur die Behörden und Arbeiter Russen sind, in Odessa, fanden Judenexcesse statt. Der Haß ist contagiös und expansiv, wie die Pest oder die Cholera, welche sich von Ort zu Ort mittheilen, Opfer fordern, Jammer Hervorrufen und Trauer zurücklassen. Wer wird die unglücklichen Opfer des Krawalls für die erlittenen Verluste schadlos halten? Wird die Regierung die Commune Odessa, die so reich ist, verhalten, die beraubten Inden zu entschädigen? Wohl ebenso wenig wie im Jahre 1880. Man wird einige Kazapen einsperren, die sich nicht viel daraus machen, da sie daheim auch nicht auf Dunen schlafen und getrüffelte Fasanen essen; die Juden aber werden bei ihren Glaubensbrüdern betteln gehen, beitu die Christen geben ihnen nichts. Und wie die Seuche hüpfend an verschiedenen, räumlich weit geschiedenen Orten zuweilen zum Ausbruch kommt, so erscheint der liebliche Antisemitismus bald da, bald dort, ein friedliches, arbeitswilliges, schwer ringendes Volk mit seiner häßlichen Fratze angrinsend. Zuerst grassirte er in Galizien, dann drückte er Böhmen seine Spur auf. erschien sporadisch in Preußen, nistete sich in den Donaustaaten ein, ohne von der rumänischen Königin besungen zu werden, und reckt nun den Hydrakopf am Gestade des Schwarzen Meeres empor, wo ein Streit um eine alte Hose zwischen einem russischen Soldaten und einem jüdischen Tandler ausbrach. Aber merkwürdig, überall, in Galizien, in Böhmen, in Preußen, in Rußland erscheinen die Localbehörden stets, um einige mißhandelte und beraubte Juden zu spät — nie zu Beginn, immer zum Schluß — so pflegte die Feuerwehr in Brody bei einem Brande zu erscheinen, als nur noch die Trümmer rauchten. In Odessa rasselt der gewaltige Polizeimeister mit seiner Trojka und seinen mit kurzstieligen Knuten bewehrten Kosakeu durch die Straßen, daß es dröhnt und Funken sprüht; bei der jüngsten Judenplünderung hatte er lahme Gäule, die erst den nächsten Tag anlangten. Wo war der Generalgouverneur des Friedensapostels auf dem nordischen Kaiserthrone, der im Haag die Schalmei blies? So sieht's zu Hause mit der Cultur und der Humanität jener Staaten aus, die jetzt in Ostasien die Angriffe der gelben Chinesen auf Andersgläubige strafen sollen und für freie Religionsübung, sichern Wohnsitz und ungestörte Freizügigkeit so viel Blut und Gut opfern. Schade, daß Rumänien ein so wenig wehrhaftes und pecuniär so unvermögendes Staatchen ist, es hätte sonst nach glücklich und ruhmreich durchgeführter Judenverfolgung noch die Stirne, eine humanitäre und culturelle Mission nach Asien zu übernehmen, um dort die verruchten Störer friedlicher Ansiedler und frommer Boten einer fremden Kirche zu züchtigen. Kann auch eine so wilde Barbarei im gebildeten Europa Vorkommen, wo Recht und Gesetz den Schwachen schützen und die verschiedenen Völker und die verschiedenen Religionen in ewigem Frieden den Weg zur Vollendung wandeln, stets iu Eintracht neben niemals gegen einander? In der totalen und allgemeinen Verfinsterung, von der wir heimgesucht sind, gab es einen flüchtigen, lichten Moment, in welchcm man hoffen zu dürfen glaubte, daß die Seuche im Abnehmen und eine bessere Zeit un Anzuge sei. Die Führer der infernalen Bewegung schienen, von ihrem Raubzuge durch Schlamm und Morast müde und von der Beute gesättigt, ruhen zu wollen, wie die vollgrsogeuen Blutegel vom Körper, in den sie sich verbissen, abfallen und träge liegen bleiben. Diese Hoffnung jedoch war trügerisch. Die materiellen und socialen Erfolge der in Ruhestand getretenen Hordenführer weckten das Streberthum der Andern. Eine jüngere Generation von Ignoranten, gescheiterten Existenzen, Stelleujägern, Ehrgeizigen und Geldgierigen übernahm es, den erlöschenden Brand zu schüren. Es ist ja eine bequeme, auch dem größten Tölpel und dem berüchtigsten Schurken zugängliche Existenz, Antisemit zu sein, in Jdiotenversammlungen einige Phrasen auszuschroten und den Standelweibern den Hof zu machen. Das Recept ist bei Schneider und Bergani gratis zu haben. Vom Liberalismus kann man nicht leben. Die Bekenner von 1848 ruhen bereits in ihren Gräbern, finster wie die Züt nach ihnen, welche sich retrograd gegen das Mittelalter bewegt. Ja. es wird immer schlimmer. Wie eisiger Wintersturm fegt die Verwilderung durch Europa, Alles niederreißend, was Gesetz und Ordnung geschaffen, was Jahrhunderte geheiligt. Die Furie, die loSgelassen, ist nicht mehr zu zähmen; sie veranstaltet Menschenjagden, sie raubt den Eltern die Kinder, und verbirgt sie hinter dem Altar; sie rüttelt an dem Besitz und schüttelt die Früchte fremden Fleißes, sie lauert in feiger Niedertracht auf das Leben edler Monarchen, ganze Länder in Trauer und Jammer