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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-31 · 35 (31.8.1900) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
35 (31.8.1900)
Date
1900-08-31
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 35 Seite 648 Dr. Bloch'? WochenschrM. An der Stelle, wo die städtische Deputation stand, hielt er stille, als wenn er angesprochen zu werden erwarte, und ließ einen prüsenden Blick über diese schweifen. Bürgermeister Golzinger blickte entsttzt zu dem Reiter empor. Die Züge desselben schienen ihm nicht fremd, sie weckten entsetzliche Erinnerungen in seiner schwarzen Seele . . . Die Züge des französischen Generals gehörten einem Manne an, den er dem Tode geweiht, der vor Jahren schon in den Fluthen der Hanna unter deren geborstenen Eisdecke ertrunken war, den Mann, dessen Züge der fremde General trug, hatte er von frühester Jugend an, als dieser ein fünfjähriges Kind gewesen, mit grundlosem und doch wildem fanatischen Hasse verfolgt .. . Waren die Todten aus ihren Gräbern auferstanden?" Golzinger hatte in seinem schuldbelasteten Leben schon Momente ergreifender Entsetzlichkeit erlebt, aber der unerwartete Anblick überbot doch alles Vorhergegangene an Furchtbarkeit. Einen Augenblick schienen seine Sinne in eigenthümlichster, beispiellosester Weise auszuarten; sie versagten ihm nicht den Dienst, im Gegentheil, sie erwiesen sich viel diensteifriger, als er es wünschte. Sein Auge ließ ihn Dinge sehen, sein Ohr Töne hören die er um keinen Preis der Welt hören und sehen mochte. Hinter dem General schien ihm, gespensterhaft eine weibliche Gestalt mit bluttriefenden, zerschmetterten Gliedern, die Gestalt des armen Mädchens auszutauchen, dessen Tod er durch seine Wollust und Niedertracht verschuldet hatte. Die Gestalt des Generals schien sich in jene, eines unter Eisschollen einsinkenden Mannes zu verwandeln, sein Ohr glaubte den Ruf des Verzweifelnden, der vergeblich Gott und Menschen um Hilfe anrief, zu hören, und in diese Hilferufe mischten sich die Hilferufe der zu Tode gemarterten sterbenden Eva Brümmlerin, die sie gegen ihren ersten Verführer ausstnß. Golzinger schauerte zusammen, aber er wollte sich gewaltsam überreden, sein Gewissen, das gerade jetzt, zur allerungünstigsteu Zeit erwacht sei, führe seine Sinne irre, die Halbdämmerung täusche sein Auge, der General könne unmöglich der Todte sein, er schüttelte heftig den Kopf, als könne er dadurch das, was er nur als sich plastisch verdeutlichende Schrcckbilder seiner Seele betrachten wollte, abschleudern, raffte mit übermenschlicher Anstrengung seine sinkenden Geisteskräfte zusammen; versuchte es, in seine sich von Moment zu Moment verdunkelnden Begriffe Klarheit zu bringen, trat mit schlotternden Knieen vor und wollte die wohleinstudirte Rede beginnen; aber die Menschenseele ist ein eigenthümliches, ihr selbst unbegreifliches, unergründliches Object, der Schrecken hatte ihm das Gedächtniß, aber merkwürdigerweise nur für das Letztgedachte geraubt. Um um keinen Preis der Welt wäre er im Stande gewesen, die sorgfältig vorbereitete und einstudirte Rede zu sprechen, und doch mußte er sprechen. In seiner totalen Geistesverwirrung fühlte er sich in der Erinnerung lebhaft in jene Scene versetzt, wie er vor sieben Jahren unter ganz anderen Verhältnissen den Obersten eines österreichischen Regimentes angesprochen und halb oder ganz wahnsinnig vor Aufregung, in sonderbarstem Gedankenverschwimmen, die Begriffe aus der Vergangenheit und Gegenwart durcheinanderwerfend, traten, vielleicht ohne seinen Willen, die Worte, die er vor sieben Jahren gesprochen und in seinem Gedächtnisse festgehalten hatte, auf seine Lippen, und je länger er sprach, desto sonderbarer und sinnloser erschien seine Rede. »Wir sind glücklich, das tapfere Regiment in unsere Stadt einrücken zu sehen. Wir werden Alles aufbieten, Ihnen den Aufenthalt bei uns angenehm zu machen, und hoffen und wünschen, daß es Ihnen bei uns gefallen und sie uns lange durch ihre Gegenwart beglücken werden'/ »Der Kerl ist der nichtswürdigste Vaterlandsverräther, dessen Kopf je vom Rumpfe geschlagen wurde"', flüsterte Auerbruck, der, nachdem der Bürgermeister aus der Reihe getreten war, neben Weckelsbach stand, diesem ins Ohr: »Sobald wieder geregelte Verhältnisse eintreten undunsere Truppen einrücken, muß man gegen den Schurken die Anzeige wegen Hochverrath erstatten, ihn zur Verantwortung ziehen, in den Kerker werfen. Vielleicht ist der Hallunke mit dem Feinde heimlicher Weise in Verbindung gestanden, hat ihm Spionsdienste geleistet. Seinem Charakter nach und nachdem, was wir soeben hören, ist auch das möglich/ . Der Bürgermeister aber fuhr, wie geistesabwesend, in des Wortes ureigenster Bedeutung gedankenlos weiter: „Namentlich freut es uns Alle und ganz besonders mich, den Bürgermeister, der allzeit getreuen Stadt W., Sie, den gefeierten Helden, den ich stets geachtet und geliebt, dem ich weitere Siege und langes Leben wünsche. . . / In dem Momente geschah etwas, was, etwa den Bürgermeister ausgenommen, keiner der zahlreichen Anwesenden erwartet hatte; er wurde von dem französischen General, und zwar in dem trefflichsten, fließendsten Deutsch unterbrochen: „Wir sind schon in vielen Städten siegreich eingezogen, aber noch nirgends hat sich eine so schamlose Verleugnung aller Gefühle für das Vaterland und dem angestammten Monarchen kundgegeben, als in Ihren Worten. Wenn Ihre Behörden von der niederträchtigen Ansprache an mich Kenntniß erhalten, würden Sie zu schwerer Verantwortung gezogen werden. Allein das hat mich nicht zu kümmern, macht Sie nur in meinen Augen verachtens- und verabscheuenswerth/ „Aber Bürgermeister Golzinger, Sie lügen/ fuhr der französische General fort. „Bei dem lebendigen Gotte, Sie haben mich nie ehrfurchtsvoll geliebt, Sie haben mich stets mit wilder Wuth, mit fanatischer Grausamkeit gehaßt. Es freut Sie nicht, mich in Ihrer Stadt zu sehen, Sie haben mich schon vor einem Vierteljahrhundert, als ich ein armes, verlassenes Kind ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne Heimat, in teuflischer Herzlosigkeit, um meines Glaubenswillen, aus W. treiben, den hilflosen Knaben in die weite Welt hinausstoßen wollen, obwohl Sie wußten, daß er in Hunger, Frost und Elend verkommen und verderben mußte! Sie haben mir kein langes Leben gewünscht, im Gegentheil, wär's in Ihrer Macht gelegen. Sie hätten mich unter der falschen Anklage, einen Menschen gktödtet zu haben, an den Galgen gebracht, und als das Ihnen unmöglich wurde, haben Sie — ich erfuhr dies erst jetzt, erst vor kurzer Zeit — mich meuchlerisch ums Leben bringen wollen. Sie boten mir durch Ihren Spießgesellen, den Kerkermeister Mostrich, scheinbar die Freiheit, um mich in den Wellen der Hanna den Tod finden zu laffen. Sie haben reichlich um mich und die Meinen den Tod verdient. Ich hätte das Recht und habe die Macht, Sie erschießen. Sie an dem nächsten Baum aufknüpfen zu laffen. Kein Mensch würde Ihr Blut aus meinen Händen fordern und vor Gott könnte ich es mit ruhigem Gewiffen verantworten; — aber der Jude, den Sie von seiner Kindheit an, bis sie ihn todt am Flusses Grunde geglaubt, mit giftigem Haffe verfolgt, ist zu edel, sich zu rächen. I ch will Sie n i ch t richten ....Gott richte zwischen mir und Ihnen .... Herr Rath Weckelsbach und Herr Auerbruck/ fuhr der General zu diesen gewendet unvermittelt fort: „Ich kann den Zweck Ihrer Anwesenheit unschwer errathen. Seien Sie vollkommen unbesorgt. Wir Franzosen sind eine civilisirte Nation, es wird hier in W., wie überall, wo unsere Truppen einziehen, die strengste Mannszucht gehalten, das Eigenthum friedlicher Bürger unangetastet bleiben, geschützt werden. Uebrigens hat Ihnen Lieutenant Heimbrod, der als geborener Elsässer des Deutschen vollkommen mächtig ist, schon in meinem Auftrag mitgetheilt. daß unsere beiderseitigen Monarchen zusammenkommen, daß ein Waffenstillstand geschloffen, dieser voraussichtlich zu einem dauernden Frieden führen wird. Ich wiederhole, daß ich schon heute Morgens durch Herrn Lieutenant Heimbrod mittheilen ließ, wir rücken nicht als Feinde ein/ Die Worte des Generals und die dadurch erlangte Erkenntniß, der französische Reitergeneral wäre einst der arme, verwaiste, elsäffische Judenknabe, der Pflegesohn des verstorbenen Judenvorstehers Aron Brack gewesen, brachte eine völlig unbeschreibliche Wirkung. — unbeschreiblich in des Wortes eigenster Bedeutung — hervor. Das schien das Unglaublichste, das Undenkbarste. „Herr General!" rief Weckelsbach nach einer Pause wortloser Erstarrung. „Sie find .... Sie wären .... Michael Klein, der als Knabe der Schüler und Liebling unseres seligen Pfarrers Willibald gewesen? . . . . Ich habe in den letzten Tagen viel von dem kühnen Reitergeneral Klein erzählen hören, der eine Brigade des unter dem Oberbefehle des General Nansouty stehendes Corps commandirt, aber daß S i e dieser General wären, war Niemanden eingefallen, Sie ein Ju. / der Rath hielt erschrocken inne. (Fortsetzung folgt.)

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