Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 35 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 634 Dr. Bloch's Wochrnfchrrfk. Nr. 35 Fleischkorb höher hänge«. Alle andern Menschenkinder werden lieber annehmen, daß das Schwein den Juden verboten wordene ist, weil seine Verwendung im heißen Orient unzuträglich war." Ob Moses auch bereits die Trichine geahnt oder empirisch die' i Schädlichkeit des Schweinefleisches für die es Genießenden ge- V kannt hat, bleibe dahingestellt. Diese obligatorische Fleischbeschau ■ Hai die Juden vor mancherlei Krankheiten bewahrt. Auf die ge- mischte Kost, die von den Aerzten als die zuträglichste bezeichnet wird, find die Juden durch ihre Speisegesetz; geradezu angewiesen. Nicht minder groß als die gesundheitlichen sind die gewollten oder unbeabsichtigten sittlichen Folgen. Man mag gegen das Schächten sagen, was man will — eine nicht geringe Zahl von Sachverständigen ersten Ranges hat, wie man aus den Reichstagsverhandlungen wißen wird, das Schächten als die immer noch zweckmäßigste und am wenigsten grausame Tödtungsweise anerkannt — die humanen Gründe, die das Schächtgebot veranlaßt haben, die Thatsache, daß man das Schächten nicht dem Fleischer, sondern einem immerhin doch etwas höher stehenden Cultusbeamten anvertraut hat, der ihm durch Segenssprüche und sonstiges Brimborium eine gewisse religiöse Weihe verleiht, mußten nothwendig bei den Juden Rücksicht auf die Thiere erzeugen. Im einfachsten jüdischen Haushalt muß die Küche mit großer Aufmerksamkeit behandelt werden, damit keine der zahlreichen rituellen Vorschriften verletzt werde. Das könnte nämlich unter Umständen sehr kostspielig und unbequem werden. Benutzte man einen falschen Löffel oder Topf, spritzte die überkochende Milch in ein nahestehendes Fleischgericht, that man aus Versehen ein Stück Butter zu einem zum Fleisch zu brauchenden Gemüse oder zu einer Vorspeise, dann durste in manchem Falle die Speise nicht genossen, das Geschirr nicht mehr gebraucht werden. Man achtete darum die Frau oder Köchin, von der gewiffermaßen auch das Seelenheil abhing, die eine Art Priesterin des Hauses war. Es ist auch nur natürlich, daß der fromme Jude, der an so vielen schönen Dingen Vorbeigehen mußte, sich an große Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung gewöhnte. Hatte er zu Mittag ein Fleischgericht gehabt, dann mußte er sechs Stunden warten, bis er seinen - Brsperkaffee mit Milch und einem Butterbrötchen zu sich nehmen durfte. Denn — und das mag als Beispiel für die sonderbare rabbinische Logik und Consequenzmacherei dienen — es ist im Alten Testament verboten, das. Junge in der. Milch seiner Mutter zu kochen. Daraus folgerte man, das Kochen jedes Fleischgerichtes mit allen Milchproducten sei unstatthaft, sowie ferner, daß bis nach vollständiger Verdauung des Fleischgerichtes keinerlei Milcherzeugniffe genosien werden dürfen. Seltsamerweise nahm man es nicht so genau mit dem Fleischgenuß nach verzehrten Milchproducten, obwohl ganz fromme Juden auch hier gewisse Grenzen zogen. Es ist begreiflich, daß den Juden auf Reisen die Ernährung außerordentliche Schwierigkeiten bereiten mußte, ganz besonders in kleinen Städten. Man kann sich denken, wie sie sich nach Hause sehnten. Wer möchte bezweifeln, daß dies sehr viel dazu deigetragen hat, die vielg-rühmte Mische Familienanhäuglichkeit zu fördern? Und noch eine andere Tugend erzeugte die rituelle Küche: die Gastlichkeit. Der Fremde war am Sabbath und an den Festtagen fast ganz auf die Gnade der ansäßigen Glaubensgenoffen angewiesen. Man lernte es als religiöse Pflicht und als nobile officium ansehen, an solchen Tagen Fremde einzuladen. Es ist durchaus nichts Seltenes, daß dort, wo sich bei den Juden noch altreligiöse Sitten erhallen haben, der routinirte Schnorrer, oft »schrecklich zu schauen", an der üppigen Festtafel mit der Familie des jüdischen »Magnaten" speist. Der Schnorrer muß schon außerordentlich wenig courfähig. der Magnat schon ein hypercivilisirter Snob sein, wenn ein Zasammenspeisen nicht stattfindet. Eine sehr ernste Folge der Speisegesetze war die durch sie bedingte Abschließung der Juden. Wenn man bedenkt, daß sehr viele Juden nicht einmal bei den eigenen Kindern speisen, wenn diese hinsichtlich der Speisegesetze schlafferen Grundsätzen huldigen, dann kann man sich leicht vorstellen, wie ängstlich sie sich bei Andersgläubigen von Speise und Trank fernhielten. Nun denke man sich einen weinfcohen Rheinländer, mit wem der jüdische Gast oder Kunde nicht eine Flasche Wein leeren, die Bürgersfrau, bei der die jüdische Nachbarin nicht eine Tasse Kaffee und ein Stückchen Kuchen genießen will. Ein Zusammentafeln, ja auch nur ein gemütliches Zusammensein mit Juden war geradezu unmöglich. Die Juden mußten sich zurückziehen, und sie waren nach dem Satze: Wer sich in Einsamkeit begibt, ist bald allein, von allem Verkehr ausgeschlossen, auch wenn es keine mittelalterlichen Ghettos und moderne »judenreine" Locale gegeben hätte. Ani allerschlimmsten vielleicht war die Wirkung auf das naive Volk. Der Bauer mußte den Kopf schütteln, wenn der jüdische Händler alle ihm angebotenen Bauerngutsdelicatessen: ein Glas fische Milch, saure Milch, Käse, Schinken, Wurst rundweg ablehnte. Er mußte darin eine Beleidigung, ein Mißtrauen erblicken, sich gekränkt fühlen und dem »Mißtrauischen" seinerseits mißttauen. Zweifellos ist ein gut Teil der überall verbreiteten Abneigung gegen die Juden auf die Sonderbarkeiten der jüdischen Speisegesetze zurückzuführen. Die Speisegesetze haben auch die jedenfalls nicht beabsichtigte Nebenwirkung gehabt, die kable conveuue von dem jüdischen Reichthum zu überzeugen. Gewiß gibt es sehr reiche Juden. Die Masse der Juden hingegen ist, wie im Grunde nur natürlich, arm. Das wird das Volk nie zugeben wollen. Denn — so wird die christliche Frau aus dem Volke sagen — man komme doch nur in eine jüdische Küche. Diese vielen Töpfe, Schüsseln, Teller, Löffel, Messer, Gabeln müffen doch gebraucht werden, also müssen die Juden viel zu schnabuliren haben. Die gute christliche Hausfrau weiß eben nicht oder bedenkt nicht, daß die ärmste jüdische Hausfrau Küchen- und Tischgeschirr für Fleisch-, anderes für Milch-, eine dritte Garnitur für neutrale Gerichte und sogar noch eine vierte für das Osterfest haben muß. Dazu ist noch zu bedenken, welchen Eindruck der Sabbath- und Festtagstisch der Juden auf die einfache christliche Nachbarin machen muß, die keine Ahnung hat, welche Entbehrungen jüdische Familien sich die ganze Woche auferlegen, um den Sabbath das Jahr hindurch und die Feste würdig zu feiern. So haben denn die jüdischen Speisegesetze der Juden als Schutzwall gegen Krankheiten und wirthschaftlich, sittlich und selbst ästhetisch als Erzieher gewirkt, anderseits aber auch sie unglaublich eingeengt und abgesondert. Noch jetzt legen sich viele Juden große Opfer auf, um Speisegesetze zu befolgen, die zum Theil veraltet, weil nach den Fortschritten der Nahrungsmittel- Industrie nicht mehr durchführbar, zum Theil geradezu lächerlich und thöricht sind. Vom Jahrmarkt des Lebens. Dr. Lueger als Friedensengel. Wem der Sinn für Komik noch nicht ganz abhanden gekommen ist in den traurigen Kämpfen, die um das Menschenrecht auf dem ganzen weiten Erdenrunde geführt werden, der hätte in den jüngsten Tagen in Wien an einem Bilde sich ergötzen können, das wahrlich einzig in seiner Art war und —da man seine Urheber nicht ernst nehmen darf — den allerstärksten Ausbruch der Heiterkeit hätte Hervorrufen müssen. Wenn man in Wien bisher diesen Ausbruch unterdrückt hat, so ist der Grund nur darin zu suchen, daß der feierliche Anlaß, bei dem dieses Bild ausgestellt wurde, es jedem feinfühlenden Menschen verbot, die komischen Elemente, die sich mit einem ihnen nicht anstehenden Gewände bekleidet hatten und hiedurch eine lächerliche Komödie aufführten, zu beachten. Die Verehrung für den Monarchen, dessen siebzigster Geburtstag in Tempeln und Kirchen gefeiert wurde, ist eine so aufrichtige und innige, daß man ihr zu Liebe in dem Momente der Feier zu lachen unterließ, als Lueger und Vergant sich ihrem Publicum in der Verkleidung von Friedensengeln vorstellten. Man muß sich dieses Bild so recht vergegenwärtigen* Herr Lueger im weißen Kleide mit Flügelchen am Rückendie Palme in der einen Hand, die andere Kußhändchen spielend, und der Mund von „ Gottesfrieden" überfließeud. Ist das derselbe Lueger, der noch vor wenigen Wochen die Frauen haranguirte, um sie in die politischen und socialen Kämpfe hineinzuzerren? Der sie gegen Nebenmenschen hetzte, der ihre Gemüther mit Haß erfüllte? Ist das derselbe Lueger, der seinen Feinden Untergang, seinen politischen Gegnern Vernichtung schwor? Ist das derselbe Lueger, der, von Wirthshaus zu Wirthshaus ziehend, zum Racenkampf aufforderte?