Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-31 · 35 (31.8.1900) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
35 (31.8.1900)
Date
1900-08-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021367--10173-3034640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 35 Dv, B^och's Wochenschrift. Sette 6S5 Ist das derselbe Lueger, dessen Reden im Parlamente, im Landtage und im Gemeinderathe nur von Haß triefen? „Erkläret mir Graf Oerindur diesen Zwiespalt der Natur!" Noch komischer aber ist die Erscheinung des „zaubergewaltigen" Dickwanstes von der Antisemitenburg in der Josefsgasse in der Verkleidung als Friedensengel. Man höre-nur, was sein krächzendes Organ zu „flöten" sich erfrecht hat: „All die häßlichen Erscheinungen, die das öffentliche Leben unseres Vaterlandes zeigt, treten zurück und müssen verschwinden, wenn allüberall freudige Begeisterung für den Kaiser aufflammt, der stets nur das Beste gewollt hat und dem nichts größere Befriedigung gewähren könnte, als alle Bewohner seines Reiches zufrieden und glücklich zu sehen." Man weiß nicht, ob der Mann, der das niederschrieb, sich selbst verspotten wollte und die ganze antisemitische Wühlerei, als er die häßlichen Erscheinungen" erwähnte, oder ob er sich über, seine Leser lustig machte, deren Dummheit die gewaltigste sein muß, we >n sie nicht erkennen, daß ihre Führer entweder Heuchler oder Lügner sein müssen. Die Erfinder des Rechtscomit^s von Polna und anderer Schandthaten fordern, daß alle häßlichen Erscheinungen verschwinden? Ja wohl, in den Boden mit ihnen! Es wäre Zeit, daß die Erde sie bedecken und sie zu Nlmmerwiederanfstehen umschließe. Aber, daß sie es selbst verlangen, die Urheber der häßlichen Erscheinungen, ist das Komik oder Ernst, bittere Selbsterkeuntniß oder erbärmliche Heuchelei? Und diese Schwindler wollen, daß alleBewohner dieses Reiches glücklich und zufrieden seien? Wer hindert denn das Glück und die Zufriedenheit mehr als Diejenigen, die politischen Haß und socialen Unfrieden säen. Und wenn dann ein solcher nichtswürdiger Hetzer Frieden im Munde führt, ist das nicht zum Lachen? Ncin, solcher Frechheit gegenüber verschwindet das Lachen unb tritt die gerechte Entrüstung an dessen Stelle, daß ein Blatt es wagen darf, mit solch blasphemischer Heuchelei sich als Friedensprophet zu geberden, dessen Text Tag für Tag diese Friedenspredigt Lügen straft. Welchen Zweck Lueger und V e r g a u i mit ihrer Friedenslüge verbinden, ist uns gleichgiltig. Vielleicht gibt es in Oesterreich irgend wen, der so dumm wäre, sich von ihren Friedensversicherungen foppen zu lassen. Wir aber kennen diese Wölfe im Schafspelze zu genau, als daß wir auch nur eine ihrer heuchlerischen Phrasen ernst nehmen könnten. Obzwar wir an Lueger alle möglichen Wandlungen gewöhnt sind, wenn sie ihm Vortheil versprechen, und gerne glauben, daß er zu noch etlichen Häutungen bereit wäre, an eine Veränderung in dem Sinne, daß er Friedensstifter sein werde, glauben wir nicht. Und wenn wir sehen, daß der Besitzer des Antisemitenhofes sich ihm anschließt, dann haben wir allen Grund, anzunehmen, daß eher eine neue Teufelei als der Gottesfrieden von ihnen geplant sei. Wollen aber die beiden Ankisemitenführer, daß man ihren letzten Worten Vertrauen schenke — nun, so brauchen sie nur bei sich den Anfang zu machen. Lassen wir es auf die Probe ankommen. A. W i e n e r. Verschwundene Christenmädchen. Unter diesem Titel reproducirte die »Deutsche Zeitung" am 29. d. M. die wiederholt besprochene Geschichte von dem im Sommer 1897 erfolgten Verschwinden der bei der Familie Frankfurter, IX., Servitengaffe 13, bedienstet gewesenen Marie Bojta aus Deschna in Böhmen. Das Blatt bemerkt, daß es von den Angehörigen des verschwundenen Mädchens um diese Reproduction ersucht wurde und knüpft hieran Betrachtungen, die darauf abzielen, die Juden als solche des Mädchenhandels oder gar der gewohnheitsmäßigen Hinmordung christlicher Mädchen, sei es aus gewinnsüchtiger Absicht oder zu rituellen Zwecken, zu beschuldigen. Der Fall Bojta und das angebliche Verschwinden von vier weiteren Mädchen aus Deschna in Zeiträumen von zwanzig Jahren wurde bereits am 17. März 1897 vom »Deutschen Volksblatte", am 8. Jänner 1897 vom Abgeordneten S l a m a im Parlamente und am 12. Mai 1898 von dem Prager »Listovy list" zu Hetzereien gegen die Juden benützt. Die Wahrheit ist nun folgende: »Bon den fünf genannten Mädchen ist nur eines, nämlich die Marie Vojta, spurlos verschwunden. Zwei, die Maria Pan und die Julie Elias, waren in Wien niemals polizeilich gemeldet, die Marie Teschinsky ist am 7. Juni 1879, in der hiesigen Landes - Findelanstalt an den .Folgen einer Entbindung gestorben, die Marie Nowak ist im October 1880 nach Verübung eines Diebstahles aus Wien flüchtig geworden. Was die Marie Bojta betrifft, so war dieselbe im Sommer 1896 vier Wochen hindurch bei dem in der Servitengaffe Nr. 13 wohnhaften Scriptor der k. k. Universitätsbibliothek, Dr. S. Frankfurter, dessen Familie die »Deutsche Zeitung" mtt Unrecht, wenn auch in wohlberechneter Absicht, als eine streng orthodoxe bezeichnet, bedienstet. Am 7. Juli, nach 9 Uhr Abends, entfernte sich die Vojta ohne irgend welchen Auftrag ihrer Dienstgeber aus der Wohnung, in der sie allein anwesend war, nachdem sie vorher ihre besten Kleider angelegt und den Wohnungsschlüssel bei der Nachbarin deponirt hatte, mit Hinterlassung ihrer sonstigen Effecten. Die Behauptung des Abgeordneten Slama, daß sie vom Dienstgeber zur Besorgung eines Einkaufes fortgeschickt wurde und in ihrer gewöhnlichen Hauskleidung fortging, was auf die Absicht der Rückkehr schließen lasse, beruht also auf einem Jrrthum. Vielmehr rechtfertigt die auffällige Thatsache, daß sie der sich weigernden Nachbarin den Wohnungsschlüssel förmlich aufdrängte, die Bermuthung, daß die Bojta die bestimmte Absicht hatte, nicht mehr zurückzukehren. Herr Dr. S. Frankfurter erstattete am 8. Juli aus freiem Antrieb beim zuständigen Bezirks-Commissariate die Anzeige von dem Verschwinden des Mädchens. Die Polizeibehörde pflog sofort die eingehendsten Nachforschungen nach deren . Verbleib, die jedoch resultatlos blieben. Wir erwähnen hier ausdrücklich der Thatsache, daß der Bruder der Verschollenen, Heinrich Bojta, welcher von Deschna nach Wien geeilt war. auf dem Bezirks-Commissariate Alsergrund Herrn Scriptor Dr. Frankfurter, gegen welchen er in verleumderischer Weise die Beschuldigung ausgestoßen hatte, seine Sch wester seivonden Juden beseitigt worden, hiefür um Verzeihung bat. Trotzdem kehrte jene Beschuldigung in den antisemitischen Blättern, und zwar merkwürdigerweise stets zur Osterzeit, immer wieder, und der Umstand, daß in dem Artikel des »Lidovy list" Pfarrer Dr. Deckert als der Beschützer Heinrich Bojta's genannt wird, gibt eine sehr verständliche Andeutung über die Quelle dieser gehässigen Publikationen. Auf Grund dieses, durch mühevolle Nachforschungen festgestellten Thatbestandes beschloß der Borstand.der „Oesterreichisch- Jsraelitischen Union" die Ueberreichung eines Memorandums an den Ministerpräsidenten Grafen Thun, in welchem gebeten wurde, durch Beantwortung der Interpellation Släma die Oeffentlichkeit über die vollständige Grundlosigkeit der in Umlauf gesetzten Gerüchte aufzuklären. Graf Thun versprach rasche Erledigung. Am folgenden Tage wurde jedoch der Reichsrath unerwarteter Weise vertagt und der Ministerpräsident war daher nicht mehr in der Lage, das gestellte Begehren um Beantwortung der Interpellation Släma zu erfüllen. Wohl aber brachte am 33. Juni das halbamtliche »Prager Abendblatt" über Anordnung des Ministerpräsidenten ein entschiedenes Dementi unter dem Titel »Wie Gerüchte entstehen", in welchem das Resultat der von der Wiener Polizeibehörde gepflogenen Erhebungen zur allgemeinen Kenntniß gebracht wurde. Der Artikel des halbamtlichen Blattes lautet: Wie Gerüchte ent st ehe n. Die Nummer 15 des „Lidovy list" vom 27. April d. I veröffentlichte einen Artikel unter der Ueberschrist „Obedoä s krvi kfestanu (Handel mit Christenblut), in welchem erzählt wird, daß in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.