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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-31 · 35 (31.8.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
35 (31.8.1900)
Date
1900-08-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 632 Dr» Vloch'S Wochenschrift. Nr. 35 Ritualmord und Inquisttion Von Graf von Hoensbroech (Steglitz bei Berlin) Seit dem Konitzer Morde treibt einmal wieder — zum wievielten Male? — die verleumderische Fabel vom „jüdischen Ritualmorde"' ihr Unwesen in der Presse und durch sie in weiten Schichten des deutschen Volkes. Der Antisemitismus in all seinen Formen und Schattirungen verbittert mit ihr die Gemüther, verhetzt durch sie die Bevölkerung. Bezeichnend ist, daß gerade die sogenannte christliche Presse, die orthodox-evangelische, wie die ultramontan-katholische, am eifrigsten an der Arbeit ist, diese schlimme Lüge auszunützen und ihren blindgläubigen Leserkreis mit Schreckbildern von „ritueller Schlichtung" zu erfüllen. Auf die theoretische Widerlegung der elenden Erfindung des Ritualmordes lasse ich mich nicht ein. Das ist längst ausreichend besorgt worden, und zudem ist confessioneller Haß und systematische Lügenhaftigkeit in den genannten „christlichen" Kreisen viel zu groß, als daß man hoffen könnte, sie würden der Wahrheit die Ehre geben. Aber ein argumentum ad hominem verfehlt selbst in diesen Kreisen seine Wirkung nicht. Jüdischer Ritualmord schreit die ultramontane Presse des Deutschen Reiches und Oesterreich-Ungarns, fürchterliches, unmenschliches Verbrechen! Wiffen denn die Herren nicht, daß dem christlichen Ritu, almorde Tausende und Abertausende: Männer, Weiberi Kinder, Greise zum Opfer gefallen sind, daß der christliche R tualmord Jahrhunderte lang ein S y st e m war, eingesetzt und geregelt vom Haupte der katholischen Kirche, vom Papste, gehandhabt von Priester und Ordensleuten; ein System, das Ströme von Menschenblut vergossen hat? Doch nein, Ecclesia non sitit sanguinem, die Kirche vergißt ja kein Blut, und deshalb vollzog sie ihren Ritualmord in den praffelnden Flammen des Scheiterhaufens, da floß kein Blut. Was ist denn die päpstliche Inquisition anderes, als der systemisirte, legalisirte Ritualmord, was sind die von der Inquisition maffenhaft Gemordeten anderes, als Opfer eines Ritualmordes? „Die Ketzer müssen mit Feuer und Schwert bezwungen werden"; „Zweck der Inquisition ist die Zerstörung der Ketzerei, die Ketzerei kann aber nicht zerstört werden, außer durch Vernichtung der Ketzer, die Ketzer aber werden vernichtet, indem sie körperlich verbrannt werden." „Der reumüthige Ketzer wird zuerst erdrosselt und dann v e r b r a n n t, der uubußfertige Ketzer aber wird lebendig verbrannt." „Gäbe es eine noch grausamere Strafe als den Fe u e r i o b, so wäre sie gegen den Ketzer anzuwenden, damit er und sein Verbrechen umso schneller aus dem Gedächtniß der Menschen entschwinde/" „Bei der Hinrichtung rückfälliger oder unbußfertiger Ketzer ist zu beachten, daß man ihnen einen Knebel in den Mund stecke, damit sie nicht bei den Umstehenden durch ihre Worte Aergerniß erregen können." „Zu Rom werden Diejenigen, welche in dieselbe Ketzerei zurückfallen, zum Tode verurtheilt, aber sie werden nicht lebendig verbrannt, sondern zuerst erdrosselt und dann verbrannt, falls sie sich vor dem Tode bekehren. Wenn sie hartnäckig bleiben, werden sie allerdings lebendig verbrannt; aber das geschieht nicht aus Härte, sondern in der Hoffnung, ihnen die Hartnäckigkeit aus zu kochen (spe excoquendae ipsorum pertinatiae) und sie durch die Größe der Strafe zum Bekenntniß des rechten Glaubens zu bewegen"" (Carena, „Tractat. de officio s. Inquisitionis, Anteludia" § 4 und S. 70, 348, 357. Guidonis, „Practica Inquisitionis", Ed. Donais, Paris 1886, S. 217, 218. Der Jesuit Petra Santa in: ° „Notae in epistolam Petri Molinae ad Balzacum", Antwerpen 1634, S. 230.) Das find einige aus den von päpstlichen Jquisitoren mit Gutheißung der Päpste formulirten Grundsätzen des christlichen Ritualmordes der päpstlichen Inquisition Kam es dann zur Ausfiihmng dieser Grundsätze — und sie sind in Europa weit über Hunderttausendmal ausgeführt worden — so wurde der Ketzer vor das „G l a u b e n sgericht"" geführt; unter Anrufung Gottes, mit der Hand auf den heiligen Evangelien, unter Gebet und Ceremonien wurde ihm das Urtheil gesprochen; im feierlichen Zuge, mit Kreuz und Kirchenfahnen voran, ging es zur Richtstätte; Bischöfe, Mönche, Priester bildeten das Geleite, sie umständen den Holzstoß, auf dem der Ketzer sein Leben aushauchte. Kann es ausgebildetere R i t u a lmorde geben? Denn daß die Tödtung eines Menschen, seiner religiösen Ueberzeugung wegen, Mord ist, wenn auch noch so viele weltliche wie geistliche Gesetze diese Tödtung vorschreiben, bedarf doch wohl keines Beweises. Soll ich einige Beispiele inquisitorischen Ritualmordes anführen? In meinem Werke: „Das Papstthum in seiner social-culturellen Thätigkei t""*) habe ich 77 Seiten angefüllt mit der trockenen und doch so hochdramatischen Aufzählung solcher in Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland verübten Ritualmorde; und doch enthalten diese 77 Seiten nur einen geringen Bruchtheil des Ganzen. Die ganze christliche Welt wurde durch die große Ritualmörderin, die päpstliche Inquisition, mit Menschenblut überströmt. Nur wenige Thatsachen. In Carcassone wurden in den Jahren 1318 bis 1358 einhundert und dreizehn'Ketzer verbrannt. Der von Papst Gregor IX. ernannte Dominicanerinquisitor Robert ließ am 29. Mai 1239 zu Mont-Wimer (jetzt Mont- Aime) 183 Ketzer verbrennen. Der mönchische Bericht, der uns die Blutthat mittheilt, nennt diese Menschenschlächterei „ein dem Herrn wohlgefälliges Brandopfer"" („holocaustum placabile Domino"). Unter diesen Verbannten war auch eine Frau, die auf das Drängen des Inquisitors bekannte, sie sei Nachts vom Teufel nach Mailand geführt worden; ihren Platz im Ehebette habe unterdessen ein ihr gleichsehender Teufel (Monum. Germ/' S. S. 23, 944, 945). Im Jahre 1285 wurden in Krems 16, in St. P ö l t e n 11, in W i e n 102 Ketzer lebendig verbrannt (N. G. S. S. 9, 810, 825). Zu Schweidnitz wurden im Jahre 1315 fünfzig Ketzer aus einmal verbrannt (Haupt, „Waldenserthum und Inquisition", Freiburg, 1890, S. 26). In Straßburg bestiegen im Jahre 1812 achtzig Ketzer gemeinsam einen Scheiterhaufen (Kaltner, „Konrad von Marburg", Prag, 1882, S. 43). Der päpstliche Inquisitor Konrad v. Marburg schlachtete die Ketzer zu Dutzenden. Die „Annales Wormatiensis“ berichten von ihn«: „Im Jahre 1214 fing Bruder Konrad an zu predigen. Welche Ketzer er immer wollte, ließ er in ganz Deutschland v e rbrennen, und so predigte er zehn Jahre lang," (U. G. S. S. 17, 75). Eine eindrucksvolle Predigt in der That! „Erstaunlich ist es," sagt eine andere Quelle, „daß in diesen Zeiten das Feuer so sehr gegen das Menschengeschlecht erstarkt. Eine ungezählte Zahl von Menschen ging in Deutschland auf dem Scheiterhaufen zugrunde." („Annal. Colon, rnax.", M. G. 17, 843). Diese Ritualmorde seines Inquisitors fanden bei G r eg o r IX. die höchste Anerkennung. „Glorreiches wird von Dir berichtet, schrieb der Papst, und wir freuen uns Deiner. Fortschritte." (Kuchenbccker, „Analecta“ III, 73.) Ich verzichte darauf, von den Massen-Ritualmorden in Spanien einige anzuführen. Dort weitete sich der Blutstrom zum See, und die Scheiterhaufenglut entfachte sich zum Flammenmeer. Und an diesen Blutthaten erfreute sich Papst SixtusV. als an „Früchten, gezeitigt auf dem Acker des Herrn" (Magn. Bullar. Ed. Cherubim II, 668)! Man glaube auch nicht, daß die gegenwärtige römische Kirche diese ihre Ritualmorde mißbilligt. In Rom erscheint eine Zeitschrift: „Analecta ecclesiastica, Revue Romaine“. Ihr Herausgeber ist der Prälat Felix Cadene, „Haysprälat Seiner Heiligkeit des Papstes Leo XIII."; ihr Titelblatt schmückt das Wappen Leo XIII. mit der Umschrift: „Ubi Petrus ibi Ecclesia.“ Im Jännerheft dieser Zeitschrift des Jahres 1895 findet sich ein Aufsatz über die Inquisition, der mit den Worten schließt: „O, ihr gesegneten Flammen der Scheiterhaufen! Durch euch wurden tausende und tausende von Seelen aus dem Schlunde des Jrrthums und der Berdammniß gerettet; durch euch ist die bürgerliche Gesellschaft durch Jahrhunderte hindurch glücklich und unversehrt erhalten worden" (a. a. O. S. 32)! Ja, Rom hat sogar die höchsten Ehren, die es zu vergeben hat, Jenen ausgetheilt, die in der Verübung von inquisitorischen Ritualmorden sich als Meister erwiesen hatten. Am 1. September 1866 wurden die Inquisitoren Wilhelm A rn ä u d und S t e p h a n von Narbona von Pius IX. „selig" gesprochen und damit der öffentlichen Ehrung auf den Altären der katholischen Kirchen für würdig erklärt. Und die Geschichte berichtet von diesen „christlichen Vorbildern", daß sie zu M o i s s a c in Südfrankreich 200 Ketzer verbrannten, *) Erster Band, S. 78 bis 151. Leipzig, Breitkopf & Härtel, 1900.

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