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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-31 · 35 (31.8.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
35 (31.8.1900)
Date
1900-08-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 631 Scham beleidigen. Und wohin soll auch diese Fälle angesammelter großer Eindrücke, welche die jüdische Geschichte für jede jüdische Familie ausmacht, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art, wohin soll sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in große geistige Menschen und Werke? Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene Gefäße als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen vermögen und vermochten, wenn Israel seine ewige Rache in eine ewige Segnung Europas verwandelt haben wird, dann wird jener siebente Tag wieder einmal da sein, an dem der alte Judengott sich seiner selber, seiner Schöpfung und seines auserwählten Volkes freuen darf — und wir Alle, Alle wollen uns nnt ihm freuen." „Sie verstehen es," sagt Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse", im 252. Aphorismus (8. Hauptstück, S. 2t 1 f.), „selbst noch unter den schlimmsten Bedingungen sich durchzusetzen (besser sogar, als unter günstigen), vermöge irgend welcher Tugenden, die man heute gern zu Lastern stempeln möchte, —. dank vor Allem einem resoluten Glauben, der sich vor den „modernen Ideen" nicht zu schämen braucht; sie verändern sich, wenn sie sich verändern, immer nur so, wie das russische Reich seine Eroberungen macht, — als ein Reich, das Zeit hat und nicht von gestern ist; — nämlich nach dem Grundsätze „so langsam als möglich". Ein Denker, der die Zukunft Europas auf seinem Gewissen hat, wird bei allen Entwürfen, welche er bei sich über diese Zukunft macht, mit den Juden rechnen wie mit den Russen, als den zunächst sichersten und wahrscheinlichsten Factoren im großen Spiel und Kampf der Kräfte. Das, was heute in Europa „Nation" genannt wird und eigentlich mehr eine res facta als nata ist (ja mitunter einer rss facta et picta zum Verwechseln ähnlich sieht), ist in jedem Falle etwas Werdendes, Junges, leicht Verschiebbares, noch keine Rare, geschweige denn ein solches aera peremnus, wie es die Judenart ist: Diese „Nationen" sollten sich doch aber vor jeder hitzköpfigen Coneurrenz und Feindseligkeit sorgfältig in Acht nehmen! Daß die Juden, wenn sie wollten — oder, wenn man sie dazu zwänge, wie es die Antisemiten zu wollen scheinen — jetzt schon das Uebergewicht, ja ganz wörtlich die Herrschaft über Europa haben könnten, steht fest, daß sie nicht darauf hinarbeiten und Pläne machen, ebenfalls. Einstweilen wollen und wünschen sie vielmehr, sogar mit einiger Zudringlichkeit, in Europa, von Europa ein- und aufgesaugt zu werden, sie dürften darnach, endlich irgendwo fest, erlaubt, geachtet sein und dem Nomadenleben, dem „ewigen Juden" ein Ziel zu setzen; — und man sollte diesen Zug und Drang (der vielleicht selbst schon eine Milderung der jüdischen Jnstincte ausdrückt) wohl beachten und ihm entgegenkommen: wozu es vielleicht nützlich und billig wäre, die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen. Mit aller Vorsicht entgegenkommen, mit Auswahl; ungefähr so wie der englische Adel es thut. Es liegt auf der Haud, daß am uubedenklichsten noch sich die stärkeren und bereits fester geprägten Typen des neuen Deutschthums mit ihnen einlassen könnten, zum Beispiel der adelige Officier aus der Mark; es wäre von vielfachem Interesse, zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst des Befehlens und Gehorchens — in Beiden ist das bezeichnete Land heute classisch — das Genie des Geldes und der Geduld (und vor Allem etwas Geist und Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichneten Stelle fehlt) Hinzuthun, hinzuzüchten ließe. Doch hier ziemt es sich, meine heitere Deutschthümelei und Festrede abzubrechen; denn ich rühre bereits an meinem Ernst, an das „europäische Problem", wie ich es verstehe, an die Züchtung einer neuen, über Europa regierenden Kaste". Nietzsche wirft einmal die Frage auf: „Was Europa den Juden verdankt?" und er antwortet: „Vielerlei, Gutes und Schlimmes, und vor Allem Eins, das vom Besten und Schlimmsten zugleich ist: den großen Styl in der Moral, die Furchtbarkeit und Majestät unendlicher Forderungen, unendlicher Bedeutungen, die ganze Romantik und Erhabenheit der moralischen Fragwürdigkeiten — und folglich gerade den anziehendsten, verfänglichsten und ausgesuchtesten Theil jener Farbenspiele und Verführungen zum Leben, in deren Nachschimmer heute der Himmel unserer europäischen Cultur, ihr Abendhimmel, glüht — vielleicht verglüht. Wir Artisten unter den Zuschauern und Philosophen sind dafür den Juden dankbar." In seiner glänzenden Aphorismen-Sammlung „Menschliches — Allzumenschliches" Nr. 474 heißt es: „Ueberdies: in den dunkelsten Zeiten des Mittelalters, als sich die asiatische Wolkenschicht schwer über Europa gelagert hatte, waren es jüdische Freidenker, Gelehrte und Aerzte, welche das Banner der Aufklärung und der geistigen Unabhängigkeit unter dem härtesten persönlichen Zwange festhielten und Europa gegen Asien vertheidigten; ihren Bemühungen ist es nicht am wenigsten zu danken, daß eine natürlichere, vernunftgemäßere und jedenfalls unmythische Erklärung der Welt endlich wieder zum Siege kommen konnte, und daß der Ring der Cultur, welcher uns jetzt mit der Aufklärung des griechischrömischen Alterthums zusammenknüpft, unzerbrochen blieb. Wenn das Christenthum Alles gethan hat, um den Occident zu orientalisiren, so, hat das Judenthum wesentlich mtt dabei geholfen, ihn immer wieder zu occidentalifiren, was in einem bestimmten Sinne so viel heißt, als Europas Aufgabe und Geschichte zu einer Fortsetzung der griechischen zu machen." In „Jenseits von Gut und Böse" sagt er ferner (S. 12) „Die Juden sind es gewesen, die gegen die aristokratische Werthschätzung mit einer furchteinflößenden Folgerichtigkeit die Umkehrung gepredigt und mit den Zähnen des abgründlichsten Haffes festgehalten haben, nämlich die Elenden allein sind die Guten, die Armen, Ohnmächtigen, Niederen allein sind die Guten u s. w. Dagegen Ihr Vornehmen und Gewaltigen, Ihr seid in aller Ewigkeit die Bösen und Grausamen. Das aber ist der „Sclavenaufstand in der Moral." S. 68. „Im jüdischen „alten Testament", dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, daß das griechische und indische Schriftthum ihm nichts zur Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Ueöerbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war, und wird dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselchen Europa, das durchaus gegen Asien den „Fortschritt des Menschen" bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben. Freilich wer selbst nur ein dünnes zahmes Hausthier ist und nur Hausthier- Bedürfnisse kennt (gleich unseren Gebildeten von heute, die Christen des „gebildeten" Christenthums hinzugekommen —), der hat unter jenen Ruinen weder sich zu verwundern, noch gar sich zu betrüben — der Geschmack am alten Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht auf „Groß" und „Kle n" —: vielleicht, daß er das neue Testament, das Buch von der Gnade, immer noch eher nach seinem Herzen findet (in ihm ist viel von dem rechten zärtlichen dumpfen Bettbrüder- und Kleinen-Seelen-Geruch). Dieses neue Testament, eine Art Rococo des Geschmacks in jedem Betrachte, mit dem alten Testament zu Einem Buche zusammengeleimt zu haben, als „Bibel", als „das Buch an sich": Das ist vielleicht die größte Verwegenheit und „Sünde Wider den Geist", welche das literarische Europa auf dem Gewissen hat." Der Güte der Nietzsche-Archivverwaltung verdanke ich das nachstehende, bemerkenswerthe Epigramm Nietzsches: An Spinoza. Dem „Eins in Allem" liebend zugewandt, ^.morc dei, selig aus Verstand — *) Die Schuhe aus! welch' dreimal heilig Land! Doch unter dieser Liebe fraß, Ein heimlich glimmender Rachebrand: — Am Judengott fraß Judenhaß! — — Einsiedler! Hab ich Dich erkannt? Stolz stand er, der Geistesedle, aus einsamer Warte. Stolz und einsam und doch mit einem Herzen, glühend für den Fortschritt der Menschheit. So steht der Jude, inmitten einer feindseligen, haßgewappneten Welt, einer Welt, der die Laute fremd sind, in denen er mit seinem Gotte spricht. Und wie rächt sich der Jude? Nathan wärmt das Kind des Feindes an seinem Herzen, Spinoza schreibt seine Ethik. Hier stehen sie treu Schulter an Schulter, die drei großen Vorkämpfer des Fortschritts: Spinoza, der Verkünder des aruor Dei mtelleetualis im 17. Jahrhundert, Lessing, der Wortführer der „Aufklärung" im 18., Nietzsche, als unerbittlicher Nachlaßsichter des 19. Jahrhunderts. Und seinen eigenen Nachlaß zu sichten, sein Erbe anzutreten, sind wir Juden berufen, wie Alle, denen das Werk seines Lebens gegolten. Doch nun heißt es, den Muth der Erben zeigen. All zu schwer kann es uns nicht werden. Dieses letzte Jahrzehnt hat Nietzsche recht gegeben. Sein Urtheil über den Antisemitismus hat dieser glänzend bestätigt. Nun, wenn man an ihn selbst, den Seher, glauben darf, weßhalb nicht an sein Ideal, an den Fortschritt der Menschheit und der weltgeschichtlichen Aufgabe des Judenthums, seinen Antheil an diesem Fortschritt? Man wird Nietzsche immer und immer wieder lesen. Man wird mehr und mehr erkennen, daß zu dem Räthselspruch, den die Sphinx des Lebens uns zu lösen gibt, einm wichtigen Schlüssel Nietzsche bedeutet. An uns ist es, feinem Seherwort gerecht zu werden: Ist man einst so eifrig dem Rufe gefolgt: sapere aiide, kann man sich nicht Genüge thun, auf allen Gebieten des Wissens mit um die Palme des Erfolges zu ringen, warum nicht, wenn ein Nietzsche uns so nachdrücklichem Erfolg verheißt, aushalten am „alten Glanden", dem Glauben an eine Zukunft der Menschheit, eine Zukunft Israels?! Cr öd«!*« aude! *) In Uebereinstimmung mit dem Midrasch zu dem Worte: „Tn sollst lieben den Herrn, deinen Gott" — : „durch Erkenntniß".

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