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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-31 · 35 (31.8.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
35 (31.8.1900)
Date
1900-08-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 630 Dr. Bloch's Wvchrnfchrifl. Nr. 35 zäheste, von dem die Geschichte weiß. Das ist im Geiste Nietzsche's die „E r w ä h l u n g" Israels: seine Stärke. Aber zielbewußt muß diese Stärke sein, um ästhetisch zu wirken. Und dieses Ziel? Der Semit Heine sieht im ^uden den „Europäer des Orients", der Antisemit den Orientalen im Occident — uud Nietzsche? Der reine, freie Arier? Er weiß dem Juden Dank und Preis, daß er in den düstersten, schwersten Zeiten „den Occident vor dem Untergang im Orientalismus bewahrt", daß er aus geistumnebelnder Romantik und willenertödtendem Uniformismus das classische Erb? des Occidents der Menschheit gerettet hat. Diese rettende That und eine Erfahrung, wie sie kein zweites Volk aufzuspeichern vermocht, bestimmen in Nietzsche's Augen den Juden zum Lehrer der Menschheit, von ihm soll einst den Völkern der Segen kommen*). Das ist ihm jüdische „Rache", eine Rache, die nicht rastet bis zur spurlosen Vernichtung des Gegners. Aber welches Gegners? — Des finsteren Geistes, der die Menschheit entzweit, sie auf dem Wege des Fortschrittes hemmt. Dieseu Geist vernichten, zum Heil der Menschheit — das ist die „jüdische Rach e". Hier ist sogar der Punkt, iro Nietzsche sich selbst untreu wird, wo er aus seiner vornehmen Haltung, seiner Scheu vor jeder Berührung mit der misora plebs fest und offen heraustritt, um an der Seite der Juden gegen diesen Geist des Rückschritts zu kämpfen. Er, der sonst so hoch über dem widrigen Gezänk des Tages thront, er nützt Zeden noch so fern liegenden Anlaß, um seinen innersten Abscheu vor dem antisemitischen Pöbel zu bekunden. Der Antisemit gilt Nietzsche als Prototyp des moralisch Enterbten. Er geißelt ihn nicht nur im Radauautisemitismus irgend eines Herrn Käsebier, er züchtigt nicht nur das Gelichter vom Schlage eines Dühring. Selbst seinen Richard Wagner scheut er sich nicht zu entlarven. Ja, es verdient, betont zu werden, daß Nietzsche zuerst eiu gutes Theil der Vaterschaft unseres Antisemitismus Wagner und seinem Einfluß auf Rechnung gesetzt hat. Ihm selbst wurde es nicht leicht, Wagner zu überwinden. Nietzsche sagt einmal von gewissen Historikern, sie lehrten nicht nur rückwärts gewandtes Schauen, sondern womöglich rückwärts gewandtes Glauben. Wagner trifft dies Wort vor Allen. Aus dem Teutonenthum seiner phantastische» Umprägung, auf das er seine Teutschen zurückwies, erhob sich die Sumpfblüthe des deutschen, antijüdischen Chauvinismus. Das sollten sich jüdische Wagnerschwärmer von Nietzsche sagen lassen! — Noch schwerer gelang es ihm, von „Wagner's Vordermann", von Schopenhauer, sich loszuringen. Zu dem Halbgott einer gewissen Halbbildung, als deren integrirender Bestaudtheil eine tüchtige Dosis Judenhaß gilt, fühlte sich Nietzsche immer klarer uud bestimmter in grundsätzlichem Gegensatz. Schopenhauer haßt die Juden; denn er haßt den Optimismus. Und der Optimismus erscheint ihm in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit als der Erbfeind allen Fortschritts. Aber gerade im Judenthum, im o p t i m i st ischen Judenthum, erkannte Nietzsche das Haltlose der These seines Meisters. Die Juden, die Blutzeugen des Fortschrittes, und doch unverwüstliche Optimisten! Und das ist das Wesentliche! Wie Nietzsche im Ganzen mit einer Rückhaltlosigkeit ohnegleichen eine glänzende Bejcchuug des Iud enthums ist, so ist das Judenthum seine Bejahung, sein weltgeschichtlicher Zeuge, der stunmgewaltige Chorführer in dem ewigen Schöpfungshymnus des Optimismus, wie er uns auf den Riesenschwingen Beethoven'scher Symphonien, durch den Sonnenäther Nietzsche'scher Zarathusttaweisheit zum Ideal, zum Uebermenschen emporträgt. *) Der modernste Denker der Neuzeit erneuert somit die Verheißung, die einst dem Erzvater Abraham geworden ist. Und nun Nietzsche, der P ä d a gog, der Volkserzieher? Hier läßt er den ganzen Zauber seiner Sprache spielen, die selbst dem logischen Ernst des Gedankens Schwere nimmt und der kategorischen Forderung des Reizes leichte Schwingen leiht; hier sammelt er mit Meisterhand die Lichtstrahlen der Vergangenheit zu einem lockenden Bilde, das in die Perspective der Unendlichkeit projicirt, auch den schüchternsten Funken nationalen Selbstbewußtseins zu heller Begeisterung entfachen muß. Damit gewinnt er des Volkes Zukunft, die Jugend, und unsere Jugend mögen einige Proben aus seinen wichtigsten Schriften lehren, wie ein N i e tz s ch e von Israels Vergangenheit gedacht und was er von seiner Zukunft erwartet. In der „Genealogie der Moral" heißt es: S. 35. „Die Römer waren ja die Starken und Vornehmen, wie sie stärker und vornehmer bisher auf Erden nicht dagewesen, selbst niemals geträumt worden sind; jeder Ueberrest von ihnen, jede Inschrift entzückt, gesetzt, daß nian erräth, was da schreibt. D i e Juden umgekehrt, waren jenes priesterliche Volk des Ressentiment xar sxeeUoiieL, dem eine volksthümlich-moralische Genialität sondergleichen innewohnte: man vergleiche nur die verwandt-begabten Völker, etwa die Chinesen oder die Deutschen, mit den Juden, um nachzufühlen, was ersten und was fünften Ranges ist." S. 133. „Ich erinnere Leser, die Ohren haben, nochmals a" jenen Berliner Rache-Apostel Eugen Dühring, der im heutigen Deutsch' land den unanständigsten und widerlichsten Gebrauch voni moralische" Bum-Bum macht: Dühring, das erste Moral-Großmaul, das es gibt, selbst noch unter seines Gleichen, den Antisemiten." S. 17 . „Ich mag auch sie nicht, diese neuesten Spcculanten in Idealismus, die Antisemiten, welche heute ihre Augen christlicharisch-biedermännisch verdrehen und durch einen jede Geduld erschöpfenden Mißbrauch des wohlfeilsten Agitationsmittels, der moralischen Attitüde, alle Hornvieh-Elemente des Volkes aufzuregen suchen; — daß jede Art Schwindelgeisterei im heutigen Deutschland nicht ohne Erfolg bleibt, hängt mit der nachgerade unablengbarcn und bereits handgreiflichen Verödung des deutschen Geistes zusammen, deren Ursache ich in einer allzuausschließlichen Ernährung mit Zeitungen, Politik, Bier und Wagneri,cher Musik suche." „Vom Volke Israel: Zu den Schauspielen, auf welche uns das nächste Jahrhundert einladet, gehört die Entscheidung im Schicksale der europäischen Juden. ... In Europa aber haben sie eine Schule von achtzehn Jahrhunderten durchgemacht, wie sie hier kein anderes Volk aufweisen kann, und zwar so, daß nicht eben der Gemeinschaft, aber umsomehr den Einzelnen die Erfahrungen dieser entsetzlichen Uebungszeit zugute gekommen sind. In Folge davon sind die seelischen und geistigen Hilfsquellen bei den jetzigen Juden außerordentlich; sie greifen in der Roth am seltensten von Allen, die Europa bewohnen, zum Becher oder zum Selbstmord, um einer tiefen Gelegenheit zu entgehen - was dem geringer Begabten so nahe liegt. Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und Großväter eine Fundgrube von Beispielen kältester Besonnenheit und Beharrlichkeit in furchtbaren Lagen, von feinster Ueberlistung und Ausnützung des Unglücks und des Zufalls; ihre Tapferkeit unter dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung, ihr Heroismus im Zperuoro se sperni übertrifft die Tugenden aller Heiligen. Man hat sie verächtlich machen wollen dadurch, daß man sie zwei Jahrtausende lang verächtlich behandelte und ihnen den Zugang zu allen Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte, dafür sie um so tiefer in die schmutzigeren Gewerbe hineinstieß, und wahrhaftig, sie sind unter dieser Procedur nicht reinlicher geworden. Aber verächtlich? Sie haben selber nie aufgehört, sich zu den höchsten Dingen berufen zu glauben, und ebenso haben die Tugenden aller Leidenden nie anfgehört, sie ni schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter und ihre. Kinder ehren, die Vernunft ihrer Ehen und Ehesitten zeichnet sie unter allen Europäern aus. Zu alledem verstanden sie es, ein Gefühl der Macht und der ewigen Rache sich aus eben den Gewerben zu schaffen, welche man ihnen überließ (oder denen man sie überließ); man muß es zur Entschuldigung selbst ihres Wuchers sagen, daß sie ohne diese gelegentliche, angenehme und nützliche Folterung ihrer Verächter es schwerlich ausgehalten hätten, sich so lange selbst zu achten. Denn unsere Achtung vor uns selber ist daran gebunden, daß wir Wiedervergeltung im Guten und Schlimmen üben können. Dabei reißt sie ihre Rache nicht leicht zu weit; denn sie haben Alle die Freisinnigkeit auch die der Seele, zu welcher der häufige Wechsel des Ortes, des Klimas, der Sitten, von Nachbarn und Unterdrückern der Menschen erzieht, sie besitzen die bei Weitem größte Erfahrung.... Sie wissen selber am besten, daß an eine Eroberung Europas und an irgend welche Gewaltsamkeit für sie nicht zu denken ist; wohl aber, daß Europa irgendwann einmal wie eine völlig reife Frucht ihnen in die Hände fallen dürste, welche sich ihr nur leicht entgegenstreckt. Inzwischen haben sie dazu nöthig, auf allen Gebieten der europäischen Auszeichnung sich auszuzeichnen und unter den Ersten zu stehen, bis sie es so weit bringen, das, was auszeichnen soll, selber zu bestimmen. Dann werden sie die Erfinder und Wegweiser der Europäer heißen und nicht mehr deren

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