Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 35 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021367--10167-3034634- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ur. 35 Dl*S BlOßffS tzah-gsW SM Centralorgan *■------- ~-=f \1 L. k. Pofisparrsssen-Amr "Tlraringvrrkrhr l Nr. 810.976. 1 AeLarUon und Administration: i Wien! II., Untere Auaartenitr. 1». j Telephon - Nr. 14.847 « -^=—=4 für die grfammten Interessen des Wien, 31. August 1900. --— Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien» II.» Untere Augartenstraße 13# Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Judenthums. ~ -- - . ... . * ' BEjugaprEia für Oesterreich: j I Halbjährig 8 Kronen.! II Einzelexemplare 50 Heller j j' lür'a Ausland: j i; Halbjährig 10 Kronen. j j ganzjährig 20 »! Lnzeigen: Die 4mal gespaltene!| Petitzeile 24 Heller. * -^—^=m Inhalt. Leitartikel: Friedrich Nietzsche. — Ritualmord und Inquisition. Die „Kölnische Zeitung" über die jüdischen Speisegesetze. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Dr. Lueger als F-riedensengel. Verschwundene Christenmüdchen. Antisemitismus bei Seidenfabrikanten. — Samuel David Luzzatto. — C 0 r r e s p 0 n d e n z e n : Wien, Ainstetten, Marienbad, Rauduitz, Pretzburq, Breslau, Berlin, Paris, London, Bukarest. — Vermischtes: Wien, Klattau, Brünn, Falkenau a. d. Eger, Yibenschitz, Türrmaul, Mährisch-Ostrau, Sadska, Ungarisch-Ostra, Malaczka, Rauduitz a. d. Elbe, Teltsch, Friedek-Mistek, Leipzig, Berlin. — Feuilleton: Michael. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Friedrich Nietzsche. Von Dr. Max Grunwald in Hamburg. In dem Schöpfer des „Zarathustra“ hat einer jener führenden Geister geendet, die das Denken der Gegenwart in ihren Bannkreis gezwungen haben. Eine hoffnungslos bange Nacht liegt zwischen seinem tragischen Ende und dem Abschluß seines Lebenswerkes, mehr ein Jahrzehnt geistigen Todes, — und doch hat gerade dieses Jahrzehnt seinen Ideen tausendfältiges Leben gegeben. Früh vollendet, hat er gleich Wenigen Vollendetes geleistet. Spinoza, der Schwärmer des Akosmismus, war gereift, während die Sonne noch sengend im Zenith stand. Hölderlin, der Sänger des Todesahnens, hat seine Art in kurzen Zügen ausgelebt. Nietzsche-, der sehnende Seher des Uebermenschen, hat in knapp neun Lustren den Meisterpreis errungen. Er hat uns sein Ganzes gegeben, vollendet, restlos, seine tiefsten Tiefen erschöpfend. Au seiner Bahre ziemt es, dankesstolz zu bekennen: Mehr als Alle haben wir Juden an ihm verloren! Anderen war er Führer und Pfadweiser zu den Höhen der Erkenntniß, wir haben in ihm einen Seher verloren; den im ungleichen Kampfe wehrlos Gewordenen ist ein mächtiger Hort geschwunden. Friedrich Nietzsche war ein Seher in eigenem Sinne. Die Baukunst der Rede haben ihn die Seher unserer Vorzeit gelehrt. Die Thürmung der Gedanken ohne Mörtel, wo nicht Mitfühlen und mitempfindendes Nachdichten das Gefüge füllt, die Prägung der Worte, mögen auch die Laute einer anderen Sprache gehören, sie zeigen dieselbe Kyklopeuwucht bei ihm wie bei jenen alten Sendlingen Gottes. Doch Eines unterscheidet ihn; er war in Einem Sinne jüdischer, als sie. Jene gewaltigen Rüttler uud Erwecker stellen um jeden Preis den Willen Gottes, das Heil der Religion in absolute Höhe über das Schicksal ihres Volkes. Nietzsche, dessen Schulzeugniß einst in „Religion" ein „Vorzüglich" und in „Hebräisch" ein „Mangelhaft" aufwies, kehrt bald das Verhältnis um. Er legt die Religion bei Seite und halt sich an das Hebräische. Die beiden heißumstrittenen Hebräerworte von der „Erwähltheit" des Volkes und der „Rachsucht", die sein Gesetz durchglühen soll, weiß er „vorzüglich" zu erklären; um diese vielgeschmühten Worte webt er eine Gloriole von sieghafter Leuchtkraft. Ja, es ist eine echt Nietzsche'sche Umwerthung der Begriffe. Man hatte bisher den Juden als ein Rudiment der Vergangenheit, den „lebendigen Zeugen des Gotteszornes" geduldet, man hatte ihm, als einem unwillkommenen Factor der Gegenwart, mit dem man wider Willen rechnen mußte, Rechte eingeräumt. Theologie, Moral, Politik suchten sich mit ihm abzufinden. Die Juden aber, ihr Wesen uud Werden als Gegenstand der Aesthetik zu würdigen, lag außerhalb jeder Erwägung. Und nun kam Nietzsche, der Antithe 0l 0 g e, uud duldete nicht, nein, er bewunderte den festen, siegesgewissen, zukunftsfreudigen „Judenglauben". Er, der jene Duldungs moral fiebernd H a s send e, spricht nicht von Rechten der Juden, er dankt ihnen begeistert für die strenge Zucht und Sitte, die sie zu ihrem Streben nach dem Höchsten stärkt und berechtigt. Der M e n s ch h e i t s ö k 0 n 0 m Nietzsche sieht im Juden das Ferment der Zukunftsbildung. Aber das Bedeutsamste! Nietzsche, der raffinirte Aefthetiker, der berufene Priester der Schönheit, beginnt, die Juden ästhetisch zu bewerthen. Nietzsche, der Aristokrat des Geistes, beschämt die Aristokratie des Erbadels, die sich spottend an der Ohnmacht des Wehrlosen weidet, er stellt eine Aristokratie des Geldes bloß, die sich im Jude nt h um der eigenen Schwäche schämt. Nietzsche, der Rhapsode des zielbewußt Starken, findet seinen Helden im Juden. Nicht ein Leiden und Dulden ist ihm Israels Geschick, ihm schleicht es nicht dahin wie der „ewige Jude" christlicher und leider auch jüdischer Erfindung, ihm ist der Jude der ewig ringende Antüus, dem aus dem Mutterboden seines Volksthums immer neue unüberwindliche Kraft quillt, sein Schicksal ist herrlichste Bethätigung der Kraft. Neben Bismarck, dem Individuum, neben Rom und Venedig, als Staaten, steht ihm Israel als Volksthum, das stärkste und