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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-24 · 34 (24.8.1900) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
34 (24.8.1900)
Date
1900-08-24
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 627 Nr. 34 Deinen Arm, geliebte Brant, wir werden an der Heerstraße dort auch Monsieur und Madame Goudchaud mit ihrem Wagen treffen." Vierunddreißigstes Capitel. Die Deputation der Stadt W., welche den einziehenden französischen Befehlshaber an der Grenze ihres Weichbildes empfangen und die Stadt feiner Huld und Nachsicht empfehlen sollte, hatte sich schon Vormittags im Rathhause versammelt. Dort hatte sich noch eine hitzige Controverse zwischen dem Bürgermeister und dem Seifensieder Auerbruck entwickelt. Dieser, ein Mitgied der Deputation, war in der Uniform als Bürgerschützenhauptmann erschienen. Golzinger, der sich jetzt wieder ein wenig gesammelt hatte, war in den letzten Tagen wenn möglich noch erbitterter gegen Auerbruck geworden, weil dieser seine Flucht verhindert, ihn gewaltsam zurückgehalten, ihn förmlich wie einen Gefangenen und auch sonst verächtlich behandelt hatte. Er erklärte es für unpassend, daß Auerbruck dem siegreichen Feinde in Bürgerunisorm, die Waffe an der Seite, entgegengehe, und daß er als Chef der Stadt eine solche lächerliche Hanswurstiade nicht . gestatte. Auerbruck war zornig aufgefahren und behauptete: Golzinger hätte durch sein feiges, niederträchtiges Benehmen das Recht, zu befehlen, verwirkt. Er habe die Stadt zu einer Zeit verlassen wollen, wo sie eines energischen Hauptes am meisten bedurfte, und es wäre am besten, wenn er sofort von dem Amte, zu dem er keine Eignung besitze und dessen er nicht würdig sei, zurückträte. Der besonnene Rath Weckelsbach wollte Frieden stiften und machte die Streitenden darauf aufmerksam, daß jetzt Einigkeit Noth thue. Er rieth Auerbruck, sich umzukleiden, und als er st er Bürger seiner Vaterstadt, der er doch sei, zu erscheinen. Eine Schmeichelei verfehlt bei einem eitlen Menschen nie ihre Wirkung. Auerbruck eilte nach Hanse, um sich umzukleiden, nicht ohne vorher mit stärkster Betonung die Erklärung abgegeben zu haben, er sei hierzu nicht durch das sinnlose Geschwätz des Bürgermeisters, sondern durch Rath Weckelsbach's vernünftige Motivirung veranlaßt worden. Golzinger wäre am liebsten vor Auerbruck's Rückkehr aufgebrochen, was aber Weckelsbach zu verhindern wußte. Als Auerbruck nun bürgerlich gekleidet zurückgekehrt war, schlug er mit der unverhohlenen Absicht, den Bürgermeister zu k.änken, und der verschwiegenen Hoffnung, selbst zum Redner designirt zu werden, vor, nicht Bürgermeister Golzinger/der heute Früh schon, vor dem französischen Lieutenant, zitternd wie ein Armersünder gestanden und vor dem feindlichen General zu Nichts zusammenschrumpfen würde, sondern ein Anderer möge zum Wortführer gewählt werden, und da er sich denn doch nicht gar so offenkundig vordrängen mochte, schlug er hiefür Rath Weckelsbach vor, was dieser aber mit großer Entschiedenheit und zu Gunsten des Bürgermeisters ablehnte. Der französische Lieutenant hatte sich über die Zeit der Ankunft der fremden Truppen nicht genau ausgesprochen, und die Deputation mußte, wollte sie nicht Gefahr laufen, ihren Zweck ganz zu verfehlen, vorsichtshalber sofort aufbrechen. (Sh e große Menschenmenge hatte sie am Ringplatze erwartet und war ihr gefolgt, eine noch weit größere aus den umliegenden Dörfern hatte sich an der Ortsgrenze eingefunden. * Die Deputation mußte lange warten, es war sehr kalt und für die Mitglieder derselben eine peinliche Situation. Die unbetheiligten Zuschauer waren zur Anwesenheit nicht gezwungen, und was man freiwillig thut, erscheint leichter, auch konnten sie in dem nahegelegenen Wirthshause zeitweilig ihre erstarrten Glieder in der Stube wärmen, ihren inneren Menschen durch geistige Getränke auf die erwünschte Temperatur bringen, das Alles aber durften die Mitglieder der Deputation nicht thun. Der Bürgermeister stand wie ein Storch bald auf dem rechten, bald auf dem linken Fuße. Der Seifensieder trippelte fortwährend auf den hartgefrorenen Boden, Beide in der Absicht, ihre Füße vor Anfrieren zu bewahren. Es herrschte lange ein unangenehmes Schweigen, bis dies endlich von dem Seifensieder Auerbruck, welcher ein lebhaftes, aufgewecktes Naturell besaß und seine Zunge nicht lange ruhen lassen konnte, unterbrochen wurde. Ec stand links neben dem Bürgermeister, zu dessen Rechten Rath Weckelsbach; aber er richtete an diesen, nicht an Jenen das Wort. „Bor ungefähr sieben Jahren, da standen wir auch da und erwarteten gleichfalls die Ankunft eines Reiter-Regiments. Ich erinnere mich noch genau aller Einzelheiten, nach der langweiligen, abgeschmackten Rede, die unser würdiges Stadthaupt" — ein kurzes hervorgestoßenes Lachen verlieh im Zusammenhänge mit dem ganzen Satze den ironischen Worten den richtigen Sinn, — »an den Oberst gerichtet, der meine höfliche Einladung zu einem B ille erzgrob zurückgewiesen. Diese adeligen Officiere waren in der That schon zu aufgeblasen ..." »Verfallen Sie nicht in den oft vorkommenden Fehler, eine ganze Menschenrasse für die Ausschreitungen Einzelner verantwortlich zu machen", meinte Weckelsbach, »das ist eines so klugen und gebildeten Mannes, wie Sie es sind, unwürdig. Die österreichische Armee besitzt in dieser Beziehung ein leuchtendes Vorbild. Erzherzog Johann, der Bruder des Kaisers, ist ein Freund des Volkes, mit dem er gern verkehrt, und ist der populärste Mann in Tirol." Die concilianten Worte des Rathes und die Schmeichelei, die dabei für ihn abfiel, riefen ein Lächeln der Zufriedenheit auf Auerbruck's Lippen, und er fuhr fort: »Also sagen wir, Einzelne von ihnen waren unerträglich, dummstolz, — der ärgste von ihnen aber war dieser Hornek- Golzinger, der sich den Adel durch seinen kriecherischen Vater, gewiffermaßen von einem Oheime erbettelte." »Herr!" fuhr der Bürgermeister erbittert auf, »Sie sprechen von meinem Sohne, ich muß . . . ." Der Seifensieder betrachtete die Unterbrechung des Bürgermeisters nicht mehr, als wenn ein vorüberlaufender Hund gebellt hätte, und fuhr unentwegt fort: »Ich habe den Nichtsnutz vor vierzehn Tagen hier gesehen, es war dies, nachdem die Russen die Franzosen aus unserer Stadt geworfen und diese vorübergehend besetzt hatten. Er hat es, wie ich an den Distinctionszeichen erkannte, nicht weit gebracht, er ist in den letzten sieben Jahren nur um eine Stufe avancirt, er ist Oberlieutenant, er muß nichts weniger als ein militärisches Genie sein. Ich weiß gar nicht, was der Bursche bei den Russen allein herumzulungern hatte, warum er nicht bei seinem Regiments stand? Ich will nicht behaupten, daß er dort etwas genützt hätte, aber in dieser Zeitdes höchsten Kampfes muß jeder einzelne Soldat, mit Anspannung aller seiner Kräfte seine Pflicht erfüllen." Bürgermeister Golzinger wollte bei den ersten Worten Auerbruck's in höchstem Zorne auffahren, aber plötzlich war er. wie der aufmerksam beobachtende Rath Weckelsbach bemerkte, leichenblaß und des Wortes ohnmächtig geworden. Wieder versuchte es Weckelsbach, zu entschuldigen, und sprach: „In dieser Beziehung thun sie dem Herrn Oberlieutenant Baron Hornek-Golzinger schweres Unrecht. Es ist anzunehmen, daß er österreichischerseits den russischen Truppen etwa als Wegweiser beigegeben wurde, auch hat er sich an den letzten hier stattgefundenen Kämpfen betheiligt. Ich befand mich zufällig am Thore, als die Russen unter General Dolgoruky die Franzosen angriffen. Ich selbst sah, wie Oberlieutenant Hornek, von einem Mauervorsprung gedeckt, auf die Franzosen schoß und ihnen einige Mann tödtete. Sie, Herr Bürgermeister, werden meine Worte bestätigen können. Ihr Sohn hat ja, so lange die Russen W. besetzt hielten, bei Ihnen gewohnt," wandte er sich an Jenen. »Ich .... ich .... weiß nichts .... gar nichts!" lallte der Bürgermeister und ein konvulsivisches Zucken durchflog seinen Körper, und die Leichenbläffe seines Gesichtes überging ins Graublaue. »Sie werden sich geirrt haben," fuhr er nach kurzer Pause fort, »mein Sohn hat ... . nicht auf die Franzosen geschossen!" »Warum sollte er nicht auf die feindlichen Soldaten schießen?" schrie der Seifensieder den Bürgermeister an, »das war ja nur seine verfluchte Schuldigkeit!.Wahrhaftig, ich glaube, Sie haben den letzten Rest von Verstand verloren!" (Fortsetzung folgt.)

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