Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 34 (24.8.1900)
- Date
- 1900-08-24
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 84 Dr. Dlvch's Wochen sUrrisL^ Seite 623 „Nogaiki" gesprengt. Die Polizei nahm Hunderte von Verhaftungen vor und 32 Personen sind bereits zu vielen Monaten Gefärrgniß, resp. Deportation nach Sibirien für die Dauer von vier Jahren verurtheilt worden. Unter den Verhafteten, Vernrtheilten und Deportirten befandensich nursehr wenig Christen, die übrigen sind jüdische „Socialisten" d. h. halbreife Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, welche durch unverstandene und unerlaubte Lectüre von „treffen Büchlach" (verbotener Schriften) um ihr bischen Verstand gekommen sind, sowie bethörte jüdische Handwerker und Arbeiter, deren ihrer Ernährer beraubten Familien nun der jüdischen Gesammtheit zur Last fallen. Es ist sehr zu beklagen, daß diese jungen Leute, die bei geeigneter Aufsicht und vernünftiger Anleitung dem Judeuthum und der jüdischen Sache vorzügliche Dienste leisten würden, durch Verwahrlosung in ein falsches Fahrwasser gerathen, in welchem sie selbst untergehen und ihren Glaubensgenossen unabsehbaren Schaden zufügen. Die russischen Juden haben jetzt wahrlich etwas Anderes zu thun, als sich in die ökonomischen Kämpfe der Gegenwart zu stürzen. Bezeichnend für diese Anschauung ist eine Rede, welche der Gendarmerieoberst den streikenden Arbeitern gehalten hat. „Die Juden", sprach der Leiter der Wilnaer politischen Polizei „Hetzen durch ihre Agitation die christlichen Arbeiter auf und schädigen dadurch sich selbst ungemein. Die russischen Juden würden letzt schon w e i t mehr Rechte besitzen, wenn sie sich nicht mit Politik befaßt hätten. Im Walde von „Jerusalem" (in der Nähe von Wilna) wurden jüdische Schüler von der Polizei bei der Lectüre verbotener Schriften überrascht. Am Pesiach-Fest 1896 hat man eine geheime Versammlung ausgehoben, bei der 25 junge Mädchen und 35 junge Leute verhaftet wurden. Die Regierung darf es nicht dulden, daß junge Menschen, welche auf die Schulbank noch gehören, Politik treiben und die bestehende gesellschaftliche Ordnung nach ihrer eigenen, unreifen Ansicht umzugestalten streben. Die jüdischen Socialisten, welche durch ihre Agitation das Land beunruhigen, werden doch ihr Ziel nicht erreichen. Das ist ja selbstverständlich. Das Einzige, was dabei herauskommt, ist, daß sie sich selbst und ihre Angehörigen unglücklich machen und ihre eigene Nation schwer schädigen. Glaubt Ihr vielleicht, daß die christlichen Arbeiter Euch für diese Opfer, die Ihr für sie bringt, danken werden? Da irrt Ihr Euch aber gehörig! Eebenso wie Ihr Euch darin irrt, wenn Ihr wähnt, mit Hilfe Eurer kindischen Agitation das ganze ökonomische Leben Rußlands umwälzen zu können. Die christlichen Arbeiter sind Eure Feinde und werden es stets bleiben, selbst, wenn Ihr Euch noch so bemüht, für sie die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Seht Euch doch in Wilna selbst um! Wer hat letzte Ostern eine neue B l u t l ü g e wider Euch ausgeheckt? Wer wollte Euch prügeln, Eure Läden demoliren. Eure Wohnungen verwüsten und Eure Bettfedern fliegen lassen? Das waren dieselben christlichen Arbeiter, für die Ihr die Hände ins Feuer steckt, dieselben Tischler, Schuster und Mechaniker, die Ihr Eure Freunde nennt und zum Streik verleiten möchtet; sie haben zu Ostern Judenkrawalle eingeleitet und hätten Euch vernichtet, wäre eben die verhaßte Regierung nicht dazwischen gefahren . . . ." Die herrliche Rede ves christlichen Gendarmerieobersten trifft den Nagel auf den Kopf. Sie könnte ebensogut von einem klugen jüdischen Maggid, wie von einem zionistischen Bolksredner gehalten werden. Petersburg. (Was ist ein Handwerk?) Diese Frage hat der Senat kürzlich in einem für die Juden günstigen Sinne beantwortet und diese, dadurch gegen eine Reihe polizeilicher Chicanen gewappnet. Was ist ein Handwerk und welchen gewerbetreibenden Juden darf als Handwerker der Aufenthalt außerhalb des Ansiedlungsrayons gestattet werden? Zur Zeit Alexander II. dachten die höheren Verwaltungsorgane sehr liberal darüber und sahen jeden Juden, der Mitglied einer Innung war, als Handwerker an. Seitdem aber in Rußland der bekannte conservative Hauch weht, erleben die jüdischen Handwerker merkwürdige Dinge. Die Polizei steckt in die Werkstätten der jüdischen Handwerker die berühmte Nase hinein, schnüffelt, ob der Jude fleißig sich mit seinem Handwerk abgibt, oder ob er nicht etwa aus Mangel an Kunden feiert und sich und seine Familie vorübergehend auf anderem Wege zu ernähren sucht. Den Record hat darin die Petersburger Polizei geschlagen, indem sie die jüdischen Essigmacher, Tintenfabrikanten und die Hersteller von Stiefelwichse als Nichthandwerker erklärte, ihre Ausschließung aus der Schuhmacherinnung anordnete, um sie gleich darauf aus Petersburg auszuweisen. Sie begründete ihr Verfahren mit der Behauptung, daß obige Erwerbszweige, deren Betrieb nur den Besitz eines Receptes voraussetzt, keine Handwerke sind, und daß ferner Fabrikanten von Tinte und Stiefelwichse in der Schuhmacherinnung nichts zu suchen hätten. Der Senat belehrte aber den Polizeipräsidenten von Petersburg, daß Fabrikanten von Stiefelwichse in Ermanglung einer eigenen Innung sich sehr wohl einer nächstverwandteu Innung, etwa jener der Schuhmacher, anschließen dürfen, und daß ferner jede Herstellung eines nützlichen Gegenstandes mit der Hand respective ohne Dampfmaschine als Handwerk anzusehen ist. Daher muß ein Jude, der Tinte oder Stiefelwichse fabricirt und sich durch die Fabrikation ernährt, sehr wohl als Handwerker gelten. London, 12. August. (Weibliche Iudenmisfio n a r e.) In einer kürzlich abgehaltenen Versammlung eines Missionsvereines wurde lebhaft Klage darüber geführt, daß dieConvertirung der Juden nur noch in seltenen Fullen gelinge, daß also die Organisation der Judenbekehrungen nothwendig eine Veränderung erfahren müsse. Der Vorsitzende Canonikus James Philipps machte darauf den Vorschlag, Kirchenfrauen als Missionare einzuführen, weil schon in den frühesten Zeiten der Tochterkirche die Frauen eine bedeutende Rolle gespielt und weil die Frauen in mancher Richtung die schwierige Arbeit der Annäherung an die Juden leichter werden durchführen können. Die Versammlung stimmte dem Vorschläge zu, und der weiblichen gewerblichen Thätigkeit ist dämit wieder ein neues Gebiet erobert. London, 10. August. (Kundgebung der canabischen Regierung.) Der „Times" wird aus Ottawa telegraphirt: „In der „Official Gazette" ist eine Bekanntmachung erschienen, die das Ausschiffen armer Einwanderer an jedem Orte Canadas verbietet, wenn nicht der Capitän des Schiffes, auf dem sie gereist, den Beamten der Einwanderungscommission eine Geldsumme einhändigt, die den Einwanderern den augenblicklichen Unterhalt und die Möglichkeit sichert, ihren Bestimmungsort zu erreichen. London, 12. August. (Adresse an den Schah von Persien.) Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hatte beschlossen, in Gemeinschaft mit dem Vorstand der AngloJewish Association dem Schah von Persien bei seiner Ankunft in London eine künstlerisch ausgestattete Begrüßungsadreffe zu überreichen. Nachdem der Schah von Persien wegen der Familientrauer im englischen Königshaüse seinen Besuch abgesagt hat, wird ihm die Adresse auf den Beschluß der betheiligten Vorstände dennoch übermittelt werden. Sie ist persisch und englisch geschrieben, die Holzcassette, in der fie liegt, ist in mit Kupfer getriebenen Ornamenten verziert. Fast alle an dieser Adresse erforderliche Arbeit ist von Juden ausgeführt, die Kupserciselirungen von C. H. L E m a n u e l. Die Adresse lautet: „An Seine Kaiserliche Majestät Mozaffer Ed Din, den mächtigen Beherrscher von Persien, erhaben in Ruhm und Frieden, Schah in Schah. Das Londoner Comits der britischen Juden, im Aufträge der von ihm vertretenen Gemeinden und die Anglo Jewifh Association nahen sich in Ehrfurcht Eurer Kaiserlichen Majestät in der Absicht, Ihnen bei der freudigen Gelegenheit Ihres Kaiserlichen Besuches in England im Namen der britischen Juden den herzlichsten und respectvollsten Willkommgruß zu bieten. Wir bewahren die dankbarste Erinnerung an das Versprechen, das Eure Kaiserliche Majestät bei der Besteigung des glorreichen Thrones Ihrer erlauchten Vorfahren huldvoll gegeben, daß sie Ihren Schutz und Ihre Königliche Gnade allen Elasten Ihrer Unterthanen, ohne Rücksicht aufihr Religionsbekenntniß, angedeihen lasten wollten. Für diesen Beweis der Gerechtigkeit und der edlen Gesinnung Eurer Kaiserlichen Majestät sind wir dankbar, und wir hegen die Zuversicht, daß die jüdischen Unterthanen Eurer Kaiserlichen Majestät sich der Beachtung und des ihnen so großmüthig gewährten Schutzes stets würdig erweisen werden, und wir beten inbrünstig um langes und glückliches Leben für Eure Kaiserliche Majestät."