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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-24 · 34 (24.8.1900) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
34 (24.8.1900)
Date
1900-08-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34 Vr. Blvch's Wochrnfchrifk. Seite 613 denn etwas anderes, als in Ruhe arbeiten, unsere Eltern ehren, unsere Frauen und Kinder lieben und Pflegen?" (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Bor 170 Jahren machte der Anblick der unglücklichen Wanderer ohne Brod und Heim auf die Augenzeugen einen so tiefen Eindruck, daß er nach einem Menschenalter in den Nerven der Zeitgenossen nachlebte und in die Kindheit Goethe's Hineinklang. der davon die Anregung zu „Hermann und Dorothea" empfing. Und doch war der Auszug der Salzburgischen Protestanten eine harmlose Idylle neben dem Auszuge der Juden aus Rumänien. Die Salzburger Protestanten, die zwischen 1729 und 1731 das furchtbare Geschick der Versagung aus der Heimat traf, waren 30.000 an der Zahl. In Rumänien handelt es sich um 270.000 Juden, von denen 18—20.000 schon über die Grenze gezogen sind, über 50.000 nach anderen, hoffentlich übertriebenen Schätzungen 100.000 sich zum Aufbruche rüsten und alle übrigen, mit Ausnahme weniger Tausend reicher und stumpfer Geldmacher, den Boden unter den Füßen brennen fühlen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Die Salzburgischen Protestanten mußten allerdings ihre Häuser und Aecker zurücklassen, aber sie führten reichlichen Hausrath und Vorräthe in bequemen Zeltwagen mit sich, wo ihre Frauen und Kinder, ihre Greise und Kranken vom schlimmsten Ungemach der Wanderung verschont blieben, und sie trieben Viehherden vor sich her, die immer noch Wohlstand bedeuteten. Die rumänischen Juden besitzen meist nichts als die paar Lumpen, die sie am Leibe tragen. Die Aermsten unter ihnen reisen nicht ini Wagen oder zu Schiffe, sondern schleppen sich auf wund gescheuerten Füßen von einer Grenze zur anderen. Daheim haben sie nichts zurückgelassen, als die Gebeine der Väter in den Gräbern, die ihren einzigen Antheil am Boden ihres Geburtslandes darstellten. Mitzunehmen hatten sie nichts als ihren Wmderstab und die unerträgliche Bürde ihrer Erinnerungen und Befürchtungen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Die Salzburgischen Protestanten erfuhren unterwegs von ihren Glaubensgenossen und anvielen Orten auch vonKatholikenvielLiebes, überall begrüßten die Gemeinden die Heranziehenden mit Glockengeläute und dem Gesang von Kirchenliedern; überall verpflegt-', beschenkte, befreundete man sie, überall gaben die Prediger ihnen ein gutes Wort zur Erbauung und Ecstärkung mit und begleiteten sie mit den Gläubigen ein Stück Weges. Die rumänischen Juden werden unterwegs mit Gleichgiltigkeit, vielfach mit Mißtrauen und Scheu, nicht selten mit offener Feindseligkeit betrachtet, nur ganz ausnahmsweise strecken ihnen Andersgläubige die Hände hilfreich entgegen, und selbst unter ihren Glaubensgenoffen finden sich Biedermänner, die ihre Bruderpflicht in Treue und vielfach über ihre Kräfte erfüllen und die dafür gesegnet seien bis in ihre fernsten Nachkommen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Selbst unter ihren Glaubensgenossen — und das ist der herzbrechendste Zug in diesem Bilde — finden sich nicht nur eisige Pfahlbürger, die nach der tragischen Schaar der Wandernden nicht den Kopf umwenden, sondern auch, und ach! in all zu großer Zahl, Verbrechernaturen, die die Wegemüden von ihrer Schwelle scheuchen und, bildlich oder buchstäblich, Bluthunde auf sie hetzen. Und nun der letzte und wichtigste Unterschied! Die Salzburgischen Protestanten wußten, wohin sie gingen. Protestantische Herrscher wetteiferten miteinander, ihnen in ihren Staaten eine neue Heimat mit Vorrechten und Auszeichnungen anzubieten. König Friedrich Wilhelm I. von Preußen glorreichen Andenkens, andere deutsche Reichsfürsten, schenkten ihnen Land und erbauten ihnen Wohnhäuser, ihre neuen Nachbarn nahm n sie mit offenen Armen auf und waren ihnen nach Kräften behilflich, sich in die neuen Berhältniffe einzuleben. Die rumänischen Wanderer haben kein Ziel. Sie wandern planlos vor sich hin, wie ein Zug nordischer Lemminge, über dem Raubvögel schweben, um den Raubthiere schweifen, die sich nach Belieben ihre Opfer aus dem Zuge herausholen. Niemand will sie bei sich haben, jeder scheucht sie aus dem eigenen Gebiete weiter, und wenn sie verzweifelt fragen: „Wohin mit uns? Was soll aus uns werden?" — so ist die einzige Antwort, die sie erhalten, ein Achselzucken und eine Handbewegung, die gebieterisch in die Ferne weist: Immer weiter, ins Unbekannte, ins Blaue, nur weg, weitweg! (Tosender Beifall und Händeklatschen.) Ich habe vorhin die rumänische Katastrophe mit der Vertreibung der Juden aus Spanien verglichen. Die Gerechtigkeit erfordert, festzustellen, daß die rumänische Regierung die Juden nicht förmlich aus dem Lande gejagt hat. Im Gegentheil. Sie macht sogar gewisse Anstrengungen, die Aufbrechenden zurückzuhalten. Ausgewiesen werden nur jene Juden, die in Wort und Schrift, ganz besonders in der Schrift, die entsetzliche Lage unserer Brüder der Wahrheit gemäß darstellen, das Mitleid ihrer Hörer oder Leser für die Verfolgten anrufen und die Missethaten denunciren, die unausgesetzt an ihnen begangen werden. Diejenigen Juden, die jede Schmach und jede Gewaltthat ohne ein Wort der Klage, ohne eine Geberde der Ungeduld ertragen, werden nicht von Gendarmen mit Kolbenstößen an die Grenze gebracht. Sie dürfen in ihrem Geburtslande bleiben. Die rumänische Regierung hat also ganz recht, entrüstet gegen die Beschuldigten zu protestiren, als ob sie ihre Juden verjagte. Nein, das thut sie nicht. Sie zieht vor, oder zog vor — denn ich mache einen Unterschied zwischen einer früheren Regierung und einer solchen, die ihr gefolgt ist — sie zog vor, ihre Juden im eigenen Lande zu vernichten. Urtheilen Sie, ob das Wort, das ich gewählt habe, zu stark ist. Die Juden in Rumänien dürfen nur in den wenigen großen Städten leben. Der Hausirhandel ist ihnen untersagt. Die meisten Laufbahnen sind ihnen verschlossen. Ein wohlorganisirter Boycott sorgt dafür, daß die wenigen Berufe, die sie ausüben dürfen, sie nicht ernähren. In den öffentlichen Schulen ist für sie kein Platz. Für ihre eigenen Privatschulen werden Vorschriften erlassen, die einer heuchlerischen Form der Unterdrückung dieser Schulen gleichkommen. Im Rechtsstreite zwischen einem Juden und Nichtjuden ist in der Regel — selbstverständlich gibt es viele Ausnahmen — der Jude von vornherein verurtheilt. Daß es gegen wörtliche Beleidigungen durch Ausdrücke des bestialischesten Hasses und der tiefsten Verachtung im täglichen Umgänge und in der Preffe weder Schutz noch Sühne gibt, ist selbstverständlich. Ich will mich nicht in Einzelheiten verlieren. Sie werden ja überdies einen Sonderbericht über die Berhältniffe in Rumänien empfangen. Kurz gesagt, ist die Lage diese: Die eingeborenen Juden werden in Rumänien als Fremde betrachtet und der fremdenfeindlichsten Gesetzgebung unterworfen, die Europa kennt. Der Zweck dieser Gesetzgebung ist, ihnen zunächst das tägliche Brod und dann jede Bildungsmöglichkeit zu nehmen. Sie sollen in die letzten Tiefen der Unwissenheit und Bettelarmuth gestürzt und in diesem schwarzen Abgrund endgiltig begraben werden. Sie sollen in eine Berfaffung gebracht werden, neben der die Berfaffung der Zigeuner, ja sogar die der Aussätzigen im Mittelalter glänzend ist. Man hofft vergnügt, daß in dieser Berfaffung selbst die zähen Juden in einigen Generationen bis auf wenige Reste leiblich und geistig vernichtet werden. Die rumänischen Juden erkennen, welches Schicksal ihnen bereitet werden soll, und suchen sich bei Zeiten durch Auswanderung zu retten. Die rumänischen Antisemiten sahen mit Bedauern ihre ausersehenen Opfer ihnen durch die Flucht entgehen. Sie fürchteten auch den peinlichen Eindruck, den die Aufdeckung derartiger Berhältniffe auf die öffentliche Meinung beider Welten Hervorbringen mußte. Sie handhaben also mit großer Gewandtheit den zu ihrer Verfügung stehenden Preßapparat, um in die ausländischen Blätter Mittheilungen gelangen zu laffen, in denen buchstäblich jedes Wort eine athemraubende dreiste Unwahrheit ist. Man setzt die absurde Fabel in die Welt, die Auswanderung der Juden sei das Werk einiger Schwindler und Bolksverführer. Man behauptet, daß blos einige Hundert Jude» die Grenze überschritten haben, obschon doch die Statistiken der Grenznachbarn, der westlichen Unterstützungsvereine, der Auswanderungshäfen diese grobe und alberne Fälschung alsbald richtig stellen. Man verfaßt Erklärungen, wonach es den Juden in Rumänien glänzend geht, und läßt sie durch einige unglückliche jüdische Berräther und Feiglinge unterschreiben, um sie den Brrzweiflungsschreien der über die Grenze entkommenen Juden entgegenzuhalten. Man findet keine Schwierigkeit, diesen Mittheilungen in der antisemitischen Preffe Aufnahme zu verschaffen, die gegenwärtig in allen „gesitteten" Ländern blüht, und wenn die unabhängige Preffe die Maske abreißt und die Wahrheit aufdeckt, dann hat man eine Erwiderung zur Hand, die bei der heutigen Gemüthsverfaffung der Mehrheit aller Völker ihre Wirkung nie verfehlt: „Das ünd Judenblätter, die Rumänien beschimpfen wollen, weil es sich gegen jüdische Ausbeutung und gegen jüdische Herrschsucht zu wehren sucht." In Hunderten von Briefen, die ich von rumänischen Juden empfange, wird nach einer herzzerbrechenden Schilderung ihrer Leiden in der Regel am Schluffe die Erwartung ausgesprochen,

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