Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 34 (24.8.1900)
- Date
- 1900-08-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021366--10151-3034617- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vr. Blvch's Wochenschrift. dir. 84 Seite 614 ich würde hier die rumänische Regierung erbarmungslos brandmarken und mit meiner lautesten Stimme das gewissen Europas, die öffentliche Meinung der gesitteten Welt wachschreien. Ich fürchte, ich werde diese Erwartung unverwirklicht laffen müffen. Es paßt nicht zu meinem Begriffe von persönlicher Würde, meinen Gefühlen die Zügel schießen zu lassen, wenn es gilt, einem kleinen Staate seine Sünden vorzuhalten, während ich immer jedes meiner Worte sorgfältig auf die Goldwage legte und vorsichtigste Selbstbeherrschung übte, so oft ich auf ganz ähnliche Handlungen mächtiger Großstaaten hinzuweisen hatte. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Diese Großstädten waren das Vorbild der kleinen, ihr Beispiel hat die kleinen ermuthigt, an ihren Juden ihr Müthchen zu kühlen. Meine Selbstachtung verbietet mir, stärkere Worte gegen die kleineren zu gebrauchen, als ich gegen die Weltmächte gebraucht habe. Ich werde mich deshalb darauf beschränken, die nackten Thatsachen darzustellen, ohne sie mit einem Effectworte zu erläutern. Aber das ist ja auch nicht nöthig. Die Thatsachen sprechen eine Sprache, die durch hinzugefügte Verwünschungen und Schimpfworte nicht verstärkt wird. Und ebensowenig denke ich daran, pathetisch Europa anzurufev. Nirgendwo in Europa besteht für uns ein Wohlwollen, das über den nothdürftigen oder ausreichenden Schutz der eigenen Juden hinausgeht. Keine Regierung hat so viel fiir uns übrig, daß sie wegen uns der rumänischen Regierung Vorstellungen machen würde. Alles, was wir erwarten könnten, wäre, daß die Staaten ihre Grenzen gegen die rumänischen Einwanderer versperren würden, um auf diese Weise die rumänische Regierung zu zwingen, ihre eigenen Juden im Lande zu behalten. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich zittere, wenn ich daran denke, daß man den rumänischen Juden diesen Gefallen erweisen könnte. Und dann — wir müffen uns bemühen, objectiv zu sein. Europa hat zur Zeit wirklich andere Sorgen, als sich um die Lage des jüdischen Volkes zu kümmern. In Bessarabien haben 12.000 Juden seit kr letzten Ernte alle Qualen einer schrecklichen Hungersnoth erlitten. In Indien waren sechs Millionen Menscken in ganz derselben Lage, und Europa hat für Hindus mehr Sympathien als für uns Juden. In Rumänien sehen die Juden sich durch schlechte Behandlung zur Auswanderung gezwungen. China' behandelt seine europäischen Gäste noch schlechter und muß zuerst zur Vernunft gebracht werden, ehe man die Aufmerksamkeit den Verhältviffen der Juden in Rumänien zuwenden kann. Geehrte Versammlung! Ich hatte in England einen theuren Freund, den der Tod im vergangenen Jahre den Seinen und mir entrissen hat, Dr. G. W. Leitner. In einem Werke meines verewigten Freundes über die Volksstämme der Nordwestgrenze Indiens finde ich folgende afghanische Fabel: Ein Fuchs fiel in einen Wildbach. In der Todesangst des Ertrinkens rief er gellend: „Wehe, die Welt geht unter!" Ein Bauer am Ufer, der ihn hörte, erwiderte lächelnd: „Du irrst, Freund, die Welt geht nicht unter, ich sehe nur ein Füchslein, das ersäuft!" Hüten wir uns, die Rolle des Fuchses in dieser Fabel zu spielen. Es wäre zu grausam, wenn die spöttischen Worte des Bauers die einzige Antwort auf unsere Hilferufe wären. Wer einem andern mit dem subjectiven Argumente kommt: „Ich muß doch leben!", der setzt sich immer der Antwort aus: „Ich sehe die Nothwendigkeit nicht ein." Kein anderer sieht jemals diese Nothwendigkeit ein. Aber selbst muß man sie begreifen und darnach handeln. (Tosender Beifall und Händeklatschen.) Hilferufe sind ein unzulängliches Lebenserhaltungsmittel. Man muß eigene Anstrengungen machen, um sich des Todes zu erwehren, sonst wird man seine Beute. (Tosender Beifall und Händeklatschen.) So spreche ich denn auch hier nicht so sehr zu den europäischen Regierungen und Völkern, obschon es uns natürlich die höchste Genugthuung gewähren würde, wenn man uns hören wollte. Ich spreche hier vielmehr in erster Reihe zum jüdischen Volke. (Tosender Beifall und Händeklatschen.) Das jüdische Volk soll-wissen, daß Niemand ihm helfen wird, wenn es sich nicht selbst hllst. (Tosender Beifall.) Da müssen wir uns denn vor Allem fragen: Wie stellt das jüdische Volk sich zur rumänischen Katastrophe? Was hat es gethan, was thut es, um ihre schlimmsten Folgen abzuwehren? Wie springt es den unglücklichen Brüdern bei, die ohne eigene Schuld aus >rn europäischen Gesellschaftsvertrage, aus dem schützenden Gehege der Civilisation ausgestoßen worden sind und nun rechtlos umherirren, wie die Thiere der Wildniß? Ich will nicht bei den abscheulichsten Zügen jüdischer Verworfenheit verweilen, auf die ich schon vorhin angespielt habe. Scham, Ekel, Empörung würden mich überwältigen, und es ist doch unbedingt nothwendig, daß wir kaltes Blut behalten. Ich tröste mich mit dem Gedanken, daß die Elenden, die ihre vertriebenen rumänischen Brüder bei der Polizei denunciren und ausweisen laffen, wo ihr Einfluß dies bewirken kann, eine kleine Minderheit sind, und ich will meine Augen lieber tröstlichen Anblicken zuwenden. An gutem Willen fehlt es tatsächlich nicht. Man will den rumänischen Opfern helfen. Woran es fehlt, das ist eine Organisation, die die zerstreuten Kräfte sammeln und einheitlich zu einem bestimmten Ziele verwenden würde. Ohne Organisation, ohne Zusammenfassung, ohne Einheitlichkeit in der Verwendung dieser zerstreuten Kräfte sind diese aber werthlos, und bei allen Einzelanstrengungen kommt im Ganzen so gut wie nichts heraus. Auch an Geld fehlt es nicht. Viele Juden haben dem alten Rufe jüdischer Wohlthätigkeit wieder Ehre gemacht. Die armen Juden geben über ihre Kräfte. Die wohlhabenden Juden geben nach Kräften. Selbst viele millionenreiche Juden haben ihre Hand nicht vollständig verschlossen. Wohl spenden einzelne bereitwilliger 20.000 Franken für die Vergnügungsreise eines antisemitischen Gesangvereines, als den fünften Theil dieses Betrages für die rumänischen Wanderer, die nicht zu ihrem Vergnügen reisen und auch noch keine Antisemiten sind, vbschon Züge dieser Art mit der Zeit auch sie dazu machen könnten. Wohl kaufen einzelne sich lieber um 600.000 Francs alte Gobelins für ihren Salon, als daß sie mit dem hundertsten Theile dieser Summe den rumänischen Wanderern zu Hilfe kämen. Aber im Ganzen wurde doch an die Thüre der Milliardäre nicht vergebens geklopft. Das Unglück ist nur, daß die sehr ansehnlichen Summen, die zusammenfließen, nicht in der richtigen Weise verwendet werden und darum auch keinen dauernden Nutzen stiften können. Sie dienen nämlich nicht zur Verwirklichung eines bestimmten Planes. Kein einheitlicher Gedanke bestimmt ihre Verwendung. Wie wird das Geld ausgegeben? In der primitivsten, unorganischesten Weise: durch Almosendarreichung von Hand zu Hand. Dazu ist allerdings keine besondere Geistesanstrengung nöthig. Hier sind zurückgelassene Frauen und Kinder ausgewanderter rumänischer Familienväter: man kauft ihnen Brod, damit sie nicht Hungers sterben. Hier sind Gruppen von Wanderern, die das eine Land nicht dulden, das andere nicht aufnehmen will und die in irgend einer Grenze, eingehegt von starrenden Bajonetten jämmerlich daliegen: man kauft ihnen Fahrkarten vis tn das nächste Land, bis an den nächsten Einschiffungshafen, bis nach Amerika. Ich will nicht untersuchen, ob diese Fahrkarten- . spenden nicht in vielen Fällen eine Art Wohlthätigkeit darstellen, die die Spender eher sich selbst erweisen, als eine Wohlthätigkeit, die sie den rumänischen Juden erweisen. Ich habe kein Recht, Herz und Nieren zu prüfen, und muß mich an die sichtbaren Thatsachen halten. Die sichtbare Thatsache aber ist, daß die Noth augenblickliche Linderung erfordert und daß ein Almosen in der That für den Augenblick die schlimmste Noth einigermaßen lindert. Damit ist aber auch die Wirkung eines bloßen Almosens völlig erschöpft. Ueber den Augenblick hilft es mit Ach und Krach hinweg, an die nächste Stunde scheint Niemand zu denken. Man schickt die rumänischen Auswanderer nach Amerika. Auf diese Weise ist man sie los geworden. Man sieht sie nicht mehr vor sich. Man ist durch die ganze Breite des Weltmeeres von ihren Hilferufen getrennt. Aber was soll in Amerika aus ihnen werden? Wird man sie da untergehen lassen? Sollen sie da einzeln umkommen? Ist ein Mann, der in Amerika verhungert, etwa weniger tobt, als ein Mann, der in Rumänien oder zwischen der rumänischen Grenze und Rotterdam Hungers stirbt? Wird, man ihnen auch in Amerika weiter Almosen reichen? Dann würde man die schwachen Charaktere sofort in Berufsbettler verwandeln und auch die tüchtigeren würden bald der Versuchung unterliegen, sich als patentirte Arme dauernd erhalten zu lassen. Oder besteht die Absicht, in Amerika den Ankömmlingen geeignete Orte zur Ansiedlung nachzuweisen, sie in feste Berufe hinüberzusühren, sie zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu fördern? Das würde eine mächtige Organisation erfordern, und ich sehe noch nicht die leisesten Anfänge einer derartigen Organisation.