Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 34 (24.8.1900)
- Date
- 1900-08-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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©ettt 612 Blooms Wochenschri^. Nr. 34 Wir hatten unter unseren Argumenten für den Zionismus bisher ein sehr starkes in dem Bankbruche der Assimilation. Wir haben da ein neues bekommen; die Insolvenz der Wohlthäter. Welche Insolvenz! Ja, wenn die reichen Leute die Zahlungen einstellen, dann geht viel verloren. Sie waren auf diese Katastrophe nicht vorbereitet, sagen die wohllhättgen Vereine. Das ist ihre Schuld. Sie brauchten nur die Gnade zu haben, den Verhandlungen unserer Congresse zu folgen. Auf dem ersten Baseler Congresse im Jahre 1897 lagen die Petitionen von fünfzigtausend rumänischen Juden vor. Sie schrieen aus äußerster Noth um Hilfe. Sie könnten es keine Stunde länger aushalten. Und sie haben es noch drei Jahre ausgehalten. Drei Jahre eines Massenelends, von dem man sich heute eine schaudernde Vorstellung machen kann, da man sie endlich wandern sieht. Sie werden darüber in unseren Verhandlungen noch mehr hören. Nun sollte man meinen, daß dies Alles, die crasse Noth, die Unmöglichkeit, die Flüchtlinge anderswo unterzubringen, das Schettern aller früheren Hilfsunternehmungen, auch unsere verstocktesten Gegner davon überzeugen mußte, daß einzig und allein wir Zionisten im Besitze des einzigen, des wahren Hilfs ged ankens seien. Nein! Uns darf nicht Recht gegeben werden. Im Gegentheile, wir werden beschuldigt, diese jammervolle Wanderung angezettelt zu haben, damit wir Agttationsstoff bekommen. Wir erklären dies hiemit für eine Unwahrheit. Nie und nimmer haben wir eine solche planlose Wanderung irgendwohin angeregt oder befürwortet. Wir haben die unzähligen Anfragen der Wanderlustigen stets mit Mahnungen zur Geduld beantwortet. Wir haben vor den drohenden Katastrophen gewarnt, die wir ja leider voraussehen konnten, wenn Menschen ohne Plan, Ziel und Mittel aufbrechen. Als unser Abrathen nichts nützte und die von der Noth Gepeitschten zu wandern anfingen, haben wir uns ihrer freilich dennoch nach unseren besten Kräften angenommen. Leider konnten wir nicht viel thun, da wir ja für wohlthätige Zwecke nicht vorgesehen sind. Aber diese Katastrophe, die schwerlich die letzte gewesen ist und die überhaupt noch andauert, soll auch uns Zionisten eine ernste Mahnung sein. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, dies als eine Bestätigung der Richtigkeit unserer Theorien anzurufen. Wir müssen auch Praktisches daraus folgern. Nicht mehr sollen in der Zukunft solche verzweifelte Auswanderer auf die unsichere Gnade der Wohlthäter angewiesen sein. Dieser Congreß möge eine seiner Aufgaben in der Einleitung solcher wirthschaftlicher Organisationen erblicken, durch die unsere Zionisten sich künftig den gegenseitigen Beistand in Nothfällen einigermaßen gewährleisten. Durch kleine Opfer, die sich der Einzelne auferlegt, kann er die Gesammtmacht stärken, die vielleicht auch ihm eines Tages zustatten kommt. So erwirbt man ein Recht auf Hilfe und braucht dann auch keine Hilfe mehr. Mühsam ist unser Gang und schmerzensreich, ja wohl. Aber daran wird sich nur unser Muth und unsere Treue erproben. Die Hascher nach augenblicklichen Erfolgen sollen sich nur wieder von unserer Fahne wegstehlen. Und wenn der endliche Erfolg noch eine Weile auf sich warten läßt, so werden wir inmitten der materiellen Noth unseres Volkes wenigstens einen Moralischen Gewinn zu verzeichnen haben. Es wird bewiesen sein, daß das Judenthum noch einen Idealismus hervorbringt, der den Gefahren trotzt, die Entbehrungen erträgt und die große Geduld für große Ziele hat. * * * Rede des Dr. Max Nordau. Geehrte Versammlung! Seit wir die Einrichtung geschaffen haben, die Erlebnisse des jüdischen Volkes jährlich auf unserem Congresse in eine kurze Uebersicht zusammenzufassen, entrollt sich seine Geschichte vor unseren Augen, wie eine antike Tragödie, wo von Act zu Act das Grauen wächst und die Katastrophen einander übergipfcln. Von Jahr zu Jahr erfährt das Elend unseres Stammes eine schauerliche Steigerung, und ohne daß wir es wußten, sicherlich ohne daß wir es wollten, ist das Buch Hiob mit seiner alltestamentarischen, düsteren Großartigkeit das Vorbild für unsere jährlichen Berichte über die Lage des jüdischen Volkes geworden. Das Jahr seit dem letzten Zionisten-Congreß ist das schlimmste, worüber ich bisher zu berichten hatte. Der Antisemittsmus, der nach der lächelnden Versicherung der Gemeindehäupter des jüdischen Volkes eine häßliche, aber vorübergehende Tagesmode sein sollte, verbreitet sich über den ganzen Erdball wie ein Waldbrand, der umso rasender wüthet, je größere Ausdehnung er gewinnt. Er verheert ein Land nach dem anderen und gefährdet die Juden auch dort, wo sie sich am sichersten wähnten. Er nimmt Formen an, die die vergrämteste Schwarzseherei nicht für möglich gehalten hätte. Alle Gespenster des Mittelalters steigen aus ihrem Grabe und spuken am helllichten Tage. Selbst das schleußliche Blutmärchen wird wieder von weiten Volkskreisen geglaubt und hetzt sie in eine Erregung, die Eigenthum und Leben der Juden schwer gefährdet. Die Fälle von Eszlar und Xanten waren Warnungen, die man wieder vergessen hatte. Polna und Könitz sind markerschütternde Mahnrufe, vor denen das jüdische Volk die Ohren nicht verschließen darf. In Böhmen wurde ein Jude tatsächlich wegen Ritualmvrdes zum Tode verurthkilt, wie vor 400 Jahren (Pfuirufe) und in tschechischen Gegenden begegnet man den Juden auf der Straße mit der Geberde des Halsabschneidens. (Pfuirufe.) In Westpreußen und Pommern sehen Jude»! sich genöthigt, aus Orten zu verziehen, wo ihre Vorfahren seit Menschenaltern ansässig gewesen sind, weil ihre Mitbürger sie als Angehörige eine Mördersecte mit Beschimpfungen und Thätlichkeiten verfolgen. In Oesterreich wurde das Polnaer Todesmtheil aufgehoben und eine neue Verhandlung anberaumt. In Preußen traten die öffentlichen Gewalten den Ausschreitungen der Menge scharf entgegen und hielten mit eiserner Faust die Ordnung aufrecht. In beiden Staaten haben die Regierungen voll ihre Pflicht gethan und nicht geduldet, daß an ihren jüdischen Unterthanen Gewaltthaten verübt werden. Namentlich in Preußen wurde an höchster Stelle eine so stolze, so großartige Auffassung laudesväterlicher Aufgaben entfaltet (Stürmischer Beifall und Händeklatschen), daß das jüdische Volk dadurch zum tiefsten Danke bewegt ist. (Neuerlicher langanhalteuder Beifall.) Aber dieses Eintreten der Behörden für die schwer bedrohten Juden hat deren Stellung nicht verbessert, eher verschlimmert. Die Menge durste ihrem Hasse nicht die Zügel schießen lassen. Sic mußte ihre Wulh verhalten. Aber im Herzen rechnet sie diesen Zwang den Juden als eine neue Schuld an und lechzt nach Gelegenheit, sie ihnen mit allem Uebrigen zu vergelten. In diesen Gegenden sind die Juden buchstäblich wieder Schutzjuden der Regierung geworden und hängen vom Wohlwollen der Behörden in einem Maße ab, wie kein anderer Theil der Bevölkerung. Man erschrickt bei dem Gedanken, was geschehen würde, wenn sie durch irgend eine Handlung oder Unterlassung die Gunst der Obrigkeit sich verscherzen würden oder wenn eine Partei ans Ruder käme, der mehr an Volksthümlichkeit als an Gerechtigkeit läge. An dem Tage, wo die Behörden von den Juden die Hand abziehen würden, wären diese an vielen Orten vogelfrei. Das ist die Lage der Juden in hochstehenden Gesittungsländern, wo sie sich stolz des Vollbesitzes der Bürgerrechte rühmen. Doch was sind selbst diese Demüthigungen und Gefahren neben den Ereignissen, die sich in Rumänien entwickelt haben? Dort ist eine Katastrophe eingetreten, wie sie das jüdische Volk seit vier Jahrhunderten nicht erlebt hat. In der That, wir müssen bis zum Jahre 1492, bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien zurückgehen, um etwas Aehnliches zu finden. Wohl hat auch zwischen dieser Jahreszahl und der Gegenwart einzelne Judenschäften Unglück getroffen, wohl wurden einzelne Gemeinden zersprengt, verjagt, wohl auch ausgeschlachtet. Aber alle diese Theilverhängnisse verschwinden bis zur Unwahrnehmbarkeit neben der tragischen Größe der rumänischen Heimsuchung. An der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts ist Europa wieder Augenzeuge von Auftritten, die es zum letztenmale im Jahre 1730 sah, als 30.000 Salzburger Protestanten wegen ihres Glaubens von Haus und Hof gejagt wurden. Wieder sieht man auf allen Straßen unseres Erdtheiles lange Züge unglücklicher Menschen umherirren; hinter sich den Tod, vor sich das Unbekannte mit all seinem Grauen, Greise, die am Wegesrande liegen bleiben, Mütter, die vor Müdigkeit und Erschöpfung zusammenbrechen und ihren wimmernden Säuglingen nur eine verdorrte Brust reichen können, Männer in der Vollkraft der Jahre, die noch immer hoffen möchten, weil sie im Bewußtsein, im Gefühle ihrer Stärke sich allen Gefahren und Kämpfen gewachsen fühlen, die aber, wenn sie durch den glücklichen Frieden freundlicher Dörfer wandern, mit Bitterkeit fragen: „Warum dürfen diese sich mit Behagen ihres Daseins freuen und wir nicht? Sind wir nicht Menschen wie sie? Sind wir uns etwa einer Schuld bewußt? Wollen wir