Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 34 (24.8.1900)
- Date
- 1900-08-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021366--10148-3034614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 34 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 611 den chinesischen Zuständen in Rumänien ein Ende gemacht werde. Kommt der König mit innerer Erziehung zu Hilfe, um so besser, thut er es nicht, Europa muß dennoch seine Pflicht thun, in Rumänien so wie in China. A. Wiener. Aus dem vierten Zionisten- Congretz. Eröffnungsrede Dr. Herzl's. Geehrte Congreßmitglieder! Die Einberufung des vierten Zionisten-Congresses nach London rechfertigt sich von selbst. England ist einer der letzten Zufluchtsorte, wo es noch keinen eingebürgerten Judenhaß gibt. Schon diese eine unbestreitbare Feststellung macht den traurigen jetzigen Zustand des jüdischen Volkes anschaulich. Auf derweilen Erde muß man einen Punkt suchen, auf dem Gottes altes Volk nicht verwünscht und verfolgt wird. Daraus aber, daß die Juden im herrlichen England volle Freiheit und Menschenrechte genießen, möge Niemand unrichtige Folgerungen ziehen. Der wäre ein schlechter Freund der hiesigen Juden sowohl wie der auswärtigen, der den Verfolgten rathen würde, hierher zu flüchten. Unsere hiesigen Brüder könnten sich über ihre glückliche Lage nur zitternd freuen, wenn sie eine Anlockung für unsere Verzweifelten bedeutete. Eine solche Zuwanderung wäre eine Gefahr für die hier- Ansässigen, aber auch für die Ankömmlinge. Denn diese würden in ihren armseligen Bündeln ahnungslos dasjenige importiren, wovor sie fliehen — ich meine den Antisemitismus. Wohl aber wird es uns gestattet sein, für einige Tage das Nomadenzelt unserer Discussionen hier aufzuschlagen, weil wir die Lösung der Judenfrage öffentlich erörtern wollen. In der. Zeit von einem Congreß zum anderen bemühen sich unsere Gegner eifrigst, unsere Absichten mit einem Geswlinge unwahrer Darstellungen zu überdecken, so daß es bei jeder Zusammenkunft unsere erste Aufgabe sein muß, mit ein paar Axthieben diese Wucherungen zu beseitigen und den Baum bloßzulegen. Wir haben dabei die Freude, zu sehen, daß unser Baum gesund ist und daß er wächst. Der Zionismus will für das jüdische Volk eine öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina! Dieses Programm haben wir vor drei Jahren aufgerichtet, für immer. Es muß einem sehr tiefen Bedürfniß, einer sehr alten Sehnsucht unseres Volkes entsprochen haben, sonst wäre es nicht erklärlich, daß es solche Wirkung gehabt hat. Ich brauche diese Wirkungen heute nicht mehr aufzuzählen. Jeder kennt sie, Jeder sieht und hört sie. Bor vier Jahren konnte Jemand fürchten, sich lächerlich zu machen, wenn er vom jüdische! Volke sprach. Heute macht sich Derjenige lächerlich, der die Existenz des jüdischen Volkes leugnet. Ein Blick in diesen Saal, wo unser Volk durch Delegirte aus der ganzen Welt vertreten ist, genügt für den Beweis. Diese Thatsache hat aber nicht nur für uns etwas zu bedeuten, sondern auch für Andere. Verspricht sie den einzelnen Ländern eine menschenwürdige anständige Lösung der schweren jüdischen Frage, so enthält sie gleichzeitig auch große Perspectiven für den Orient. Unser Wiedererscheinen im Lande unserer Väter, von der heiligen Schrift vorhergesagt, von Dichtern besungen, vom armen Volke unter Thränen ersehnt und von jämmerlichen Spöttern verlacht — unsere Rückkehr ist auch eine Sache von actuellstem politischen Jntereffe für die Mächte, die in Asien etwas zu suchen haben. Gestatten Sie mir einige Worte aus der Eröffnungsrede des zweiten Congresses zu citiren. Im Jahre 1898 wurde in Basel gesagt: „Das Land (Palästina) ist nicht nur die Heimat der höchsten Ideen und des unglücklichsten Volkes, es ist auch durch seine geographische Lage von bedeutender Wichtigkeit für ganz Europa. Da wird in einer Zeit, die nicht ferne sein kann, eine Cultur- und Handelsstraße nach Asien führen. Asien ist das diplomatische Problem des nächsten Jahrzehnts." Diese Worte von 1898 machen heute geradezu den Eindruck der Banalität, so sehr sind sie durch die Ereignisse der letzten Monate bestätigt worden. Das asiatische Problem wird von Tag zu Tag ernster, und, ich fürchte, eine Zeitlang auch recht blutig werden. Damit wächst aber auch das Jntereffe der Kulturvölker daran, daß auf dem Wege nach Asien, auf dem kürzesten Wege nach Asien eine Culturstation geschaffen werde, die allen civrlisirten Menschen zustatten kommen wird. Diese Station ist Palästina, und die Culturträger, die Gut und Blut daransetzen wollen, sie zu errichten, sind wir. Alle politischen Köpfe müssen blitzschnell begreifen, daß hierin eine werthvolle Gelegenheit geboten ist, Asien näber zu kommen. Auf diese Culturstation, die das machtlose Volk der Juden unter der Oberhoheit Sr. Majestät des Sultans rasch errichten würde, brauchte keine Macht niit Besorgniffen zu blicken. Den Juden wäre geholfen, aber den anderen auch, und den größten Gewinn hätte davon die Türkei. (Von hier ab setzt Dr. H e r z l seine englisch begonnene Rede deutsch fort.) Geehrte Congreßmitglieder! England, das große England, das freie England, das über alle Meere blickt, wird uns und unsere Bestrebungen verstehen. Von hier aus wird die zionistische Idee ihren Flug noch weiter und höher nehmen, dessen dürfen wir sicher sein. Nun werden freilich die praktischen Leute, die Neunmalweisen, kommen und fragen, was denn damit gewonnen sei. Wir kennen diese Leute schon. Wir erinnern uns aller der Steine, die sie uns in den Weg gewälzt haben, aller Unannehmlichkeiten, die sie uns bereiten wollten und bereitet haben. Diese selben Leute sind es, die nicht genug fragen können, was wir denn eigentlich geleistet haben, wo wir denn schon halten, wann wir denn endlich ans Ziel kommen werden. Wenn sie uns mit all ihren Kräften geholfen hätten, statt uns mit all ihren Kräften zu behindern, könnten sie nicht gieriger fragen. Die am Bau mitthätig sind, von den Ersten bis zu den Letzten, von den Bauleitern und Gehilfen bis zu den bescheidenen treuen Ziegelträgern fragt keiner so viel. Ww wissen das Eine, daß wir arbeiten müssen, und wir thun es unverdrossen, hoffnungsstark und begeistert. Wir bauen, wir bauen, und unser Bau wächst. Das Halbfertige zu verstehen, ist nicht Jedermanns Sache. Ich bin aber darüber beruhigt, daß auch diejenigen Juden in unserem schönen Hause werden wohnen wollen, die heute mit einem bösen Lächeln und mit den Händen in den Hosentaschen abseits stehen. Eine positive Frage gibt es, der wir durchaus nicht ausweichen wollen. Haben wir den Charter zur Besiedlung von Palästina bereits erhalten? Darauf antworten wir ganz laut und vernehmlich: Nein. Eine andere Frage ist es, ob wir dennoch weiter hoffen, weiter streben, weiter arbeiten dürfen, um ihn zu erlangen? Darauf antworten wir ebenso laut uud vernehmlich : Ja! Unsere Ansprüche und Anträge haben umsomehr Aussicht, in Wirklichkeit überzugehen, je mehr wir sind und je gewaltiger unsere Kräfte werden. Wir dürfen schon heute recht zufrieden sein mit der Aufnahme, die unsere Aspirationen in den Kreisen der Mächtigsten dieser Erde gefunden haben. Verlangen Sie nicht mehr als diese Andeutung von Ihrem Actions-Comits, zu dem Sie in dieser Beziehung absolutes Vertrauen haben müffen. In allem klebrigen wirb es Ihnen Rede stehen. In einem Worte ist unsere Thätigkeit und ihr Fortgang zusammenzufassen: Wir organisiren die Judenheit für ihre kommenden Geschicke. Nun aber wollen auch wir einmal fragen. Und zwar wollen wir unsere jüdischen Gegner fragen, was sie eigentlich in diesen Jahren zur Erleichterung des ungeheuren Nothstandes unserer Brüder gethan haben? Wo sind ihre Resultate? Was haben sie erreicht? Welches Praktische haben sie geschaffen? Wir hören immer von Conntes, von großen Sammlungen und Stiftungen. Heraus mit den Ergebnissen! Heraus mit den Leistungen! Wir möchten sie gerne bewundern und ihnen im Namen der Armen danken. Und das ist keine muthwillige Frage, sondern eine furchtbar ernste. Sie alle kennen den schauerlichen Anlaß, diese rumänische Judenwanderung, die wie eine Blutspur durch Europa gezogen ist. Wo war da das bisherige officielle Judenthum, wo waren die protokollirten Großen Israels, die Stützen der Gemeinschaft? An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ein paar tausend Flüchtlinge wurden mit Ach und Weh weitergeschoben — und dann erklärt man sich unfähig, noch etwas zu thun. Die Nachfolgenden wurden zu Hunderten unter Anwendung von Waffengewalt zusammengestoßen und in Extrazügen wieder an die Grenze zurückgeworfen, der sie unter Weherufen entkommen waren. Diese Extrazüge waren die letzte Anstrengung der Barmherzigkeit.