Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 34 (24.8.1900)
- Date
- 1900-08-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 610 Nr. 34 Sr. Bloch's Juden gegenüber war, schildert er mit rührenden und ergreifenden Farben in dem Poem, betitelt „Der arme Jude", also lautet: „Armer Jude, der Du wandeln Mußt, von Dorf zu Dorf hausirend, Schlecht genährt ünd bitter frierend, Allwärts rufend: „Nichts zu handeln?!" „Auf dem Baume krächzt der Rabe, - Hunde zerren Dich am Nocke, Schneegestöber, Flock an Flocke, Fleißig wanderst Du am Stabe." Ist es nicht, als ob der Dichter mit prophetischem Blicke das heutige Wien und seine heutigen Stadtväter ahnungsvoll vorausgeschaut? Nein, der Judenhaß hat keinen Anlaß, den Dichter Nicolaus Lenau für sich zu reclamiren, und Herr Dr. Wahner hat wieder einmal sich eine riesige Blamage geholt. Die rumänische Frage- Es ist nicht unsere Schuld, nicht unsere Wahl, daß wir diese Frage immer von Neuem der öffentlichen Diskussion unterziehen. Sie ist endlos, wie das Elend der jüdischen Bewohner des rumänischen Landes, endlos wie die Qualen, die sie erdulden müssen, mag nun ein Frei- und Feinsinniger wie Carp oder ein bornirter Reaktionär wie Cantacuzino an der Spitze der Verwaltung dieses Landes stehen, und sie ist endlos, wie die Mißwirthschaft der Rumänen, die eine Folge ihrer moralischen und physischen Degeneration ist, endlos wie die Finanzcalamitäten dieses Landes, die aus der Mißwirthschaft des Staates und der Individuen resultiren. Es braucht also nicht erst unsererseits die rumänische Frage „aufgeworfen" zu werden, sie wirft sich von selbst auf, und je größer die Geldcalamitäten dieses Landes sich entwickeln, desto sicherer ist es, daß die Frage auf die Tagesordnung der europäischen Diskussion gestellt werden wird. Rumänien braucht Geld und pocht bereits mit dringendem Begehr an die Geldschränke Europas. Es hat sich soeben, ohne Geld zu besitzen, den Luxus einer Communal- Creditbank vergönnt und will die Obligationen derselben au den Mann bringen. Das ist der erste Pumpversuch. Hoffentlich wird sich aber Niemand durch die angebotenen „Garantien" irreführen lassen, diesem vertrauensuuwürdigen Lande und deffen wortbrüchigen Staatsmännern auf den Leim zu gehen. Eine rumänische Bank ist in erster Reihe eine Versorgungsaustalt für politische Lumpen und in zweiter Reche ein Mittel, um die Gemeinden für ihre politische Anhängerschaft mit fremdem Gelde zu bezahlen, da man im Lan.de kein eigenes hat. — Schon um dieser Verhältnisse willen muß man die Taschen zuknöpsen, so oft ein rumänischer Politiker an die Thüren klopft. Allein ebenso sehr muß man die Rechtsverhältnisse dieses Landes ins Auge fassen, ehe man es wagt, den Rumänen Credit zu gewähren. Wohl haben sie europäische Institutionen dort eingeführt, aber der Geist ist ein corrumpirter, und solange das Rechtsgefühl der Bevölkerung nicht ein civilisirteres geworden ist, begibt sich Jeder in Gefahr, betrogen zu werden, der sich in Geschäfte mit diesem Lande einläßt Ein Staat, der ganz Europa betrogen hat und fortwährend betrügt, der die Bedingungen seiner Unabhängigkeit nicht erfüllt, hat kein Recht, Vertrauen zu fordern, sondern muß vielmehr mit dem stärksten Mißtrauen behandelt werden, und gerade weil er jetzt in Nöthen ist, muß ihm jede Unterstützung vorenthalten werden weil durch diese nur das Unrecht genährt und die Fortdauer der Rechtsverletzung gefördert wird. Es gibt nur ein Mittel für Rumäuien, sich zu rehabilitiren, und dies ' besteht darin, daß es den vom Berliner Vertrage geforderten Wochenschrift. Rechtszustand herstelle, und zwar nicht blos äußerlich, sondern seinem Wortlaute und seinem Geiste nach. Es muß sich eine Regenerirung der Volksseele vollziehen, damit sich Rumänien europäisire, cs muß aus den Gemüthern der chinesische Fremdenhaß — der nicht blos Juden trifft — Herausgetrieben werden, es müssen die asiatischen — avitischen — Sitten und Rechtsanschauungen ausgemerzt, es muß die Schulbildung auf eine ethische, nicht auf eine rumänischchauvinistische Grundlage gestellt, die Toleranz zur Wahrheit gemacht werden, ehe Rumänien das Recht fordern kann, als europäischer Staat behandelt zu werden, als solcher Credit zu erhalten. So wie in Italien jetzt, nach dem großen Verbrechen von Monza, die Erkenntniß reift, daß tief im Innern des Volkes die Krankheit steckt, die solche Unthaten gebiert und daß das Volk zu Recht und Pflicht erzogen und von Gewalt und Willkür abgeleitet werden muß, damit es gesunde, so muß sich auch in Rumänien eine völlige Umwandlung vollziehen, wenn nicht italienische oder macedonisch-bulgarische Unthaten überhandnehmen und das Land in den Abgrund stoßen sollen, an dessen Rand es sich befindet. Die von Bulgaren in Bukarest verübten Morde sind Ausbrüche des „nationalen" Fanatismus, sind Erscheinungen jener infectiösen Krankheit, die unter dem Namen „Nationalismus" von Frankreich bis China die Völker corrumpirt und die auch in Rumänien grassirt. Wenn die Rumänen gegen den bulgarischen Nationalismus „Protestmeetings" veranstalten, sind diese eine erbärmliche Heuchelei, weil sie den eigenen Nationalismus verleugnen. Morden die Bulgaren einzelne Personen, so morden die Rumänen Hunderte, die angeblich „nicht von ihrer Nation" sind. „Selbsterkenntnis und Umkehr" müssen die Rumänen zuerst an sich vollziehen, ohne diese sind und bleiben sie Barbaren und haben keinen Anspruch auf Achtung und Vertrauen. Hat König Carol das Land zur politischen Selbstständigkeit geführt, hat er es, wie er meint, durch dreißigjährige Bemühungen zu europäisiren versucht, so hat er jetzt bie Pflicht, an diesem Volke erst die ethische Mission zu vollziehen, ihm jenes Rechtsbewußtsein zu geben, ohne das es nur eine gebändigte Menge halbwilder Individuen, aber kein Volk sein, keinen Rechtsstaat bilden, in der europäischen Völkerfamilie keinen Platz und — was für die Rumänen momentan die Hauptsache ist — keinen Credit beanspruchen kann. So wie wir zu diesen Bemerkungen durch die Anpreisung der Obligationen der rumänischen Communalcreditbank angeregt wurden, so werden wir in unserer Meinung durch eine Broschüre bestärkt, die den Titel führt „Romanicce Res“, von Spartacus, und Carp und die Judensrage behandelt. Der Verfasser, offenbar ein genauer Kenner der rumänischen Verhältnisse, schildert in durchaus wahrer Weise die wirthschaftlichen Nachtheile der Auswanderung von 200.000 Personen in einem eigentlich menschenarmen Lande, er legt gründlich die gesetzliche Rechtlosigkeit dar, die in diesem Lande herrscht und es in so hohem Maße vertrauensunwürdig macht, und er setzt dann mit vollster Personenkenntniß auseinander, weshalb es C a r p, dessen ehrlichen Intentionen er volle Gerechtigkeit widerfahren läßt, nicht gelingen kann, dem Lande die Dienste zu erweisen, die seine Fähigkeiten ihm bieten könnten — indem er nachweist, daß dem Ministerpräsidenten durch einige seiner Collegen und durch die corrumpirte Presse solche Prügel in den Weg gelegt werden, daß er seine Intentionen nicht auszuführen vermag. „Spectator" erwartet ein Machtwort des Königs Carol — wir wollen des Königs Macht nicht unterschätzen, aber wir erwarten ein Machtwort Europas. An den europäischen Areopag, an das Gewissen rechtliebender Völker, an das englische Parlament muß appellirt werden, damit der Rechtlosigkeit,