Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 33 (17.8.1900)
- Date
- 1900-08-17
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Sette 608 s.'r 33 Dr. Bloch's Wochenschrift. Literatur- Dr. Heinrich Graf Coudenhover „Politische Studie ii ber Oesterreich-Ungarn." Wien 1900. Commissionsverlag von Gerold & Co. ]06 Seiten. ' Der Verfasser ist ein interessanter Mensch. Er hat lange Zeit als Diplomat in Ostasien verbracht, sich in die dortige Cultur eingelebt, eine Japanerin geheiratet und sich dann in seine Heimat nach Böhmen zurückgezogen. Er hat viel gesehen und weiß manches Interessante aus und über Asten zu erzählen. Als weltkundiger Mann kann er unsere heimischen Zustände mit fremden vergleichen und sich von manchem landesüblichen politischen Unsinn freihälten, der nur in ganz weltunkundigen und daher urtheilslosen Gehirnen Raum findet. So ist das, was er über die Judenfrage sagt, ganz vortrefflich. Wenn die Antisemiten, meint er, recht hätten mit ihren Behauptungen von der jüdischen Herrschaft, so würde das nichts gegen die Juden, sondern nur gegen die anderen beweisen, die sich, in der überwältigenden Mehrzahl befinden. Uebrigens zeigt er auch durch einige schlagende Beweisstücke, daß die jüdische Weltherrschaft gar nicht besteht. Er hält den Antisemitismus nicht nur für falsch, sondern auch - für schädlich. „Man soll" — schreibt er Seite 73 — „nie vergessen, daß Oesterreich in dem Handelstalent von fast zwei Millionen Juden ein geistiges Capital besitzt, welches zum Nutzen und zum Wohle des Staates zu verwenden ein Ziel der Regierung sein sollte. Wenn Oesterreich-Ungarn je wieder wachsen und blühen soll, so wird das nie durch Eroberungen geschehen, sondern nur durch den Handel; für eine Entwickelung in dieser Richtung sind aber die Dienste, welche die Juden leisten können, unschätzbar." Auch für das Hauptthema seiner Schrift, die Sprachenfrage, bringt die Schrift manche schätzenswerthe Randglosse. Daß der Autor von Nationalhaß und allen seinen Verbohrtheiten frei ist, braucht wohl nach seiner persönlichen Charatteristik nicht erst bemerkt zu werden. Doch dort, wo er sich an die Lösung des österreichischen Sprachenproblems heranwagt, erweist er sich als völlig unzureichend. Vielgereiste Leute bringen oft ein exotisches Steckenpferd heim, von dem sie sich dann nicht mehr trennen können. Dieses Steckenpferd ist beim Autor die russische Sprache. Er will unsere deutsch-czechische Quere! durch die Einführung der russischen „Weltsprache" lösen, die sowohl Czechen als Deutsche zur gegenseitigen Verständigung erlernen sollen Die Begründung dieses Vorschlages ist ungemein schwach. Sie läuft darauf hinaus, tmß. 120 Millionen (halbcivilisirter) Menschen diese Sprache sprechen, und daß zahlreiche Diplomaten (im asiatischen Dienst) ihren russischen Kenntnissen ihre Karriere verdanken. Das ist richttg, beweist aber gar nichts, weil Oesterreich bislang nicht in Asien, sondern in Europa liegt, die deutsche Weltsprache uns nicht nur näher steht als die russische, sondern dieser auch culturell überlegen ist, da sie von 70 Millionen höchst civilisirter Menschen gesprochen wird. Wenn es schon, wie der Autor zugibt, ein aussichtsloses Unternehmen wäre, die Deutschen zur Erlernung der czechischen Sprache zu zwingen, so kann doch davon gar keine Rede sein, daß sie eine gänzlich landesftemde, die russische, Sprache sich werden auferlegen lassen. Die Germanifirung Oesterreichs ist unmöglich; wie vielmehr noch die Ruffificirung! Werthvoll ist noch in der Schrift die Bemerkung (S. j-8), daß wir „schon lange" unsere Großmachtstellung verloren haben. Das ist allgemein bekannt, nur wird es aus Eigeninteresse von unseren großthuerischen Diplomaten in der Regel öffentlich nicht zugegeben, deswegen ist dieses Zugeständniß aus dem Munde eines langjährigen österreichisch-ungarischen Diplomaten, wie Graf Heinrich Coudenhouve, besonders zu erwähnen. „Die Zeit." I. W. Aus der „Warnung", die der Mechaniker Schneider in der „Wiener Zeitung" veröffentlicht, ersieht man, daß er Jedermann dringend abräth, seinem Sohne etwas zu borgen oder anzuvertrauen, da er nicht für ihn zahlen wolle. So sehen die Resultate der antisemitischen Kindererziehung aus, für die Schneider stets das Maul so voll nahm. B. H—g. Die verwahrloste Erziehung,, das schlechte Beispiel des Vaters, kann von eineni Vertheidiger immerhin als Milderungsgrund für die Verirrungen eines Sohnes angeführt werden. Dr. B. H—g. Da jetzt schon drei ungarische Bischöfe innerhalb kurzer Zeit sich so entschieden gegen den Antisemitismus erklärt haben, werden die Wiener Christlich-Socialen in ihrem Haß gegen Ungarn nur noch bestärkt werden. N. Obwohl sich so viele Führer aus dem antisemitischen Kreise — stehlen, gibt es doch nur zu viele, die die Tiraden dieser „Corruptionsbekämpfer" ernst nehmen. . Justus. Der Herr Dn Wähn er ist nicht dafür verantwortlich, wenn seine Gattin Häuser baut, und seine Gattin hat wieder nichts mit den Reden zu schaffen, die er als Tramway-Referent im Stadtrath hält. Einladung - zum Festgottesdienst. Aus Anlaß des '70. Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers findet Samstag den 18. d. M. um 9 Uhr Vormittags im israelitischen Tempel des Bethausvereines „Montefiore", II., Taborstraße 38, ein Festgottesdienst und Predigt statt, und werden die Vereinsmitglieder des Bethaus-, Kranken-, Witwen-Unterstützungsbereines „Montefiore" zur Theilnahme höflichst eingeladen. Für die hohen Feiertage wird ein Vorbrkrr , für die Schachresfim gesucht. Anmeldungen sammt Honoraransprüche sind zu richten an Herrn A K Peitz Vorstand des Cultusvereineß 613 Wsetin (Mähren). geübt, mit schöner Tenorstimme, möchte AP'Ullllr-lv-l't für die hohen Feiertage ein Engagement annehmen. Gefällige Zuschriften richte man an Heinr. B ö ck, Preßburg. 616 Die Cultusgemeinde Neutitschei« (Mähren) sucht für die hohen Feiertage einen Vorbeker der ein Schacharis- und 2 Muffafgebete zu übernehmen hätte. - Offerte nimmt entgegen Der Cultusvorsteher: ei? Dr. S. M. Perl. Verlag von S. Calvary & Co. Berlin N.W. 7. Briefkasten. Dr. S. St. in S. Besten Dank. D. B. Oesterreichische Staatsangehörige können nach dem neuen Gesetz die Gemeinde, in deren Mitte sie 10 Jahre gewohnt haben, zwingen zur Verleihung der Zuständigkeit. C. A. Besten Dank für die freundliche Mittheilung. Die Ausschreibung der Lehrerinstelle erschien in Nr. 28, 29 und 30. I. L-«. Carmen Sylva wird, so verlautet, die Leiden der rumänischen Juden in schönen Versen besingen und das Honorar derselben — der rumänischen Antisemiten-Liga zuwenden. Dr. Adolf R. Die österreichischen „Nurdeutschen" werden es dem Kaiser Wilhelm gewiß nachtragen, daß er sich mit dem so durch und durch verjudeten — Moses verglich Man denke doch, ein Hohenzollcr und ein — Moses! I. B. Die Antisemiten bestürmen den Gemeinderath, er möge die „Heine-Gasse" umtaufen. Das Vergani-Blatt bedauert nur, daß man beit Namen nicht in „Hundsfott-Gäffel" verändern kann. Ein witziger Vermittlungsvorschlag lautet nun, man möge die Heine-Gasse in — „Deutscves Volksblatt-Gäffel" umändern. Das klingt besser und ist doch dasselbe. A. in E. Wir empfehlen Ihnen die Firmen Brüder Goldmann, Wien, L, Adlergasse 5, und Max Schwarz, Wien, VI, Mariahilferstraße 29. M. Sch. in St. Wir empfehlen keine Proceßführung in derlei Angelegenheiten. Spinoza in Deutschland Gekrönte Preisschrift. Von Op. Max Grunwald IV, 380 S. — M. 7.20. Der mit Glück erfasste und originell durchgeführte Gedanke, die Wandlungen in der Erkenntniss und Auffassung Spinoza’s in engem Zusammenhänge mit dem Umänderungsprocesse der modernen Weltanschauung selbst in Verbindung zu bringen, hebt die Arbeit über das Durchschnittsmass literarhistorischer Leistungen hinaus und gewährt ihr die Bedeutung eines durchaus eigenartigen Beitrages zur modernen Culturgeschichte. (Aus dm Urtheilm der Preisrichter.) „Ich weiss nicht, was ich mehr bewundern soll, die ungeheure Gelehrsamkeit, die das gigantische Material zmammenbrachte. oder die Klarheit, mit der es verarbeitet ist. Ich, der Ungelehrte, würde da an ein Wunder glauben, wenn ich es als Spinozist dürfte. Und wie viele, ausser mir, sind Ihnen für die gewaltige Arbeit zu innigstem Danke verbunden.“ (Aus einem Briefe Spielhagen’a an den Verfasser). Herausgeber und verantwortlicher Redoctenr: Tr« Josef E« Dloch. — Truck von L. Beck & Sohn, Wien, VIIL