Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-17 · 33 (17.8.1900) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021365--10143-3034608
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 33 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 6V7 Feuilleton. Michael Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzllng.) „Wie so, in welcher Art?" frug Sara und schmiegte sich innig an ihn, als fürchte sie, er könne von Neuem von der furchtbaren Gefahr bedroht werden. „Ich habe, seit ich Dich, mein liebes Herz, verlosten, Vieles und auch viel Schreckliches erlebt; — gestern als die Russen bei ihrer wilden Flucht, auf der Eisfläche des Stromes einbrachen und ertranken, war der Anblick ein grauenhafter; — aber es war dies im blutigen Kampfesgewühle; aber vor sieben Jahren in jener furchtbaren Nacht, erschien mir Alles noch weit entsetzlicher .... Als ich schweißüberströmt von der schweren Arbeit, das Eisengitter durchzufeilen, mich mit Lebensgefahr an einem Stricke herabgelassen hatte und mich an dem schmalen Uferrande befand, stand ich allein, verlassen. Alle meine Lieben waren todt, ich war ausgestoßen aus den Reihen der Menschen, vogelfrei, glaubte mich als Mörder gebrandmarkt, ein Flüchtiger ohne einen einzigen Freund auf der ganzen Welt, und was ich in dieser Stunde erlebt, steht noch heute unvergessen, lebhaft vor meinem geistigen Auge . . . ." Michael starrte einen Moment vor sich hin, dann fuhr er fort: „Es war eine dunkle Nacht, ich war lebensmüde und ungesucht drängte sich mir nochmals d i e Frage auf, die mich schon oben in meiner Kerkerzelle veranlaßt hatte, der Flucht zu entsagen: Weshalb sollte ich es versuchen, ein Leben zu retten, besten Zukunft in schreckliches Dunkel gehüllt vor mir lag, ein Leben, das nicht den geringsten Anreiz für mich hatte? Schon bedachte ich es. ob ich nicht freiwillig in meinen Kerker zurückkehren, -und Alles, was auch da kommen konnte, über mich ergehen lassen sollte; — oder, ob es nicht vor dem allschauenden, aber auch allmilden Richter über dem Sternenhimmel droben entschuldbar wäre, wenn ich eine offene Stelle der Eisfläche suchte, mich in die kalten Fluthen stürzte und meinem Riesenelende mit rinemmale ein rasches Ende machte, da. . . ." Michael machte eine Pause, und Sara, die seiner Erzählung in höchster Spannung gefolgt war, wiederholte und unwillkürlich, „da . . . ." „Da bot sich mir plötzlich ein eigenthümlich schreckliches Schauspiel dar, und, der Schluß der gestern geschlagenen Schlacht hat mich in entsetzlichster Weise an dasselbe erinnert .... Es war tief dunkel gewesen, und ein Mensch, der in einer verfallenen Fischerhütte versteckt gewesen, mochte durch das Geräusch, das ich verursachte, zu der unbegründeten Befürchtung veranlaßt worden sein, er werde verfolgt. Ich sah eine Gestalt wie einen dunkeln Schatten über die Eisfläche Hinschweben; dann rissen, wie dies zuweilen zu geschehen pflegt, plötzlich die Wolken, die den Mönd verhüllten, und bei besten fahlem Lichte konnte ich nun die Gestalt des Fliehenden, ein solcher war es, etwas deutlicher erkennen. Es war offenbar ein Deserteur, ein Dragoner, ein hochgewachsener Mann, vielleicht nicht kleiner als ich ... . es schmerzte mich, daß ich ihn, ohne es zu wollen, geängstrgt, ich wollte, ihm beruhigend zurufen; aber in dem Momente bemerkte ich am jenseitigen Ufer einige Menschen, ich fürchtete, ihn durch einen lauten Zuruf zu verrathen und schwieg. . . . Plötzlich hörte ich ein Geräusch, einen lauten Aufschrei und sah die Gestalt einsinken. Das Eis unter ihm war eingebrochen. Ich wollte dem Untersinkenden zu Hilfe eilen, allein in dem Momente knisterte und knarrte es auf der ganzen Spiegelfläche des Stromes, der glatte Plan zerbarst in zahllose Theile, der Fluß hatte sich von seinem Eisjoche befreit, und die Schollen setzten sich stromabwärts in Bewegung;.— ein jeder Versuch, den Unglücklichen zu retten, war jetzt nicht nur vergeblich, er war unmöglich. Auch mir blieb keine Wahl, ich mußte nun den Weg ans dem schmalen Uferrande fortsetzen. Jetzt erst nach sieben Jahren erkenne ich, daß Mostrich, — bestimmt auf Golzinger's Befehl — mir gerathen, den Weg über den Fluß zu nehmen, um mich aus dem Wege zu räumen . . . ." „Ja!" rief Sara, „Soldaten, die spät aus dem Wirthshause heimkehrten und der Kabronimschammes'), der von einem Sterbenden in dem nächsten Orte heimkam, hatten in der Nackt einen ungewöhnlich großen Menschen in dem brechenden E'se einsinken sehen. Da Du, wie man annehmen mußte, um diese Zeit aus dem Kerker entflohen sein mußtest, herrschte kein Zweifel darüber, daß Du ... . theurer Freund, der Verunglückte gewesen!" „Ist nicht gleichzeitig ein Soldat der Garnison entsprungen, welcher der Verunglückte sein konnte? Hat man denn die Leiche nicht agnoscirt?" frug Michael verwundert. „Ich erfuhr, allerdings erst später, daß ein Dragoner, ein ehemaliger Student desertirt sei; — allein dieser war vierundzwanzig Stunden früher entsprungen, und es war nicht anzunehmen, daß er sich so lange hier in der Nähe aufhalten würde, auch hatten ihn die aus gesandten Patrouillen nicht aufgefunden." „Und doch war er's gewesen, der arme Mensch mußte vierundzwanzig Stunden in einem Verstecke gelegen haben," warf Michael dazwischen. „Und", fuhr Sara fort, „das Wetter hatte damals rasch gewechselt, dem Thauwetter war plötzlich wieder ein starker Frost gefolgt, welcher die Hanna von Neuem mit einer starken Eisdecke überzog, die erst einige Monate später, im März, schmolz. Die Leiche des armen Menschen muß ein Raub der Fische geworden sein. Wieder entstand eine lange Pause. „Du warst arm und verlassen, als ich von Dir schied", begann endlich Michael von Neuem, „uikd mir schmilzt das Herz in der Brust, wenn ich Deiner traurigen Lage gedenke!" „Pfarrer Willibald hat das Versprechen, das er Dir gegeben, gehalten, er hat mich beschützt — bis an seines Lebens Ende." „Mein edler Lehrer todt! .... wann starb er, wie starb er?" „Schon vor sechsthalb Jahren; er starb so schön wie er gelebt. An einem Sommerabende in dem Pfarrgarten in seinem Lehnstuhle, den Sonnenuntergang betrachtend, war er mit einem sanften Lächeln, ohne vorhergegangene Krankheit, ohne jeden Schmerz sanft entschlafen. ..." „Und die alte, treue Magd Channe?" Sara wies auf deren kleinen Grabstein. „Und Rüben Weiß?" „Erkrankte kurz nach Deinem spurlosen Verschwinden, wenige Tage nach der Hochzeit seiner jüngsten Tochter. Er frug den Arzt, ob sein Zustand bedenklich sei; dieser konnte es nicht verneinen und Rüben Weiß sprach ruhig und gefaßt: Kotomy mikol hachaßodim umikol hoemmes ascher oßiso es awdechl,'). Ich danke Dir Gott, daß Du mich's erleben ließest, noch mein jüngstes Kind zu versorgen .... drei Tage darauf war er eine Leiche." „Die guten Freunde und Menschen also alle todt!" sprach Michael mit tiefer Bewegung. Dann huschte das erstemal bei diesem unvergleichlich eigenthümlichen Wiedersehen ein leichtes Lächeln über seine männlich schönen Zügen, „wie correct Du den hebräischen Satz gesprochen", fuhr er fort, „wie zu jener Zeit, wo unser Vater es gestattet, daß ich Dich in der Bibel im Urtexte unterrichte. . . . Lebt Bürgermeister Golzinger noch, noch hier in seinem Amte?" Sara nickte bejahend mit dem Kopfe und fügte dann mit leicht verschleierter Stimme hinzu: „Auch sein Sohn Lorenz Horneck-Holzinger; ich sah ihn vor etwa vierzehn Tagen, nachdem die Rüsten die Franzosen aus W. vertrieben." Ein düsterer Zug flog über Michaels Gesicht. (Fortsetzung folgt). ') Diener der Beerdigungsbrüderschast. 2) Zu gering bin ich für all die Huld und wahre Gnade, die Du Deinem Knechte erwiesen. Genesis Cap. 32, Vers ll.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.