Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 33 (17.8.1900)
- Date
- 1900-08-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr. Bwch's Wochenschrift. Seite 599 Die „Arbeiter-Zeitung" bemerkt dazu mit Recht: „Der hoffnungsvolle Sprößling des Schneider scheint demnach nicht nur ein leichtsinniger Schuldenmacher, sondern auch etwas Aergeres zu sein oder zumindest werden zu wollen. Sonst hätte doch die Warnung, ihm etwas anzuvertrauen, keinen Sinn. Dieser Junge wird doch die tadelloseste „christliche" Erziehung genossen haben, und Papa Schneider hat es gewiß nicht unterlassen, seinem Stammhalter einzuschärfen, was für schlechte Kerle die sind, die nicht täglich einen neuen Ritualmord entdecken wollen. Systematische Wahrheitsfälschung. Das „Correspondenzblatt für den katholischen Clerus Oesterreichs" ist nicht entsetzt über die vielen Fälle priesterlicher Sittlichkeitsverbrechen, wohl aber über deren Veröffentlichung in der „glaubenslosen" Tagespresse. In der Nummer 12 vom 25. Juni schreibt es: „Wir geben unseren Zeitungen den wiederholten Rath, jeden Schmähartikel der gegnerischen Preffe nachzudrucken, aber überall, wo „Pfaffen" steht — „Juden" zu setzen." Wilhelm Liebknecht und das Judenthum. In einer der letzten Arbeiten Liebknechts „Aus meiner Schulmeisterzeit" findet sich folgende Stelle: „In Leipzig, wo der Kampf ums Dasein sich anfangs recht schwierig gestaltete, war es besonders eine Familie — die eines Kaufmannes Eppstem, den ich im Leipziger Arbeiterbildungsverein durch Bebel kennen lernte — die mir freundlich entgegenkam und . zur Ausübung der Lehrtätigkeit behilflich war. Es waren Juden. Den Dank, den ich ihnen schulde, habe ich dadurch abzutragen gesucht, daß ich der niederträchtig st en und rohe st e n „Hetze", welche in neuerer Zeitzuden gemeinsten Zwecken in Scene gesetzt ward, ich meine die „Judenhetze", mit aller Kraft entgegen g e tr e t e n bim" Daß Liebknecht aber nicht durch subjective Eindrücke und persönliche Erfahrungen allein zur Bildung seiner Ansichten über Juden und Antisemiten gelangte, ersieht man aus seiner nachstehenden Betrachtung: „Die Geschichte der Juden nach der Zerstörung des jüdischen Staates und der Zerstreuung des Judenvolkes über die Erde war für mich schon in der frühesten Jugend ein Räthsel gewesen und ein Wunder; mit wahrhaftem Grausen hörte ich als Kind von den gräßlichen Judenverfolgungen des Mittelalters, von der entsetzlichen Rohheit und Barbarei, die die Christen wegen unmöglicher, nur dem blöden Stumpfsinn und blindesten Vorurtheil glaubhaften Verbrechen an Juden bethätigt haben. Wenn ich nun sah, wie Männer, in denen mein junges Herz die edelsten und tapfersten Vorkämpfer der Freiheit verehrte — ein Börne, ein Johann Jacoby Juden waren, so übertrug sich unwillkürlich die Verehrung für diese Männer auf ihre Race. War hierin etwas von Schwärmerei, so mußte doch auch die reifere Kritik spätere Jahre sich vor der Thatsache verneigen, daß für das Wohl und die Freiheit der Menschen, für Kunst, Literatur, Wissenschaft von den Juden im Verhältnis zu ihrer Zahl mehr geleistet worden ist als von irgend einem anderen Volke " Uebcr die Beni-Jsrael in Bombay machte deren geistiges Oberhaupt, Mr. Josef E z e k i e l, einem Vertreter der „Jewish Chronicle“ gegenüber eine Reihe von interessanten Mittheilungen. Die erste Synagoge der Beni-Jsrael wurde in Bombay 1796 von einem Mr. Samuel E z e k i e l, einem Officier der Ostindischen Compagnie, gebaut. Derselbe wurde im Kampfe gegen die Maharathen unter Tippu-Sahib gefangen genommen und that ein Gelübde, eine Synagoge zu bauen, wenn er heil und gesund aus den Klauen des „indischen Tigers" entkommen sollte. Zu dieser Zeit standen die Beni-Jsrael noch auf sehr niedriger, cultureller und ökonomischer Stufe. Die ganze Gemeinde bestand aus Maurern, Handwerkern und Soldaten, ihr jüdisches Wissen war gleich Null und sie hatten weder Lehrer noch Schulen. Die Berührung mit europäischen Juden flößte ihnen neues jüdisches Leben ein und jetzt haben sie mehrere Synagogen, einige Schulen, in denen hebräisch, arabisch und englisch gelehrt wird, sieben wohlthätige Vereine und Institutionen, sowie ein in englischer und maharathischer Sprache erscheinendes Wochenblatt. Die Einwanderung der Juden in Indien datirt Mr. E z e k i e l um 1000 Jahre zurück. E ne Anzahl an der Westküste von Indien schiffbrüchig gewordener arabischer Juden ließ sich in Chaul und Alibagh nieder, wo heute noch Überreste alter Gemeinden vegetiren. Zu ihnen wurde vor circa 900 Jahren ein Rabbi Namens David R a b b a b i a aus Cochin verschlagen, und da er fand, daß sie die mosaischen Gesetze halten und zweifellos Juden sind, blieb er bei ihnen, gründete eine Jeschiwo und unterrichtete die Jugend. Bor seinem Tode ordnete er an, daß zwei seiner besten Zöglinge unter dem Titel „Kajis" ihm in seinem Amte folgen sollten, der Eine als Dojan, der Andere als Chasan. Die Beni-Jsrael betrachteten sich selbst keineswegs als Nachkommen der zehn Stämme, sie halten sich vielmehr für arabische Juden aus dem Stamme Juda, die sich erst später aus Zweckmäßigkeitsgründen Beni-Jsrael nannten. Die Mohammedaner, welche aus Centralasien in Indien eindrangen, um da das mongolische Reich des Großmogul zu gründen, brachten nämlich aus Mittelasien einen so wüthenden Judenhaß mit, daß die Juden in Bombay es rathsam fanden, sich als Beni-Jsrael zu bezeichnen. Sie sind dadurch der sicheren Vernichtung entgangen. Die Beni-Jsrael beobachten streng alle jüdischen Gesetze, ihre Gebete verrichten sie nach dem sephardischen Ritus, und Ehen zwischen ihnen und anderen Juden ist keine ganz ungewöhnliche Erscheinung. Nur mit den schwarzen Beni-Jsrael, welche sie Kala-Jsrael nennen, werden keine Ehen eingegangen. Sie halten diese für Bastarde, erzeugt von den weißen Beni- Jsrael im Verkehr mit heidnischen Frauen. Bon der Belästigung durch zudringliche Miffionäre haben auch die Beni-Jsrael zu leiden gehabt. Die ungebetenen Alleinseligmacher haben aber mit ihrem Brkehrungsversuche bei den Beni-Jsrael nicht viel Glück gehabt, jetzt aber, da die Kenntniß des Judenthums unter ihnen im Wachsen begriffen ist, kommen Taufen gar nicht mehr vor. Blutaberglaube der Chinesen. Welch unsinnige Orgien mitunter der Aberglaube der Chinesen feiert, erhellt aus einer Shanghaier Mittheilung der „Kölnischen Z t g.". Bekanntlich hat sich die jetzige fremdenfeindliche Bewegung in Nordchina vor Allem gegen die Eisenbahnen und die dabei beschäftigten Ingenieure gerichtet. Dies ist kein Wunder, weil das abergläubische Volk im ganzen Reiche der Mitte fest überzeugt ist, daß bei jedem Bahnbau Menschenopfer erforderlich seien. In gewöhnlichen Zeiten hat die Regierung Ansehen genug, das im Allgemeinen durchaus friedliche Volk vor Gewaltthaten gegen Eisenbahnen abzuhalten. Der Aberglaube ist aber damit nicht verschwunden, sondern bricht in Zeiten der Unruhe Wiedel hervor. Selbst in Orten wie Hongkong, wo die Chinesen seit Jahrzehnten mit den Europäern in Berührung find, kann mau Beweise für diesen Aberglauben sammeln. Anfangs vorigen Monats machten eines Abends Plötzlich sämmtliche im dortigen Hafen liegende Dschunken und kleineren einheimischen Fahrzeuge einen Höllenlärm, wobei zahllose Gewehre und sogar Kanonen abgefeuert wurden. Ein Polizei-Jnspector forschte nach der Ursache dieses ungewöhnlichen Benehmens, und dabei stellte sich Folgendes heraus: Man hatte eine Dampfbarcaffe auf die Dschunken zukommen sehen und glaubte, diese wolle Kinder unter zwölfJahrenund alteLeute holen, die unter dem von Kaulum (gegenüber Hongkong) und Kanton anzulegenden Eisenbahndamm lebendig begraben werden sollten; denn ohne dies würden die Wind- und Waffergeister (Fengschui) den Bau nicht zulaffen. Nur mit der allergrößten Mühe gelang es dem Polizei-Jnspector sich überhaupt Gehör zu verschaffen, weil Alles wild durcheinanderschrie und vor Angst außer sich zu sein schien. Endlich beruhigte man sich ein wenig; aber kaum hatte die Hafenpolizei den Rücken gekehrt, da ging der Lärm mit doppelter Kraft von Neuem los. Die Ursache war eine harmlose zweite Dampfbarcaffe, die pfeifend an die Schiffe der Chinesen herangefahren war und diese abermals in die schrecklichste Angst versetzt hatte. Auch aus der Umgebung von Hankau um Aangtsekiang kommen ähnliche Nachrichten. Dort sind in der lctzten Zeit besonders häufig Kinder gestohlen worden. Das Volk ist nun fest überzeugt, daß die Fremden die Kleinen für die Bahnbauten nöthig hätten. Solch ein ungewöhnliches Unternehmen, wie es der Bau einer Eisenbahn ist, meint man, erfordere tausend Menschenleben, um die Wind- und Waffergötter zu versöhnen. Nur wenn diese Opfer vorher gebracht wären, könnten die Ausländer später auf einen sicheren Betrieb rechnen, weshalb es unumgänglich nöthig für sie wäre, sich die volle Anzahl von Kindern und Greisen zu verschaffen. Es liegt auf der Hand, daß es nicht schwer halten kann, ein so ein abergläubisches Volk gegen die Fremden aufzuhetzen.