Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-17 · 33 (17.8.1900) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021365--10134-3034599
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 598 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 33 Lebens wird sie der Spruch unserer arbeitsfreudigen Talmudlehrer erheben : „Aschre mi schebo l'kan wtalmudo b j o d o h, Heil Demjenigen, der seinen Lebenserwerb in der Kraft seiner Hände besitzt!" Man erwidere nicht, daß unsere Wohlhabenden keinen jüdischen Handwerker beschäftigen. Gewiß wird hier vielfach schwer gesündigt. Aber wer weiß, wie viel die Thatsache daran schuld trägt, daß unsere Glaubensgenossen verhältnißmäßig so wenig am Handwerke sich betheiligen und daß deshalb das Zutrauen unserer Reichen zur jüdischen Arbeit noch immer schwankt. Heute, wo das Zunftwesen unseligen Andenkens gebrochen, sollte doch unsererseits in der Arbeit eine Segensquelle begrüßt werden. Die Arbeit ehrt den Mann. Und zu allen Zeiten fand im Judenthum der Grundsatz die höchste Würdigung, daß Jedermann sein Kind, ein „Umnns nkijoh", ein rechtschaffenes Handwerk, erlernen lassen möge. Es genügt, auf das leuchtende Dreigestirn am Himmel unserer Geschichte hinzuweisen: Moses Amramis Sohn, Moses Maimoni's Sohn und Moses Mendel's Sohn. Der Erstere war ein schlichter Hirte, der Zweite ein Diamantenschleifer und der Dritte' ein Bureauschrciber. In der Anspornung unserer Jugend zu einem gott-, aber auch selbst vertrauenden Leben und Wirken, gestützt durch die Musterbilder unserer Vergangenheit, darin erblicken wir eines der wichtigsten Ziele des jüdischen Religionsunterrichtes. Endlich, aber nicht zuletzt sei es die treue Konsequenz in der Vertheidignng gegen alle Angriffe von Außen, welche der Religionsuntereicht zu pflegen hat. Der selbstbewußte Mannesmuth, der uns lehrt, in der OeffentUchkeit frei und offen zu bekennen: Jwri anochi! Ich bin ein Jude! Der Religionsunterricht soll ihn im Herzen unserer Jugend .entflammen. Wohl können wir es begreifen, daß alle, die bliudwüthigen Judenhasser an ihren finsteren Märchen krampfhaft festhalten. Blieben ihnen doch nur diese Ausgeburten der Thorheit und des Aberglaubens allein als Mittel gegen die Lauterkeit unseres Glaubens Was soll man aber dazu sagen, wenn wir mit der armseligen Kenntniß unserer Literatur gar nicht einmal selbstständig im Stande sind zu urtheilen, daß ihre unerreichte Ethik thurmhoch erhaben ist über alle Wahngebilde unserer österreichischen Boxer?! Woher stammt diese Jnconsequenz? Sicherlich aus unserem lückenhaften Religionsunterricht. Allerdings haben unsere Jünglinge keine Zeit, den ganzen Talmud durchzustudiren. Ihr Bicycle-Sport gestattet ihnen nicht einmal die instruireude Lcctüre einer Auswahl rabbinischer Lehren, wie etwa das verdienstvolle Werk von „Winter und Wünsche". Allein, zur Liebe Jemanden zwingen, das ist bekanntlich unmöglich. Aber Eines ist sehr wohl möglich. Man präge unserem Schüler des Obergymnasiüms das vorgeschriebene Ausmaß rabbinisch-ethischer Grundsätze dermaßen ernst und gewissenhaft ins Herz, daß ihm das Ansinnen als Wahnwitz erscheinen möge, welches solch tiefhumanen Lehren Gewaltthätigkeit oder gar Mord vindiciren will. Er muß jederzeit selbst im Stande sein, anstatt mit Zittern und Zagen auf jedes verruchte Märchen emporzublicken, mit gebührender Verachtung auf dasselbe herabzuschauen. An Anknüpfungspunkten wird es den Lehren des Zehnwortes, den Ueberlieferungen eines Hillel, ben Saccai, ben Akiba, R. Meir, den Proben aus Maimonides, Jehuda Halewi, Mendelssohn, Graetz und Lazarus nie mangeln. Die Jnconsequenz ist ein seelischer Defect, Furcht und Willenlosigkeit sind in ihrem Gefolge. Sie ist gleichsam die Krankheit des Charakters. Das aber, was die Jnconsequenz dem Einzelnen, das ist die Indifferenz einer Gesammtheit. Vor dieser muß das Judenthum, wie vor einer Krankheit sich hüten. Niemals war Israel verlassen, wenn es sich auf seine eigene Hilfe verließ. Jeder Neligionslehrer im Judenthum, der bezahlte sowohl, wie der unbezahlte — und an den letzteren waren wir ja niemals arm — möge die Ehrenrettung seines Stammes zu seiner Berufs- und Lebenspflicht erwählen. Zeigen wir unserer Jugend in den bezeichneten Linien den wahrhaft jüdischen Charakter, als Mensch, als Bürger, als Glaubensgenosse, und die Treue, die E o n s e q u e n z in demselben, sie wird dann von selbst kommen. Neutitsch ein. Dr. Simon Mandl, Rabbiner. Vom Jahrmarkt des Lebens Arisch-Christliches aus Afrika. Während in der europäisch-christlichen Presse riesige Phrasenströme über die chinesische heidnische Barberei sich ergießen, ist ein kriegerischer Vorgang in Deutsch-Ostafrika fast ganz unbemerkt geblieben. Zwei Negerstämme, die Wamoschi und Waaruscha, haben rebellirt. Unter welchem Rechtstitel die deutsche Regierung sie zu ihren Unterthanen gemacht hat, weiß ich nicht, und die armen Neger werden es wahrscheinlich noch weniger wisien. Genug, sie sind Rebellen und Hochverräther, und es ist ihnen schlimmer ergangen, als dekk Chinesen — sie wurden von den deutschen Truppen bald besiegt. Aber der Sieger, Hauptmann Johannes, ist ein humaner Christ, er hat den Befehl: „Gefangene werden nicht gemacht"^ nicht befolgt, sondern fünfzehn Häuptlinge gefangen genommen. Freilich ließ er sie sofort zum Tode verurtheilen und noch am selben Tage durch den Strang hinrichten. Er dachte Wohl, daß dieses Mittel, das Heidenthum auszurotten, schneller zum Ziele führe, als die Bekehrungsarbeit der Missionäre. Wenn die türkische Regierung, die doch über Armenien seit Jahrhunderten, nicht wie Deutschland über Ost-Afrika seit ein paar Jahren, herrscht, einige armenische Rebellen hinrichten läßt, so wird allgemein auf mohammedanisch-asiatische Barbarei und Grausamkeit geschimpft, wenn aber ein deutscher Hauptmann fünfzehn Häuptlinge an einem Tage aufknüpfen läßt, so hört man in der Presse kein Wort des Tadels. Aber jedes Uebel hat sein Gutes. Es ist darum auch gut, daß Juden in Deutschland nicht Officiere sein können, sonst würden die Antisemitenblätter den Hauptmann zu einem boshaften Juden machen, jetzt ist er nur „ein schneidiger germanischer Krieger." N. Entsetzliches. Während Dr. Lueger in Karlsbad oder Marienbad für die Erhaltung seines der Stadt Wien so kostbaren Lebens Sorge trägt, ist in der Hauptstadt etwas Entsetzliches geschehen, etwas Unglaubliches, und uns so unglaublicher, als die „Deutsche Zeitung" diejenige ist, welche es berichtet. Angstvoll fragt der Leser, was denn geschehen ist. „Hat man etwa von einem von Juden hinterlassenen Legat auch einen Semiten etwas genießen lassen?" — „Nein, Schrecklicheres ist geschehen." — „Hat man etwa einen Juden zum Magistratsbeamten ernannt?" — „Nein, noch viel Schrecklicheres und Unglaublicheres." — Hat etwa Bergani Obligationen abgeliefert?" — „Nein!" — „Also was ist denn geschehen?" Der christliche Frauenbund, die weiblicye Leibgarde des Königs von Dahomai, pardon, td), wollte sagen des schönen Karl, hat eine Beileidsadresse an dw Königin . von Italien gerichtet. Man denke nur, an die Gattin, des Königs, welcher den Papst gefangen hielt! Und in dieser-Adresse heißt es: „Möge Ihre Majestät Trost finden in der unwandelbaren Treue des italienischen "Volkes!" Man merke: „des "ganzen italienischen Volkes",, zu dem ja auch dke Römer gehören. Also Rom ist nicht mehr geraubt, sondern eine dem Könige von Italien gehörende, ihm treue Stadt — der christliche Wiener Frauenbund hat auf die weltliche Herrschaft des Papstes verzichtet! Ich fürchte sehr, wenn Dr. Lueger wieder nach Rom kommt, wird ihm kein Cardinal mehr Muth zusprechen, er wird eher andere Worte zu hören bekommen. Er wird sich vielleicht damit ausreden wollen, daß ja die Präsidentin des „Christlichen Frauenvereines" eine Protestantin ist, und so wird man auch im Jesuitenhauptquartier Stellung nehmen müssen zu dem Froschmäusekrieg, der jetzt im Wiener Antisemitenlager ausgebrochen ist. Zu dem crassen Gegensatz zwischen Deutschvolklichen und Christlich-Socialen ist jetzt der Kampf reinkatholischer, (als ob bei Antisemiten von Reinlichkeit die Rede sein könnte) und allgemein christlicher Antisemiten hinzugekommen. Die in den Parteiblättern pro und contra gebrauchten Argumente laufen eigentlich darauf hinaus, das Absurde des ganzen Antisemitismus zu beweisen. Ich meine „absurd" nur im Urtheile des gesunden Menschenverstandes. Für die Journalisten, Agitatoren und andere Macher ist der Antisemitismus nicht absurd, sondern etwas sehr Einträgliches. L. Ernst Schneider als Kindererzieher. Herr Ernst Schneider, Reichsraths- und Landtagsabgeordneter, sowie Racenantisemit ersten Grades, und Frau Bertha Schneider, Obermacherin im christlichen Frauenbund, dürfen auf ihre Resultate als Erzieher und Bildner ihrer Kinder uicht besonders stolz sein, wie aus folgender Annonce der „Deutschen Zeitung" hervorgeht: Die „Wiener Zeitung" enthielt vor Kurzem folgende Warnung. „Wir Unterzeichnete warnen Jedermann, unserem Sohne Ernest irgendwie Geld oder Geldeswerth zu borgen oder anzuvertrauen und erklären hiemit, daß wir keinerlei wie immer geartete Zahlungen für ihn leisten. Wien, am 11. August 1900. Ernest S ch n eider, Reichsraths- und n.-ö. Landtagsabgeordneter. Bertha Schneider."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.