Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 33 (17.8.1900)
- Date
- 1900-08-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 596 Vr. Blvch's WochensürrifÄ Nr. 33 heuchelten die größte Theilnahme und bewogen Coligny. in Paris bis zu seiner Wiederherstellung zu bleiben, und versprachen, für Ergreifung'und Bestrafung des Meuchelmörders Sorge zu tragen, Angeblich zum Schutze Coligny's wurde in seinem Palaste eine Compagnie königlicher Garde installirt, unter dem Commando des Obersten Coffeins, einer Creatur des Herzogs von Guise, des fanatisch katholischen Feindes Coligny's! Am nächsten Tage, Samstag den 23. August, um 6 Uhr Abends, begab sich der Herzog von Guise zu dem eben ernannten krövöt des marehands (damals ungefähr so viel als Bürgermeister von Paris) Charron und brachte ihm den Befehl des Königs, 2000 bewaffnete Bürger bereit zu halten, die als Erkennungszeichen weiße Schärpen am linken Arm und weiße Kreuze (warum nicht weiße Nelken?) am Hute tragen sollten. Mit der Glocke des königlichen Schloffes werde ihnen das Zeichen gegeben werden, die Fenster zu beleuchten und ans Werk zu gehen. Der König soll im letzten Moment noch geschwankt haben, aber von der Königin zur Wuth ausgestachelt, gab er endlich den Befehl. Eine Stunde nach Mitternacht, also Sonntag den 24. August, ertönte die Schloßglocke, .die Fenster aller Häuser wurden beleuchtet, die Straßen füllten sich mit Soldaten und bewaffneten Bürgern (beinahe hätte ich geschrieben Boxern), welche „Vive Dieu et le roi!“ riefen. Der Herzog von Guise und andere hochadelige katholische Fanatiker drangen in das Palais Coligny's, wo die angeblich zu seinem Schutze bestimmten königlichen Gardesoldaten mit ihnen gemeinsame Sache machten. Einige im Hofe befindliche Schweizer und Leibgardisten des Königs von Navarra wurden niedergemacht und dann wurde in das Schlafzimmer Coligny's eingedrungen. Durch den Lärm aus dem Schlafe geweckt, war dieser aufgestanden und betete mit seinem Pastor. Besme, Stallmeister des Herzogs von Guise, eilte mit gezücktem Degen auf ihn zu und fragte: »Bist Du Coligny?" — »Junger Mensch/ antwortete der Admiral, »mein graues Haupt sollte Dir Ehrfurcht gebieten, aber thue nach Gefallen, Du kannst mein Leben nur um einige Tage abkürzen." Besme stieß ihm hierauf den Degen in den Leib und warf den Körper, auf Befehl Guise's, in den Hof hinunter, wo Jean d'Augouleme, ein Bastard aus der königlichen Familie, ihm einige Fußtritte versetzte. Auch Coligny's Schwiegersohn und Andere wurden in diesem Hause ermordet. Sein Kopf soll dem Könige von Spanien, wie Manche berichten, dem Papste geschickt worden sein! Im königlichen Schlöffe hatten die Neuvermählten ein schreckliches Erwachen, da weder König Heinrichnoch seine junge Gattin (die Tochter der Königin Katharina!) vom Complotte etwas ahnten. Heinrich und der Prinz von Conds wurden in der Nacht zum Könige gerufen, der sie mit dem Tode bedrohte, falls sie nicht katholisch würden. Er werde alle Schurken, die mtt dieser Ketzerei äugesttckt seien, tödten laffen, sagte er ihnen. Vergebens erinnerte ihn Conde an seinen den Protestanten geleisteten Eid, er konnte nur eine Frist von drei Tagen erlangen. König Heinrich ließ sich durch die Todesdrohung zum Abfall von seinem Glauben bewegen; nach dem Tode Karl's ist er wieder protestantisch, und dann schon als König Heinrich IV. von. Frankreich, um die Anerkennung der Katholiken und des Papstes zu erlangen, wieder katholisch geworden. Auch seine Gattin Margarethe hatte in der Mordnacht Todesangst auszustehen. Ein verwundeter protestantischer Edelmann flüchtete sich, von Soldaten verfolgt, in ihr Schlafzimmer und klammerte sich, um Rettung flehend, an sie an, so daß ihre Kleidung von seinem Blute überströmt wurde. Mit schwerer Mühe gelang es ihr, von tmtm hinzugekommenen Officier sein Leben zu erbitten. Die anderen Protestanten vom Gefolge Navarra's wurden im Hofe des königlichen Palastes getödtet, die entblößten Leichname von frommen Hostmmen schamlos besichtigt. Inzwischen hatte das Morden en gros in der Stadt be- . gönnen. Die Bürger, ihre antiprotestantischen Stadträthe an der Spitze, zogen durch die Straßen, drängen in die Häuser, tödteten die ihnen als Protestanten bekannteu Nachbarn mit Frauen und Kindern und plünderten zur größeren Ehre Gottes. Die Leichname wurden durch die Fenster auf die Straße geworfen, von Kindern johlend durch die Gaffen geschleppt und dann in die Seine geworfen. Aber nicht blos Protestanten wurden getödtet. Biele eifrige Katholiken benutzten die Gelegenheit, solche ihrer Glaubensgenoffen, welche sie haßten oder die ihnen im Wege standen, aus dem Wege zu räumen. Ein durchaus nicht toleranter, katholischer Historiker, ein Benedictiner, erzählt, daß als Hugenotte denuncirt wurde, wer reich war, einen rachgierigen Feind, erblustige Verwandte oder ein einträgliches Amt hätte, nach dem ein Anderer Verlangen trug, und setzt naiv hinzu, „solches Vorgehen scheine nicht geeignet, die Ketzerei auszurotten." Habsucht, Neid und Geschästsconcurrenz spielten vor drei Jahrhunderten dieselbe hervorragende Rolle im Antiprotestantismus wie jetzt im Antisemitismus. Schneiders, Gregorigs und Bielohlaweks hat es zu allen Zeiten gegeben. Die im Schlafe überraschten Hugenotten wehrten sich nicht; selbst nicht in der Vorstadt Saint-Germain, wo ihrer Viele zusammen, wie in einer Art Ghetto, wohnten. Laurent de Maugiron hatte den Befehl erhalten, sie mit 1000 Mann der Bürgerwehr zu überfallen, aber die guten Bürger verweilten zu lange beim Plündern. Als man dann Soldaten schickte, konnte man die Thorschlüssel nicht finden, so daß die Hugenotten sich inzwischen aus der Stadt flüchten konnten. Der Herzog von Guise verfolgte sie zwar mit den Soldaten, konnte sie aber nicht mehr einholen. Inzwischen dauerte das Morden in der Stadt fort. Diei Tage lang floß das Blut in Strömen, häuften sich die Leichname in den Straßen, wurden, hauptsächlich von den katholischen Bürgern, Häuser erbrochen und geplündert. Wie der katholische Historiker Davila berichtet, wurden in Paris zehntausend Menschen getödtet. Der König selbst benahm sich so zweideutig und lügnerisch, wie jetzt die chinesischen 9K - gierungsmännec. Am ersten Tage stand er am Fenster des Schlosses, schoß aus seiner Jagdflinte auf die Fliehenden und schrie: „tödtet, tödtet!" Dann leugnete er wieder seine Theilnahme und suchte in einem Erlasse an die Provinzgouverneure das Ganze als eine Schlägerei zwischen Leuten Coligny's und Guise's darzustellen. Am 28. August erschien er wieder im Parlament und erklärte, die Metzelei in Paris sei auf seinen Befehl geschehen, „um die Schuldigen zu strafen". Zugleich ertheilte er den Gouverneuren den Befehl, auch in den Provinzen die Hugenotten niederzumachen. An manchen Orten, wie Meaux, Orleans, Lyon, Toulouse, Bourges u. s. w., wurde der Befehl mit besonderer Grausamkeit ausgesührt. Dagegen fanden sich aber auch menschlich gesinnte „Mandarine", welche den Mordbefehl nicht ausführen wollten. Der Vicomte d'Orthez in Bayonne antwortete: „Ich habe unter meinem Befehle nur loyale Bürger und brave Soldaten, aber keine Henker." Im Ganzen sollen in Frankreich in jenen Augusttagen sechzigtausend, nach manchen Angaben gar hunderttausend Menschen getödtet worden sein. Es ist aber möglich, daß diese Zahlen, obwohl von katholischen Schriftstellern herrührend, übertrieben sind. Man war damals — ist vielleicht noch letzt in manchen Kreisen — der Ansicht: Je mehr Ketzer getödtet, desto größeres Verdienst um die „wahre Religion". Und während jetzt die Thaten der chinesischen Boxer einen Aufschrei des Entsetzens in ganz Europa erregen, während der deutsche Kaiser Wilhelm erklärt, ,>,daß jede Cultur, die nicht auf dem Christenthum aufgebaut sei, zu Grunde gehen müsse" und den 400 Millionen Chinesen mit seinen eingeschifften paar tausend Mann die furchtbarste Rache droht, fanden die katholischen Mächte vor drei Jahrhunderten solche' Metzelei recht lobenswerth und mit der christlichen Cultur sehr wohl vereinbar. Daß der König von Spanien der Mitschuld verdächtig ist, haben wir bereits erwähnt; die Republik Venedig drückte in einem amtlichen Schreiben an ihre Gesandten ihr Wohlgefallen an „dieser Gnade Gottes" aus und Papst Gregor XIll. feierte den großen Erfolg durch eine Procession nach der Nationalkirche der Franzosen in Rom. Ob schon jetzt in Peking die Erfolge der Boxer mit Processionen gefeiert werden, wissen wir nicht; sollte aber ein chinesischer Literat ihre Großthaten in einer Prunkrede an die Kaiserin feiern wollen, so möchten wir ihm als Muster die Rede empfehlen, welche damals der berühmte Philolog Marcus Antonius Muretus vor dem Papste gehalten hat. »In jener Nacht", sagte er unter Anderem, »haben die Sterne mit hellerm Glanze geleuchtet und die Seine (der Chinese könnte sagen der Peiho) floß rascher und mit stärkeren Wellen,