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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-17 · 33 (17.8.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. L3 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 595 Eine Verwaltungsreform ist sohin allerdings vonnöthen, nur muß deren Angriffspunkt anderwärts und nicht bei den Sectionen gesucht werden. Zu einer solchen benöthigt man eine Statutenänderung; eine rationelle Abänderung der Geschäftsordnung reicht vollständig aus. Um diese herbeizuführen, bedarf es eines gewiffen Organisationstalentes und einer festen Hand. Der allseitig geschätzte Präsident wäre ganz der Mann dazu, diese Miffion zu vollführen. N. N. Das wahre Vorbild der Metzeleien in China- Das antisemitische französische Schmutzblatt „Libre Parole" — am passendsten durch „Freches Wort" zu übersetzen — hat die Mordthaten in China mit der von den Pariser Republikanern im September 1792 ausgeübten Lynchjustiz verglichen. Wenn ein Vergleich gewöhnlich auf einem Beine hinkt, so hinkt dieser auf dreien. In China wurden Vertreter fremder Mächte und sonstige Fremde überfallen und getödtet, von Bolkshaufen, unter Zulassung, wenn nicht im Einverständniß des Kaisers oder der in seinem Namen regierenden Kaiserin, in Paris wurden unter dem Verdachte des Einverständnisses mit dem Feinde oder der Verschwörung gegen die Verfaffung Verdächtige vom Volke überfallen und getödtet. Gewiß, es waren viele Unschuldige unter ihnen, die Septembermorde waren ein Justizmord im Großen; aber Monsieur D r u m o n t, dem der an D r e y f u s verübte Justizmord so kannibalisches Behagen verursachte, hat am wenigsten Berechtigung, die vor 108 Jahren in Paris begangenen Justizmorde zu tadeln. Es wurden eben einige Hundert Dreyfus abgeschlachtet, aber die Mörder waren wenigstens keine Kriegsminister und Chefs des Generalstabs. Und wenn zufällig einige Juden darunter gewesen wären, hätte der französische „Schneider" die summarische Justiz wohl noch gebilligt. Das liebe „Vaterland" vergleicht wieder die Vorgänge in China mit dem Commune-Aufstande in Paris im Jahre 1871. Aber dieser war eine rein politische Erhebung der unteren Volksclaffen gegen die Regierung, während in China Volk und Regierung sich gegen eine ihnen von Fremden aufgedrungene Religion^ "gegen die " Beschimpfung und Herabsetzung ihrer heimischen, Jahrtausende alten Religion wehren. Wir können aber den beiden antisemitischen Blättern mit einem viel näherliegenden Borbilde der chinesischen Metzeleien dienen. Wir meinen nicht die Judenabschlachtungen durch die Kreuzfahrer „zur Ehre Gottes", nicht die vielen, an Juden unter dem Vorwände der Brunnenvergiftung, der Hostienschändung und des Blutaberglaubens begangenen Justizmorde, sondern die öffentlich, ohne jede Maske der Justiz, auf Befehl des Königs und der Königin von Frankreich, auf verräterische, hinterlistige Weise geschehene Ermordung von Tausenden von Christen in einer Nacht. Und sie wurden ermordet, nicht weil sie Berräthec oder Landesfeinde, nicht weil sie Fremde waren, die sich dem Lande aufdrängten, um es au'zubeuten, darin die Herren zu spielen, sondern weil sie Protestanten waren. Sie wurden vom Könige und der königlichen Familie in die Falle gelockt, am Tage mit heuchlerischer Freundlichkeit behandelt und in der folgenden Nacht im Schlafe überfallen und gemordet — zum Besten (?) der katholischen Religion und um dem Lande die Glaubenseinheit wieder zu verschaffen. Gerade in diesem Monate jährt sich die Mordnacht von 1572, die in der Geschichte den Namen der Bluthochzeit oder Bartholomäusnacht führt, in der That aber eine Blutwoche war. So wie jetzt das Christenthum in China, so hatte in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts der Protestantismus in Frankreich Ausbreitung gewonnen, so daß die katholische Regierung den Protestanten, die man dort Hugenotten nannte, volle Gleichberechtigung gewähren mußte. Und dies um so mehr, als auch Viele vom hohen Adel, ja selbst der königlichen Familie Angehörige sich zum Protestantismus bekehrt hatten. Und diese Bekehrungen geschahen nicht, wie in China, unter dem Schutze fremder Mächte, nicht aus Gewinnsucht, nicht, um des Protectorats auswärtiger Missionäre und Gesandtschaften theilhaftig zu werden. Es wurden auch nicht Kinder gekauft oder gestohlen, wie die Chinesen behaupten, auch nicht Kinder den Eltern entführt oder geraubt wie in Galizien. Die „Los von Rom"-Bewegung in Frankreich war eine spontane, aus dem innigsten Glauben entsprungene, durch die Reformbedürftigkeit und Verweltlichung der katholischen Kirche beförderte. * Eben deshalb wurde sie von den fanatischen Katholiken innerhalb und außerhalb Frankreichs um so mehr gehaßt und verleumdet, um so eifriger wurde auf die „Ausrottung der Ketzerei", auf die Vernichtung der Hugenotten hingearbeitet. Dem schwachen König Karl IX., der wohl manche Aehnlichkeit mit dem jetzigen Kaiser von China gehabt haben mag, wurde eingeredet, daß die Hugenotten Rebellen und Verräther seien, daß sie im Bunde mit ausländischen Protestanten ihn vom Throne stürzen wollen, um einen der Ihrigen darauf zu setzen. Und die Seele dieses fanatischen Complotts war, wie jetzt in China, ein Weib. Die Italienerin Königin Katharina, die Mutter des Königs, war eine ebensolche Feindin aller Reform, wie die jetzige Kaiserin von China; wie diese, beherrschte sie den jugendlichen Monarchen, und in der Hinterlist, der Heuchelei und teuflischen Bosheit, mit der sie ihr Vorhaben ausführte, scheint sie das Vorbild der Mandschuhfürstin gewesen zu fein. So wurde die Ausrottung der französischen Protestanten beschlossen. Ob die Königin sich dafür die Zustimmung und Unterstützung des Papstes und des fanatischen Königs Philipp von Spanien sicherte, darüber wird von den Historikern gestritten, hat aber für uns;etzt weiter kein Interesse. Um so sicherer konnte sie auf die Unterstützung der habgierigen, auf den Wohlstand der Protestanten neidischen, vom Clerus fanatisirten Pariser rechnen. Während die Provinzbewohner, besonders in Nordfrankreich, gemäßigter und keine Protestantenseinde waren, herrschten unter den Kleinbürgern und dem Pöbel von Paris — gerade wie jetzt in einer anderen, uns näher liegenden Hauptstadt, der ärgste Antiprotestantismus und die schnödeste Selbstsucht. Der ständige Aufenthalt der fremden Gesandtschaften in Peking bot den Chinesen eine bequeme Gelegenheit, die gesammte Vertretung Europas mit einem Griffe in ihre Hände zu bekommen. Königin Katharina und ihre Genoffen mußten erst die vornehmsten Häupter der Hugenotten nach Paris locken, um, wie ein katholischer Historiker sagte, „der Hydra der Ketzerei" mit einem Hiebe alle Köpfe abzuhauen. Zu diesem Zwecke würde eine schändliche Comödie, deren traurige Folgen noch viele Jahre später gespürt wurden, aufgeführt. Der junge König Heinrich von Navarra, ein Protestant, war nach den Brüdern des Königs der nächste Erbe des französischen Thrones. Konnte die Königin einen besseren Beweis ihrer Toleranz und Friedensliebe geben, als indem sie ihre Tochter Margaretha mit diesem vornehmsten der Hugeuottenführer vermählte? Wer hätte da noch Mißtrauen haben, wer von den vornehmen protestantischen Herren sich weigern können, zur Vermählung nach Paris zu kommen? Es kamen ihrer auch viele, aber die Königin und ihre Partei riskirten dabei nichts, denn so zahlreich sie auch kamen, „so wurden sie doch in Paris von einer beiweitem überlegenen militärisch organisirten, fanatisch erregten Population umgeben und festgehalten", sagt Ranke, der noch hinzufügt: „Schon im Voraus ließ sie den Papst ziemlich deutlich anzeigen, was sie hiemit beabsichtige." Am 18. August fand die Vermählung des jungen Königs von Navarra mit Prinzessin Margaretha, Schwester des Königs Karl IX., statt, und zwei Tage später wurde Admiral Coligny, der hochangesehene greise Held, der einflußreichste Führer der Hugenotten, von einem Meuchelmörder mit zwei Schüssen schwer verwundet. Es war dieses Attentat, ungefähr wie die Ermordung, des deutschen Gesandten in Peking, das Vorspiel zu dem noch Schrecklicheren, das kommen sollte. Der Meuchelmörder war bekannt, konnte sich aber flüchten. Aber noch hatten die Fanatiker die Maske nicht abgeworfen. Wie es scheint, war der schwache, aber nicht fanatische König noch in den Plan nicht ganz eingeweiht, ja er schien sogar in der letzten Zeit den Hugenotten freundlicher gesinnt gewesen zu sein. Die Königin mußte ihren ganzen Einfluß als Mutter, die ganze Kunst ihrer Jntrigue anwenden, um ihn ganz für ihren Mordplan zu gewinnen. . Vorläufig wurde aber noch geheuchelt; man war vielleicht mit den Vorbereitungen noch nicht fertig. Der schwer verwundete Coligny wollte sich auf sein Gut bringen lassen, was den Verschwörern nicht paßte. In Begleitung seiner Mutter und seines Bruders begab sich der König zu ihm und sagte ihm: „Mein Vater, Ihr habt die Wunde, ich den Schmerz." Alle

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