Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-08-17 · 33 (17.8.1900) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
33 (17.8.1900)
Date
1900-08-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021365--10130-3034595
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 594 Nr. 33 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Mit Befriedigung, mit Genugthuung können sich die Juden sagen, daß sie sich auf dem Gebiete der heimischen Industrie, um das Vaterland wohlverdient gemacht haben. Was sie dagegen zu fordern berechtigt sind, ist, daß sie ihres Glaubens wegen nicht angefeindet werden und daß die schmachvolle Judenhetze, die auf die commercielle und industrielle Thätigkeit zerstörend und zersetzend wirkt, unterdrückt werde; dies liegt auch im hohen staatlichen Interesse. Indem wir auf die erfolgreiche Arbeit der Juden auf allen Gebieten der Industrie an dem heutigen Tage zurückblicken, gedenken wir der gnadenreichen Wohlthaten des Kaisers, unter dessen weiser Regierung diese Entwicklung möglich geworden, und vereinigen mit Men Völkern Oesterreichs unsere Gebete für das Leben unseres allergnädigsten Monarchen. Eduard Beer. Zu den Reden des deutschen Kaisers. Geehrter Herr Redacteur! Der erste Artikel in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes vom 10. August 1900 mit den historischen Glossen zu dem Dictum des deutschen Kaisers, daß jede Cultur, welche nicht auf dem Boden des Christenthums aufgebaut ist, bei dem ersten Zusammenstoß zerfällt, hat mich tief ergriffen, wie zweifellos alle übrigen Leser Ihres geschätzten Blattes. Der deutsche Kaiser hat indessen an die Soldaten, welche in den Krieg nach China ziehen, verschiedene Ansprachen gerichtet. In der von Ihnen citirten hat er sie beschworen, für die Ermordung des deutschen Gesandten und die unerhörte Verletzung der Heiligkeit des Gastrechtes erbarmungslose Rache zu üben, dem überwundenen Feinde keine Schonung zu gewähren, „Gefangene werden nicht gemacht". Da waren es die Hunnen unter ihrem Könige Etzel, welche der deutsche Kaiser seinen Kriegern als Vorbild vorhielt. Als er aber diesen Kriegern die Tugenden des Gottvertrauens, des Muthes, der Ausdauer einschärfte, da waren es wieder die alten Juden, die der deutsche Kaiser den ausziehenden Truppen zur Nachahmung und Nacheiferung empfohlen, und in der merkwürdigen Seepredigt Wilhelm ll. findet man als Text Vers 21, Capitel 17 des zweiten Buches Moses als Text gewählt: „So lange Moses seine betenden Hände emporhielt, siegte Israel; wenn er aber seine Hände niederließ,, siegte Amalek." Noch diesen Textesworten handelte die Predigt von der heiligen Pflicht und von der heiligen Macht der Fürbitte. „Drunten im Thale die kämpfende Schaar, droben auf dem Berge die betende Schaar, das ist," so lauten des Kaisers eigene Worte, „das heilige Schlachtenbild unseres Textes." Und nun entwickelte der Kaiser den Gedanken, daß in dem nunmehr begonnenen blutigen Ringen den Freiwilligen im Heere die freiwilligen Beter im Reiche entsprechen müssen. „Noch lehrt beten," so sprach der Kaiser, „und so soll es auch in der Heimat sein .. . Der König aller Könige ruft: „Freiwillige vor! Wer will des Reiches Beter sein! O, wenn es auch hier hieße, der König rief, und Alle, Me kamen! Fehle kein Einziger von uns! Der ist ein Mann, der beten kann!" In eindringlichsten Worten schilderte die Seepredigt die Macht der Fürbitte. „Denn es heißt in der Schrift: „So lange Moses seine Hände emporhielt, siegte Israel. Und wenn das die Gebete eines Moses vollbracht, sollten nicht auch unsere Gebete solches vermögen? Gott hat keine Silbe von seinen Verheißungen zurückgenommen, treue Gebete können noch heute die Drachenbanner in den Staub werfen und die Kreuzesbanner auf die Mauern pflanzen!" Als weiteres Zeugniß von Gebetserhörungen führt der Kaiser u. A. die Fürbitte Abrahams auf der Höhe von Sodom an und sagte sodann: „Sollten unsere Gebete nicht auch die Kraft haben, noch heute die Thüren der bedrängten Gefangenen und Verfolgten zu sprengen und ihnen die Engel zur Seite zu stellen?" Und der kaiserliche Prediger beantwortete die Frage mit der zuversichtlichen Versicherung: „Ja, der alte Gott lebt noch! Der große Alliirte regiert noch, der heilige Gott, der Sünde und Frevelthaten nicht kann triumphiren lassen, sondern seine heilige Sache führen wird wider ein unheiliges Volk.... Ja, treue, anhaltende Gebete, sie holen den lebendigen Gott vom Himmel herab und stellen ihn in unsere Mitte. Und ist Gott für uns, wer mag wider uns sein!" Im Gegensatz zu jenem an einem Tage über die Amalekiter errungenen Siege der Israeliten wies der Kaiser auf die Schwierigkeit der bevorstehenden Kämpfe hin und sagte: „Unser Kampf ist nicht zu Ende gebracht an einem Tage. Aber laßt die Hände nicht müde werden, nicht sinken, Ibis der Sieg errungen. Laßt unsere Gebete eine feurige Mauer sein um das Lager unserer Brüder!" Wenn somit der deutsche Kaiser von einer Cultur redet, welche „auf dem Boden des Christenthums" aufgebaut sein soll, so war ihm zweifellos der Gedanke an einen Gegensatz - zum Judenthum vollständig fern gelegen. Er nennt blos christlich Dasjenige, was eigentlich jüdisch ist, sagen wir das Jüdische im Christenthum. Hochachtungsvoll L. Nachschrift der' Redaction: Vor einigen Jahrzehnten hat ein damals viel genannter Professor Bötticher ein Werk veröffentlicht über „Das Christliche in den Psalmen". Das Buch erregte vielfaches Aufsehen und der berühmte Prediger der jüdischen Gemeinde in Berlin, Michael Sachs, bemerkte dazu mit Recht: „Wenn die Psalmen christlich sind, so ist das Christenthum jüdisch." Zur Skatutenreform der Wiener israelitischen Tultusgemeinde. Ihrem geschätzten Blatte (Nr. 31, S. 564) gemäß hat die Oesterreichisch-Jsraelitische Union den Beschluß gefaßt, dem Cultusvorstand, neben Anderem, „die Beseitigung der Sectionen" zu empfehlen. Der Beschluß erfolgte nach der Motivirung eines Referenten, der sich die Sache ein wenig zu leicht gemacht hatte. Er gibt an, daß Sectionen wohl für gelehrte Körperschaften, nicht aber für eine Verwaltung paffen, daß ferner die „freiwillige Einzeichnung" der Mitglieder diesen „das richtige Verantwortlichkeitsgefühl" nehme und daß sie meist unvollständig informirt seien, weil sie nicht gleichzeitig in die Sitzung kommen. Das sind augenscheinlich schwache Motiye, welche auf eine unzureichende Kenntniß der Sachlage schließen lassen. Wahr ist es, daß die Verwaltung der Cultusgemeinde einer Reform bedarf, da sie der zunehmenden Ausdehnung der Agenden längst nicht mehr gewachsen erscheint. Zu diesem Zwecke bedürfte es vor Allem einer Neuorganisation der Kanzlei, Bestellung fachtüchtiger Abtheilungsvorstände und Feststellung ihrer Verantwortlichkeit. Sodann wäre das Vertretercollegium, welches derzeit halb berathender, halb ausführender Körper ist, zu einem wahren Executworgane umzugestalten. Endlich wären die laufenden Angelegenheiten, mit denen das Vorstands-Plenum seine Sitzungen aussüllt, aus den Aufgaben des Plenums auszuscheiden, damit dasselbe seine Zeit und Mühe den wichtigeren Angelegenheiten und den principiellen Fragen widmen könne. Dagegen erweisen sich die Sectionen nicht allein als nützlich, sondern geradezu oft als unentbehrlich. Ihre Aufgabe ist es, alle wichtigeren Agenden für das Plenum vorzubereiten, zu begutachten und Anträge zu stellen. Alle Verbesserungen, die seit mehr als einem Jahrzehnt im Haushalt der Gemeinde, in ihren Schulen und Wohlthätigkeitsanstalten vollzogen wurden, sind der Initiative der Sectionen zuzuschreiben. Beispielsweise ist die Regulirung des Stiftungswesens, die Einführung des Hebräischen in der Mittelschule, die Uebernahme der magistratischen Kinder in jüdische Pflege, die Verbesserung im Versorgungshause nur durch die Sectionen, u. zw. gegen jahcelange Opposition im Plenum und im Vertretercollegium durchgesetzt worden. Wiederholt sind durch die gründliche und beharrliche Sectionsbehandlung manche Mißgriffe vermieden worden, welche seitens anderer Organe des Vorstandes begangen oder wenigstens beschlossen worden waren.' Die erfolgreiche Arbeit in den Sectionen beruht aber gerade darauf, daß die Vorstandsmitglieder sich in die Sectionen nach eigenem Ermessen einschreiben laffen — Jeder nach seinem Geschmacke. Gewählte Fachcommissionen hingegen, deren es im Cultnsvörstande eine erkleckliche Anzahl gibt, haben sich bisher fast nie bewährt. Dieselben bringen es zu einer constituirenden Sitzung — selten weiter, manchmal selbst nicht zu einer solchen. An einen Ersatz der Sectionen durch Fachcommissionen wäre nach den bisherigen Erfahrungen nicht zu denken.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.