Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 33 (17.8.1900)
- Date
- 1900-08-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 33 DlV BiOeftPS fn^gimg XVII. Centralorgan für dir gesammken Interessen des «- -.- --- | fi. kr. Pofifxsrragrn-Amr "ClrarinsdrrKehr Nr. 810.976. Lrdaclion und AdminlSrslion: Wien H., Untere Auasrkengr. 1a. Telephon - Nr. 14,847 « — Wien, 17. August 1900. -»>*♦ «H' -- Erscheint jeden Freitag. —-- Brief-Adresse: Wien, II.. Untere Augartenstraße 1 a, Telegramm-Adresse: Vloch's Wochenschrift, Wien. Judenthum«. » . — - —» II Vrprgsxrri» für Srkterrrich: Halbjährig S Kronen. II Einzelexemplare 5v Heller I Mr's Nn»lsmd: Halbjährig 10 Kronen. Banzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Helle». i Inhalt. Leitartikel: Zu des Kaisers siebzigsten Wiegenfeste. — Zn den Reden des denischen Kaisers. — Zur Statutenreform der Wiener israelitischen Cnltusgemeinde. — Das wahre Vorbild der Metzeleien in China. - Inkonsequent. — Vom Jahrmarkt des L ebens: Arisch-Christliches aus Afrika. Entsetzliches. Ernst Schneider als Kindererzieher. Systematische Wahrheitsfälschung. W lhelm Liebknecht und das Judenthum, lieber die Beni-Jsrael in Bombay. Blutaberglaube der Chinesen. Professor H. Strack's „Einleitung in den Talmud." Professor Dr. Strack gegen die Blutlüge. — Korrespondenzen: Erholungsheim für Arbeiterinnen. Der Ueberfall in Kierling. Wien, Budapest. Lemberg, Niemirow, Breslau, Berlin, Bukarest, Odessa, Paris, London, Montreal, Teheran. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Gänserndorf, Baden, Linz, Graz, Brünn, Budin a. d. Eger, Austerlitz. Triefch, Friede!, Gurahumora, Jungbunzlau, Rawitsch, Lundenburg, Saaz, Marienbad, Lichtenstadt, Temesvar, Breslau. — Feuilleton: Michael. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Zu des Kaisers siebzigsten Wiegenfeste. (Juden in der österreichischen Industrie.) Wien, 18. August. Oesterreichs Völker begehen heute ein hehres Fest, die Feier des siebzigjährigen Geburtstages ihres Herrschers, des vielgeliebten Kaisers Franz Josef I. Das seltene Fest gewinnt an Bedeutung, weil es schon über fünfzig Jahre sind, daß der Monarch die Zügel der Regierung mit weiser, aber kräftiger Hand führt. Fünfzig Jahre sind ein halbes Jahrhundert, für die Weltgeschichte allerdings eine kurze Spanne Zeit, für den Herrscher auf dem Throne aber eine imposante Epoche, namentlich dann, wenn sie ausgefüllt war von gewaltigen Ereignissen, von schmerzerfüllten Episoden. Das Fest trifft uns Juden in einer trüben Zeit, unsere Glaubensgenossen in allen Ländern sind Gegenstand blutigen Haffes und der Verfolgung. Auch in Oesterreich haben wir schwere Tage zu durchleben. Dennoch werden die Juden nie vergeffen, welche Fülle von Wohlthaten sie aus der Gnadenhand Kaiser Franz Josef I. empfangen. In die Zeit der weisen Regierung. Seiner Majestät fällt die Emancipation der Juden von drückenden, beschämenden Fesseln und ihre bürgerl che und politische Gleichstellung mit allen Bürgern des Staates. Handel und Industrien haben, seitdem Kaiser Franz Josef das Scepter mit gerechter und kräftiger Hand führt, ungeahnten Aufschwung genommen. Unser erhabener Monarch bestieg im jugendlichen Alter, in einer Epoche des Sturmes und des Dranges den Thron. Handel und Industrie stacken nicht einmal noch in den Kinderschuhen. Der Druck, der auf den Völkern lastete, welcher aber die Juden infolge der Ausnahmsgesetze, unter denen sie schmachteten, in erhöhter Weise traf, erstickte jeden Unternehmungsgeist. In dem Momente aber, wo dieser Druck auch nur eine Milderung erfuhr, begannen sich die Juden zu regen und bemächtigten sich mit Force aller Gebiete des Berkehrslebens. Waren die Juden im Vormärz nur Hausirer, die mit dem „Binkel" von Dorf zu Dorf, von Thal zu Berg wanderten, beeilten sie sich nach Thunlichkeit dort, wo ihnen Böswilligkeit und Judenhaß nicht unerschwingliche Hindernisse bereiteten, entweder seßhafte Kaufleute zu werden oder sich der Industrie zuzuwenden. „Mit vollem Dampf voran" galt's nun, in alle Gebiete des Berkehrslebens einzudringen. Groß, waren allerdings die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren. Es mangelte an Capital, an geschulten Hilfskräften, das Uebrige besorgte Neid, Scheelsucht und der nie versiegende Judenhaß, derzeit Antisemitismus benamset. Allein die Hindernisse wurden unter dem Schutze des Kaisers überwunden und in verhältnißmäßig kurzer Zeit auf vielen Gebieten ein ungeahnter Erfolg erzielt. Auf dem Gebiete des Textilwesens, der Zuckerproduktion, der Maschinenfabrikation, der Zündholzproduction, des Mühlenwesens, der Holzindustrie, der chemischen Products, der Kleider-, Schuh-, Wäsche-, Schirm-, Pelz-, Kappen-, Kinderwagen-, Cravatten- und Handschuhfabrikation find Juden derzeit in hervorragender und verhältnißmäßig sehr zahlreicher Weise vertreten. In der Confectionsindustrie waren sie sogar schaffend und bahnbrechend. Nennt man die besten Namen in der Industrie, werden auch die jüdischen genannt. Die jüdischen Kaufleute und Industriellen begnügten sich aber nicht allein mit der Cultivirung des heimischen Verkehres. Juden waren es, die unter immensen Schwierigkeiten die ersten Exportverbindungen anknüpften, wobei sie es an Bringung materieller Opfer nicht fehlen ließen, und sie bethätigen sich auch noch derzeit nahezu ausschließlich bei der Pflege des Außenhandels mit dem unbestrittenen Verdienste, die heimische Industrie zu Ehren zu bringen. An Allerhöchster Stelle wurden auch die Verdienste, welche sich Juden um das heimische Berkehrsleben erworben, anläßlich des fünfzigjährigen Regierungsjubiläums in gnädigster Weise anerkannt, denn nahezu ein halbes Hundert Juden wurde mit Auszeichnungen bedacht. Derzeit befinden fich leider Handel und Industrie in Oesterreich in bedenklicher Stagnation, während alle anderen Industriestaaten, namentlich das benachbarte Deutsche Reich, fich eines forcirten Fortschrittes erfreuen. Diese Stagnation ist eine Folge innerpolitischer Zustände. Wo Haß und Zwietracht, Neid und Racenkampf alle Bevölkerungskreise entzweien, die Consumtionslust und Consumtionsfähigkeit kaufkräftiger Kreise"zur Einschränkung nöthigen, wird nothwendigerweise der Unternehmungsgeist unterbunden. Wie derart Handel und Industrie leiden, zeigt fich wieder, daß der Antisemitismus das zersetzende und zerstörende Element im Staate bildet und daß eine Sanirung unserer desolaten Zustände nur dann zu erzielen sein wird, wenn der verderbliche und verderbenbringende, zerstörende Antisemitismus mit Stumpf und Stil ausgerottet sein wird.