Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 590 Dr. BLoch's Wochrnfchrrfl. Nr. 32 Prag. Zn Lichten st adt starb der emer. israelitische Religionslehrer und Cantor Joachim Rindskops im hohen Alter von 82 Jahren. Das Leichenbegängniß fand Sonntag den 5. d. M. vom Tempel aus statt. Z«aim. Die israelitische Cultusgemeinde hat für die unglücklichen rumänischen Auswanderer eine Sammlung eingeleitet und das Ergebniß per 267 K 50 h der „Israelitischen Allianz'' in Wien zur Verfügung gestellt. Trebitsch, 6. August. Als Ergebniß einer in der hiesigen Cultusgemeinde zu Gunsten der rumänischen Juden vorgenommenen Sammlung wurde heute der Betrag von 156 K an die „Israelitische Allianz" zu Wien abgesendet. Efsegg. Die königliche Landesregierung hat der israelitischen Cultusgemeinde für den Bau eines Gemeindehauses und Schule den Betrag von 2000 K aus Landesmitteln gespendet. Feuilleton. Iozes Israels und der Thorafchreiber. Der große holländische Maler Israels schildert seine Wanderungen durch Spanien in einem jüngst erschienenen Buch, dem wir folgende interessante Episode entnehmen: Israels, der Jude ist, kommt in Tanger durch Zufall in das Haus eines alten jüdischen Schreibers, und die beiden Glaubensgenossen, von denen der eine zu den geistigen Größen der modernen Cultur gehört, der andere als Thoraschreiber in der Vorstellungswelt früherer Jahrtausendr lebt, finden in der Gebetsprache ihres Volkes das Mittel, sich zu verständigen. Malaezka. 3. August. Das Ergebniß einer hier von Sr. Ehrwürden Herrn Dr. Moritz L e w i n eingeleiteten Sammlung für die rumänischen Auswanderer im Betrage von K 237 — wurde an die „Israelitische Allianz" in Wien gesandt. Emde«. Anläßlich des 25jährigen Jubiläums des Oberbürgermeisters Fürbringer brachte der jüdische Gemeindevorstand, an seiner Spitze Herr Jacob P e l s, der gleichzeitig auch Bürgervorsteher ist, seine Glückwünsche dar, auf die der Herr Oberbürgermeister erwiderte: Ich nehme besonders gern Veranlassung, auf die dauernde Harmonie hinzuwei s en, die st e ts zwischen den Einwohnern christlichen und jüdischen Glaubens in Emden geherrscht hat und ich möchte lieber sterben, ehe die giftige Pflanze des Antisemitismus in Emden Wurzel faßt. Bad Reichenhall (Bayern). (Wohlthätigkeitsa c t e.) Zu Gunsten der hiesigen und unserer rumänischen Glaubensgenoffen hat Freitag, den 3. Abends, und Samstag den 4. d. der rühmlichst bekannte Wiener Obercantor Herr M. S ch o r r einen feierlichen Gottesdienst in dem großen Restaurationssaale von Bermann abgehalten. In dem aufliegenden Sammelbogen sind mehrere hundert Mark in einem Tage gezeichnet worden und ist gegründete Aussicht vorhanden, daß ein nettes Sümmchen einfließen werde. — Gleichzeitig kann ich aus authentischer Quelle melden, daß die in München veranstaltete Collecte, darunter Beträge von 20.000, 10.000 u. 5000 Mk., bis heute über 60 000 Mark ausweist; wovon der namhafte Betrag der Alliance übermittelt ward und weitere Beträge Nachfolge» werden. Der Wetteifer im Geben ist noch im sieten Wachsen begriffen und verdient allerorts eifrig st e Nachahmung. Berlin. (Zur Konitzer Mordaffaire.) Gegen den Verleger B r u h n und den verantwortlichen Redacteur Dr. Bötticher der antisemitischen Berliner „Staatsbürger-Zeitung", welche ihren Lesern unablässig vorgelogen hatte, daß bei der gerichtlichen Untersuchung in der Konitzer Mordcmgelegenheit die Entdeckung eines jüdischen Mörders absichtlich vermieden werde, ist vom Berliner Landgericht wegen wiederholter öffentlicher Beleidigung der Gerichts- und Staatsanwaltsbehörden die Anklage erhoben worden. Berlin. Der „Voffischen Zeitung" wird aus Könitz unter dem 2. d. M. telegraphirt: Ein auf demSynagogengrundstück stehender Brunnen wurde heute auf Anordnung der königlichen Staatsanwaltschaft ausgepumpt. Gefunden wurde außer einigen Steinen nichts. Anlaß zu der Maßnahme hat eine Denunciation gegeben, wonach der Brunnen Leichentheile des ermordeten Winter enthalten sollte. — Von der Ferienstrafkammer wurde ein 16jähriger Arbeiter aus Könitz abgeurtherlt, der sich nach eigenem Geständniß am 10. Juni unter den Steiuwerfern befunden hat.. Ueber ihn wurden drei Monate Gefängniß verhängt. „Ich ging weiter nach oben," erzählt Israels, „und stand am Ende der Treppe, wo sich eine Gardine befand, die sich hin und her bewegte und durch deren Oeffnung ich unwillkürlich in den Raum sah und gesehen werden konnte. Ich stand da und wagte mich nicht weiter, nicht wissend, was mir vielleicht passiren könnte, wenn ich einträte; doch als ich da unentschlossen stand und nachdachte, hörte ich zu meinem großen Erstaunen rufen: „Ma mewakschecho?" in hebräischer Sprache, die ich kannte; es war eine schwere Männerstimme, die mich ftagte: „Was ist Dein Begehren?" Da trat ich ein und sagte meinerseits: „Schalom adonai, schalom alechem, onauchi jeliudi me erez Hollande.“ (Friede mein Herr, Friede mit Euch! Ich bin ein Jude aus dem Lande Holland.) „Erez Hollande,“ rief er, „wo ist das? was bedeutet das?'« So gut und so schlecht es ging, denn stark im Hebräischen war ich durchaus nicht, versuchte ich dem Manne . . . Aber ich muß erzählen, was ich sah, und wer dieser Mann war. Ich war in einen dunklen Raum eingetreten, erleuchtet durch ein kleines, längliches, horizontal liegendes Fensterchen ... Grell schien das Licht durch das Viereck und zeichnete sich auf dem Steinflur ab. In der Nähe dieser Oeffnung stand ein langer Tsch mit schiefen Beinen, und darüber lag ein großes, weißes Pergament, das beinahe den ganzen Tisch bedeckte und mit einer Rolle nach unten hing. Da saß hinter dem Tisch der jüdische Gesetzschreiber, beide Arme auf das Pergament gestützt, und wandte sein fürstliches Haupt mir zu; dieses Haupt schien viel zu groß für den Körper. Es war ein prächtiges Gesicht, fein und durchsichtig bleich wie.Alabaster; Falten, kleine und große, liefen um die kleinen Augen und die große, gekrümmte Habichtsnase. Ein schwarzes Käppchen bedeckte den weißen Schädel, und ein langer, weißgelber Bart lag in großen Strähnen über dem beschriebenen Pergament. Er saß in einer Art Lehnstuhl ohne Rückenlehne, und zwei Krücken lagen neben ihm auf der Erde. Wie gern hätte ich mein Skizzenbuch hervorgeholt! Der edle Kopf mit dem Bar.t, der mit dem Pergament und dem Licht des Fensters eins war, umgeben von dem Dunkel des finsteren Raumes. Aber vor dem strengen Blick des Gesetzschreibers wägte ich es nicht. Er zeigte mir mit Stolz die Schönheit seiner Schrift, die Herrlichkeit der großen Buchstaben, und wie Alles gleichmäßig ohne Linien geschrieben war. Er nahm würdevoll den großen Gänsekiel, tauchte ihn tief in das schwarze Fläschchen, das neben ihm stand, und zeigte mir dann, wie er schrieb. Nachdem ich ihm meine Bewunderung ausgedrückt hatte, bat er mich, ihm seine Krücken zu reichen, und er humpelte mit mir nach dem flachen Dach. Beide genossen wir nun das Panorama von Tanger, das unter uns lag, die Hügel und das Meer in der Ferne. So sitzend, das fremde Land vor mir, neben mir den langbärtigen Alten, auf den Matten des flächen Daches in Marokko überkam mich das Gefühl, als ob ich in diesem Augenblick in einer Welt lebte, von der ich einmal geträumt hatte. Dann stand ich auf, um zu gehen, der Alte legte seine Hände auf mein Haupt, und mit einem „jeworecliecho adonai wejischmereclio“ (Der Herr segne Dich und behüte Dich) schieden wir von einander."